Gesundheitsschädlich

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Im Dezember blühen noch Ackerringelblumen

Vor einigen Tagen wurde ich in Selent von einer mir vom Sehen bekannten Frau angesprochen: „Ich habe Sie im Fernsehen gesehen.“ Sie lobte den Beitrag und äußerte ihr Mitgefühl mit der afghanischen Familie, die einen Negativ-Bescheid vom BAMF bekommen hat. „Das ist so eine nette Familie, warum können die nicht hierbleiben.“ Dann erzählte sie, wenn sie in Hamburg am Bahnhof sei, hätte sie Angst „vor diesen Männern da“. Außerdem verkauften sie Drogen, warum die Polizei da nichts mache. Erst langsam begriff ich, daß sie nicht von Deutschen sondern von Migranten redete. Das Gespräch, das so wohlwollend angefangen hatte, hinterließ ein unangenehmes Gefühl in mir. Einmal deshalb, weil ich vermute, daß ich da „Volkes Meinung“ gehört habe, daß nämlich ausländische Männer Gefahr bedeuten und potentielle Verbrecher sind. Zweitens, weil ich nicht klar und deutlich Stellung bezogen habe.

Was hätte ich ihr sagen können? Daß viel mehr Gewaltverbrechen von deutschen Männern begangen werden, daß aber Gewalttaten von Migranten in der Berichterstattung ganz weit vorn ständen und damit Meinung gemacht werde. Daß am Hamburger Bahnhof auch Deutsche mit Drogen handeln und zwar schon seit Jahrzehnten. Und daß sie vor Dealern gar keine Angst haben müsse. Sie müsse ihnen ja nichts abkaufen. Nein, mir ist schon klar, daß ich Menschen wie sie nicht überzeugen kann. Aber mir hätte es gut getan, Stellung zu beziehen.

Überhaupt: dieses Aufregen über das Dealen mit Drogen geht mir gewaltig auf den Keks. Man könnte das Problem sehr einfach lösen, indem man Drogen legalisiert, wie es z. B. der ehemalige Regierungschef von Uruguay gemacht hat. Er war ein kluger Mensch, der irgendwann zugeben musste, daß der ganze Kampf gegen Drogen nichts gebracht hatte.

Wären Heroin, Kokain und Cannabis legal zu erhalten, entfiele z. B. die Beschaffungskriminalität. Dann würden Dealer ihre Ware nicht mehr mit gesundheitsschädlichen Stoffen strecken. Die Argumente, die von Gegnern dieser Idee stereotyp vorgebracht werden, sind nicht hieb- und stichfest. Was die Schädlichkeit angeht, ist Alkohol um ein Vielfaches gesundheitsschädigender als Heroin, weil er irreversible Schäden an Leber, Nerven und Gehirn macht, wenn im Übermaß genossen. Aber Alkohol ist legale Droge in Deutschland und es wird hierzulande ziemlich viel gesoffen. Wer nichts trinkt, wird in der Öffentlichkeit komisch angeguckt und muss sich blöde Sprüche anhören. Ich weiß das, weil ich keinen Alkohol trinke.

Daß Cannabis Psychosen auslöst, wird gebetsmühlenartig immer wiederholt, es gibt allerdings vermehrt Zweifel an dieser These. Es ist wohl eher so, daß Menschen mit Psychose gern Cannabis rauchen, um sich selbst zu medizieren. Natürlich können all diese Substanzen zu Abhängigkeiten führen, die sich negativ auswirken. Aber dann dürften Ärzte konsequenterweise auch keine Benzodiazepine und kein Zopiclon verschreiben. Sie machen schnell abhängig und verändern bei Dauergebrauch  wie jedes Suchtmittel die Persönlichkeit. Die Entgiftung von diesen Substanzen dauert erheblich länger als eine Alkoholentgiftung und ist  absolut kein Sonntagsspaziergang, wie ich immer wieder bei unseren Patient*innen erlebe.

Es kotzt mich überhaupt ziemlich an, daß der Staat ständig meint über die Gesundheit der Bürger wachen zu müssen und das mit Verboten und Kriminalisierung erreichen will.

Wie wäre es denn mal mit einem Totalverbot von Glyphosat und von Kohlekraftwerken? Oder ein Verbot des lukrativen Handels mit den extrem gesundheitsschädlichen  Panzern und U-Booten?

