Panik

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Ich möchte mich an dieser Stelle mal zu den letzten Blogeinträgen von Luisa Francia auf salamandra.de äußern. Ich stimme ihr in einigen Sachen zu: daß wir unseren Lebensstandard nicht halten können (so oder so wird er zu Asche, wenn der Klimawandel noch einen Zahn zulegt – und alles deutet darauf hin, daß er das tun wird) und daß Elektroautos und ähnliche Spielereien keine Lösung sind, nicht nur wegen der Ausbeutung der Menschen in den Ländern mit den seltenen Erden, sondern auch, weil die Herstellung extrem klimaschädlich ist (im Übrigen fahren jetzt schon zuviele Autos durch die Landschaft). Und wie sie glaube auch ich, daß eine starke Verbindung mit der Natur notwendig ist. Ich möchte noch hinzufügen, daß es ums Große Ganze geht. Und das Klima ist nur ein Teil davon. Natürlich ist der Klimawandel eine Folge des Patriarchats und des durch ihn hervorgebrachten Kapitalismus. Daß sich alles ändern muss, damit wir und die anderen Wesen noch weiterhin auf unserer wunderschönen Planetin leben können, hat in meinen Augen Charles Eisenstein am besten auf den Punkt gebracht. Er drückt das mit einer herzöffnenden Freundlichkeit aus: keine Schuldzuweisungen, keine Moralpredigten, wohl aber offener Schmerz über all das, was unwiderbringlich durch menschliches Handeln vernichtet wurde.

Luisa ist genervt von der Panikmache und wirft den Fridays for Future-Kids vor:  „Die schuldzuweisung an die älteren generationen finde ich arrogant und dumm.“ Da regt sich bei mir Widerspruch. Ich erinnere mich noch gut, welche Schuldzuweisungen ich als 16jährige meinen Eltern gemacht habe: daß sie sich nicht gegen Hitler gestellt haben, daß mein Vater sich nicht geweigert hat, als Soldat in den Krieg zu gehen. Ich war sehr, sehr streng. Als mein Vater sagte, er wäre erschossen worden, wenn er sich verweigert hätte, habe ich gesagt: „Na ja, das hätten sie mit 1000 machen können, aber nicht mit 10.000.“ Indirekt habe ich meinem Vater damit vorgeworfen, daß er nicht sterben wollte. Ich war damals sehr selbstgerecht und kaltschnäuzig. Mein Vater hat übrigens dazu geschwiegen. Er ist als traumatisierter Mensch aus dem Krieg gekommen, hat nie über seine Erlebnisse gesprochen, hat immer massive Schlafstörungen gehabt und den größten Teil seines Lebens haben Schlaftabletten und später auch Alkohol eine große Rolle gespielt. Ich finde es nachvollziehbar, daß ein junger Mensch im Angesicht der drohenden Vernichtung des Lebendigen auf der Erde den Erwachsenen Vorwürfe macht, mit Dummheit hat das nichts zu tun. Wenn Greta Thunberg sagt: „I want you to panic…“, dann drückt sie ihre eigene Panik angesichts der Szenarien des Klimawandels aus. Zumal ja anscheinend viele Erwachsene dieses Thema ignorieren. Schon klar, daß Panik eine schlechte Ratgeberin ist. Ich verlange aber nicht von Greta Thunberg, daß sie das schon weiß. Diese Bewegung ist nicht homogen, etliche in ihr sympathisieren mit den Grünen, andere wiederum sehen sehr klar, daß die Grünen genauso wenig ein wirksames Konzept haben wie unsere derzeitige Regierung. Daß Jugendliche sich von Mama zu den Demos kutschieren lassen, stammt offensichtlich aus der Feder von Dieter Nuhr. Wenn der jeden Mittwochvormittag seine Redezeit auf meinem Lieblingsradiosender NDR Info hat, schalte ich aus, weil ich ihn einfach nicht ertragen kann. Und selbst wenn es so wäre, ja, dann wäre es nicht konsequent. Aber wer solche Vorwürfe macht, muss sich auch fragen lassen: wie ist das mit deinen Flugreisen? Fährst du Auto? Isst du täglich Fleisch? Wie oft treibst du dich im Internet rum usw. usw.

