Scham

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Gedenktafel an der Feldstraße in Kiel, wo der Zug der roten Matrosen auf dem Weg in die Wik beschossen wurde

Donna Haraway erzählt in Unruhig bleiben, daß sie glaubte in ihrer Menopause Östrogene einnehmen zu müssen, um einem Herzinfarkt vorzubeugen. Sie war damals nicht allein: die Pharmafirmen, die Hormonpräparate für Frauen in den Wechseljahren herstellten, warben damit, daß diese Herzkrankheiten, Osteoporose, Stimmungsschwankungen, Hitzewallungen und andere angebliche Folgen der Menopause verhindern könnten. Anfang dieses Jahrtausends wurde dann endlich publik, daß Östrogene keinen Herzinfarkt verhindern konnten und außerdem verantwortlich für eine signifikante Zunahme an Brustkrebserkrankungen waren. Das Mittel, daß Donna Haraway nahm, heißt Premarin und wird aus dem Urin trächtiger Pferdestuten gewonnen, deren einziger Lebenszweck darin besteht, schwanger in einer engen Box zu stehen und Urin in einen umgeschnallten Auffangbeutel abzugeben. Sie beschreibt in sehr klaren Worten, wie sie über diese tierquälerischen Bedingungen hinweggesehen hat. Ihr Resümee: „Scham ist ein Anstoß für lebenslanges Neudenken und Neuherstellen der eigenen Rechenschaften.“

Zur sogenannten Hormonersatztherapie (HormoneReplacementTherapy): Es ist schon tragisch, wie sich Frauen von den Pharmakonzernen verarschen lassen haben und es noch tun. Man erzählte uns, daß die Wechseljahre mit einem Hormonmangelsyndrom einhergehen, dem man mit Östrogengaben beikommen könne/müsse. Daran hat sich nicht viel geändert: heute arbeiten viele Frauen mit Soja-, Yamswurzel- und anderen östrogenartig wirkenden Pflanzen gegen den angeblichen Hormonmangel in der Menopause an. Und es werden immer noch Hormone aus Pferdeurin gewonnen. Wenn aber wir Frauen anfangen selber zu denken, kommen wir schnell dahinter, daß wir mit den Wechseljahren in einen neuen Lebensabschnitt eintreten, der unsere Physiologie natürlich verändert und daß wir dem mit Akzeptanz, Offenheit und Neugierde begegnen können. Die körperliche Umstellung entspricht in gewisser Weise der Pubertät, nur daß wir mental und psychisch viel besser als in jungen Jahren für diese enorme Metamorphose gerüstet sind . Ich selbst habe starke Hitzewallungen gehabt und sie als spannendes energetisches Erlebnis abgespeichert. Und meine Schlafstörungen waren schlagartig nach der Trennung von meinem Mann vorbei und hatten gar nichts mit Hormonen zu tun. Meine damalige Bibel war übrigens Menopausal Years von Susun S. Weed;  ich kann das Buch wärmstens empfehlen. Unsere Ahninnen wussten schon: es gibt drei Phasen im Leben einer Frau – die weiße, die rote und die schwarze. Mit dem Übergang in die schwarze Phase habe ich Gelassenheit, Zufriedenheit und Lebensfreude gewonnen. Es lohnt sich also, die Wechseljahre als Abenteuer anzunehmen und über den Bullshit vom Hormonmangel laut zu lachen. Im Übrigen kann ich als artenübergreifende Feministin natürlich nicht hinnehmen, daß Pferdefrauen gequält werden, damit Menschenfrauen mit Hormonen versorgt werden.

Zur Scham: sie ist ein sehr unangenehmes Gefühl und ich kenne sie gut. Wie oft erinnere ich mich an Begebenheiten, wo ich andere schlecht behandelt habe, wo ich verbal übergriffig, fordernd, überheblich, beleidigend, belehrend war oder mich einer schlechten Familienangewohnheit, dem Über-andere-reden hingegeben habe. Aber in dem Moment, wo ich Scham fühle, öffnet sich auch die Tür zum Umlernen. Und wenn ich mir zugestehe, daß ich lebenslänglich dazu lerne, kann ich das auch anderen zugestehen.

