Raunächte II

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Die Raunächte habe ich dieses Jahr eigenmächtig verlängert. Nachdem ich zunächst einige Zeit gebraucht habe, um von meinem Immer-aktiv-Modus herunterzukommen, tat es mir merklich gut, nur das Nötigste zu tun (die Grundordnung in meiner Wohnung aufrecht zu erhalten, einkaufen, Essen kochen, zur Arbeit fahren) und ansonsten einfach nur rumsitzen, lesen (ich habe Massen von tollen Büchern zu Weihnachten bekommen),  stricken und tagträumen. Kein Yoga, kein Französischüben, einfach nur meinen Impulsen nachgeben. Neulich habe ich irgendwo gelesen, daß irgendwelche Hirnforscher vermuten, daß regelmäßiges Meditieren möglicherweise die Fähigkeit zum Tagträumen behindert. Das kann ich mir gut vorstellen: Tagträumen ist etwas, was ungeplant geschieht. Jedes Kind kennt das: plötzlich driftet die Aufmerksamkeit in innere Welten, der Blick wird leer, die Außenwelt spielt keine Rolle mehr. Manche sagen, Tagträumen dient dazu, das Gehirn zu entrümpeln. Alle meine Versuche, mich einer regelmäßigen Meditationspraxis zu unterwerfen, sind bisher nach kurzer Zeit an Lustlosigkeit gescheitert. Vielleicht sind aber auch die Zustände, die ich gelegentlich bei bestimmten Tätigkeiten erreiche, etwa beim Stricken, beim Kochen, bei der Gartenarbeit, meine ganz persönlichen Meditationserfahrungen.

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Gestern sind I. und ich mit der Bahn nach Hamburg gefahren. Wir haben im Café Paris in der Nähe des Rathauses Kaffee getrunken: rappelvoll, freundliche Bedienung und interessantes Jugendstilambiente. Bei GEA habe ich eine Matratze bestellt, vorher natürlich zur Probe gelegen. Da ich seit einigen Jahren auf der Seite liegend schlafe, nicht wie früher auf dem Bauch, brauche ich eine weichere Unterlage. GEA ist übrigens ein toller Laden: sie verkaufen dort Waldviertler-Schuhe und Möbel und das Personal ist freundlich und entspannt. Dann fuhren wir mit der S-Bahn in die Schanze und ergatterten ein paar hübsche Schnäppchen bei Paul und Piske, die ich auch empfehlen kann. Sie nähen einen Teil ihrer Sachen selber. Drumherum herrscht immer noch das schanzentypische Anarchoambiente, wenn auch hier leider die Gentrifizierung begonnen hat. Das merkten wir, als wir zum Schanzenstern in der Bartelstraße gingen und dort statt des ehemaligen Biorestaurants eine Pizzeria fanden. Aus dem Internet erfuhr ich, daß die Pächter des Schanzensterns die drastisch erhöhten Mieten nicht mehr zahlen konnten.

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Seltsame Treppe im Schanzenhof

Raunächte

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Mit dem Holzstapeln bin ich vor Weihnachten fertig geworden.

Über die Feiertage waren mein Sohn, seine Freundin, meine Tochter und Maatin da. Es ist immer wieder erstaunlich, wie es mit fünf Menschen, einer Katze und ohne Spülmaschine über einige Tage gut geht. Ich freue mich, daß meine Kinder kommen wollen. Ich selbst habe irgendwann beschlossen, nicht mehr bei meinen Eltern Weihnachten zu feiern: es gab jedesmal Stress, weil meine Mutter überfordert war, sich aber auch nicht helfen ließ. Dieses Jahr machte ich allerdings genau an Heiligabend schlapp. Ich hatte mir einige Tage vorher eine Erkältung zugezogen – die ganze Station war verschnupft – und nachdem ich die Wildschweinkeule und den Rotkohl zubereitet hatte, saß ich völlig erschöpft am Tisch. Das Essen schmeckte nach nichts. Ich konnte gar nicht nachvollziehen, warum die anderen es in höchsten Tönen lobten. Mein Sohn sagte: „Leg dich mal lieber ins Bett, wir machen die Bescherung dann eben morgen.“ Er sprach mir aus tiefster Seele. Ich legte mich hin und schlief mit Unterbrechungen, schniefte, hustete und hatte Gliederschmerzen. Nach zwölf Stunden Schlaf ging es mir besser. Letztes Jahr hatte ich um diese Zeit eine Gürtelrose. Sollte mir das zu denken geben?

