Zuckerfest

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Mittwoch war ich zum Zuckerfest, dem Abschluss des Ramadan, bei einer jungen afghanischen Frau eingeladen. Wir saßen in fröhlicher Runde am mit Leckereien beladenen Tisch und aßen, redeten und lachten. Die Kinder spielten und bezogen uns gelegentlich mit ein. Es hat sich nicht Besonderes ereignet, aber ich habe mich sehr wohl unter all den Frauen gefühlt. Am nächsten Morgen hatte ich beim Aufwachen den Satz aus Starhawks Klassiker Der Hexenkult als Urreligion der Großen Mutter im Kopf: „Alle Akte der Liebe und Freude sind meine Rituale“, also die Rituale der Göttin, der Großen Mutter. Das knüpft an meinen letzten Post an, in dem ich vom ekstatischen Leben schrieb.

Mein Sohn erzählte mir heute von seinem Georgienbesuch. Am meisten fiel ihm die Abwesenheit von Maschinengeräuschen und die vielfältigen Vogelstimmen, die Mengen von Insekten, die Fülle an blühenden Pflanzen auf. Die Kühe seien überall frei rumgelaufen, hätten auf den Straßen gelegen und die Autos seien drum herum gefahren. Er meinte, es sei dort wie es hier vor sechzig Jahren war. Nicht daß er weiß, wie es in Deutschland vor sechzig Jahren war. Aber ich weiß es, weil ich zu der Zeit Kind war. Wir haben mitten in Hannover auf der Straße gespielt. Es fuhr kaum ein Auto. In den Sommerferien waren wir bei Oma und Opa im Solling und haben im Wald und auf den Feldern gespielt. Die Lerchen sangen und der Roggen wuchs so hoch, daß er meinen Opa überragte. In meinem Garten wächst dieses Jahr Waldstaudenroggen, der genau so hoch ist. Ich habe ihn gesät, damit ich Roggenstroh für die Bienen habe.

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Ich gewöhne mich allmählich an mein neues Smartphone und denke darüber nach, welche Funktionen ich nutzen will. Ich sehe bei Freundinnen und meinen Kolleg*innen, was sie damit machen. Da gibt es Apps, mit denen eine die Sternbilder bestimmen kann, Wetterapps, GPS usw. Ich rede jetzt mal gar nicht davon, daß wir mit unseren Daten schön ausspioniert werden können. Das werden wir sowieso, auch wenn wir uns bemühen, das zu vermeiden. Eine andere Frage bewegt mich: was geschieht mit den Sinnen, die unter dem Begriff Intuition zusammengefasst werden, wenn wir gewohnheitsmäßig auf die Möglichkeiten der Smartphones und ähnlicher Geräte zurückgreifen? Viele Menschen können z. B. keine Landkarten und Stadtpläne mehr lesen. Wenn ich mich daran erinnere, wie ich nach und nach in sternklaren Nächten die Sterne ansah und bestimmen lernte und was ich dabei alles erlebte – das kann mir keine App geben. Ich glaube, daß unsere eh schon zurückentwickelten Sinne mit diesen technischen Spielzeugen noch weiter verkümmern werden. Das ständige Informiertwerden über diese Kommunikationskanäle ist mir auch viel zu viel. Ich muss nicht jeden Pup, den eine von sich gegeben hat, mitgeteilt bekommen. Oft ist es mir schon zu viel, meine Mails zu lesen bzw. zu entscheiden, was ich lese und was ich lösche. Ich brauche Ruhe, um ins Innere und ins Äußere zu lauschen. Und die wahre Welt ist viel geheimnisvoller und schöner als die Flut der Fotos und Filmchen. Das habe ich heute Nacht mal wieder erlebt: ich wachte um 3 Uhr auf und Lenchen war nicht im Haus. Ich machte mir Sorgen, weil ich sie den halben Tag nicht gesehen hatte und konnte nicht wieder einschlafen. Also zog ich mich an und ging in den Garten. Da saß ich und sah in den pastellfarbenen Nordhimmel, aus dem mich ein einsamer Stern anleuchtete. Wie schön und still alles war.

Ich glaube, daß wir vor sehr langer Zeit, als Menschen sich noch als Teil der Natur empfunden haben, uns mit Sinnen verständigen konnten, von denen wir heute nichts mehr wissen. Daß wir ohne Kommunikationsmittel wussten, wenn Besuch kam. Daß wir das Wetter vorhersagen konnten konnte ohne Wetterbericht. Daß wir wussten, welches Heilmittel, welche Pflanze wir brauchten, wenn eine*r krank war und wo wir sie finden. Daß eine lange Umarmung  uns tausendmal mehr Information übereinander geben konnte als gesprochene und geschriebene Worte. Tiere können das noch. Wenn meine Katze sich nachts an meinen Körper kuschelt, habe ich das Gefühl, sie liest in mir.

Ich bin keine Technikfeindin. Ich finde das Internet toll und nutze es gern. Gleichzeitig bin ich mir der Problematik bewusst: die Rohstoffe, die Herstellungsbedingungen, der Stromverbrauch und damit der CO2-Ausstoß, die Nervereien mit Updates, Datensicherungen, Abstürzen usw.

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Die reale Welt ist doch die schönste!

 

 

 

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