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Tag der roten Matrosen

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Allerheiligen zog ich zwei Tarotkarten.  Die erste war XVIII Der Turm. Im Haindl-Tarot ähnelt der Turm dem World Trade Center, kurz nachdem eins der beiden Flugzeuge hineingerast ist. Ich zog die zweite Karte in der Hoffnung auf etwas Milderes: Zehn der Schwerter. Beide zusammen also das Worst Case Scenario. Nun glaube ich nicht, daß ich in den Tarotkarten meine Zukunft lesen kann, ich benutze sie eher als Reflektionshilfen. Aber so sehr ich nachdachte, ich konnte sie nicht auf mich beziehen, eher auf die globale Lage. Es fühlte sich jedenfalls nicht gut an.

Am nächsten Tag erfuhr ich, daß der neue brasilianische Präsident den Regenwald Brasiliens zum Ausverkauf freigeben will. Und gestern hörte ich auf NDR Info, daß die finnische Ministerpräsidentin eine neue Bahntrasse von Rovaniemi durch Schweden zum norwegischen Kirkenes bauen lassen will. Dann hätte sie direkten Zugang zum Meer und könnte per Frachtschiff Waren auf dem kurzen Weg durchs Polarmeer nach z. B. Japan und China transportieren lassen. Es ist ja ohnehin schon eine Katastrophe, daß das Nordmeer mittlerweile so eisfrei ist, daß dort Schiffe fahren können. Der Bau der Bahntrasse hätte darüber hinaus fatale Folgen für die Wälder Lapplands und damit für die Rentiere und die Samen. Wenn ich solche Nachrichten höre, wird mir richtig schlecht. Es bestätigt mir mal wieder, daß die ganz gefährlichen Geisteskranken diejenigen sind, die uns regieren. Ich muss auch Frau Merkel dazurechnen, die öffentlich darüber nachdenkt, die Feinstaubgrenzwerte heraufzusetzen, um Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in den Städten zu verhindern. Es geht wie immer um die Wirtschaft, nicht um das Lebendige. Aber wenn demnächst Leben auf dieser Planetin unmöglich geworden ist, wem nützt dann die Wirtschaft? Diese Herrschaften benehmen sich wie Selbstmordattentäter. Wir leben tatsächlich im Kapitalozän, im Zeitalter der Knete.

Diese Nachrichten haben meine Stimmung erst mal für zwei Tage ziemlich gedämpft. Am Donnerstag, während meines wöchentlichen Yoga-Abends in Kiel kreisten zwei Stunden lang einer oder mehrere Hubschrauber über uns. Das verstärkte das unbehagliche Gefühl noch. Am nächsten Tag erfuhr ich dann, daß die Polizei per Hubschrauber nach Einbrechern gefahndet hatte.

Aber gestern habe ich mich gefreut. In den Kieler Nachrichten, die ich manchmal in der Klinik lese, wurde ausführlich über die Kieler Matrosen berichtet, die heute vor 100 Jahren einen Aufstand machten, indem sie sich weigerten auf ihre Schiffe zu gehen und als Kanonenfutter zu dienen. Man nennt sowas Meuterei, aber für mich sind sie die wahren Helden der Geschichte. Ihr Aufstand war der Beginn der Novemberrevolution und hat zum Ende des Ersten Weltkrieges und des Kaiserreichs geführt. In Folge haben sich in diversen Städten Arbeiter- und Soldatenräte gebildet. Und für kurze Zeit sah es so aus, als bräche eine herrschaftsfreie Zeit in Deutschland an. Am Kieler Jensendamm wurde 1982 ein Denkmal ihnen zu Ehren eingeweiht. Die CDU-Fraktion verweigerte allerdings ihre Teilnahme, da es sich bei dem Aufstand ja um etwas Illegales gehandelt habe. Das spricht für sich. Immerhin heißt der Platz vor dem Kieler Hauptbahnhof Platz der Kieler Matrosen.

In der Vergangenheit haben oft diejenigen, die sich nicht an Gesetz und Ordnung sondern an ihrer eigenen inneren Stimme, ihrem Herzen oder wie auch immer man diese Instanz nennen möchte, orientiert haben, eine entscheidende Wendung im Weltgeschehen herbei geführt.

"In Erwägung unsrer Schwäche machtet
ihr Gesetze, die uns knechten solln. 
Die Gesetze seien künftig nicht beachtet
in Erwägung, daß wir nicht mehr Knecht sein wolln.
In Erwägung, daß ihr uns dann eben
mit Gewehren und Kanonen droht, 
haben wir beschlossen, nunmehr schlechtes Leben
mehr zu fürchten als den Tod."

