Beunruhigt

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Gestern erlebte ich wieder mal so eine schöne Synchronizität: ich las in der neuen Oya über den Löwenmenschen. Diese Figur ist ungefähr 40.000 Jahre alt und wurde aus einem Mammutstoßzahn geschnitzt. Als ich dann abends zum Nachtdienst fuhr und das Radio einschaltete, musste ich laut lachen: es gab eine Sendung über die Venus vom Hohle Fels, die vor rund 10 Jahren ganz in der Nähe des Löwenmenschen in der Schwäbischen Alb gefunden wurde und auch aus Mammutelfenbein ist und in etwa sein Alter hat.

Die Oya macht mir wieder viel Freude. Es ist so schön, daß es diese Menschen gibt, denen ich mich geistesverwandt fühle und von denen immer wieder gute Impulse kommen. Daß ihr Motto dieses Mal „Unter Leuten“ heißt, hat mit Donna Haraway zu tun, deren Gedanken sich wie ein roter Faden durch das Heft ziehen. In ihrem Buch Unruhig bleiben nennt Lebewesen „Leute“, zumindest in der deutschen Übersetzung. Oft spricht sie auch stattdessen von Krittern. Witzigerweise hat meine Tochter schon vor Jahren, lange bevor wir beide etwas von Donna Haraway wussten, nichtmenschliche Wesen als Leute  bezeichnet, z. B. Vögel und Insekten oder auch die bitteren Pflanzen, aus denen sie sich gern Tee zubereitet. Dadurch werden Menschen aus ihrer angeblichen Exklusivität herausgenommen und an ihren Platz inmitten des Gewebes des Lebens gesetzt.

Andere Leute machen sich dieses Jahr rar. Von den neun Schwalbennestern in den beiden Schuppen auf meinem Grundstück ist nur eins besetzt. Im letzten Jahr gab es noch viel mehr Rauchschwalben. Ich habe seit Jahren keine Kiebitze mehr gesehen. Und gibt es überhaupt noch Lerchen? Ich habe schon lange keine mehr jubelnd aus einer Wiese aufsteigen sehen und hören. Das macht mich traurig und beunruhigt mich. Da bin ich dann auch schon wieder bei Donna Haraway. Der Titel ihres Buches heißt ja Unruhig bleiben, im Sinne von beunruhigt sein und sich durch diese Beunruhigung zu Konsequenzen bringen zu lassen. Im englischen Original heißt er Staying with the trouble, die wörtliche Übersetzung Bei den Schwierigkeiten bleiben wäre unklarer. Ich verstehe das so: wir leben mitten in der Phase des großen menschengemachten Aussterbens, the great extinction. Und es scheint wichtig zu sein, davor nicht die Augen zuzumachen, auch wenn es wehtut. Ich bin Zeugin des Sterbens, ich kann nicht wie meine Vorfahren nach dem Zusammenbruch der Naziherrschaft sagen: „Ich habe nichts gewusst.“ Es scheint wichtig zu sein, die Erinnerung wachzuhalten an Zeiten, als es noch Lerchen und bunt blühende Wiesen gab.

Auf dem Heimweg heute Morgen hörte ich die Nachricht von dem neuen Prozess in den USA, in dem Monsanto zu einem Millionen-Dollar-Schadensersatz verurteilt wurde, weil ihr Glyphosat bei einem Ehepaar Non-Hodgkin-Lymphome verursacht hat. Da habe ich mich sehr gefreut. Nur zu, weiter so! Eure Zeit ist abgelaufen.

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