Am Mittwoch fuhren mein Sohn und seine Freundin nach Hause, am Donnerstag Maatin und gestern Katharina. Raunächte hin oder her: ich habe heute Ordnung gemacht und Staub gesaugt. Das Bedürfnis, meine Wohnung wieder in einen überschaubaren Zustand zu versetzen war größer als die Befürchtung, daß Frau Holle mir einen üblen Streich spielen würde, weil ich arbeitete.

Eine Leserin hat mich gefragt, wie ich dazu käme, mich als Sprecherin für die verbrannten Hexen zu bezeichnen. Als ich das geschrieben habe, habe ich nicht über meine Beweggründe nachgedacht. Ich beschäftige mich seit den 80er Jahren mit dem Thema Hexenverfolgung in Mitteleuropa. Damals begann die spirituelle Frauenbewegung sich dieses Kapitels unserer Geschichte anzunehmen. Im Schulunterricht spielte es keine Rolle, im Religionsunterricht schon gar nicht. Während mittlerweile der Nationalsozialismus mehr oder minder gut aufgearbeitet wird, ist die Massenvernichtung von überwiegend Frauen innerhalb eines Zeitraum von ca. 500 Jahren immer noch kein öffentliches Thema. Das ist einer meiner Beweggründe, warum ich für die Gefolterten und Verbrannten spreche. Ich möchte, daß sie nicht vergessen werden.

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Alltag

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Als ich jünger war, habe ich mir rauschhafte Erlebnisse (ich nannte sie damals kicks und thrills) gewünscht. Die gab es auch durchaus, aber eben nicht so häufig, wie ich es wollte. Mittlerweile freue ich mich viel häufiger und zwar über die schönen Begebenheiten, die der Alltag mit sich bringt. Ich weiß nicht, ob solche Begebenheiten sich öfter als früher ereignen oder ob ich sie einfach viel eher wahrnehme. Vielleicht ist es auch einfach die Resonanz darauf, daß ich insgesamt viel zufriedener und mit mir selbst im Reinen bin. Wie auch immer, gestern war mal wieder so ein ganz normaler und erfreulicher Tag.

Morgens trank ich im Dunkeln draußen meinen Kaffee. Als ich wieder im Haus war, sah ich ein beeindruckendes Morgenrot im Südosten, einfach nur schön. Ich fuhr nach Kiel zu meiner tollen Osteopathin, die mich mit sanften Berührungen behandelte, während ich in einen Dämmerzustand glitt, in dem ich viele Bilder sah. Ich kann mich nur noch an einen riesigen bunt dekorierten Vanillepudding erinnern. Nach der Behandlung war mir allerdings eher nach etwas Herzhaften: ich fuhr zum Fischladen am Blücherplatz. Das ist der beste Fischhändler, den ich kenne und erinnert mich an die Markthalle in Göteborg mit ihren vielen Fischständen. Ich kaufte die Zutaten für Sushi (das Maatin am Wochenende zubereiten will). Als ich nach Surimi fragte, sagte der Mann hinter der Theke, daß ich eine Kilopackung nehmen müsse, da sonst nie jemand Surimi kaufe. Ich fragte, warum er es dann vorrätig halte. Weil er einen Salat mit Ingwer daraus machte, „der ist superlecker“. Seine Kollegin bestätigte das sofort. Kurzentschlossen schenkte er mir eine kleine Portion Surimi-Ingwer-Salat und packte alles zusammen mit dem Fischbrötchen, das ich mir zum Frühstück leistete, in eine Papiertüte. Und wie er das machte! „Das Fischbrötchen obenauf, das essen Sie doch sicher gleich. Und dann lege ich Ihnen noch ein paar Papiertücher dazu.“ Der Mann hat Spaß an seiner Arbeit und er liebt die Dinge, die er zubereitet und verkauft, das war unübersehbar. Wir lachten alle und ich ging gut gelaunt aus dem Laden.  Fischbrötchen und Salat waren köstlich. Allerdings habe ich auf der Packung gelesen, was in Surimi alles drin ist außer Fisch- und Krebsresten. Üblicherweise kommen keine Nahrungsmitteln mit so vielen Zusatzstoffen in meine Küche, aber diese Ausnahme muss mal sein. Maatins Sushi ist einfach zu lecker.