(aus dem Lied der Kommunarden von Bert Brecht)
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Bei allem Wahnsinn der Menschheit hatte ich heute doch einen schönen Tag. Die Sonne schien, ich arbeitete mit der Sense vorm Haus. Spaziergänger und Nordic Walker gingen vorbei. Man begrüßte sich, lächelte sich an und mit einem Ehepaar kam ich ins Gespräch. Je älter ich werde, desto mehr weiß ich Small Talk zu schätzen (wenn er nicht zu lange dauert, versteht sich). Was zählt, ist diese ganz alltägliche Freundlichkeit, die Menschen sich entgegen bringen können. Das kostet nichts und fühlt sich gut an.

 

Die Verwandtschaft der Arten

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Zur Zeit lese ich ein Buch, auf das ich Dank der Oya aufmerksam geworden bin: Unruhig bleiben – die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän von Donna J. Haraway. Ich bin erst beim zweiten Kapitel, finde es aber jetzt schon äußerst spannend. Die Autorin, Biologin und Denkerin benutzt eine eigenwillige Sprache, die eine gewisse Zeit des Eingewöhnens abverlangt, aber in sich schlüssig ist. Mir gefällt neben ihrem radikalen Wortverständnis (sie geht den Worten wirklich an die Wurzel und die Übersetzerin leistet Großes, um das ins Deutsche zu bringen. Ein Beispiel: Art-Genosse, im Originaltext companion species, als die Wesen, mit denen ich zusammen esse – Companion ist etymologisch der, mit dem ich mein Brot teile) ihre Fähigkeit, Fäden zu spinnen zu so unterschiedlichen Denker*innen, Schriftsteller*innen, Künstler*innen und Aktivist*innen wie Karl Marx, Isabelle Stengers, Lynn Margulis, Starhawk, Ursula K. Le Guin, der – von mir sehr geschätzten – Annie Sprinkle und vielen anderen mehr. Zugleich spinnt sie verschiedene Disziplinen zusammen: Biologie, Soziologie, Feminismus, Kunst, Philosophie usw. Ihr Vorgehen nennt sie Fadenspiele (engl.: cat’s cradle, franz.: jeux de ficelle), bei denen mit einem Faden und zehn Fingern Muster gebildet werden, die an ein zweites oder beliebig viele Paar Hände gereicht und dort weiter gesponnen werden. Dabei ist sie persönlich, humorvoll und inspirierend. Eine kleine Leseprobe:

„Das Humane als Humus hat Potenziel, wenn es gelingt, das Humane als Homo zu zerhacken und zu zerschreddern, dieses stagnierende Projekt eines sich selbst erzeugenden und den Planeten zerstörenden Unternehmers. (…) Die ökosexuellen Künstlerinnen Beth Stephens und Annie Sprinkle haben einen Autoaufkleber für mich (…) gemacht: ‚Composting is so hot!‘ “

So, jetzt wird es Zeit fürs Ahn*innenfest. Meine Ahn*innen befinden sich sowohl in der menschlichen als auch in der mehr-als-menschlichen Welt: Mineralien, Bakterien, Flechten, Pflanzen, Tiere und viele mehr. Ihnen allen wird dieser Abend gelten.

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Der Himmel vor dem Dunklen Fest

 

Ein schöner Tag

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Samstag waren I. und ich in der Sauna. Die Sonne schien, so daß wir draußen im Garten liegen konnten. Ich mag die finnische Sauna mit ihren 90°C am liebsten, anschließend ging es ins eiskalte Tauchbecken oder ich spritzte mich mit dem Schlauch ab. Wenn es nicht so ein Aufwand wäre, täte ich das öfter. Anschließend gab es Apfelkuchen und Kaffee bei ihr zu Hause.

Wir sprachen über die Nachwirkungen des Urlaubs. I. meinte, es sei wie ein Reset für sie gewesen: ganz viel Ruhe, wenig neue Impulse, viel schlafen, viel träumen. Mir hat der Urlaub durchaus neue Impulse gebracht und und ich konnte ihnen in Ruhe nachspüren. Ich habe immer noch das Gefühl, voll auf meine Kosten gekommen zu sein: so soll Urlaub sein.