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Für die Toten sprechen

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Selenter See

Donna Haraway entwirft im letzten Kapitel von Unruhig bleiben ein Science fiction-Szenario, das sich mit dem Leben auf einer beschädigten Planetin befasst. Interessante Gedanken über artenübergreifendes Leben und Sterben (sie benutzt stimmigerweise immer diese beiden Begriffe zusammen). Arten sind unwiderruflich durch die Handlungen der Menschen verschwunden und es braucht die Sprecher*innen für die Toten, die dafür sorgen, daß sie weiterhin präsent sind. Sie greift dabei auf mexikanische Traditionen am Día de los muertes zurück.

Sie bezieht sich auch auf ein Lied von Starhawk:

„Erhebe deine Stimme.
Schreie. Kreische. Klage.
Wehklage und trauere
über die Zerstückelung der Welt.“

In unserer Kultur mag das Jammern verbreitet sein, ganz sicher auch das Sich-Beklagen. Aber das wirkliche Klagen über diejenigen, die gegangen sind, gehört nicht dazu. Das bedeutet in letzter Konsequenz, daß die Toten, ob Menschen, andere Tiere und verschwundene Arten, nicht mehr in unserem Wahrnehmungsfeld vorkommen und vergessen werden. Klagen ist ein aktiver Akt, notwendig, um die  Gegangenen in lebendiger Erinnerung zu behalten und damit sich Heilung ereignen kann.

Im arabischen Raum gibt es die Kultur der Klageweiber, die genau diese Funktion haben. In der arabischen Astronomie wird der erste Deichselstern des Großen Wagens Benetnash (d. i. Klageweiber) genannt, was ihre Wichtigkeit unterstreicht.

Ich fühle mich als Sprecherin für die als Hexen verbrannten Menschen, und was für die Mexikaner der Día de los muertes, ist für mich Allerheiligen.

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Entscheidung

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I. und ich haben heute Morgen im Restez à table in Kiel gut gefrühstückt und sind anschließend bei schönstem Sonnenschein ins Stadt- und Schifffahrtsmuseum an der Förde gegangen, um uns die Ausstellung Die Stunde der Matrosen – Kiel und die deutsche Revolution 1918 anzusehen. Wir mussten keinen Eintritt bezahlen und bekamen von dem freundlichen Mann an der Kasse noch eine kleine Broschüre zum Thema. Die Ausstellung kann ich empfehlen. Sie beschreibt ausführlich die Ereignisse in Wilhelmshaven, wo der Aufstand seinen Anfang nahm, in Kiel und später in Berlin. Auch damals hat die Sozialdemokratie schon eine schlechte Figur abgegeben und sich nicht auf die Seite der Arbeiter, Soldaten, Matrosen und Frauen gestellt (letztere werden bei der Schilderung der Ereignisse immer gern ausgelassen, aber sie waren auch dabei und eine der Forderungen der Matrosen war das Frauenwahlrecht).

I. hat sich entschieden, eine für sie untragbare Situation zu beenden und ist seitdem guter Dinge. In unserem Gespräch ging es also um Entscheidungen, die frei machen. Auch ich habe eine solche Entscheidung kürzlich getroffen: ich habe einem Mann, der seit Monaten auf einem Treffen beharrt, das ich ihm nicht gewähren will, per Mail die rote Karte gezeigt. Mein mehrfach geäußertes Nein missachtete er bisher. Mittlerweile ist mein Ärger so groß, daß ich meine bisherige Höflichkeit völlig fallenlassen konnte.

Ich hatte in den vergangenen Jahren zweimal eine ähnliche Situation: das erste Mal musste ich auch sehr massiv werden und den Kontakt völlig abbrechen, um endlich meine Ruhe zu haben (es handelte sich um einen langjährige Bekannten), das zweite Mal wurde mein klares Nein relativ schnell hingenommen, aber einen so zähen „Verehrer“ hatte ich noch nie. Natürlich frage ich mich, was an meinem Verhalten dazu geführt hat, daß er nicht locker ließ. Ich war freundlich, habe aber klar gesagt, daß ein Treffen für mich nicht anliegt. Das hat er nicht akzeptiert. Es ist eine schwierige Situation, ich kann diesem Mann nicht völlig aus dem Weg gehen.