Dann musste ich zu Ikea, meine Tochter hatte mich beauftragt, etwas für sie zu besorgen. Ich hasse Ikea und bin extrem selten dort. Früher war das anders: als ich 1979 nach dem Examen endlich ein akzeptables Gehalt bekam, habe ich bei Ikea eingekauft und peu à peu unsere aus Sperrmüll bestehende Wohnungseinrichtung ersetzt. Als ich auf den Parkplatz fuhr, ahnte ich Schlimmes. Überall standen SUVs im Halteverbot. Aber dann fand ich ohne Probleme einen Parkplatz, ging durch den Kassenbereich in den Laden, fragte einen Angestellten nach dem Teil, das ich besorgen sollte, fand es sofort, passierte die langen Schlangen an den Kassen und ging an die Stelle, wo eine ihre Waren selbst einscannen kann. Ich war in zehn Minuten mit Ikea fertig und saß schon wieder im Auto und das im fettesten Weihnachtsrummel!

Ich muss mal wieder ein Buch empfehlen: Lieb und teuer von Ilan Stephani. Die Autorin hat zwei Jahre in einem Bordell in Berlin gearbeitet und ihre Erlebnisse sowie die Schlüsse, die sie daraus gezogen hat, aufgeschrieben. Das ist so spannend und anregend zu lesen, räumt mit so vielen Klischees über Huren und Freier auf, geht sehr in die Tiefe, lässt jegliche Moral außen vor und ist überaus klug geschrieben. Und es macht ganz deutlich, daß Männer nicht die Feinde von Frauen sind. Mir hat es mal wieder bestätigt, daß wir ein schönes Leben gemeinsam mit den Männern schaffen müssen und können.

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Sorge- und Pflegearbeit

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Unter der Plane liegt das Holz, das noch im Schuppen gestapelt werden muss.

Heute las ich in der neuen Oya einen Schriftwechsel zwischen einer Leserin und einer Frau aus dem Redaktionsteam, der mich beim Holzstapeln sehr beschäftigt hat. Die Leserin fragt, warum man Charles Eisenstein im Gespräch mit Oprah Winfrey über Schenkökonomie hören kann und warum nicht seine Mutter da sitzt.  Natürlich ist die Frage schnell beantwortet: weil Charles Eisenstein mehrere Bücher über dieses Thema geschrieben hat, die er dann auch noch als Geschenk auf seine Homepage gestellt hat und darüber hinaus ziemlich eloquent ist. Es geht ja um etwas anderes: daß nämlich das, was heutzutage Schenkökonomie genannt wird, immer schon praktiziert wurde, nämlich von den Müttern. Ein Kind gebären, es stillen und für seine sonstigen Bedürfnisse sorgen, bis es groß genug ist, das für sich selbst zu tun, ist Schenkökonomie. Diese Tatsache nimmt unsere Kultur mit so großer Selbstverständlichkeit, daß es dafür  keine Würdigung gibt. Wohl aber jede Menge Kritik und Tadel, wenn Mütter aus der Rolle fallen und die von ihnen erwartete Pflege- und Sorgearbeit nicht erbringen. Analog dazu sehe ich das Verhalten der weißen Gattung gegenüber der Erde, die uns mit Nahrung, Luft und Schönheit beschenkt und dafür nicht nur keine Wertschätzung erfährt, sondern bis zur Erschöpfung ausgebeutet wird. Übrigens gibt es auch eine weibliche Denkerin zum Thema Schenkökonomie, Genevieve Vaughan, die ich ebenso wie die sehr geschätzte Veronika Bennholdt-Thomsen beim Muttergipfel in Karlsruhe  kennen gelernt habe. Allerdings ist Genevieves Buch For-Giving – Schenken und vergeben wahnsinnig anstrengend zu lesen.

Mir fiel beim Lesen eine Begebenheit ein, die mittlerweile etwa ein Dreivierteljahr zurück liegt. Auf dem Treffen meines Imkervereins wurde ein neuer Vorstand gewählt. Der scheidende Vorsitzende würdigte diejenigen, die ihn mit Rat, Tat und ihrer Zeit unterstützt hatten, mit warmen Worten und einem schönen Bildband über Bienen. Als alle Bücher überreicht waren und der nächste Tagesordnungspunkt dran war, fühlte ich einen Stich im Herzen. Ich habe im letzten Jahr den FÖJler meines Imkervereins betreut. Ich hatte mich aus Sympathie für Verein und Vorsitzenden dazu bereit erklärt. Das bedeutete, daß ich etwa ein Jahr ungefähr alle drei Wochen zum Kollhorst in Kiel fuhr, wo der FÖJler stationiert war, mit ihm sprach und ihm zuhörte, mir seine Projekte und was er im Imkerkurs gelernt hatte zeigen ließ. Das war keine große Sache, aber eben auch keine kleine, denn ich schenkte ihm meine Zeit und Aufmerksamkeit, ich lernte diesen jungen Mann ein wenig kennen und stand ihm zur Verfügung. Die typische mütterliche Sorgearbeit also.