Wir unterhielten uns auch darüber, daß es nun schon der dritte gemeinsame Urlaub ist. Wie einfach es mit ihr ist! Es liegt wohl daran, daß jede die Freiheit hat, alles zu machen, was sie will. Auch unsere unterschiedlichen Biorhythmen waren kein Problem: während ich als Nachtmensch selten vor Mitternacht ins Bett kam, dafür aber morgens als erste auf war, ging sie früh ins Bett und stand auf, wenn der Frühstückstisch gedeckt war. I. brachte es so auf den Punkt: „Ich muss bei dir nie das Gefühl haben, daß du allein irgendwo rumsitzt und ich mich eigentlich jetzt mit dir beschäftigen müsste. Ich kann mir meine eigenen Bedürfnisse erfüllen und brauche keine Verantwortung für dich zu übernehmen.“ So sehe ich es auch. Welche Freiheit!

Unsere Ansprüche an Sauberkeit und Ordnung liegen nicht weit auseinander, so daß sich nie das Gefühl einstellte, eine mache mehr als die andere. Und auch das Kochen war einfach: mal kochte die eine, mal die andere, mal arbeiteten wir uns gegenseitig zu. Das geschah immer ohne großen Plan, einfach so wie es sich ergab. Wir haben uns wie auch zu Hause überwiegend vegetarisch ernährt und fanden beide, daß wir sehr gut gegessen haben.

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Goldener Oktober

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Letzte Woche hatte ich Besuch von meiner Tochter. Sie war gerade mit einer derben Erkältung aus Schottland zurück gekehrt. Am Donnerstag wachte ich mit Halsschmerzen auf. Ich dachte: wird schon nicht so schlimm werden. Aber abends fühlte mich dann doch krank. Ich hätte ab Freitagabend Nachtdienst gehabt und hatte keine Lust zum Arzt zu gehen und mich krank zu melden. Aber ich habe schon mal die Erfahrung gemacht, daß ich einen Nachtdienst abbrechen musste, weil ich einfach nicht mehr konnte. Also rief ich auf der Station an, um anzukündigen, daß sie für mich einen Ersatz suchen müssten. Am nächsten Tag ging ich in die Selenter Praxis und hatte mit dem Arzt zu tun, der mich Weihnachten wegen der Gürtelrose krank geschrieben hatte. Auch dieses Mal machte ich gute Erfahrungen mit ihm (das muss ich mal sagen, da ich so große Vorbehalte gegenüber Medizinern habe). Er ist halt noch einer vom alten Schlag: positiv fand ich schon mal, daß er mir sowohl am Anfang als auch zum Abschied die Hand gab. Das ist heute nicht mehr unbedingt üblich, weil man sich ja anstecken könnte. Er fragte einmal kurz nach, wie es denn mit einer Grippeimpfung wäre. „Nein danke“, sagte ich, „ich bekomme alle zehn bis zwanzig Jahre eine richtige Virusgrippe und habe keine Veranlassung, mich impfen zu lassen.“ Er versuchte nicht, mich zu überzeugen, was auch für ihn sprach und sagte dann nur: „Na, Sie haben eine gute Abwehrlage.“ Das Wort Abwehrlage habe ich schon lange nicht mehr gehört. Heute sprechen ja alle nur noch vom Immunsystem. Wie auch immer, es erinnerte mich irgendwie an früher, an die alten Hausärzte, die noch ihre Sinne beieinander hatten und bei denen eine sich gut aufgehoben fühlte. Zum Schluss sagte er: „Legen Sie sich ins Bett.“

