In den Tod singen

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Es ist immer noch ungewohnt, soviel Zeit zu haben. Nachts schlafe ich neun Stunden, wobei ich ab und zu aufwache und schnell wieder einschlafe. Es ist, als holte ich den fehlenden Schlaf der letzten 45 Jahre nach. Heute pflückte ich Johannisbeeren und machte einen Kuchen mit Haselnussbaiser. Ich arbeitete im Garten und fror und schwitzte abwechselnd. Der Wind war sehr heftig und trieb dunkle Wolken über den Himmel, aber statt des erwünschten Regens kamen nur ein paar vereinzelte Tropfen runter. In Mecklenburg-Vorpommern brennt seit Tagen ein großer Wald, ich habe mir die Bilder im Netz angesehen: unheimlich! Ein Experte für Feuerabwehr sagte im Radio, man müsse sich an solche Szenarien gewöhnen. Kann man das?

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In dem Buch Wild Dog Dreaming – Love and Extinction beschreibt Deborah Bird Rose die Beerdigung eines Aborigine in Australien. Da es sich um eine evangelikale Zeremonie handelt, wird erwartet, daß alle Trauergäste sich freuen, weil der Verstorbene jetzt endlich vom irdischen Leben erlöst und in die ewige Seligkeit eingegangen ist. Aber während der Veranstaltung fällt die Gefährtin des Verstorbenen laut jammernd und klagend aus der Rolle. Nachdem die evangelikalen Veranstalter gegangen sind, wird der Verstorbene nach alter Tradition in den Tod gesungen und auch das Weinen und Klagen bekommt seinen Platz. Nur wenn die laut geäußerte Trauer und das Singen stattfinden kann, ist es dem Toten möglich, seine neue Heimat zu finden und sich bei Gelegenheit wieder in anderer Gestalt zu inkarnieren. Aber selbst ohne diesen kulturellen und traditionellen Unterbau scheint es doch ein menschliches Bedürfnis zu sein, einen Raum für Trauer und Klagen zu haben. Und danach kann dann die Freude, die Ausgelassenheit, das Feiern geschehen. Das habe ich am deutlichsten bei Norberts Tod erlebt. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang, daß im arabischen Kulturkreis die drei Deichselsterne des Großen Wagens Benetnasch genannt wurden, das heißt Klageweiber. Sie waren es, die den Toten oder die Tote laut jammernd begleiteten und ihm/ihr somit einen würdigen Abschied bereiteten.

Was für eine saublöde Vorstellung, daß die schöne Zeit erst im Jenseits stattfindet. Es sind ja nicht nur die Evangelikalen, die sowas verbreiten: das ganze Mittelalter war voll vom irdischen Jammertal, vom Himmelreich, das eine*r sich im Diesseits mühsam verdienen musste. So konnte man natürlich den Untergebenen verkaufen, daß all ihre Plackerei und ihr Leiden irgendwann belohnt werden würde. Auch wenn ich mich wiederhole: einer Religion, deren Hauptsymbol das Kreuz, ein Folter- und Hinrichtungsinstrument ist, kann nur mit äußerstem Misstrauen begegnet werden. Im Laufe meines Lebens ist mir immer deutlicher geworden, daß ich hier bin, um die Schönheit des irdischen Lebens zu erkennen und zu genießen. Was danach kommt, weiß ich nicht, und es ist für mich nicht wirklich relevant. Wenn es soweit ist, werde ich es wissen.

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