Daß ich nun bei diesem Imkertreffen mit keinem Wort erwähnt wurde, hat mich geschmerzt. Ich habe das schnell vergessen, aber heute war der Schmerz plötzlich wieder ganz präsent. Ich habe den ehemaligen Vorsitzenden in all den Jahren als aufmerksamen, achtsamen und tiefgründigen Menschen kennen gelernt und unterstelle ihm nichts Schlechtes. Aber auch hier wird wieder deutlich, daß Pflegen und Sorgen unsichtbare Tätigkeiten sind. Sie werden nur wahrgenommen, wenn sie unterbleiben. Dafür kenne ich aus meiner alltäglichen Arbeit viele Beispiele: wenn die Servicekräfte auf der Station wegen Arbeitsüberlastung nur unzureichend putzen, wenn ich im Nachtdienst Beschimpfungen von Patienten anhören muss, weil die Klobrille in der Männertoilette mal wieder mit Kacke beschmiert ist, wenn ich mich weigere, den Kaffee schon um fünf Uhr morgens in den Tagesraum zu stellen.

Die Arbeit von Putzfrauen und -männern, Krankenschwestern und -pflegern, Altenpfleger*innen, Erzieher*innen und Hebammen ist lebensnotwendig und unsichtbar. Ohne sie gäbe es keinen monströs gut verdienenden Klinikchef und keinen auch recht üppig bezahlten Geschäftsführer. Sie stehen auf unseren Schultern. Sorge- und Pflegearbeiter*innen bekommen ein eher bescheidenes Gehalt bei ziemlich asozialen Arbeitszeiten und sich rasant verschlechternden Arbeitsbedingungen. Mütter bekommen für ihre Arbeit gar kein Geld.

Und die Erde? Ich bin durch Donna Haraway auf eine Inuit-Kehlkopfsängern aus Kanada aufmerksam geworden, Tanya Tagaq. Sehr faszinierend! Im Song Fracking vom Album Animism gibt sie der gequälten Erde ihre Stimme. Gibt’s auf YouTube. Das geht sehr unter die Haut.

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Gesundheitsschädlich

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Im Dezember blühen noch Ackerringelblumen

Vor einigen Tagen wurde ich in Selent von einer mir vom Sehen bekannten Frau angesprochen: „Ich habe Sie im Fernsehen gesehen.“ Sie lobte den Beitrag und äußerte ihr Mitgefühl mit der afghanischen Familie, die einen Negativ-Bescheid vom BAMF bekommen hat. „Das ist so eine nette Familie, warum können die nicht hierbleiben.“ Dann erzählte sie, wenn sie in Hamburg am Bahnhof sei, hätte sie Angst „vor diesen Männern da“. Außerdem verkauften sie Drogen, warum die Polizei da nichts mache. Erst langsam begriff ich, daß sie nicht von Deutschen sondern von Migranten redete. Das Gespräch, das so wohlwollend angefangen hatte, hinterließ ein unangenehmes Gefühl in mir. Einmal deshalb, weil ich vermute, daß ich da „Volkes Meinung“ gehört habe, daß nämlich ausländische Männer Gefahr bedeuten und potentielle Verbrecher sind. Zweitens, weil ich nicht klar und deutlich Stellung bezogen habe.

Was hätte ich ihr sagen können? Daß viel mehr Gewaltverbrechen von deutschen Männern begangen werden, daß aber Gewalttaten von Migranten in der Berichterstattung ganz weit vorn ständen und damit Meinung gemacht werde. Daß am Hamburger Bahnhof auch Deutsche mit Drogen handeln und zwar schon seit Jahrzehnten. Und daß sie vor Dealern gar keine Angst haben müsse. Sie müsse ihnen ja nichts abkaufen. Nein, mir ist schon klar, daß ich Menschen wie sie nicht überzeugen kann. Aber mir hätte es gut getan, Stellung zu beziehen.

