Homo sapiens

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Nordergraben in Flensburg

M. und ich trafen uns in Hohwacht zu Kaffee und Kuchen auf der Terasse eines Hotels mit Blick auf die Ostsee. Anschließend gingen wir in ihrem Hauswald am Binnensee spazieren und hatten ein sehr schönes, inspirierendes Gespräch.

Beim Lesen von Charles Eisensteins Climate (ich vertrage das Buch immer nur in kleinen Dosen) fühlte ich mich ertappt: er erwähnt die Menschen, die der Meinung sind, daß die Erde sich schon erholen wird, wenn die Menschheit erstmal verschwindet bzw. sich selbst vernichtet hat. Auch ich habe mich das eine oder andere Mal derart geäußert. Dem liegt ein gewisser Zynismus zu Grunde, der eine verständlicherweise beschleichen kann angesichts der ungeheuren Destruktivität der menschlichen Gattung. Der drückt sich auch in dem alten Witz aus: Treffen sich zwei Planeten. Fragt der eine den anderen: „Wie geht es dir?“ Antwortet der andere Planet: „Schlecht! Ich habe Homo sapiens.“ Sagt der erste: „Ach, das geht vorüber.“

Charles Eisenstein hält dagegen: Wenn wir davon ausgehen, daß die Erde ein lebender Organismus mit eigener Intelligenz ist und alles, was auf ihr lebt, eine Funktion erfüllt als Organe und Zellen ihres Körpers, dann hat sie auch die menschliche Gattung für eine  Aufgabe hervorgebracht. Wenn sie jetzt von dieser Planetin verschwände, verschwände damit ein Organ.

Er hat Recht. Natürlich ist es leicht, tagtäglich zu sehen, welchen grandiosen Mist Menschen fabrizieren. Heute hörte ich z. B. im Radio, das man Quallen aus der Ostsee fangen und als Düngemittel auf die Felder bringen will. Da wird mir schon schlecht beim Zuhören. Leute, Quallen sind Lebewesen, die fühlen! Aber ich kann auch meinen Blick auf das Tolle richten, was Menschen Tag für Tag schaffen. Und das ist viel, sehr viel sogar. Es gibt so viele Menschen, die das Lebendige lieben und ihm dienen. Über die vielen wunderbaren Projekte, die es auf der ganzen Erde gibt, wird in den Mainstreammedien kaum berichtet.

Und all das, was derzeit dazu führt, daß es immer schlechter und schlechter ums Klima und die Erde bestellt ist, ist doch ein unzulänglicher Ersatz für das, was uns verloren gegangen ist: die Verbindung zur Natur. All die Smartphones mit ihren tausend Apps, die Autos (ja, auch die E-Autos), die ganzen neuen Technologien, die Modeindustrie, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, sind Surrogate. Wir sind seit Jahrtausenden entwurzelt, getrennt unserer inneren und äußeren Natur, schwerstens traumatisiert durch unsere Kultur, die auf fortgesetzter Gewalt beruht (ja, auch und gerade im globalen Norden: wir erleben hier eine subtile, quasi unsichtbare Gewalt, die unter anderem darin besteht, daß Hundertausende eine Arbeit verrichten, die sie nicht mögen) und tief in uns ist immer noch die Sehnsucht nach der alten Verbindung zur Erde, zum Grün der Wälder, zu den blühenden Wiesen, dem Gesang der Lerchen, der Freundschaft der Tiere. Und diese Sehnsucht ist tief in uns verborgen und drückt sich vielleicht als Depression, als Sucht, als Gefühl von Sinnlosigkeit aus. Keine virtuelle Realität kann sie heilen, kein Pseudokontakt über WhatsApp, Facebook und wie sie alle heißen, kann uns Erfüllung bringen.

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Morgen gehe ich zu einer Konfirmation, zu der ich eingeladen worden bin. Bis zu meiner eigenen Konfirmation war ich sehr gläubig. Ich mochte die Gottesdienste, ich lebte die christliche Religion mit großer Ernsthaftigkeit. Nach der Konfirmation bin ich vom Glauben abgefallen –  oder der Glaube von mir. Das passierte einfach ohne einen konkreten Anlass: ich konnte nicht mehr an Gott glauben. Zunächst war da eine große Leere in meinem Leben. Nach einiger Zeit füllte mein Interesse an den radikalen linken Ideen der Außerparlamentarischen Opposition die Leere und ich widmete mich diesem neuen Denken und Handeln mit genauso großer Hingabe wie davor der christlichen Religion.

Mit der spirituellen Frauenbewegung in den 80er Jahren kam eine andere Religion in mein Leben. Gerlinde Schilcher alias Judith Jannberg gab dafür die Initialzündung mit ihrem Buch Ich bin eine Hexe. Sie benutzte den Begriff Religion im Sinne von Rückbindung an die Erde, an die Göttin. Ich bin ihr dankbar für diesen sehr wichtigen Impuls, benutze aber das Wort Religion nicht mehr für mich. Ich habe erlebt, daß von dem Moment an, in dem die Lebensenergie sich wieder frei in mir zu bewegen anfing, an dem ich vielleicht das erste Mal in meinem Leben wieder diesen freien Fluss spüren konnte, der doch eigentlich unser Geburtsrecht ist, ich die Verbindung fühlen konnte. Da brauchte es keine Vermittler, keine Pfarrer, keinen Guru. Die Einsicht, daß die Erde, das Universum lebendige Wesenheiten sind und das Wasser, die Luft, das Feuer, die Steine, die Pflanzen, die Tiere, alles, alles lebendig ist und eine Funktion in diesem großen Erdenkörper, in diesem gigantischen All hat, kam vor über 25 Jahren als eine plötzliche Gewissheit, die sich bis heute nicht abgeschwächt hat. In meinem Universum gibt es keine Götter und Göttinnen; wohl aber schöpferische Kräfte, deren Aufgabe es ist, zusammenzuwirken. Eine dieser Kräfte ist die Menschheit. Ich bin übrigens auch sicher, daß es unsichtbare Kräfte gibt, die eine Rolle spielen und daß wir uns an sie wenden und sie rufen können. Und ebenso gibt es Energien, die wir verlernt haben, wahrzunehmen. Ich werde nie vergessen, wie mir mein verstorbener Freund Jans vor vielen Jahren seinen selbstgebauten Orgonakkumulator zeigte (nicht den großen, in den man sich setzen kann, sondern einen kleinen, der gezielt am Körper eingesetzt werden kann). Ich sah eine durchsichtige wabernde Substanz, die Rauch ähnelte, aus ihm herausströmen. Ein anderes Mal zeigte er mir, wie ich das weiß funkelnde Energiefeld meiner Hand auf einem dunklen Kissen sehen konnte.

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Ein Kommentar zu „Homo sapiens

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