Lernen

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Schöne Inspirationen bekomme ich wieder durch die neue Oya (#52 Menschen wie du und ich): in diesem Heft gibt es Interviews aus dem Kreis der Oya-Macher*innen und Leser*innen (ich mag die Gender-Sternchen) mit Menschen, die nicht in der eigenen Blase leben und denken (meine Tochter nennt das Echokammer). Am meisten hat mich das Gespräch mit einem Mann beeindruckt, der wegen seiner Mitgliedschaft in der Deutschen Kommunistischen Partei nicht als Lehrer arbeiten durfte. Stattdessen war er Möbelpacker und mittlerweile backt er Plätzchen und verkauft sie auf dem Markt. Er erscheint in diesem Interview so warmherzig und lebensfroh, gleichzeitig gibt er sehr scharfsinnige Kommentare zum derzeitigen politischen Geschehen ab. Man merkt, daß er Karl Marx gelesen und verstanden hat (was ich von mir nicht behaupten kann: ich bin über das Kommunistische Manifest und die ersten Seiten des Kapitals nicht hinausgekommen, dann habe ich kapituliert. Vielleicht fiele es mir heute leichter).

Seine Erzählung erinnert mich an die 70er Jahre, als auch mein damaliger Mann aufgrund des Radikalenerlasses von Willy Brandt für zwei Jahre seine Referendarzeit als Jurist nicht antreten durfte. Er hatte unsere Demos angemeldet und sich in der Bundeswehr offen als Linker betätigt, deshalb wurde er als Staatsfeind eingestuft. Nun, wir waren tatsächlich Staatsfeinde – strenggenommen bin ich es immer noch in dem Sinne, daß ich den Staat als Herrschaftsorgan nicht für eine gesunde und wohltuende Einrichtung, sondern für den Erfüllungsgehilfen des Kapitals halte. Das zeigt sich heute noch deutlicher als damals. Norberts zeitweiliges Berufsverbot zwang ihn in diverse Jobs, u. a. als Lagerarbeiter bei einer Pharmafirma in Münster. Und es war ein wesentlicher Anlass für mich, meine Studienpläne auf Eis zu legen und eine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen. Dümmer hat mich das jedenfalls nicht gemacht.

Eine Frau in den Oya-Interviews sagt, sie habe als Kind gelernt wie ein Schwamm. O ja, das kenne ich so gut: An meinem ersten Schultag fühlte ich mich durch und durch glücklich – daran erinnere ich mich noch genau. Endlich würde ich lesen und schreiben lernen. Malen, Zeichnen und mit Ton arbeiten hatte ich bereits lernen dürfen, weil mein Vater Kunst- und Werklehrer war und mich sehr gefördert hat. Später machte mir auch Englischlernen viel Spaß, Mathe allerdings gar nicht und Physik erst, als wir einen ehemaligen Waldorfschullehrer bekamen, der es schaffte, mich für dieses Fach sehr zu interessieren. Ich glaube, unser Schulsystem verdirbt vielen den Spaß am Lernen, weil es da nur um Noten geht, weil es diesen Druck zum Gutsein gibt.

Ich bin immer noch begierig darauf zu lernen. Heute habe ich endlich die zehn Knopflöcher auf die Vorderleiste meines neuen Sommerrocks genäht. Darauf hatte ich gar keine Lust, weil ich wenig Erfahrungen im Knopflochnähen habe und es fatal gewesen wäre, wenn ich Fehler gemacht hätte. Aber ich hatte mir vorgenommen, damit heute fertigzuwerden. Dank der guten Anleitung aus einem Nähratgeberbuch, das mir eine näherfahrene Freundin vor einigen Jahren empfohlen hatte, ging es dann recht gut (Vielen Dank, Christine!). Anschließend war ich richtig gut gelaunt und freute mich, wieder etwas dazu gelernt zu haben. Überhaupt ist es doch großartig, was eine alles mit ihren Händen machen kann!

