Lappland

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Gestern sind I. und ich von unserer 15tägigen Reise in den schwedischen Teil von Lappland zurückgekommen. Einige hatten uns geraten zu fliegen und uns in Schweden einen Mietwagen zu nehmen. Aber Fliegen macht mir schon lange keine Freude mehr. Auf dem Hinweg fuhren wir mit der Fähre von Frederikshavn in Dänemark nach Oslo und von da Richtung schwedische Grenze und dann bis hoch in die Nähe von Sorsele. Der Rückweg führte uns über Östersund und Amal am Vänersee bis Göteborg und dann mit der Fähre bis Kiel. Wir brauchten jeweils etwa drei Tage mit zwei Übernachtungen. Das ging gut und fühlte sich wie richtiges Reisen an: sich allmählich mit einer Landschaft bekannt machen und dabei noch etwas vom Leben in Schweden mitzubekommen. Die Straßen in Schweden sind, je weiter nördlich desto leerer, und man kann nicht schnell fahren – sehr angenehm.

Unsere Hütte etwa 60 km westlich von Sorsele stellte sich als Bruchbude heraus. Anfangs mussten erst mal die deutlichen Spuren unserer Vormieter beseitigt werden, ehe ich Lust hatte, meine Sachen einzuräumen. Die Klinke der Badezimmertür schraubte I. mit ihrem Schweizer Messer an, die herausstehenden Nägel auf der Veranda klopfte ich mit einem Stein fest, damit ich nicht ständig mit meinen Füßen daran hängen blieb. Das Wasser in der Duschkabine lief nicht Richtung Abfluss sondern in die Ecke. Aber der Herd und der Kühlschrank funktionierten ebenso wie die Elektroheizkörper, in den Betten schlief es sich gut trotz sehr dünner und weicher Matratzen. Ein Elchgeweih im Wohnzimmer diente uns als Aufhängevorrichtung. Das wackelige Geländer an der Verandatreppe konnten wir nicht reparieren, ebensowenig die lose Stufe, die mich fast zu Fall gebracht hätte. Wir meckerten nicht, sondern nahmen es mit Humor. Im Übrigen hatten wir einen Spottpreis für die Unterkunft bezahlt und als wir den Schlüssel in Empfang nahmen schon bei einem kurzen Blick in das Haus unserer Vermieter erkannt, daß Sauberkeit und Ordnung nicht zu ihren Prioritäten gehörten.

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Wir hatten eine schöne Zeit: das innere Summen legte sich nach und nach, die enorme Stille der nordischen Landschaft half ruhig zu werden und ganz in der Gegenwart zu leben. Mehr und mehr konnte ich mich öffnen für das, was mir dort im Norden, wohin es mich seit einem Jahr magisch gezogen hatte, begegnen wollte. Das war so einiges: gleich am ersten Tag machten wir Bekanntschaft mit ein paar Vögeln, die unglücklicherweise Unglückshäher genannt werden und in Mitteleuropa nicht vorkommen. Sie sind sehr neugierig und wann immer wir uns irgendwo hinsetzten, kamen sie nah heran und beobachteten uns.

Wenn ich morgens mit meiner Tasse Kaffee auf der Veranda saß und auf den See, die Birken und die Fichten schaute, bekam ich Besuch von Bachstelzen und zweimal von einem Wanderfalkenpaar, das gar nicht scheu von einem Baum zu mir herüber spähte. Auf der Wiese blühte Feuerkraut, Augentrost, Frauenmantel, Storchschnabel und Schafgarbe. Bei unseren Streifzügen durch die wilde Landschaft entdeckten wir unzählige Ameisenhaufen, Rentier- und Elchspuren, eine riesige Rengarde, in der im Juni/Juli die Rentierscheidungen der Samen stattfinden, massenweise Blaubeeren und Preiselbeeren, wilde Bäche, spiegelblanke Seen und viele Pilze, mit denen ich mich leider nicht auskannte. Ich entdeckte auch Bärlapp, den ich bisher nur von Fotos kannte und einen Eisenhut, den ich in keinem meiner Pflanzenbestimmungsbücher finden konnte.

In der Vollmondnacht am Sonntag sah ich vorm Insbettgehen auch Polarlichter: nicht die grünleuchtenden Vorhänge, die ich mit J. 1994 in Finnland gesehen hatte, sondern weiße flatternde Bänder, die von einem Moment auf den anderen verschwanden und sofort an neuer Stelle wieder auftraten. Solche Phänomene machen mich glücklich.

Abends kochten wir uns etwas Leckeres und saßen in der warmen Stube. I. las mir aus Immer Ärger mit Harry vor und wir lachten uns schief und scheckig über den köstlichen englischen Humor, wir lasen, erzählten uns etwas und ich strickte Socken aus der schönen Wolle, die ich in Jokkmokk entdeckt hatte.

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Wir unternahmen nämlich auch einen zweitägigen Ausflug nach Jokkmokk. Das liegt zweihundert Kilometer weiter nördlich im Polarkreis. Man braucht aber wegen der Straßenbedingungen vier Stunden dahin. Wir sahen auf unserer Fahrt Rentiere, die gemütlich auf der Straße zockelten und keine Eile hatten, uns Platz zu machen. Das war schön, weil wir sie uns so genau ansehen konnten. In Jokkmokk übernachteten wir in der sehr schönen Jugendherberge. Ich hatte dort ein langes Gespräch mit einer Belgierin, die seit vielen Jahren nach Lappland fährt, weil sie die Stille braucht. Das kann ich gut verstehen: in meinem winzigen Heimatdorf ist es sehr ruhig, aber in Lappland ist es ganz still. Wenn da etwas Geräusche macht, sind es der Wind und die Krähen und Raben oder einige andere Vögel. Der Himmel ist frei von Kondensstreifen, die Luft so klar und sauber. Eine deutsche Frau in der Herberge kommt seit Jahren nach Jokkmokk und studiert in der Sami-Bibliothek Bücher über dieses alte Volk mit seiner besonderen Kultur, das das gleiche Schicksal hatte wie alle anderen indigenen Völker: Gewalt, Entwurzelung, Zwangschristianisierung. Letztlich das Schicksal, das auch unsere Urahnen erlitten haben.

Jokkmokk, mit seinen etwa 2700 Einwohnern eher ein großes Dorf, hat ein fantastisches Museum, Aijtte genannt. Hier wird die Geschichte und das Leben der Sami auf eine ansprechende und sympathische Weise vermittelt. Ich hätte Tage darin verbringen können. Die Samen erklären sich mit anderen indigenen Völkern solidarisch, aktuell mit den First Nation-Leuten der Standing Rock-Reservation in den USA. Ihre Lage hat sich zwar verbessert, erzählte mir eine Sami-Frau, man könne heute wieder die eigene Sprache sprechen, was während der Schulzeit ihrer Eltern noch streng verboten war. Aber der Sameting habe keine Mitspracherecht, nur eine beratende Funktion. Und wenn es um Bodenschatzfunde und das Abholzen von Wäldern geht, haben die wirtschaftlichen Interessen der Industrie grundsätzlich Vorrang vor den Interessen der Samen und ihrer Rentiere. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mussten zehntausende Rentiere geschlachtet und vernichtet werden, da ihr Fleisch stark cäsiumbelastet war.

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