Goldener Oktober

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Letzte Woche hatte ich Besuch von meiner Tochter. Sie war gerade mit einer derben Erkältung aus Schottland zurück gekehrt. Am Donnerstag wachte ich mit Halsschmerzen auf. Ich dachte: wird schon nicht so schlimm werden. Aber abends fühlte mich dann doch krank. Ich hätte ab Freitagabend Nachtdienst gehabt und hatte keine Lust zum Arzt zu gehen und mich krank zu melden. Aber ich habe schon mal die Erfahrung gemacht, daß ich einen Nachtdienst abbrechen musste, weil ich einfach nicht mehr konnte. Also rief ich auf der Station an, um anzukündigen, daß sie für mich einen Ersatz suchen müssten. Am nächsten Tag ging ich in die Selenter Praxis und hatte mit dem Arzt zu tun, der mich Weihnachten wegen der Gürtelrose krank geschrieben hatte. Auch dieses Mal machte ich gute Erfahrungen mit ihm (das muss ich mal sagen, da ich so große Vorbehalte gegenüber Medizinern habe). Er ist halt noch einer vom alten Schlag: positiv fand ich schon mal, daß er mir sowohl am Anfang als auch zum Abschied die Hand gab. Das ist heute nicht mehr unbedingt üblich, weil man sich ja anstecken könnte. Er fragte einmal kurz nach, wie es denn mit einer Grippeimpfung wäre. „Nein danke“, sagte ich, „ich bekomme alle zehn bis zwanzig Jahre eine richtige Virusgrippe und habe keine Veranlassung, mich impfen zu lassen.“ Er versuchte nicht, mich zu überzeugen, was auch für ihn sprach und sagte dann nur: „Na, Sie haben eine gute Abwehrlage.“ Das Wort Abwehrlage habe ich schon lange nicht mehr gehört. Heute sprechen ja alle nur noch vom Immunsystem. Wie auch immer, es erinnerte mich irgendwie an früher, an die alten Hausärzte, die noch ihre Sinne beieinander hatten und bei denen eine sich gut aufgehoben fühlte. Zum Schluss sagte er: „Legen Sie sich ins Bett.“

Das tat ich aber nicht. Ich setzte mich mit meinem Kaffee in die Sonne und dachte darüber nach, was ich mit der vielen freien Zeit alles machen könnte. Da fiel mir so einiges ein, im Haus und im Garten. Und dann musst ich lachen, denn ich ertappte mich bei meinem alten Muster, zu machen und zu tun. Ich war krank und deshalb gab es für mich nichts anderes zu tun, als meinem Körper nicht im Weg zu stehen, während er sich mit den Viren beschäftigte. Also saß ich weiter in der Sonne, trank Kaffee, las die neue Oya, in der es um Landbau ging, strickte, sah der Katze beim Erkunden des Gartens zu, döste, schaute mit geschlossenen Augen in die Sonne und lauschte den vielen Geräuschen. Gedanken kamen und gingen, es gab nichts zu tun, keine Verpflichtungen, keine Notwendigkeiten. Irgendwann war ich sehr müde und legte mich ins Bett. So ging es auch am Samstag und Sonntag. Gestern sah ich den Film Code of Survival – Die Geschichte vom Ende der Gentechnik von Bertram Verhaag. Da wurden u.a. Szenen von der ägyptischen Sekem-Farm gezeigt. Ibrahim Abouleish hat sie vor einigen Jahrzehnten in der Wüste angelegt, indem er zunächst Bäume als Windschutz, Wasserspeicher und Mulchlieferanten pflanzte. Die Farm ist nach anthroposophischen Prinzipien angelegt und es gibt mittlerweile ein weiteres Projekt in der lybischen Wüste. Gut gefallen hat mir der Mann, der  mit Dung gefüllte Kuhhörner ausgrub und daraus ein Präparat rührte (wohl das bekannteste biologisch-dynamische Präparat). Er erzählte, warum er mal rechts, mal links herum rührte und daß alles, was währendessen in seinem Kopf rumging, mit einfließen würde. Dabei lachte er ganz verschmitzt.