Die Idee mit den Interviews finde ich auch deshalb spannend, weil man auf sie das 11. Permakulturprinzip anwenden kann:

Nutze Randzonen und schätze das Marginale

In der Landschaft finden wir Randzonen z. B. zwischen Wald und Wiese, zwischen Feld und Knick, zwischen kultiviertem und nichtkultiviertem Land. Das sind die Bereiche der größten Artenvielfalt. Hier saßen auch – und sitzen immer noch – die legendären Hagezussen, die Zaunreiterinnen, die das Wilde und das Zivilisierte gleichermaßen kennen und für ihre Magie zu nutzen wissen. Wenn zwei Körperuniversen sich begegnen, treffen ihre Randzonen aufeinander, und in diesem Bereich kann etwas Neues geschehen, wenn es Offenheit dafür gibt.

Um auf die 70er Jahre zurückzukommen: diese Offenheit hatten wir damals nicht. Wir fanden die Leute von der DKP doof, weil wir ihre Partei doof fanden. Ich fühle mich immer noch nicht von ihrem Programm angezogen, aber wenn ich lese, was dieser mit Berufsverbot belegte Mann in der Oya zu sagen hat, fühle ich mich in der Tiefe angesprochen: also hat er meine Randzone irgendwie berührt. Das gefällt mir. Und ich kann mich durch diese Erfahrung anspornen lassen, meinerseits Nicht-Gleichgesinnten genauer zuzuhören und das schnelle Urteilen zu lassen. Mal schaun, was dann geschieht.

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Das Wilde

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Der grüne Landwirtschaftsminister von Schleswig-Holstein, Jan Philipp Albrecht, hat einen Wolf zum Abschuss freigegeben, der wiederholt Zäune überwunden haben soll. Auch anderswo in Deutschland wird wieder laut über den Abschuss von Wölfen nachgedacht. Das beunruhigt mich und macht mich traurig. Es ist die immer gleiche Kriegsmentalität, die sich da äußert und die wir alle in unseren Genen tragen, seit es Besitz gibt.

Ich möchte gern, daß Wölfe in Deutschland leben können. Sie waren mal ausgerottet und sind wieder gekommen, das sehe ich als Zeichen, daß das Wilde letztlich stärker ist als die menschliche Regulierungssucht. Das Wilde ist in meinen Augen das, was in der Tiefe von allem lebt, unreguliert, unzivilisiert, nicht-linear, vernetzt, mit allem verbunden.

Unsere Kriegsmentalität bringt uns dazu, ständig in das geheimnisvolle Netzwerk des Lebens einzugreifen, ohne letztlich zu überblicken, was wir damit anrichten. Dabei handeln wir nach einer linearen Logik: wenn ich die Bakterien/die Schnecken im Garten/die Wölfe töte, kann ich nicht mehr krank werden/wird das Gemüse nicht mehr abgefressen/werden keine Schafe mehr gerissen…

Charles Eisenstein hat in Climate – a New Story ganz schön beschrieben, was solch lineares Denken zur Folge hat. Er beschreibt das am Beispiel der zunehmenden Borrelioseerkrankungen, die mit den Mitteln der Schulmedizin kaum behandelbar sind. Er gibt selbst zu, daß er die „wirklichen Ursachen“ für Borreliose nicht kennt, aber daß dabei möglicherweise folgende Faktoren eine Rolle spielen:

– ein geschwächtes Immunsystem

– der Verlust großer zusammenhängender Wälder und zunehmende Besiedlung ehemals wilder Gebiete durch Menschen

– starke Zunahme von Rehen und Hirschen (die Hauptträger von Zecken) durch die  Ausrottung von Raubtieren wie Wölfen und Pumas (in Mitteleuropa sind das Wölfe und Luchse).

– abnehmende Gesundheit der Wälder, Verlust von Unterholz (Rehe und Hirsche fressen die jungen Baumschösslinge, wenn sie in sehr großen Populationen wie bei uns in Deutschland vorkommen – auch das eine Folge der Ausrottung der großen Raubtiere). Das führt zu einem Verlust an Biodiversität und vermehrter Ausbreitung von Zecken.

– das Verschwinden von Fasanen und anderen Vögeln, die Zecken fressen, wegen Überjagung und der Zerstörung des Unterholzes

– der großflächige Einsatz von Insektiziden führt zum Verschwinden der insektenfressenden Vögel

– die für unsere Kultur typische und nach außen verlagerte Angst vor der Natur, auf die diese quasi antwortet: „Okay, jetzt gebe ich euch etwas, wovor ihr euch wirklich fürchten müsst.“

Und am Grunde von all dem Abschießen, Vergiften, Ausrotten finden wir die große Trennung von der Natur, das verlorene Bewusstsein von unserer Verbindung mit allem.