I. sagte: „Solange du auf seine Mails antwortest, wird er weitermachen.“ Sie hat Recht. Als ich mein eigenes Verhalten der letzten Monate ihm gegenüber rekapitulierte, entdeckte ich, daß in mir immer noch neben aller Selbstständigkeit und Freiheit das kleine brave Mädchen existiert, daß einem Menschen, der seine Grenzen verletzt, aus Höflichkeit nicht auf die Finger haut, sondern stattdessen versucht, ihn davon zu überzeugen, es in Ruhe zu lassen. Dazu fällt mir ein, wie Ute Schiran in Menschenfrauen fliegen wieder erzählt, daß sie einem Arzt ihren Ellenbogen in den Bauch gerammt hat, als er sie ziemlich störte, während sie mit der Geburt eines ihrer Kinder beschäftigt war. Ich habe sie für diese klare Reaktion bewundert: keine Erklärung, keine Diskussion (mal davon abgesehen geht beides während der Wehen sowieso nicht mehr, da sind nur noch ganz elementare Reptiliengehirnreaktionen möglich), sondern direktes Handeln.

Während ich dieses Blog führe, habe ich gelernt, daß es nicht gut ist, Menschen aus meinem Umkreis vorzuführen, auch dann nicht, wenn ich ihren Namen nicht nenne. In diesem Fall halte ich es anders, ganz bewusst. Ich möchte gern jede Frau ermutigen, konsequent nur auf ihre innere Stimme zu hören. Die sagt die Wahrheit, das ist meine Erfahrung: sie sagt, ob ein Kontakt angenehm oder nicht ist, ob jemand gut für eine ist oder nicht. Wie kann ich erwarten, daß ein anderer mich ernst nimmt, wenn ich selbst das nicht tue. Und wenn einer fortgesetzt Grenzen verletzt, die ihm klar aufgezeigt wurden, sind Höflichkeit und Feundlichkeit völlig fehl am Platz. Ich glaube, wenn wir Frauen aufhören brave Mädchen zu sein, wird es mit den Weinsteins dieser Welt ziemlich schnell vorbei sein.

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ereignisreiche Woche

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Meinen 65. Geburtstag habe ich im Kieler Institut francais verbracht, weil ich den letzten Bildungsurlaubsanspruch vor der Rente nicht verfallen lassen wollte – und natürlich vor allem, weil es mir Spaß macht, mein Französisch weiter aufzupolieren. Das habe ich zwar das ganze Jahr Tag für Tag allein auf unterschiedliche Weise (lesen, hören, schreiben, sprechen) praktiziert, aber zusammen mit anderen und den wirklich tollen  Lehrerinnen bringt es viel mehr. Die Woche hat Spaß gemacht, ich fand das tagtägliche fast ausschließliche Französischsprechen jedoch anstrengender als meine Arbeit im Krankenhaus. Damit ich auch im Englischen nicht nachlasse, habe ich von meinen Kindern zwei Bücher geschenkt bekommen, auf deren Lektüre ich mich schon sehr freue. Sprachenlernen öffnet neue Räume im Gehirn, habe ich mal von einer deutschen Frau  gehört, die nach Italien gezogen ist. Das finde ich auch.

Gestern haben wir zusammen mit anderen Flüchtlingsinitiativen eine Kundgebung gegen die aktuelle Flüchtlingspolitik vorm Kieler Landeshaus gemacht. Anschließend hatten wir einen Termin bei Staatssekretär Geerdts im Innenministerium, dem wir aus Protest unsere Ehrennadeln zurück gaben und der uns etwa eineinhalb Stunden für ein Gespräch zur Verfügung stand. Ich bin ja gegenüber Berufspolitikern immer mehr als skeptisch und das hat sich nach diesem Gespräch nicht wirklich geändert. Dennoch muss ich sagen, daß der Mann uns zugehört hat (das habe ich schon ganz anders erlebt). Die Atmosphäre war gut, es wurde gelacht, vor allem, als Herr Geerdts erzählte, daß der schleswig-holsteinische Ministerpräsident wegen seiner Haltung in der Flüchtlingspolitik der „Anti-Söder“ genannt wird. Das kann er durchaus als Auszeichnung nehmen, finde ich. Zufrieden war ich mit der Aufmerksamkeit, die uns der NDR und die Kieler Nachrichten gaben.