Das tat ich aber nicht. Ich setzte mich mit meinem Kaffee in die Sonne und dachte darüber nach, was ich mit der vielen freien Zeit alles machen könnte. Da fiel mir so einiges ein, im Haus und im Garten. Und dann musst ich lachen, denn ich ertappte mich bei meinem alten Muster, zu machen und zu tun. Ich war krank und deshalb gab es für mich nichts anderes zu tun, als meinem Körper nicht im Weg zu stehen, während er sich mit den Viren beschäftigte. Also saß ich weiter in der Sonne, trank Kaffee, las die neue Oya, in der es um Landbau ging, strickte, sah der Katze beim Erkunden des Gartens zu, döste, schaute mit geschlossenen Augen in die Sonne und lauschte den vielen Geräuschen. Gedanken kamen und gingen, es gab nichts zu tun, keine Verpflichtungen, keine Notwendigkeiten. Irgendwann war ich sehr müde und legte mich ins Bett. So ging es auch am Samstag und Sonntag. Gestern sah ich den Film Code of Survival – Die Geschichte vom Ende der Gentechnik von Bertram Verhaag. Da wurden u.a. Szenen von der ägyptischen Sekem-Farm gezeigt. Ibrahim Abouleish hat sie vor einigen Jahrzehnten in der Wüste angelegt, indem er zunächst Bäume als Windschutz, Wasserspeicher und Mulchlieferanten pflanzte. Die Farm ist nach anthroposophischen Prinzipien angelegt und es gibt mittlerweile ein weiteres Projekt in der lybischen Wüste. Gut gefallen hat mir der Mann, der  mit Dung gefüllte Kuhhörner ausgrub und daraus ein Präparat rührte (wohl das bekannteste biologisch-dynamische Präparat). Er erzählte, warum er mal rechts, mal links herum rührte und daß alles, was währendessen in seinem Kopf rumging, mit einfließen würde. Dabei lachte er ganz verschmitzt.

Neu war mir, daß Glyphosat Pflanzen daran hindert, Mineralstoffe und Spurenelemente aus dem Boden aufzunehmen, was zu einem zunehmenden Mangel an z. B. Magnesium und Selen führt. Zwischendurch traten auch Jane Goodall und Vandana Shiva auf. Jane Goodall ist der lebendige Beweis, daß eine alte Frau durchaus immer noch schön sein kann. Ihr Gesicht ist so klar, so lebendig, so ausdrucksstark – einfach faszinierend.

Heute fühlte ich mich wieder ziemlich fit. Ich pusselte im Garten herum und hatte richtig Spaß dabei. Abends ging ich bei wunderschönem goldenen Licht zu meinem Platz an der alten Buche. Wie so oft, wenn ich mir Muße erlaube, fangen irgendwann der Garten und die Landschaft an zu mir zu sprechen. Als ich über den pestizidgetränkten Acker zurückging, konnte ich erkennen, daß die Erde dort praktisch tot ist.

Es wird Zeit, daß die Landwirtschaft sich vollständig verändert.

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Dankbar

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Mein winziger Quittenbaum hatte so viele Früchte  zu tragen, daß ich um seine dünnen Äste fürchtete. Jetzt habe ich sie gepflückt und im Schlafzimmer aufs Regal gelegt. Von dort beduften sie den ganzen Raum. Ja, trotz der sommerlichen Dürre kann ich jetzt recht viel ernten. Ich esse jede Woche Mangold in verschiedensten Zubereitungsformen. Die Stangenbohnen, die sich am Bantammais hochranken, tragen gut, Endivien und Rote Bete haben sich ordentlich entwickelt. Und heute entdeckte ich eine neue Blüte am Holsteiner Cox – im Oktober! Das Erntedankfest, das in der Kirche gefeiert wird, ist wie die meisten anderen ein ursprünglich heidnisches Fest. Natürlich waren Menschen dankbar, wenn sie am Ende des Sommers viel zu essen und einzulagern hatten. Dankbarkeit kann wie alle Gefühle nicht eingefordert werden, aber man kann sie kultivieren. Ein einfaches Ritual hat mich vor elf Jahren vorm seelischen Absturz nach der Trennung von meinem Mann bewahrt: jeden Tag habe ich den Tag rekapituliert und mindestens drei Dinge oder Begebenheiten gefunden, für die ich dankbar war. Dabei habe ich rausgefunden, daß es  viel gibt, für das ich dankbar sein kann und daß das allein schon gute Stimmung macht. Mittlerweile geschieht es oft von selbst. Zum Beispiel sah ich neulich nachts in den klaren Sternenhimmel mit der Milchstraße und plötzlich fühlte ich mich so dankbar, weil ich auf einer so wundervollen Planetin in einer so spannenden Zeit lebe.

Richtig gefreut habe ich mich gestern, als ich im Radio hörte, daß das OVG Münster (ha, meine alte Heimat) einen sofortigen Rodungsstop für den Hambacher Forst verhängt hat. Großartig! RWE hat eine fette Packung gekriegt und im Hambacher Forst haben 50.000 Menschen ein großes Fest gefeiert. Braunkohle braucht keiner, aber Wälder brauchen wir alle, im Zeitalter des Klimawandels mehr denn je. Leider ist übrigens Strom aus Solaranlagen und Windrädern auch nicht wirklich eine Alternative. Die Herstellung dieser Technologien ist alles andere als ökologisch verträglich und auch dafür werden ganzen Landstriche verschandelt. Es hilft nichts: alles läuft auf eine drastische Reduktion des Stromverbrauchs hinaus.