Ich habe es an anderer Stelle schon mal gesagt: ich weiß nicht, wie ich damit umgehen würde, wenn ich Schäferin wäre und totgebissene Schafe auf der Weide fände. Ich wüsste gern, wie die Italiener mit den Wölfen umgehen. Sie halten auch Schafe und die Wölfe waren bei ihnen nie ausgerottet.

Was kann ich tun? Nicht viel, aber ich will darauf achten, wo und in welchen Situationen ich bei mir selbst Kriegsmentalität wahrnehme.

Heute bin ich nach Selent zur Poststelle gegangen und habe mich dabei dem Sturm ausgesetzt – auch eine wilde Kraft, die ich schon als Kind sehr gern hatte.

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Buche und Eiche – Baumfreundinnen

 

Streik

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Am Montag fand der zweite Warnstreik statt. Dieses Mal zogen wir zusammen mit Mitgliedern der GEW und der GdP durch die Stadt. Dazu gab es wieder Dudelsackmusik und eine gut gelaunte Combo aus zwei Trommlern und einem Saxophonisten. Bei bestem Frühlingswetter hatten wir eine schöne Zeit auf der Straße. Und es gab nicht nur Frühstück sondern später während der Kundgebung auf dem Asmus-Bremer-Platz auch ein Süppchen.

Einige meiner Kolleg*innen äußerten ihr Erstaunen darüber, daß ich auf den letzten paar Metern meines Berufslebens noch soviel Engagement zeige. Dafür habe ich zwei Gründe: erstens macht es mir Spaß. Zweitens bin ich schon immer Rebellin gewesen, wahrscheinlich weil ich aufgrund meiner Skorpioninnennatur eine tiefe Sicht auf die Dinge habe und nicht einfach über Missstände hinwegsehen kann.

Bei diesem Streik geht es um mehr als um Geld. Die Verhältnisse in den Kliniken sind so katastrophal, daß man nicht mehr daran vorbeisehen kann, obwohl die Klinikleitungen genau das tun: sie müssten eigentlich Stationen schließen. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad beim Krankenpflegepersonal ist mickrig. Das Pflichtgefühl der Krankenpflege gegenüber den Patient*innen und Kolleg*innen ist sehr hoch und die Hemmung, für eigene Rechte und Bedürfnisse aufzustehen, dementsprechend niedrig. Dieser Umstand wird von denen, die uns bezahlen, ganz bewusst ausgebeutet (hier muss ich mal sagen, daß der Begriff Arbeitgeber völlig falsch ist: Wir sind diejenigen, die ihre Arbeit(skraft) geben, also die eigentlichen Arbeitgeber. Diejenigen, die uns bezahlen, nehmen unsere Arbeit(skraft), müssten also korrekterweise Arbeitnehmer heißen. Das haben schon die alten Linken vor über vierzig Jahren festgestellt).

Es ist schlimm, wenn Patient*innen nicht angemessen versorgt werden. Das werden sie aber auch ohne streikendes Personal seit einiger Zeit nicht mehr, weil es im Gesundheitswesen nicht um Menschen sondern um Geld geht. Vielleicht sollten auch Patient*innen Widerstandsformen entwickeln. Eine wäre z. B. sich nicht mehr auf die vielen teuren Diagnosemethoden einzulassen. Das setzt natürlich die Bereitschaft voraus, sich sehr gründlich zu informieren und nicht mehr alle Verantwortung an das medizinische Personal abzugeben. Und das erfordert eine große Menge Mut, denn alle, die an der modernen Medizin viel Geld verdienen, machen groß angelegte Kampagnen, um Menschen Angst zu machen: Angst vor Infektionskrankheiten (für die sie dann das „Heilmittel“ in Form von z.B. Impfungen und Antibiotika haben), Angst vor Krebs, Angst vorm Altwerden, Angst vor den Wechseljahren, Angst vor natürlichen Vorgängen wie Geburt und Sterben.