Marlen, die zu meiner Selenter Helfergruppe gehört, besucht eine von ihr betreute afghanische Familie:

https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/schleswig-holstein_magazin/Der-Frust-einer-Fluechtlingshelferin,shmag58550.html

Hier ist unser Auftritt:

https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/schleswig-holstein_magazin/Fluechtlingshelfer-geben-Ehrennadeln-zurueck,shmag58552.html

Und hier gibts noch einen kleinen Radiobeitrag:

https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Fluechtlingshelfer-geben-Auszeichnungen-zurueck,helfer180.html

Alles in allem kann ich sagen: ich habe diese Woche mal wieder erfahren, daß es eine Menge richtig tolle Menschen gibt und darüber freue ich mich sehr!

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Liebste Astrid, jetzt mache ich es wie du und danke dir öffentlich für deine wunderschönen Geburtstagsgrüße! Ich schicke dir viele Küsse durch den Äther und bleibe dir im Herzen verbunden, wo auch immer du dich aufhältst!

Scham

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Gedenktafel an der Feldstraße in Kiel, wo der Zug der roten Matrosen auf dem Weg in die Wik beschossen wurde

Donna Haraway erzählt in Unruhig bleiben, daß sie glaubte in ihrer Menopause Östrogene einnehmen zu müssen, um einem Herzinfarkt vorzubeugen. Sie war damals nicht allein: die Pharmafirmen, die Hormonpräparate für Frauen in den Wechseljahren herstellten, warben damit, daß diese Herzkrankheiten, Osteoporose, Stimmungsschwankungen, Hitzewallungen und andere angebliche Folgen der Menopause verhindern könnten. Anfang dieses Jahrtausends wurde dann endlich publik, daß Östrogene keinen Herzinfarkt verhindern konnten und außerdem verantwortlich für eine signifikante Zunahme an Brustkrebserkrankungen waren. Das Mittel, daß Donna Haraway nahm, heißt Premarin und wird aus dem Urin trächtiger Pferdestuten gewonnen, deren einziger Lebenszweck darin besteht, schwanger in einer engen Box zu stehen und Urin in einen umgeschnallten Auffangbeutel abzugeben. Sie beschreibt in sehr klaren Worten, wie sie über diese tierquälerischen Bedingungen hinweggesehen hat. Ihr Resümee: „Scham ist ein Anstoß für lebenslanges Neudenken und Neuherstellen der eigenen Rechenschaften.“

Zur sogenannten Hormonersatztherapie (HormoneReplacementTherapy): Es ist schon tragisch, wie sich Frauen von den Pharmakonzernen verarschen lassen haben und es noch tun. Man erzählte uns, daß die Wechseljahre mit einem Hormonmangelsyndrom einhergehen, dem man mit Östrogengaben beikommen könne/müsse. Daran hat sich nicht viel geändert: heute arbeiten viele Frauen mit Soja-, Yamswurzel- und anderen östrogenartig wirkenden Pflanzen gegen den angeblichen Hormonmangel in der Menopause an. Und es werden immer noch Hormone aus Pferdeurin gewonnen. Wenn aber wir Frauen anfangen selber zu denken, kommen wir schnell dahinter, daß wir mit den Wechseljahren in einen neuen Lebensabschnitt eintreten, der unsere Physiologie natürlich verändert und daß wir dem mit Akzeptanz, Offenheit und Neugierde begegnen können. Die körperliche Umstellung entspricht in gewisser Weise der Pubertät, nur daß wir mental und psychisch viel besser als in jungen Jahren für diese enorme Metamorphose gerüstet sind . Ich selbst habe starke Hitzewallungen gehabt und sie als spannendes energetisches Erlebnis abgespeichert. Und meine Schlafstörungen waren schlagartig nach der Trennung von meinem Mann vorbei und hatten gar nichts mit Hormonen zu tun. Meine damalige Bibel war übrigens Menopausal Years von Susun S. Weed;  ich kann das Buch wärmstens empfehlen. Unsere Ahninnen wussten schon: es gibt drei Phasen im Leben einer Frau – die weiße, die rote und die schwarze. Mit dem Übergang in die schwarze Phase habe ich Gelassenheit, Zufriedenheit und Lebensfreude gewonnen. Es lohnt sich also, die Wechseljahre als Abenteuer anzunehmen und über den Bullshit vom Hormonmangel laut zu lachen. Im Übrigen kann ich als artenübergreifende Feministin natürlich nicht hinnehmen, daß Pferdefrauen gequält werden, damit Menschenfrauen mit Hormonen versorgt werden.

