Knetozän

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Heute auf dem Weg zur Arbeit fing es an zu regnen. In Kiel kam ein ordentlicher Schauer runter, auf dem Heimweg am späten Abend gleich noch einmal. Ich freute mich: endlich Regen für den durstigen Boden. Aber zu Hause musste ich feststellen, daß hier kein Tropfen gefallen ist. Ich habe jetzt angefangen zu gießen, weil die Dicken Bohnen schon anfangen schlapp zu machen.

Von Harald Welzer stammt der Begriff Knetozän für unser Zeitalter der rasanten Zerstörung des Lebendigen. Der gefällt mir viel besser als der mittlerweile immer häufiger gebrauchte Begriff Anthropozän. Denn Menschen gibt es schon recht lange, aber die große Vernichtung fing erst mit der Herrschaft des Kapitalismus, also der Knete, an.

Vor einigen Tagen hörte ich auf der Heimfahrt im Radio die Übertragung einer Veranstaltung in Braunschweig, in der es um die Wölfe in Deutschland ging. Ein paar Experten beantworteten Fragen. Eine war: Passt der Wolf in die heutige Landschaft Deutschlands?

Die Antwort: Ja, der Wolf passt ganz einfach deshalb, weil er freiwillig hergekommen ist und sich hier offensichtlich wohl fühlt. Er wird sich auch nicht hemmungslos vermehren, wie einige Bedenkenträger meinen, weil er klug ist und weiß, wann die Grenzen des Wachstums erreicht sind (letzteres wissen Politiker und Kapitalisten in der Regeln nicht, sonst würden sie nicht nach immer mehr Wachstum schreien). Dann wurde noch gesagt, daß es nicht immer nach dem Menschen geht, sondern daß auch Tiere Rechte haben müssten. Denn sie wollen auch leben und ihre Kinder groß ziehen.

Da fiel mir ein, daß Neuseeland vor nicht allzu langer Zeit einen heiligen Fluss der Maori, den Whanganui, zur juristischen Person erklärt hat. Ecuador hat Pachamama, Mutter Erde, als juristische Person in seine Verfassung aufgenommen. Und Indien hat die Flüsse Ganges und Yamuna zu lebenden Wesen mit dem Status einer moralischen Person erklärt. Solche Ereignisse lassen mich hoffen, daß sich die Erkenntnis immer mehr durchsetzt, daß nicht der Mensch das Maß aller Dinge ist. Und ich sehe keinen Grund, warum nicht z. B. ein Wolf, eine Beifußpflanze und ein Bakterium als Wesen mit gleichen Rechten anerkannt werden sollten. Das würde natürlich alles ändern. Aber es ist gar kein neues Denken, denn ähnlich haben unsere Urahnen gedacht und einige indigene Völker tun es heute noch. Letztlich wäre es ein Sich-Erinnern an etwas, das einmal völlig normal gewesen ist.

Wenn wir die Nase über Donald Trumps „America first“ rümpfen, verlieren wir aus dem Blick, daß wir ständig nach der gleichen Maxime handeln: Humans first! Die Menschen sind als erste dran, der Rest der lebenden Welt hat sich unserem Willen zu unterwerfen und wird auch gar nicht erst gefragt. So gesehen kann man Trump schon dankbar sein, weil er ein großartiger Spiegel ist.

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