Vor einer Woche abends in meiner Yogagruppe klingelte mein Handy, das ich leider nicht ausgeschaltet hatte. Als ich den Anruf wegdrückte, sah ich gerade noch, daß es meine Station war, die mich sprechen wollte. Ich meldete mich nicht zurück. Später erfuhr ich, daß der Frühdienst ausgefallen war und ich einspringen sollte. Ich hatte am nächsten Tag frei. Es ist sehr unangenehm, wenn man Nachtdienst hat und am nächsten Morgen kommt keine Ablösung. Ich habe selbst schon erlebt, daß ich nach 9,5 Stunden Nachtarbeit weiterarbeiten musste, bis nach ein oder zwei Stunden jemand mich ablöste. Aber solange immer und immer wieder einer einspringt und seinen freien Tag dafür opfert, wird sich an der Personalsituation nichts ändern.

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Die Bienchen haben keine Angst: sie leben im Jetzt und freuen sich über die warme Sonne und die reichlichen Krokuspollen. Und ich freue mich, wenn ich jeden Tag neue Blüten auf meiner Wiese entdecke und die Bienen summen höre.

Pestizidfreie Landschaft

.  am 19.02.2019 in Kiel, Centrum, , Photo: Michael Slogsnat, Bordesholm.
. am 19.02.2019 in Kiel, Centrum, , Photo: Michael Slogsnat, Bordesholm.

Das Abschluss-Foto von unserem Streik: rechts mit dem blauen Schild bin ich.

Nach dem Frühdienst ging ich heute zu einer Veranstaltung von den Naturfreunden Deutschlands und Bioland. Ich bin seit fast einem Jahr mit der Vorsitzenden der Naturfreunde, Dr. Ina Walenda, im Gespräch wegen einer Veranstaltung gegen Pestizideinsatz in Lammershagen. Daß ich bis jetzt nicht weit gekommen bin, liegt auf keinen Fall an Frau Walenda, die mir in einigen Telefonaten ihre Unterstützung zugesichert hat. Es ist irgendwie vertrackt: ich stoße nicht auf offene Ablehnung, aber es geht auch nicht weiter, als ob dieses Thema nicht wirklich interessiert. Leider bestätigt das mal wieder, daß Politik aus Dicke-Bretter-Bohren besteht.

Bei der heutigen Veranstaltung war auch der Landwirtschaftsminister von Schleswig-Holstein, der Grüne Jan Philipp Albrecht anwesend. Er trug die Pläne der Landesregierung in gleichförmigem Tonfall und typischem Politikersprech vor, so dass ich mich nach wenigen Sätzen mit meiner Aufmerksamkeit verabschiedete und mich stattdessen im Publikum umsah. Ich entdeckte einen Mann, der mir vor elf Jahren kurz nach der Trennung von J. sein Interesse geschenkt hatte. Wir hatten durchaus gemeinsame Themen, trotzdem konnte ich mich nicht auf ihn einlassen und beendete damals den Kontakt. Damit habe ich ihn verletzt, was mir leid tat. Ich überlegte, ob ich nach der Veranstaltung die Flucht nach vorn antreten und ihn freundlich begrüßen sollte. Ein Mann aus meinem Imkerverein sprach für das Netzwerk Blühende Landschaft. Was er sagte, gefiel mir. Der Toxikologe Dr. Peter Clausing sprach zum Thema Pestizide schädigen unsere Gesundheit. So erfuhr ich, daß Pestizide nicht nur mit Krebs in Verbindung gebracht werden, sondern auch mit der Zunahme von Morbus Parkinson und hormonellen Störungen.