Zur Scham: sie ist ein sehr unangenehmes Gefühl und ich kenne sie gut. Wie oft erinnere ich mich an Begebenheiten, wo ich andere schlecht behandelt habe, wo ich verbal übergriffig, fordernd, überheblich, beleidigend, belehrend war oder mich einer schlechten Familienangewohnheit, dem Über-andere-reden hingegeben habe. Aber in dem Moment, wo ich Scham fühle, öffnet sich auch die Tür zum Umlernen. Und wenn ich mir zugestehe, daß ich lebenslänglich dazu lerne, kann ich das auch anderen zugestehen.

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Tag der roten Matrosen

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Allerheiligen zog ich zwei Tarotkarten.  Die erste war XVIII Der Turm. Im Haindl-Tarot ähnelt der Turm dem World Trade Center, kurz nachdem eins der beiden Flugzeuge hineingerast ist. Ich zog die zweite Karte in der Hoffnung auf etwas Milderes: Zehn der Schwerter. Beide zusammen also das Worst Case Scenario. Nun glaube ich nicht, daß ich in den Tarotkarten meine Zukunft lesen kann, ich benutze sie eher als Reflektionshilfen. Aber so sehr ich nachdachte, ich konnte sie nicht auf mich beziehen, eher auf die globale Lage. Es fühlte sich jedenfalls nicht gut an.

Am nächsten Tag erfuhr ich, daß der neue brasilianische Präsident den Regenwald Brasiliens zum Ausverkauf freigeben will. Und gestern hörte ich auf NDR Info, daß die finnische Ministerpräsidentin eine neue Bahntrasse von Rovaniemi durch Schweden zum norwegischen Kirkenes bauen lassen will. Dann hätte sie direkten Zugang zum Meer und könnte per Frachtschiff Waren auf dem kurzen Weg durchs Polarmeer nach z. B. Japan und China transportieren lassen. Es ist ja ohnehin schon eine Katastrophe, daß das Nordmeer mittlerweile so eisfrei ist, daß dort Schiffe fahren können. Der Bau der Bahntrasse hätte darüber hinaus fatale Folgen für die Wälder Lapplands und damit für die Rentiere und die Samen. Wenn ich solche Nachrichten höre, wird mir richtig schlecht. Es bestätigt mir mal wieder, daß die ganz gefährlichen Geisteskranken diejenigen sind, die uns regieren. Ich muss auch Frau Merkel dazurechnen, die öffentlich darüber nachdenkt, die Feinstaubgrenzwerte heraufzusetzen, um Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in den Städten zu verhindern. Es geht wie immer um die Wirtschaft, nicht um das Lebendige. Aber wenn demnächst Leben auf dieser Planetin unmöglich geworden ist, wem nützt dann die Wirtschaft? Diese Herrschaften benehmen sich wie Selbstmordattentäter. Wir leben tatsächlich im Kapitalozän, im Zeitalter der Knete.

Diese Nachrichten haben meine Stimmung erst mal für zwei Tage ziemlich gedämpft. Am Donnerstag, während meines wöchentlichen Yoga-Abends in Kiel kreisten zwei Stunden lang einer oder mehrere Hubschrauber über uns. Das verstärkte das unbehagliche Gefühl noch. Am nächsten Tag erfuhr ich dann, daß die Polizei per Hubschrauber nach Einbrechern gefahndet hatte.

Aber gestern habe ich mich gefreut. In den Kieler Nachrichten, die ich manchmal in der Klinik lese, wurde ausführlich über die Kieler Matrosen berichtet, die heute vor 100 Jahren einen Aufstand machten, indem sie sich weigerten auf ihre Schiffe zu gehen und als Kanonenfutter zu dienen. Man nennt sowas Meuterei, aber für mich sind sie die wahren Helden der Geschichte. Ihr Aufstand war der Beginn der Novemberrevolution und hat zum Ende des Ersten Weltkrieges und des Kaiserreichs geführt. In Folge haben sich in diversen Städten Arbeiter- und Soldatenräte gebildet. Und für kurze Zeit sah es so aus, als bräche eine herrschaftsfreie Zeit in Deutschland an. Am Kieler Jensendamm wurde 1982 ein Denkmal ihnen zu Ehren eingeweiht. Die CDU-Fraktion verweigerte allerdings ihre Teilnahme, da es sich bei dem Aufstand ja um etwas Illegales gehandelt habe. Das spricht für sich. Immerhin heißt der Platz vor dem Kieler Hauptbahnhof Platz der Kieler Matrosen.