Ich nehme es übrigens nicht persönlich, wenn ich als Erwachsene mit den Vorwürfen der Jugendlichen konfrontiert werde. Sie haben doch Recht. Und nein, ich finde nicht, daß jemand, der den derzeitigen Zustand kritisiert, auch eine Vision für die Zukunft haben muss, wie Luisa Francia das einfordert. Bevor Visionen entstehen können, hoffnungsvolle Bilder für die Zukunft, muss erst mal der ganze Prozess durchlaufen werden: Trauer um das Große Sterben, Wut, auch Schuldzuweisungen gehören dazu. Die ganze Palette der Gefühle muss durchlaufen und anerkannt werden. Nach meiner Erfahrung kann erst dann etwas Neues auftauchen. Und das ist dann vielleicht etwas, was bisher noch niemand denken konnte.

Wenn ein Jugendlicher anfängt zu begreifen, daß wir mit Vollgas auf unsere eigene Vernichtung zurasen, und gleichzeitig sieht, daß die Erwachsenen weiter business as usual leben, dann sind Schuldzuweisungen und Vorwürfe doch eine völlig nachvollziehbare Reaktion und absolut nicht dumm. Es ist die Leistung der Fridays for Future-Bewegung, daß sie dieses Thema in die Öffentlichkeit gebracht hat und dafür hat sie meine volle Anerkennung! Ich habe übrigens auch viel Sympathie für Extinction Rebellion. Vor vielen Monaten habe ich einen Infozettel über diese Bewegung im Bioladen gefunden und mich im Internet über sie schlau gemacht. Mittlerweile zeigen sie sich immer mehr in der Öffentlichkeit. Für Momente habe ich daran gedacht, bei ihnen mitzumachen. Letztendlich ist aber diese Form des Aktivismus und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe nichts mehr für mich, war es vielleicht nie wirklich, obwohl ich zwischen 16 und 27 Jahren politischen Gruppen angehörten, die radikale Kritik an den bestehenden Verhältnissen äußerten.

Ich tu mich gern temporär mit Menschen zusammen, wenn ich z. B. die Jahreszeitenfeste feiere und Rituale für die Erde mache. Und ansonsten mache ich das, was vor einiger Zeit in der Oya so schön ausgedrückt wurde: Ich bleibe zu Hause und kümmere mich um die Bienen. Und damit hüte ich gleichzeitig den Flecken Erde, auf dem ich lebe.

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Fließen

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Wenn ich mir meine Katze ansehe, dann bin ich sicher, daß sie keine Pläne kennt. Sie geht nicht zielstrebig durch die Landschaft; ich würde ihre Bewegungsart eher als Mäandern bezeichnen. Sie folgt ihren Impulsen, reagiert auf Bewegung oder liegt stundenlang irgendwo herum. Man könnte sagen, sie nimmt das Leben, wie es kommt. Ich hingegen, die ich mir über die Jahre einen sehr strukturierten Lebenswandel angewöhnt habe, kann ihr nur staunend zusehen. Vor eineinhalb Wochen rief mein Bruder mich an, um mir mitzuteilen, daß meine Mutter mit einem Oberschenkelhalsbruch im Krankenhaus liegt. Das warf meine schöne und gewohnte Ordnung über den Haufen. Zwar hatte ich ohnehin geplant, nach NRW zu reisen, ich hatte auch die Bahnfahrkarten schon gekauft, aber jetzt musste ich umdisponieren. Das gefiel mir nicht. Es war auch dieses Gefühl von Unsicherheit: was kommt da auf mich zu? Wird meine Mutter wieder auf die Beine kommen? Wird sie pflegebedürftig werden? Nachdem ich ein Weilchen mit der Situation gehadert hatte, beschloss ich, das Kommende als Herausforderung zu nehmen und mit dem Leben mitzufließen. Das ging dann – nicht ganz so fluffig wie bei meiner Katze – einigermaßen gut.