Es waren viele Bauern bei der Veranstaltung und zu Wort meldeten sich vor allem solche, die Pestizide einsetzen (sie nennen sie euphemistisch Pflanzenschutzmittel) und sich als konventionelle Landwirte bezeichnen. Klaus Peter Lucht vom Bauernverband S-H sprach sogar von traditioneller Landwirtschaft. Aber diese Bezeichnungen sind sowas von falsch: die echten traditionellen bzw. konventionellen Landwirte sind diejenigen, die Jahrhunderte lang ohne Gift, kleinteilig, weitgehend selbstversorgend und regional gearbeitet haben. Ansatzweise habe ich diese Bauern noch in meiner Kindheit gekannt. Als Herr Lucht dann sagte, daß man Überschüsse beim Weizenanbau natürlich auch nach Nordafrika und Vietnam exportierte, weil man ja schließlich Profit machen müsse (es klang ein wenig an, daß man damit nebenbei auch den Hunger der Welt  bekämpfte), wurde ich sehr wütend. Monika Friebl vom Netzwerk Öko-Landbau sagte dann: „Das finde ich doof“ und bekam dafür viel Beifall. Ich hatte leider keine Gelegenheit zu sagen, daß er mit seinen Getreideexporten dazu beiträgt, die nordafrikanische und vietnamesische Landwirtschaft zu zerstören, weil die dortigen Bauern mit den europäischen Dumpingpreisen nicht mithalten können.

Dann ging mir alles nur noch auf den Geist. Ich verstehe die Bauern nicht. Klar, sie stehen wirtschaftlich unter Druck. Aber sie müssen doch sehen, daß es immer schlimmer wird: mit dem Humusschwund, mit dem Artenschwund, mit dem Insektensterben, mit den Giften, die sie, uns und alle Wesen krank machen und unsere Lebensgrundlagen vernichten. Wie kann man so immer weiter machen? Ich begreife es einfach nicht. Am liebsten wäre ich aufgestanden und hätte laut geschrien: „Ich esse seit vielen Jahren zu über neunzig Prozent biologisch hergestellte Lebensmittel, obwohl ich absolut kein üppiges Gehalt bekomme. Das ist möglich, weil ich meine Prioritäten anders setze als diejenigen, die bei Aldi Hähnchenfleisch kaufen, das billiger als Gemüse ist. Wenn ganz viele das täten, hätte sich die sogenannte konventionelle Landwirtschaft erledigt.“ Ich stand tatsächlich auf, aber um zu gehen. Nein, solche Veranstaltungen sind nichts für mich. Wahrscheinlich stimmt es, daß man die Bauern nicht so ruppig anfassen darf und mit ihnen reden muss, um irgendwann mal zu einem Konsens zu kommen. Aber dafür bin ich nicht die Richtige. Ich bin einfach zu wütend über die Zustände um mich herum.

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Vielleicht sollte ich in meinem nächsten Leben als Katze auf die Welt kommen.

Streik

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Gestern nahm ich am Warnstreik teil, den die Gewerkschaft Ver.di für die Beschäftigten des Uniklinikums Schleswig-Holstein organisiert hatte. Es gibt die paradoxe Situation, daß die Politik mittlerweile erkennt, daß es eine Pflegenotstand gibt, aber nicht bereit ist, ein akzeptables Angebot zu machen, um diesen Beruf nicht nur finanziell attraktiver zu machen. Der Sprecher des UKSH sagte, es gäbe keinen finanziellen Spielraum. Perverserweise ist allerdings für den Vorstand durchaus Geld vorhanden und zwar in schwindelerregender Höhe: allein für den Chef des Klinikum mehr als eine halbe Million Jahresgehalt. Außerdem hat man den Vorstand um zwei weitere Stellen erweitert.

Ich fuhr zum Frühdienst, verabschiedete mich allerdings wieder, als mein Kollege eine Stunde nach mir um 7:00 auf der Station erschien. D. h. es gab an diesem Tag nur die Notversorgung, wobei wir mittlerweile auch an ganz normalen Tagen sehr häufig nicht besser besetzt sind, also die Notversorgung mehr und mehr zum Alltag wird.

Auf dem Weg zum Gewerkschaftshaus in der Legienstraße wurde stimmungsaufhellende Musik geboten: eine Frau hatte ihren Dudelsack mitgebracht. Vom Balkon empfing uns laut Bella Ciao in der Version von El Professor. Das steigerte meine gute Laune. Im Gewerkschaftshaus haben übrigens schon im November 1918 die Kieler Arbeiter- und Soldatenräte getagt. Drinnen füllten wir Anträge für Streikgeld aus, dann gab es Brötchen und Kaffee. Die Gewerkschaftssekretäre gaben den Ablauf bekannt und nordeten uns ein. Ein Vertreter der IG Metall bekundete seine Solidarität mit solcher Begeisterung, daß er locker ohne Mikrophon ausgekommen wäre. Er zeigte sich empört über unsere Gehälter und sagte, daß die Metaller erheblich mehr bekämen als wir. Das ist ja die alte Geschichte: Sorgearbeit wird generell unter Wert bezahlt. Die Frau mit dem Dudelsack erzählte, daß sie seit ein paar Jahren Krankenschwester sei und erst Zeit zum Üben habe, seit sie ihre Wochenarbeitszeit reduziert um den Preis von weniger Rente im Alter.