Neu war mir, daß Glyphosat Pflanzen daran hindert, Mineralstoffe und Spurenelemente aus dem Boden aufzunehmen, was zu einem zunehmenden Mangel an z. B. Magnesium und Selen führt. Zwischendurch traten auch Jane Goodall und Vandana Shiva auf. Jane Goodall ist der lebendige Beweis, daß eine alte Frau durchaus immer noch schön sein kann. Ihr Gesicht ist so klar, so lebendig, so ausdrucksstark – einfach faszinierend.

Heute fühlte ich mich wieder ziemlich fit. Ich pusselte im Garten herum und hatte richtig Spaß dabei. Abends ging ich bei wunderschönem goldenen Licht zu meinem Platz an der alten Buche. Wie so oft, wenn ich mir Muße erlaube, fangen irgendwann der Garten und die Landschaft an zu mir zu sprechen. Als ich über den pestizidgetränkten Acker zurückging, konnte ich erkennen, daß die Erde dort praktisch tot ist.

Es wird Zeit, daß die Landwirtschaft sich vollständig verändert.

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Dankbar

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Mein winziger Quittenbaum hatte so viele Früchte  zu tragen, daß ich um seine dünnen Äste fürchtete. Jetzt habe ich sie gepflückt und im Schlafzimmer aufs Regal gelegt. Von dort beduften sie den ganzen Raum. Ja, trotz der sommerlichen Dürre kann ich jetzt recht viel ernten. Ich esse jede Woche Mangold in verschiedensten Zubereitungsformen. Die Stangenbohnen, die sich am Bantammais hochranken, tragen gut, Endivien und Rote Bete haben sich ordentlich entwickelt. Und heute entdeckte ich eine neue Blüte am Holsteiner Cox – im Oktober! Das Erntedankfest, das in der Kirche gefeiert wird, ist wie die meisten anderen ein ursprünglich heidnisches Fest. Natürlich waren Menschen dankbar, wenn sie am Ende des Sommers viel zu essen und einzulagern hatten. Dankbarkeit kann wie alle Gefühle nicht eingefordert werden, aber man kann sie kultivieren. Ein einfaches Ritual hat mich vor elf Jahren vorm seelischen Absturz nach der Trennung von meinem Mann bewahrt: jeden Tag habe ich den Tag rekapituliert und mindestens drei Dinge oder Begebenheiten gefunden, für die ich dankbar war. Dabei habe ich rausgefunden, daß es  viel gibt, für das ich dankbar sein kann und daß das allein schon gute Stimmung macht. Mittlerweile geschieht es oft von selbst. Zum Beispiel sah ich neulich nachts in den klaren Sternenhimmel mit der Milchstraße und plötzlich fühlte ich mich so dankbar, weil ich auf einer so wundervollen Planetin in einer so spannenden Zeit lebe.

Richtig gefreut habe ich mich gestern, als ich im Radio hörte, daß das OVG Münster (ha, meine alte Heimat) einen sofortigen Rodungsstop für den Hambacher Forst verhängt hat. Großartig! RWE hat eine fette Packung gekriegt und im Hambacher Forst haben 50.000 Menschen ein großes Fest gefeiert. Braunkohle braucht keiner, aber Wälder brauchen wir alle, im Zeitalter des Klimawandels mehr denn je. Leider ist übrigens Strom aus Solaranlagen und Windrädern auch nicht wirklich eine Alternative. Die Herstellung dieser Technologien ist alles andere als ökologisch verträglich und auch dafür werden ganzen Landstriche verschandelt. Es hilft nichts: alles läuft auf eine drastische Reduktion des Stromverbrauchs hinaus.

Gestern machte ich bei bestem Wetter mit M. einen schönen Spaziergang am Sehlendorfer Strand. Sie zeigte mir einen uralten Weißdorn, der mich an die Geschichte vom verzauberten Merlin und die Fee Viviane im Wald von Brocéliande in der Bretagne denken ließ.

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