Streik

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Am Montag fand der zweite Warnstreik statt. Dieses Mal zogen wir zusammen mit Mitgliedern der GEW und der GdP durch die Stadt. Dazu gab es wieder Dudelsackmusik und eine gut gelaunte Combo aus zwei Trommlern und einem Saxophonisten. Bei bestem Frühlingswetter hatten wir eine schöne Zeit auf der Straße. Und es gab nicht nur Frühstück sondern später während der Kundgebung auf dem Asmus-Bremer-Platz auch ein Süppchen.

Einige meiner Kolleg*innen äußerten ihr Erstaunen darüber, daß ich auf den letzten paar Metern meines Berufslebens noch soviel Engagement zeige. Dafür habe ich zwei Gründe: erstens macht es mir Spaß. Zweitens bin ich schon immer Rebellin gewesen, wahrscheinlich weil ich aufgrund meiner Skorpioninnennatur eine tiefe Sicht auf die Dinge habe und nicht einfach über Missstände hinwegsehen kann.

Bei diesem Streik geht es um mehr als um Geld. Die Verhältnisse in den Kliniken sind so katastrophal, daß man nicht mehr daran vorbeisehen kann, obwohl die Klinikleitungen genau das tun: sie müssten eigentlich Stationen schließen. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad beim Krankenpflegepersonal ist mickrig. Das Pflichtgefühl der Krankenpflege gegenüber den Patient*innen und Kolleg*innen ist sehr hoch und die Hemmung, für eigene Rechte und Bedürfnisse aufzustehen, dementsprechend niedrig. Dieser Umstand wird von denen, die uns bezahlen, ganz bewusst ausgebeutet (hier muss ich mal sagen, daß der Begriff Arbeitgeber völlig falsch ist: Wir sind diejenigen, die ihre Arbeit(skraft) geben, also die eigentlichen Arbeitgeber. Diejenigen, die uns bezahlen, nehmen unsere Arbeit(skraft), müssten also korrekterweise Arbeitnehmer heißen. Das haben schon die alten Linken vor über vierzig Jahren festgestellt).

Es ist schlimm, wenn Patient*innen nicht angemessen versorgt werden. Das werden sie aber auch ohne streikendes Personal seit einiger Zeit nicht mehr, weil es im Gesundheitswesen nicht um Menschen sondern um Geld geht. Vielleicht sollten auch Patient*innen Widerstandsformen entwickeln. Eine wäre z. B. sich nicht mehr auf die vielen teuren Diagnosemethoden einzulassen. Das setzt natürlich die Bereitschaft voraus, sich sehr gründlich zu informieren und nicht mehr alle Verantwortung an das medizinische Personal abzugeben. Und das erfordert eine große Menge Mut, denn alle, die an der modernen Medizin viel Geld verdienen, machen groß angelegte Kampagnen, um Menschen Angst zu machen: Angst vor Infektionskrankheiten (für die sie dann das „Heilmittel“ in Form von z.B. Impfungen und Antibiotika haben), Angst vor Krebs, Angst vorm Altwerden, Angst vor den Wechseljahren, Angst vor natürlichen Vorgängen wie Geburt und Sterben.

Vor einer Woche abends in meiner Yogagruppe klingelte mein Handy, das ich leider nicht ausgeschaltet hatte. Als ich den Anruf wegdrückte, sah ich gerade noch, daß es meine Station war, die mich sprechen wollte. Ich meldete mich nicht zurück. Später erfuhr ich, daß der Frühdienst ausgefallen war und ich einspringen sollte. Ich hatte am nächsten Tag frei. Es ist sehr unangenehm, wenn man Nachtdienst hat und am nächsten Morgen kommt keine Ablösung. Ich habe selbst schon erlebt, daß ich nach 9,5 Stunden Nachtarbeit weiterarbeiten musste, bis nach ein oder zwei Stunden jemand mich ablöste. Aber solange immer und immer wieder einer einspringt und seinen freien Tag dafür opfert, wird sich an der Personalsituation nichts ändern.

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Die Bienchen haben keine Angst: sie leben im Jetzt und freuen sich über die warme Sonne und die reichlichen Krokuspollen. Und ich freue mich, wenn ich jeden Tag neue Blüten auf meiner Wiese entdecke und die Bienen summen höre.

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