Dann zogen wir mit Transparenten und Trillerpfeifen, eskortiert von der Polizei, durch die Stadt. Das hat Spaß gemacht. Am Knooper Weg und an der Feldstraße kamen wir an drei Kindergärten vorbei. Die Kinder drückten sich die Nasen an den Fensterscheiben platt und einige winkten. Auch einige Bauarbeiter an der Holtenauerstraße winkten vom Gerüst und wir winkten zurück. Während des Marsches wuchs der Zug deutlich an, weil Passanten sich zu uns gesellten. Sehr erfreulich! Überhaupt begegnete uns viel Wohlwollen. Etwas durchgefroren fuhr ich mittags gut gelaunt nach Hause. Nächste Woche wird wieder gestreikt.

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Ich war in den 70er Jahren aktiv in einer Betriebsgruppe der Vorgängerorganisation von Ver.di, der ÖTV. Damals habe ich auch einmal an einer Landesdelegiertenkonferenz teilgenommen und war Vertrauensfrau. Dann habe ich mich erst aus der aktiven Gewerkschaftsarbeit verabschiedet, schließlich bin ich ausgetreten …und nach einigen Jahren wieder eingetreten. Es gibt sicher einiges an Gewerkschaften auszusetzen. Aber andererseits sind sie die einzigen Interessenvertretungen, die wir haben. Ohne sie hätten wir keine Chance auf Gehaltserhöhungen und Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen. Ohne sie hätte ich immer noch einige Hundert Euro monatlich weniger auf dem Konto, als meine Kollegen, die einen alten Arbeitsvertrag haben. Deshalb plädiere ich heute dafür, daß gerade das Pflegepersonal, für das es besonders schwierig ist zu streiken (weil immer eine Notfallversorgung gewährleistet sein muss), sich unbedingt gewerkschaftlich organisieren sollte.

 

 

„Grüner Konsum“

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Vor einigen Tagen las ich in einer Zeitung, daß Robert Habeck von den Grünen bestimmte Wirtschaftsbereiche nach vorn bringen und den Konsum steigern möchte. Da stellen sich mir nicht nur die Nackenhaare auf! Vor nicht allzu langer Zeit hat er laut darüber nachgedacht, daß man Gentechnik zulassen könne, wenn sie den Hunger auf der Erde eindämmen hilft. Die Grünen können sich mühelos in eine Reihe mit FDP, CDU und SPD stellen. Sie beten das gleiche obsolete Wachstumsparadigma wie die anderen Parteien herunter, obwohl doch mittlerweile bekannt sein könnte, daß genau dieses Paradigma dazu geführt hat, daß immer schneller immer mehr Arten von dieser Planetin auf Nimmerwiedersehen verschwinden und letztlich auch die menschliche Gattung. Was soll das?

Und auch „grüner“ Konsum ist keine Funken besser: für jedes Elektroauto, jedes Windrad und jedes Solarpanel werden Coltan und Kobalt gebraucht. Um die zu bekommen, müssen wir Länder wie den Kongo ausbeuten, wo Menschen unter entsetzlichen Bedingungen für den Westen arbeiten und sterben und wegen dieser Rohstoffe seit mindestens 30 Jahren Krieg herrscht.

Ich muss an mich selbst denken: ich habe zehn Jahre gebraucht, bis ich es ganz und gar  und nicht nur für ein Jahr oder ein paar Monate geschafft habe, mit dem Zigarettenrauchen aufzuhören. Ich wusste, daß es schädlich war (das weiß jeder Süchtige), ich hatte üblen Raucherinnenhusten und eine beginnende Parodontose und habe mich vor Lungenkrebs gefürchtet, aber aufhören konnte ich nicht.