Glücklicherweise hat meine Mutter die OP gut überstanden. Sie brauchte auch kein neues Gelenk, sondern nur einen Nagel, um den Bruch zu stabilisieren. Nach meiner Ankunft in Münster ging ich zur Raphaelsklinik. Der Mann am Empfang konnte mir nicht sagen, auf welcher Station meine Mutter sich befand: er kämpfte mit einem Systemabsturz. Also ging ich zur Intensivstation, weil sie da einen Tag vorher gelegen hatte. Aber dort konnte man mir nicht weiterhelfen. Also wieder runter zum Empfang. Mittlerweile hatte der freundliche Mensch seinen Rechner runter- und wieder hochgefahren. Wie abhängig wir von der ganzen Elektronik sind. Und wenn die nicht mehr funktioniert, funktioniert gar nichts mehr. In meiner alten Klinik waren wir mal einen Tag lang ohne Computer und Telefon. Das Arbeiten an diesem Tag war sehr angenehm: wer was wollte, musste persönlich vorbeikommen. Das waren nicht viele.

Ich war drei Tage in Münster und lebte in der Wohnung meiner Mutter, brachte ihr die Sachen, die sie brauchte, entsorgte die verderblichen Lebensmittel aus ihrem Kühlschrank, wusch Wäsche, ging zur Bank, bestellte ihre Zeitung ab, führte Telefonate mit ihren Freundinnen. Mittwochmorgen war ich bei einer ihrer Freundinnen und ihrem Mann zum Frühstück eingeladen. Ein Nachbar bot mir an, mich zur Reinigung zu fahren, wo noch Sachen von meiner Mutter warteten. Ich fuhr jeden Tag ins Krankenhaus. Ich trank Kaffee in der Stadt, kaufte Alpakawolle bei Voilà und ging in den Dom, um für die heilige Barbara eine Kerze anzuzünden. Die Busfahrt in die Stadt kostet mittlerweile 3,30 €. Wie war es noch mit den Klimazielen der Regierung? So wird das nichts.

Dann besuchte ich meinen Sohn in Bonn, wo ich auch meine Tochter traf. Einen Abend waren wir zum Essen bei Stefans jüngerem Bruder und seiner Familie eingeladen. Gutes Essen, sehr lebhafte und gut gelaunte Kinder, schöne Atmosphäre. Katharina und ich waren uns anschließend einig, daß eine Patchworkfamilie wie die unsere eine feine Sache ist.

Freitag war ich dann wieder in Münster. Und Samstag fuhr ich nach Hause. Oh, wie schön ist es zu Hause zu sein!

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Wut und Schmerz

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Ich habe mir Greta Thunbergs Rede vorm UN-Klimagipfel angehört. Ich mag ihre Kompromisslosigkeit und ihre Emotionalität. Vor vielen Jahren, als ich anfing mich mit Tiefenökologie zu befassen, fand ich in Joanna Macys Buch Die Reise ins lebendige Leben das Kapitel Verzweiflungsarbeit: Unseren Schmerz um die Welt annehmen und würdigen. Jahrelang hatte ich diese dumpfe Bedrückung gefühlt angesichts dessen, was ich an Zerstörung auf der Erde sah (und da war noch gar nicht die Rede von den Kipppunkten, dem Insektensterben, dem rasanten Artensterben). Das war ein diffuses Gefühl: etwas ist ganz und gar nicht in Ordnung, ich konnte es aber nicht fassen und schon gar nicht ausdrücken. Und Joanna Macy brachte es auf den Punkt. Danke dafür! Die Wut und den Schmerz vermisse ich bei den Politiker*innen. Ich weiß gar nicht, wer sie hinter den Charaktermasken sind, die sie uns zeigen. Menschen, die keine Gefühle mehr haben/zeigen, kann ich nicht vertrauen. Vielleicht muss man so werden, wenn man an der Macht ist. Vielleicht muss man sich einen Panzer zulegen. Ich finde, das sieht man auch an der uniformen Kleidung von Politiker*innen: Blazer und Hosenanzüge. Wenn dann doch mal eine*r Gefühle zeigt, gibt es oft höhnische Reaktionen. Warum eigentlich?