In der Vergangenheit haben oft diejenigen, die sich nicht an Gesetz und Ordnung sondern an ihrer eigenen inneren Stimme, ihrem Herzen oder wie auch immer man diese Instanz nennen möchte, orientiert haben, eine entscheidende Wendung im Weltgeschehen herbei geführt.

"In Erwägung unsrer Schwäche machtet
ihr Gesetze, die uns knechten solln. 
Die Gesetze seien künftig nicht beachtet
in Erwägung, daß wir nicht mehr Knecht sein wolln.
In Erwägung, daß ihr uns dann eben
mit Gewehren und Kanonen droht, 
haben wir beschlossen, nunmehr schlechtes Leben
mehr zu fürchten als den Tod."

(aus dem Lied der Kommunarden von Bert Brecht)
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Bei allem Wahnsinn der Menschheit hatte ich heute doch einen schönen Tag. Die Sonne schien, ich arbeitete mit der Sense vorm Haus. Spaziergänger und Nordic Walker gingen vorbei. Man begrüßte sich, lächelte sich an und mit einem Ehepaar kam ich ins Gespräch. Je älter ich werde, desto mehr weiß ich Small Talk zu schätzen (wenn er nicht zu lange dauert, versteht sich). Was zählt, ist diese ganz alltägliche Freundlichkeit, die Menschen sich entgegen bringen können. Das kostet nichts und fühlt sich gut an.

 

Die Verwandtschaft der Arten

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Zur Zeit lese ich ein Buch, auf das ich Dank der Oya aufmerksam geworden bin: Unruhig bleiben – die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän von Donna J. Haraway. Ich bin erst beim zweiten Kapitel, finde es aber jetzt schon äußerst spannend. Die Autorin, Biologin und Denkerin benutzt eine eigenwillige Sprache, die eine gewisse Zeit des Eingewöhnens abverlangt, aber in sich schlüssig ist. Mir gefällt neben ihrem radikalen Wortverständnis (sie geht den Worten wirklich an die Wurzel und die Übersetzerin leistet Großes, um das ins Deutsche zu bringen. Ein Beispiel: Art-Genosse, im Originaltext companion species, als die Wesen, mit denen ich zusammen esse – Companion ist etymologisch der, mit dem ich mein Brot teile) ihre Fähigkeit, Fäden zu spinnen zu so unterschiedlichen Denker*innen, Schriftsteller*innen, Künstler*innen und Aktivist*innen wie Karl Marx, Isabelle Stengers, Lynn Margulis, Starhawk, Ursula K. Le Guin, der – von mir sehr geschätzten – Annie Sprinkle und vielen anderen mehr. Zugleich spinnt sie verschiedene Disziplinen zusammen: Biologie, Soziologie, Feminismus, Kunst, Philosophie usw. Ihr Vorgehen nennt sie Fadenspiele (engl.: cat’s cradle, franz.: jeux de ficelle), bei denen mit einem Faden und zehn Fingern Muster gebildet werden, die an ein zweites oder beliebig viele Paar Hände gereicht und dort weiter gesponnen werden. Dabei ist sie persönlich, humorvoll und inspirierend. Eine kleine Leseprobe:

„Das Humane als Humus hat Potenziel, wenn es gelingt, das Humane als Homo zu zerhacken und zu zerschreddern, dieses stagnierende Projekt eines sich selbst erzeugenden und den Planeten zerstörenden Unternehmers. (…) Die ökosexuellen Künstlerinnen Beth Stephens und Annie Sprinkle haben einen Autoaufkleber für mich (…) gemacht: ‚Composting is so hot!‘ “

So, jetzt wird es Zeit fürs Ahn*innenfest. Meine Ahn*innen befinden sich sowohl in der menschlichen als auch in der mehr-als-menschlichen Welt: Mineralien, Bakterien, Flechten, Pflanzen, Tiere und viele mehr. Ihnen allen wird dieser Abend gelten.

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Der Himmel vor dem Dunklen Fest