Lernen

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Schöne Inspirationen bekomme ich wieder durch die neue Oya (#52 Menschen wie du und ich): in diesem Heft gibt es Interviews aus dem Kreis der Oya-Macher*innen und Leser*innen (ich mag die Gender-Sternchen) mit Menschen, die nicht in der eigenen Blase leben und denken (meine Tochter nennt das Echokammer). Am meisten hat mich das Gespräch mit einem Mann beeindruckt, der wegen seiner Mitgliedschaft in der Deutschen Kommunistischen Partei nicht als Lehrer arbeiten durfte. Stattdessen war er Möbelpacker und mittlerweile backt er Plätzchen und verkauft sie auf dem Markt. Er erscheint in diesem Interview so warmherzig und lebensfroh, gleichzeitig gibt er sehr scharfsinnige Kommentare zum derzeitigen politischen Geschehen ab. Man merkt, daß er Karl Marx gelesen und verstanden hat (was ich von mir nicht behaupten kann: ich bin über das Kommunistische Manifest und die ersten Seiten des Kapitals nicht hinausgekommen, dann habe ich kapituliert. Vielleicht fiele es mir heute leichter).

Seine Erzählung erinnert mich an die 70er Jahre, als auch mein damaliger Mann aufgrund des Radikalenerlasses von Willy Brandt für zwei Jahre seine Referendarzeit als Jurist nicht antreten durfte. Er hatte unsere Demos angemeldet und sich in der Bundeswehr offen als Linker betätigt, deshalb wurde er als Staatsfeind eingestuft. Nun, wir waren tatsächlich Staatsfeinde – strenggenommen bin ich es immer noch in dem Sinne, daß ich den Staat als Herrschaftsorgan nicht für eine gesunde und wohltuende Einrichtung, sondern für den Erfüllungsgehilfen des Kapitals halte. Das zeigt sich heute noch deutlicher als damals. Norberts zeitweiliges Berufsverbot zwang ihn in diverse Jobs, u. a. als Lagerarbeiter bei einer Pharmafirma in Münster. Und es war ein wesentlicher Anlass für mich, meine Studienpläne auf Eis zu legen und eine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen. Dümmer hat mich das jedenfalls nicht gemacht.

Eine Frau in den Oya-Interviews sagt, sie habe als Kind gelernt wie ein Schwamm. O ja, das kenne ich so gut: An meinem ersten Schultag fühlte ich mich durch und durch glücklich – daran erinnere ich mich noch genau. Endlich würde ich lesen und schreiben lernen. Malen, Zeichnen und mit Ton arbeiten hatte ich bereits lernen dürfen, weil mein Vater Kunst- und Werklehrer war und mich sehr gefördert hat. Später machte mir auch Englischlernen viel Spaß, Mathe allerdings gar nicht und Physik erst, als wir einen ehemaligen Waldorfschullehrer bekamen, der es schaffte, mich für dieses Fach sehr zu interessieren. Ich glaube, unser Schulsystem verdirbt vielen den Spaß am Lernen, weil es da nur um Noten geht, weil es diesen Druck zum Gutsein gibt.

Ich bin immer noch begierig darauf zu lernen. Heute habe ich endlich die zehn Knopflöcher auf die Vorderleiste meines neuen Sommerrocks genäht. Darauf hatte ich gar keine Lust, weil ich wenig Erfahrungen im Knopflochnähen habe und es fatal gewesen wäre, wenn ich Fehler gemacht hätte. Aber ich hatte mir vorgenommen, damit heute fertigzuwerden. Dank der guten Anleitung aus einem Nähratgeberbuch, das mir eine näherfahrene Freundin vor einigen Jahren empfohlen hatte, ging es dann recht gut (Vielen Dank, Christine!). Anschließend war ich richtig gut gelaunt und freute mich, wieder etwas dazu gelernt zu haben. Überhaupt ist es doch großartig, was eine alles mit ihren Händen machen kann!

Die Idee mit den Interviews finde ich auch deshalb spannend, weil man auf sie das 11. Permakulturprinzip anwenden kann:

Nutze Randzonen und schätze das Marginale

In der Landschaft finden wir Randzonen z. B. zwischen Wald und Wiese, zwischen Feld und Knick, zwischen kultiviertem und nichtkultiviertem Land. Das sind die Bereiche der größten Artenvielfalt. Hier saßen auch – und sitzen immer noch – die legendären Hagezussen, die Zaunreiterinnen, die das Wilde und das Zivilisierte gleichermaßen kennen und für ihre Magie zu nutzen wissen. Wenn zwei Körperuniversen sich begegnen, treffen ihre Randzonen aufeinander, und in diesem Bereich kann etwas Neues geschehen, wenn es Offenheit dafür gibt.

Um auf die 70er Jahre zurückzukommen: diese Offenheit hatten wir damals nicht. Wir fanden die Leute von der DKP doof, weil wir ihre Partei doof fanden. Ich fühle mich immer noch nicht von ihrem Programm angezogen, aber wenn ich lese, was dieser mit Berufsverbot belegte Mann in der Oya zu sagen hat, fühle ich mich in der Tiefe angesprochen: also hat er meine Randzone irgendwie berührt. Das gefällt mir. Und ich kann mich durch diese Erfahrung anspornen lassen, meinerseits Nicht-Gleichgesinnten genauer zuzuhören und das schnelle Urteilen zu lassen. Mal schaun, was dann geschieht.

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