Letztlich ist jede Sucht und dazu zähle ich auch das bewusstlose Konsumieren von Dingen, die wir gar nicht brauchen, ein Ersatz für etwas, was uns diese Kultur genommen hat: die Verbindung zum Großen Ganzen, zu Natur und damit meine ich auch unsere inneren Natur, unsere Instinkte, unsere Lebendigkeit, unser Fühlen.

Heute las ich in Climate – a new Story von Charles Eisenstein: „When a species goes instinct something dies in us too; we cannot escape the impoverishment of the world we live in.“ (Wenn eine Art ausstirbt, stirbt auch in uns etwas; wir können der Verarmung der Welt, in der wir leben, nicht entkommen.)

Die weiße Gattung lebt seit ca. 8000 Jahren in einer permanenten Kriegsmentalität. Immer gibt es etwas Äußeres, was bekämpft und besiegt werden muss. Ob das wahlweise die Russen, die Vietcong, der IS, die Taliban, die Drogen, die Masern, Ebola, Wölfe, Unkräuter usw. sind, es funktioniert nach demselben Muster: Erst wird tüchtig Angst geschürt, dann hat man die Leute soweit, daß sie bereit sind, alles zu tun, um der drohenden Gefahr zu entkommen: zu kämpfen, sich impfen zu lassen, Desinfektionsmittel benutzen, Wölfe zum Abschuss freigeben … Die Gegner wechseln, der Krieg bleibt. Es ist schon seltsam, daß ganz viele Menschen den Umstand, daß Krieg eine relativ neue Erfindung in der Geschichte von Homo sapiens ist, vehement bestreiten. Da werden dann gern die Schimpansen als Beispiel dafür angeführt, daß es schon immer Krieg gegeben hat. Irgendwas an der Vorstellung von Krieg als fest in unsere Gene programmiert scheint attraktiv zu sein, ich habe nur noch nicht rausgefunden, was. Es wäre doch viel tröstlicher zu erkennen, daß wir uns vor einigen Tausend Jahren auf einen Abweg begeben haben. Dann wäre auch eine Umkehr möglich.

Heute war ein weiterer sonniger Tag und die Bienchen flogen und badeten in den aufgeblühten Krokussen. Das tröstete mich.

 

Lichtmess

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Vier Tage Familienbesuch in NRW: erst ging es nach Bonn, wo mein Sohn K. und mich mit Pasta und Artischocken versorgte. Es ist schon eine feine Sache, daß in meiner Familie gut und gern gegessen und gekocht wird. Bei ihm entdeckte ich auch ein ziemlich tolles Kochbuch: Salz Fett Säure Hitze von Samin Nosrat, das ich mir gleich gekauft habe. Aus ihm können sogar versierte Köch*innen noch was lernen. Sehr gut finde ich z. B., daß sie eine Lanze für Röstaromen bricht und keine Angst vor stark Angebratenem hat (man stellt uns die stark angebratenen Sachen oder die dunkel gebackenen Roggenbrote gern als gesundheitsschädlich hin. Da stellt sich aber die Frage, wie die Menschheit überleben konnte, nachdem schon unsere steinzeitlichen Urahnen bestimmt oft Angebranntes gegessen haben). Samstagabend ging es nach Düsseldorf, wo der Satiriker Max Uthoff einen Auftritt hatte. Ich kannte ihn bisher nur aus der Sendung Die Anstalt (was ich in der letzten Sendung über die Deutsche Bahn über das unsägliche Projekt Stuttgart 21 erfuhr, hat mich zunächst sprachlos gemacht. Mal wieder ein Beispiel dafür, wie Politiker völlig unverfroren die Bevölkerung über die wahren Beweggründe ihres Handelns belügen). Den Mann live zwei Stunden lang zu erleben war allerdings eine Herausforderung für mich: ein Overkill an bitterbösen Pointen, zuviel für mein Gehirn. Ich erinnere mich nur noch deutlich daran, daß er das Publikum in den globalen Norden und den globalen Süden einteilte. Unsere Sitzreihe lag genau dazwischen, also waren wir Frontex.

Sonntag fuhr ich nach Münster und besuchte meine Mutter. Sie kommt gut klar, macht mit ihren 91 Jahren noch regelmäßig Nordic Walking, fährt mit dem Fahrrad und geht zweimal wöchentlich zum Kieser-Training. Und am Weltgeschehen nimmt sie immer noch mit Interesse Anteil. Trotzdem finde ich es gut, daß sie ihr Auto verkauft hat.