Überhaupt: dieses Aufregen über das Dealen mit Drogen geht mir gewaltig auf den Keks. Man könnte das Problem sehr einfach lösen, indem man Drogen legalisiert, wie es z. B. der ehemalige Regierungschef von Uruguay gemacht hat. Er war ein kluger Mensch, der irgendwann zugeben musste, daß der ganze Kampf gegen Drogen nichts gebracht hatte.

Wären Heroin, Kokain und Cannabis legal zu erhalten, entfiele z. B. die Beschaffungskriminalität. Dann würden Dealer ihre Ware nicht mehr mit gesundheitsschädlichen Stoffen strecken. Die Argumente, die von Gegnern dieser Idee stereotyp vorgebracht werden, sind nicht hieb- und stichfest. Was die Schädlichkeit angeht, ist Alkohol um ein Vielfaches gesundheitsschädigender als Heroin, weil er irreversible Schäden an Leber, Nerven und Gehirn macht, wenn im Übermaß genossen. Aber Alkohol ist legale Droge in Deutschland und es wird hierzulande ziemlich viel gesoffen. Wer nichts trinkt, wird in der Öffentlichkeit komisch angeguckt und muss sich blöde Sprüche anhören. Ich weiß das, weil ich keinen Alkohol trinke.

Daß Cannabis Psychosen auslöst, wird gebetsmühlenartig immer wiederholt, es gibt allerdings vermehrt Zweifel an dieser These. Es ist wohl eher so, daß Menschen mit Psychose gern Cannabis rauchen, um sich selbst zu medizieren. Natürlich können all diese Substanzen zu Abhängigkeiten führen, die sich negativ auswirken. Aber dann dürften Ärzte konsequenterweise auch keine Benzodiazepine und kein Zopiclon verschreiben. Sie machen schnell abhängig und verändern bei Dauergebrauch  wie jedes Suchtmittel die Persönlichkeit. Die Entgiftung von diesen Substanzen dauert erheblich länger als eine Alkoholentgiftung und ist  absolut kein Sonntagsspaziergang, wie ich immer wieder bei unseren Patient*innen erlebe.

Es kotzt mich überhaupt ziemlich an, daß der Staat ständig meint über die Gesundheit der Bürger wachen zu müssen und das mit Verboten und Kriminalisierung erreichen will.

Wie wäre es denn mal mit einem Totalverbot von Glyphosat und von Kohlekraftwerken? Oder ein Verbot des lukrativen Handels mit den extrem gesundheitsschädlichen  Panzern und U-Booten?

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Für die Toten sprechen

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Selenter See

Donna Haraway entwirft im letzten Kapitel von Unruhig bleiben ein Science fiction-Szenario, das sich mit dem Leben auf einer beschädigten Planetin befasst. Interessante Gedanken über artenübergreifendes Leben und Sterben (sie benutzt stimmigerweise immer diese beiden Begriffe zusammen). Arten sind unwiderruflich durch die Handlungen der Menschen verschwunden und es braucht die Sprecher*innen für die Toten, die dafür sorgen, daß sie weiterhin präsent sind. Sie greift dabei auf mexikanische Traditionen am Día de los muertes zurück.

Sie bezieht sich auch auf ein Lied von Starhawk:

„Erhebe deine Stimme.
Schreie. Kreische. Klage.
Wehklage und trauere
über die Zerstückelung der Welt.“

In unserer Kultur mag das Jammern verbreitet sein, ganz sicher auch das Sich-Beklagen. Aber das wirkliche Klagen über diejenigen, die gegangen sind, gehört nicht dazu. Das bedeutet in letzter Konsequenz, daß die Toten, ob Menschen, andere Tiere und verschwundene Arten, nicht mehr in unserem Wahrnehmungsfeld vorkommen und vergessen werden. Klagen ist ein aktiver Akt, notwendig, um die  Gegangenen in lebendiger Erinnerung zu behalten und damit sich Heilung ereignen kann.

Im arabischen Raum gibt es die Kultur der Klageweiber, die genau diese Funktion haben. In der arabischen Astronomie wird der erste Deichselstern des Großen Wagens Benetnash (d. i. Klageweiber) genannt, was ihre Wichtigkeit unterstreicht.

Ich fühle mich als Sprecherin für die als Hexen verbrannten Menschen, und was für die Mexikaner der Día de los muertes, ist für mich Allerheiligen.