Gestern machte ich bei bestem Wetter mit M. einen schönen Spaziergang am Sehlendorfer Strand. Sie zeigte mir einen uralten Weißdorn, der mich an die Geschichte vom verzauberten Merlin und die Fee Viviane im Wald von Brocéliande in der Bretagne denken ließ.

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Genießen

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Vor zwei Tagen hörte ich im Radio einen Ausschnitt eines Interviews mit der Schriftstellerin Juli Zeh. Sie erzählte, wie wenig sie die Zeit mit ihren Kindern genießen konnte, z. B. wenn sie mit ihnen auf dem Spielplatz war, weil sie immer daran denken musste, was es alles noch zu tun gab. Sie sagte auch, daß es praktisch unmöglich sei, Arbeit und Kind unter einen Hut zu bringen und beides noch gut zu machen. Da muss ich ihr aus vollstem Herzen zustimmen: ich weiß selbst, daß es nur ganz schlecht geht. Alle leiden darunter, am meisten Kind und Mutter. Bei mir musste es gehen, und ich war nicht nur voll berufstätig sondern auch in der Ausbildung, als mein Sohn noch sehr klein war. Ich habe das geschafft, weil es sein musste, aber der Preis war extrem hoch. Während der Vorbereitung auf die Krankenpflegeprüfung habe ich extrem an Gewicht verloren und war davor schon ein Leichtgewicht. Meinem Sohn bin ich nie gerecht geworden. Ich habe ziemlich viel Energie darauf verwendet, meinen damaligen Mann dazu zu bringen, seinen Anteil an der Hausarbeit zu übernehmen und habe diesen Kampf verloren. Ich habe über Jahre sehr wenig geschlafen, um alles zu schaffen. Im Rückblick kann ich nur sagen: die Sache ist nicht erstrebenswert. Ich finde nach wie vor, daß Frauen ihr eigenes Geld verdienen sollten. Mich hätte ein Dasein als Hausfrau und Mutter nicht erfüllt. Aber irgendwie müsste das anders geregelt werden. Ich finde, vier Stunden Arbeit am Tag reichen voll und ganz – und zwar für alle.

Genossen habe ich mein Kind auch nicht. Überhaupt wusste ich damals kaum etwas von Genuss. Daß man Essen, Musik, Sex und manche Menschen genießen kann, erfuhr ich erst viel später, als ich schon die erste Ehe hinter mir hatte. Woran das lag? Meinen Eltern kann ich es nicht anlasten. Sie haben mich zwar nicht zur Faulheit erzogen, aber ich habe mich in meinem Elternhaus auch nicht kaputt arbeiten müssen. Überhaupt habe ich das Arbeiten erst später gelernt. In der linken Organisation, in der wir damals tätig waren, wurden Wochenpläne geführt wie in der Schule. Es kam schon mal vor, daß einer der Obergenossen eine Person aufforderte, diesen Plan vorzuzeigen. Wenn es dann Lücken von ein oder zwei Stunden gab, wurden die ganz schnell mit Terminen vollgestopft: hier noch mal eben einen Büchertisch vor Karstadt, da noch ein paar Mitgliederbesuche machen. Schlafen galt als Zeitverschwendung. „Eine Revolution, bei der ich nicht tanzen kann, ist nicht meine Revolution“ – diesen berühmten Satz der Anarchistin Emma Goldmann kannte ich damals noch nicht. Hätte er mir denn die Augen dafür geöffnet, daß meine Organisation nicht besser war als alle Kapitalisten, die die Werktätigen ausquetschten bis aufs Blut? Damals wahrscheinlich nicht. Ich war wie die meisten von uns von dem Glaubenssatz besessen, daß es um Leben und Tod ging.

Heute ahne ich, daß es dieses Immer-Tun ist, was uns an den Abgrund gebracht hat. Und daß Genießen möglicherweise das ist, was uns und alles, was lebt, retten könnte.

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Das ist Lenchen, die seit fast zwei Wochen bei mir lebt. Sie ist etwa ein Jahr alt und kommt aus dem Tierheim.