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Ich weiß nicht, was aus uns und der Erde wird. Aber ich weiß, daß ich jetzt lebe und das ist was zählt. Alles ist mit allem verbunden, wir leben in einem Netz. Wenn an einer Stelle etwas in Bewegung kommt, bewegt sich alles. Aber was diese Bewegung bewirkt, können wir nicht wissen. Und ich bin überzeugt, daß es eine Ebene gibt, auf der alles einen Sinn macht und Kohärenz hat. Aber unser Nervensystem ist nicht dazu gemacht, das zu verstehen. Ich glaube, daß wir als Lernende hier sind und daß zu unserm Leben gehört, daß wir Fehler machen.

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Oft kann ich gar nicht wissen, was richtig ist: ich weiß z. B. nicht, wie ich die Bienen im Garten am Leben erhalten kann, ohne sie gegen die Varroamilbe zu behandeln. Ich habe einiges versucht: homöopathische Mittel, ätherische Öle und die üblichen Behandlungen mit Ameisen-, Oxal- und Milchsäure. Am wenigsten wirksam waren die homöopathischen Mittel, am wirksamsten die Säurebehandlungen. Aber für die Bienen bedeuten sie großen Stress und leider spricht einiges dafür, daß sie zur Resistenzbildung führen. Lebensbedingungen, die es den Bienen ermöglichen, selbstregulierend mit der Varroa fertig zu werden, kann ich ihnen nicht bieten: dazu brauchte es hohle Bäume und ähnliche natürliche Habitate, eine pestizidfreie Landschaft, ein vielfältiges und ausreichendes Nahrungsangebot. Ich habe letztes und dieses Jahr mit dem Nassenheider Verdunster gearbeitet, der die Ameisensäure langsam freisetzt und nicht ganz so stressig für die Bienen sein soll. Aber leider reichte die freigewordene Menge Ameisensäure nicht aus. Vor zwei Tagen sah ich, wie eins der Völker Bienen mit verkrüppelten Flügeln aus dem Stock räumte: Folge des Varroabefalls. Ich machte eine schamanische Reise zu den Bienen und besorgte dann Ameisensäure, die ich heute auf Schwammtüchern in die Völker brachte. Die Frage ist immer wieder: Eingreifen oder nicht? Ich habe meine Eingriffe sehr reduziert, seit ich imkere. Ich verzichte mittlerweile völlig auf die Durchsicht der Völker, ich nehme – wenn überhaupt – nur ganz wenig Honig, nehme keine alten Waben aus den TBHs, schneide keine Drohnenbrut raus (das habe ich von Anfang an pervers gefunden). Das erscheint mir alles richtiger als vieles von dem, was ich gelernt habe. Ich bin sicher, die Bienen wissen am besten, was ihnen gut tut. Und intelligenter als wir sind sie allemal: sie hatten schließlich ungefähr 60 Millionen Jahre Zeit, ihre Lebensweise zu perfektionieren. So sitze ich oft bei ihnen, sehe ihnen zu und ziehe aus der Art, wie sie ein- und ausfliegen, aus ihrem Summen und ihren Pollenhöschen meine Schlüsse. Und ab und zu gelingt es mir, mit Hilfe meiner Trommel ein inneres Bild vom Zustand im Volk zu sehen. Darauf kann ich mich erfahrungsgemäß verlassen.

Herbst

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Die Herbst-Tag-und-Nachtgleiche habe ich mit einem Feuerchen unter der leuchtenden Milchstraße gefeiert, ganz allein und in friedlicher Stimmung.