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Entscheidung

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I. und ich haben heute Morgen im Restez à table in Kiel gut gefrühstückt und sind anschließend bei schönstem Sonnenschein ins Stadt- und Schifffahrtsmuseum an der Förde gegangen, um uns die Ausstellung Die Stunde der Matrosen – Kiel und die deutsche Revolution 1918 anzusehen. Wir mussten keinen Eintritt bezahlen und bekamen von dem freundlichen Mann an der Kasse noch eine kleine Broschüre zum Thema. Die Ausstellung kann ich empfehlen. Sie beschreibt ausführlich die Ereignisse in Wilhelmshaven, wo der Aufstand seinen Anfang nahm, in Kiel und später in Berlin. Auch damals hat die Sozialdemokratie schon eine schlechte Figur abgegeben und sich nicht auf die Seite der Arbeiter, Soldaten, Matrosen und Frauen gestellt (letztere werden bei der Schilderung der Ereignisse immer gern ausgelassen, aber sie waren auch dabei und eine der Forderungen der Matrosen war das Frauenwahlrecht).

I. hat sich entschieden, eine für sie untragbare Situation zu beenden und ist seitdem guter Dinge. In unserem Gespräch ging es also um Entscheidungen, die frei machen. Auch ich habe eine solche Entscheidung kürzlich getroffen: ich habe einem Mann, der seit Monaten auf einem Treffen beharrt, das ich ihm nicht gewähren will, per Mail die rote Karte gezeigt. Mein mehrfach geäußertes Nein missachtete er bisher. Mittlerweile ist mein Ärger so groß, daß ich meine bisherige Höflichkeit völlig fallenlassen konnte.

Ich hatte in den vergangenen Jahren zweimal eine ähnliche Situation: das erste Mal musste ich auch sehr massiv werden und den Kontakt völlig abbrechen, um endlich meine Ruhe zu haben (es handelte sich um einen langjährige Bekannten), das zweite Mal wurde mein klares Nein relativ schnell hingenommen, aber einen so zähen „Verehrer“ hatte ich noch nie. Natürlich frage ich mich, was an meinem Verhalten dazu geführt hat, daß er nicht locker ließ. Ich war freundlich, habe aber klar gesagt, daß ein Treffen für mich nicht anliegt. Das hat er nicht akzeptiert. Es ist eine schwierige Situation, ich kann diesem Mann nicht völlig aus dem Weg gehen.

I. sagte: „Solange du auf seine Mails antwortest, wird er weitermachen.“ Sie hat Recht. Als ich mein eigenes Verhalten der letzten Monate ihm gegenüber rekapitulierte, entdeckte ich, daß in mir immer noch neben aller Selbstständigkeit und Freiheit das kleine brave Mädchen existiert, daß einem Menschen, der seine Grenzen verletzt, aus Höflichkeit nicht auf die Finger haut, sondern stattdessen versucht, ihn davon zu überzeugen, es in Ruhe zu lassen. Dazu fällt mir ein, wie Ute Schiran in Menschenfrauen fliegen wieder erzählt, daß sie einem Arzt ihren Ellenbogen in den Bauch gerammt hat, als er sie ziemlich störte, während sie mit der Geburt eines ihrer Kinder beschäftigt war. Ich habe sie für diese klare Reaktion bewundert: keine Erklärung, keine Diskussion (mal davon abgesehen geht beides während der Wehen sowieso nicht mehr, da sind nur noch ganz elementare Reptiliengehirnreaktionen möglich), sondern direktes Handeln.

Während ich dieses Blog führe, habe ich gelernt, daß es nicht gut ist, Menschen aus meinem Umkreis vorzuführen, auch dann nicht, wenn ich ihren Namen nicht nenne. In diesem Fall halte ich es anders, ganz bewusst. Ich möchte gern jede Frau ermutigen, konsequent nur auf ihre innere Stimme zu hören. Die sagt die Wahrheit, das ist meine Erfahrung: sie sagt, ob ein Kontakt angenehm oder nicht ist, ob jemand gut für eine ist oder nicht. Wie kann ich erwarten, daß ein anderer mich ernst nimmt, wenn ich selbst das nicht tue. Und wenn einer fortgesetzt Grenzen verletzt, die ihm klar aufgezeigt wurden, sind Höflichkeit und Feundlichkeit völlig fehl am Platz. Ich glaube, wenn wir Frauen aufhören brave Mädchen zu sein, wird es mit den Weinsteins dieser Welt ziemlich schnell vorbei sein.

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