Rechtschaffenheit

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Ich freue mich, daß die Wespen auch dieses Jahr wieder bei mir wohnen.

Mein gestriger innerer Aufruhr entlud sich nicht nur in einem wütenden Post und  manischem Gehacke im Garten sondern auch in einem Wortschwall gegenüber Nachbarin M., die unerwartet vor meiner Tür stand. Eine Freundin musste auch noch dran glauben, als sie anrief, um ein Treffen zu vereinbaren. All diese Entladungen halfen mir nicht wirklich runter zu kommen. Spät abends nahm ich mir dann, einer Eingebung folgend, mal wieder Charles Eisensteins Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich vor. Dieses Buch ist meine derzeitige Bibel, die ich ab und zu an beliebiger Stelle aufschlage, um darin Anregungen zu finden.

Ich schlug das Kapitel Rechtschaffenheit auf. Wie passend! Ich las und sofort fiel ein Wahrnehmungsfilter von mir. Er schreibt:

„Viele Leute (ich hoffe, ich bin nicht der Einzige!) treffen ethisch oder moralisch erscheinende Entscheidungen mit einem geheimen Ziel im Hinterkopf: um sich selbst und anderen ihre Tugend zu beweisen; um sich die Erlaubnis zu geben, sich selbst zu mögen und gutzuheißen. Untrennbar mit diesem Ziel verbunden ist die Wertungsmentalität all jenen gegenüber, die nicht dieselben Entscheidungen treffen. „Ich bin ein guter Mensch, weil ich recycle (im Gegensatz zu manch anderen).“ „Ich bin ein guter Mensch, weil ich Veganer bin.“ „Ich bin ein guter Mensch, weil ich Frauenrechte unterstütze.“ (…) Wir selbst nehmen unsere Selbstgerechtigkeit nicht wahr, aber andere können sie zehn Meter gegen den Wind riechen. Die Feindseligkeit, die Aktivistinnen und Gutmenschen erregen, hat uns etwas zu sagen. Sie ist ein Spiegel für unsere eigene Gewalttätigkeit.“

Wenn ich den polemischen Umgang von Politiker*innen im Bundestag und anderen Gremien mitbekomme, fühlt sich das immer ziemlich ekelig an. Da beschimpfen sich Menschen gegenseitig offensichtlich nur, um selbst gut dazustehen und Lachen und Beifall dafür zu ernten. Nichts in Deutschland und in der Welt wird besser durch diese verbalen Attacken.

Jetzt ertappe ich mich selbst bei polemischen Tönen. Das Problem dabei ist, daß derjenige, der polemisiert, sich im Recht und auf der Seite der Guten findet. Folgerichtig sind die Angegriffenen die Bösen. Das findet die andere Seite logischerweise umgekehrt genauso. Und das ist Kriegsmentalität. Seit mindestens 2000 Jahren findet dieser Krieg zwischen dem vermeintlich Guten und dem vermeintlich Bösen statt. Weder hat er zu einer schöneren Welt noch zum Ende des Krieges geführt. Und wenn wir glauben – ich bin davon überzeugt – daß wir alle Teil des gleichen Organismus (Erde, Kosmos, All) sind, dann ist es Symptom einer schwerwiegenden Erkrankung (Krebs auf globaler Ebene) diesen Kampf zu führen.

Wir alle habe die Kriegsmentalität verinnerlicht. Ich verurteile mich nicht dafür, ich bin dankbar, daran erinnert worden zu sein. Aufmerksamkeit ist der erste Schritt zur Veränderung. Vielen Dank, Charles!

Als Psychiatrieschwester arbeite ich in einer Institution, die strukturelle Gewalt ausübt. Daran hat auch die Psychiatriereform nichts geändert. Vieles ist besser geworden, aber wir sperren immer noch Menschen ein, die nicht bei uns sein wollen. Wir fixieren immer noch Patient*innen, wenn uns keine bessere Reaktion mehr auf ihre durch Wahn, Delir oder panische Angst motivierte Gewalttätigkeit einfällt. Wir arbeiten in den Psychiatrien immer noch mit Medikamenten, die man selbst nicht freiwillig nehmen würde und mit der berüchtigten weißen Wolke (so heißt die in Minutenschnelle herbeiströmende Masse an Pflegepersonen und Ärzt*innen, wenn Alarm ausgelöst wurde. Diese Übermacht veranlasst Patienten oft schon „freiwillig“ in die Fixierung zu gehen). Wenn ich also denke, daß die Polizei gestapomäßig arbeitet, muss ich auch an das denken, was ich bei meiner eigenen Arbeit mache.

Das ändert nichts daran, daß ich die Abschiebung der albanischen Familie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion entsetzlich finde. Das ändert nichts daran, daß ich weiterhin dafür arbeiten werde, daß Geflüchtete hier bleiben können. Das ändert nichts daran, daß ich meine Energie dafür verwende, eine schönere Welt zu schaffen.

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