Am letzten Freitag war ich eine von den 15.000 auf der großen Klimademo in Kiel. So eine Zahl ist für eine Stadt wie Kiel mit ca. 250.000 Einwohner*innen ganz schön viel. Das Wetter war gut, einige der vielen bunten Plakate sehr originell. Ich traf Menschen, die ich nicht erwartet hätte und fand die nicht, mit denen ich mich verabredet hatte. Ich rief keine der Parolen mit. Irgendwie war nichts dabei, was ich rufen wollte. Nur ganz am Anfang, als wir uns noch alle auf dem Rathausplatz sammelten, hat es mich emotional gepackt: als ein von Menschen geschobenes Gefährt mit einem großen Lautsprecher heranrollte, aus dem eine unglaublich schöne Version des alten Partisanenliedes Bella Ciao schallte. Es gefiel mir, daß so viele auf der Straße waren, ich weiß aber, daß Demos nichts verändern. Ich denke noch an die riesige Demo in Berlin kurz vor Beginn des letzten Golfkrieges. Kurz danach fing der Krieg an. Die Mächtigen in Berlin haben einen Klimaplan vorgestellt, der nichts am Klimawandel ändern wird. Ich habe es nicht anders erwartet: sie können es nicht; sie sind so eng verflochten mit den diversen Lobbyisten. In dem Zusammenhang ist mir aufgefallen – und das war auch Thema beim letzten Treffen der Selenter Flüchtlingshelfer*innen, daß unsere beiden Gespräche mit dem Staatssekretär im Kieler Innenministerium nichts bewirkt haben. Es gab eine paar nette Worte, man notierte sich unsere Vorschläge, wie die Arbeit der Ehrenamtlichen besser koordiniert und unterstützt werden könnte – und nichts ist passiert. Auch das habe ich nicht anders erwartet. Bei weiteren Aktionen dieser Art werde ich nicht mehr dabei sein.

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Letzte Woche brachte ich eine meiner geflüchteten Frauen ins Krankenhaus. Ihre Ärztin hatte es für richtig befunden, sie in die Psychiatrie einzuweisen, zur Krisenintervention. Sie hat, wie soviele Menschen aus Afghanistan, keine Anerkennung als Asylsuchende bekommen und hängt jetzt in der Luft. Da wird ihr die Psychiatrie auch nicht helfen können. Die Aufnahme fand dann nicht statt, da die Vorbedingung die Teilnahme eines Dolmetschers war. Zwar versicherte die telefonisch kontaktierte Ärztin, die die Einweisung veranlasst hatte, daß eine Dolmetscherin bestellt worden war, aber die ebenfalls telefonisch kontaktierte Dolmetscherin wusste von nichts. Ich weiß nicht, wer da Mist gemacht hat.

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Auf dem Theodor-Heuss-Ring

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Es gibt keine grünen Kapitalismus!

 

Lehrerinnen und Lehrer

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Herbstbotin

Letzte Woche traf ich mich mit K. zum Mittagessen. Wir hatten ein richtig schönes Gespräch über die globale Bedrohung alles Lebendigen. Auch K. befasst sich mit dieser Sache und hat einen ähnlichen Umgang damit wie ich. Sie stellte die Frage, warum viele Menschen so ein Problem mit diesem Thema haben; immerhin habe es in der Geschichte unserer Planetin immer wieder Zeiten des radikalen Wandels gegeben, in denen Arten verschwanden und neue auftauchten. Irgendwie geht es weiter, wir wissen nur nicht wie und es ist denkbar, daß die menschliche Gattung verschwindet. Was ist schlimm daran? Für mich ist schlimm, ja geradezu unerträglich an diesen Gedanken, daß die menschliche Gattung die derzeitige Krise mit ihrem Handeln herbeigeführt hat und dadurch andere Arten, die nichts dafür können, mit in den Untergang zieht. Wenn die Menschheit verschwindet, dann kann ich das akzeptieren. Das ist mir lieber als die gruseligen Zukunftsszenarien, in denen wir unter Dächern mit künstlichen Sonnen leben, elektronische Insekten die Bestäubung übernehmen und der Wald nur noch als virtual reality existiert. In einer solchen Welt will ich nicht leben, da wäre das große Sterben Erlösung.