Beim Teeaufgießen schwappte kochendes Wasser auf meinen linken Handrücken. Ich hielt die Hand sofort unter kaltes Wasser und gab mir dann lange Reiki auf die verbrühte Stelle. Das tat erst höllisch weh, nach einigen Minuten verging der Schmerz vollständig. Und jetzt, nach fünf Tagen, ist die anfängliche Schwellung verschwunden und es gibt nur noch ein paar Rötungen, aber kein Anzeichen für Narbenbildung. Ich bin immer wieder fasziniert, wie der Körper sich selbst heilt. Überhaupt liegt jegliche Heilung im Körper, auch die der Seele. Das habe ich so oft erlebt. Darum ging es auch bei Ilan Stephani in Berlin: Im Körper ist alles gespeichert wie in einem großen Archiv. Und aus ihm kann alles wieder abgerufen werden. Unser Denken hingegen erzählt uns Geschichten, liefert uns Pseudoerinnerungen, hat eine Tendenz uns runterzuziehen. Deshalb halte ich auch nicht viel von verbal orientierten Therapien.

Überhaupt, der Körper: wenn wir uns inkarnieren und zwar ganz und gar, also unser Erdenleben kompromisslos annehmen, ist das für mich echte Spiritualität. Ich bin Mensch, ich bin Körper, ich bin Erde, that’s it! Und wenn irgendwann mein Erdenleben endet, dann beginnt etwas Neues. Ich bin immer weniger in der Lage, irgendwas einfach nur zu glauben. Egal, ob mir ein Priester, ein Philosoph, ein Medium etwas über sogenannte höhere Welten und Wesenheiten erzählt – es berührt mich nicht, es ist nicht meins. Meins kann nur sein, was ich mit meinen Sinnen wahrnehmen kann. Und ja, ich habe schon völlig erstaunliche und unerklärliche Dinge wahrgenommen, die mein Weltbild erweitert haben.

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Heute habe ich Lichtmess gefeiert. Anders als im Kalender ist Lichtmess für mich ein Tag im Wassermann bei zunehmendem Mond. Heute passte das: ich hatte einen freien Tag, es war sehr sonnig und mild. Seit gestern fliegen die Bienen. Was für eine Freude! Ich war mir nicht sicher, ob dieses sehr kleine Volk, das im letzten Jahr nur einige wenige Waben gebaut hatte, den Winter übersteht. Oft habe ich früh morgens, wenn es noch ganz still war, mein Ohr ans Flugloch gelegt und dem feinen Summen zugehört. Dann war ich immer froh. Nun summen sie ganz laut und sind damit beschäftigt, orangefarbenen Pollen heimzutragen, tote Bienen auszuräumen und die aufgeblühten Krokusse und Schneeglöckchen zu besuchen.

Ich lese Charles Eisensteins neues Buch Climate. Er schreibt, Menschen würden Umweltaktivisten (environmentalists), weil sie Schmerz wegen der Vernichtung der Arten fühlen, weil ihnen etwas fehlt, was mal zu ihrem Leben gehörte. Als ich ein Kind war, habe ich Sommer für Sommer den jubelnden Gesang die Lerchen über den Wiesen und Feldern im Solling und auf unseren Sonntagsspaziergängen gehört. Heute gibt es kaum noch Lerchen und das kommt durch die agrarindustrielle Landwirtschaft. Heute gibt es auch keine blühenden Feldränder mehr, jedenfalls nicht hier. Die Schafe auf der Weide finden keine einzige Schafgarbe mehr.

Daß Greta Thunberg, die junge Schwedin, jeden Freitag für eine andere Klimapolitik demonstriert und damit immer mehr Schüler*innen auch in Deutschland infiziert hat, macht mich sehr froh: die jungen Menschen fühlen noch etwas. Nur wer fühlt, kann etwas verändern. Und echte Veränderung findet nicht auf der Ebene der Parlamente statt, das zeigt sich immer wieder. Die Menschen, die dort sitzen und uns regieren, können das nur deshalb, weil sie ihr Fühlen auf ein Minimum reduziert haben.

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