Keiner weiß, was passieren wird. Alles ist möglich. Von den Regierenden erwarte ich nichts, sie haben keine Antworten, sie verlieren sich in blindem Aktionismus, z. B. Plastiktütenverboten und Prämien für Elektroautos. Auch ich habe keine Antwort, aber ich genieße mein Leben im Moment sehr. Und das, obwohl ich seit einigen Tagen Kreuzschmerzen habe. Das kommt bei mir sehr selten vor, das letzte Mal vor acht Jahren in der Toskana. Ich habe mit der Sense gemäht, das könnte der Auslöser sein. Aber ich ahne, daß es auch etwas mit der freigewordenen und teilweise wieder gestoppten Beckenenergie zu tun hat. Ich beobachte das mit Interesse und hatte heute die Idee, daß die Kundalini im Grunde Erdenergie ist. Hier ist ein schöner Link von K., der dazu passt: https://sensingthechange.com/standing-with-the-earth/

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Ich habe in meinem Leben etliche gute Lehrer und Lehrerinnen gehabt. Einige habe ich persönlich kennengelernt, einige nur durch ihre Bücher. Ich bin dankbar für das, was ich lernen durfte. Ich habe Menschen kennengelernt, die ihren Lehrer*innen bedingungslos folgten. Das habe ich auch das eine oder andere Mal versucht, aber musste immer wieder feststellen, daß das für mich nicht funktioniert. Es gab bei allen irgendwann Unstimmigkeiten, Dinge, mit denen ich einfach nicht einverstanden sein konnte, Aussagen, die schlicht nicht stimmten und Umgebungen, in denen ich mich deutlich unwohl fühlte. Manchmal habe ich damit gehadert und wäre auch gern einfach nur gefolgt. Mittlerweile weiß ich mein Nichtfolgenkönnen zu schätzen: es gibt nur eine Instanz, der ich folgen kann und das ist mein Herz.IMG_1872

Meine Katze hat mir sieben Nächte in Folge sieben Mäuse ins Haus gebracht, die ich  irgendwie fangen und ins Freie setzen musste. Ich habe ihr noch nicht klarmachen können, daß ich auf diese Geschenke nicht stehe. Eine der Mäuse war besonders pfiffig. Sie hielt sich hinter dem Küchenschrank auf. Ab und zu ließ sie sich blicken, aber die aufgestellte Lebendfalle ignorierte sie. Stattdessen benutzte sie die bis auf den Boden hängenden Triebe einer Ampelpflanze als Strickleiter. Darauf wurde ich aufmerksam, weil die Pflanze arg gefleddert aussah. Dann entdeckte ich in 1,70 m Höhe die Maus im Blumentopf. Sie entkam mir. Als ich das nächste Mal in die Küche kam, hörte ich ein Kratzen aus einer Holzschüssel auf der Fensterbank. Sie war offensichtlich am Brotbeutel, der am Heizkörper hängt, hochgeklettert und hatte die Haselnüsse in der Schüssel entdeckt. Mit Hilfe eine Brettchens konnte ich sie fangen und nach draußen setzen. Wie intelligent diese Tiere sind! Einige mögen einwenden, das sei nur Instinkt, weil ja nur Menschen intelligent sein können – oder?

Nachklang

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Da war es noch leer

Das Festival hieß Angeliter Open Air und natürlich traten außer New Model Army noch etliche andere Gruppen auf. Wir kamen aber erst am frühen Abend und bekamen dementsprechend nicht alle mit. Was völlig in Ordnung war.

Mir ist etwas aufgefallen: ich kenne das ja, daß Bass und Schlagzeug direkt ins Becken treffen und da etwas auslösen. Das Becken ist in der indischen Weltsicht der Ort, an dem die Kundalini schläft. Wenn ich mich auf die Musik einlasse und relativ sicher in mir fühle, wird sie wach und wenn ich sie lasse, übernimmt sie und hebelt mein Denken aus. Das ist durchaus ekstatisch und ein überaus erstrebenswerter Zustand (der aber wohl gar nicht  vorsätzlich erreicht werden kann), aber ich spüre zwischendurch oft auch ein Bremsen, eine Hemmung. Da gibt es eine Stimme, die sagt: „Es gibt soviel zu tun. Du kannst dich jetzt nicht einfach so gehen lassen.“ Ich glaube, das ist die 2000 Jahre alte Stimme meiner Kultur, tief verinnerlicht: „Genuss ist des Teufels.“ In diesen Momenten half mir ausgiebiges Schütteln, alle unangenehmen Stimmen zum Schweigen zu bringen. Und es gab eine Ahnung, daß die Erde ein friedlicher, freier und fröhlicher Ort sein kann, wenn Menschen sich dieser Kundalini-Energie überlassen.

sdr
Thundermother

Übrigens kam tatsächlich mein derzeitiges NMA-Lieblingsstück Angry Planet und als Zugabe die großartige Hymne I love the World. Damit bin ich schon voll auf die Kosten gekommen.

Am Vorabend gingen wir in Flensburg bei Le Camping an der Toosbüystraße essen: der Koch ist Elsässer, die Küche französisch. Es gibt am Abend zwei Gerichte zur Auswahl, eins mit Fleisch, eins vegetarisch, eine Vorspeise und eine Nachspeise oder stattdessen eine Käseplatte. Sehr köstlich und angenehme Atmosphäre.

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Sonntagmittag auf dem Weg zum Frühstück

Taarstedt

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Meine Kinder haben mir zum Renteneintritt den Auftritt von New Model Army in dem Dorf Taarstedt bei Schleswig geschenkt. Da waren wir gestern. Diese Gruppe begleitet mich mal mehr, mal weniger intensiv, seit mein damaliger irischer Freund K. mich 1987 mit ihr bekannt gemacht hat. Das Ganze fand auf einem Hofgelände statt. „Nice place“, sagte Justin Sullivan, der aussah wie ein schöner alter Indianer mit seinen langen grauen Haaren und den dunklen Augen, nach den ersten Stücken.

Aber vorher spielte die schwedische Frauengruppe Thunder Mother Hardrock. Das ist nicht unbedingt meine Musik, aber die Mädels waren sehr energetisch und hatten ziemlich viel Spaß an ihrem Tun und die Rhythmen machten, daß ich mich bewegen musste. So war mein Körper schon gut vorbereitet, als schließlich NMA auf die Bühne kamen.

Als sie dann anfingen, übernahm die Musik meinen Körper. Ich liebe das so und habe es so selten: daß Schlagzeug und Bass in mein Becken gehen, daß dieser Flow geschieht. Daß mein Körper für Momente ganz Empfindung ist. Es war auch irgendwie seltsam, weil ich eine Endzeitahnung hatte und gleichzeitig alles so genoss und das Leben mit diesem Tanz feierte. Nicht, daß ich viel Platz zum Tanzen hatte; ab und zu gab es Geschiebe und Stöße und Anrempler. Aber für die ekstatischen Bewegungen meines Beckens gab es genug Platz. Meine Familie stand ebenso swingend in meiner Nähe, alle schienen Spaß zu haben. Ach, es war so schön! Und obwohl es morgens noch nach einem Tag mit vielen wasserreichen Schauern ausgesehen hatte, war es während des ganzen Festivals trocken und klar.IMG_1870

Heute Morgen gingen wir frühstücken und brachten anschließend St. zum Bahnhof.  Bevor ich Freitag nach Flensburg fuhr, saß ich an meinem Platz im Holzschuppen und sah den hochtechnischen Maschinen zu, die das Feld jenseits der Gartengrenze bearbeiteten. Da kam mir die Worte in den Sinn: „Wir leben hier auf der Erde in einem Irrenhaus.“ Da musste ich lachen. Irgendwie war meine lange Zeit in der Psychiatrie ein gutes Training, denke ich öfter mal. Diese rasant fortschreitende Entfremdung von der Natur, von der wir ein Teil sind, hat sich fest in unsere DNA eingeprägt und zu Angst vor Lebendigkeit geführt. Ja, aber noch tiefer in unserer DNA liegt das Wissen um die Wildnis und die Verwandtschaft mit allen Wesen. Nichts ist verloren!

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