Panik

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Ich möchte mich an dieser Stelle mal zu den letzten Blogeinträgen von Luisa Francia auf salamandra.de äußern. Ich stimme ihr in einigen Sachen zu: daß wir unseren Lebensstandard nicht halten können (so oder so wird er zu Asche, wenn der Klimawandel noch einen Zahn zulegt – und alles deutet darauf hin, daß er das tun wird) und daß Elektroautos und ähnliche Spielereien keine Lösung sind, nicht nur wegen der Ausbeutung der Menschen in den Ländern mit den seltenen Erden, sondern auch, weil die Herstellung extrem klimaschädlich ist (im Übrigen fahren jetzt schon zuviele Autos durch die Landschaft). Und wie sie glaube auch ich, daß eine starke Verbindung mit der Natur notwendig ist. Ich möchte noch hinzufügen, daß es ums Große Ganze geht. Und das Klima ist nur ein Teil davon. Natürlich ist der Klimawandel eine Folge des Patriarchats und des durch ihn hervorgebrachten Kapitalismus. Daß sich alles ändern muss, damit wir und die anderen Wesen noch weiterhin auf unserer wunderschönen Planetin leben können, hat in meinen Augen Charles Eisenstein am besten auf den Punkt gebracht. Er drückt das mit einer herzöffnenden Freundlichkeit aus: keine Schuldzuweisungen, keine Moralpredigten, wohl aber offener Schmerz über all das, was unwiderbringlich durch menschliches Handeln vernichtet wurde.

Luisa ist genervt von der Panikmache und wirft den Fridays for Future-Kids vor:  „Die schuldzuweisung an die älteren generationen finde ich arrogant und dumm.“ Da regt sich bei mir Widerspruch. Ich erinnere mich noch gut, welche Schuldzuweisungen ich als 16jährige meinen Eltern gemacht habe: daß sie sich nicht gegen Hitler gestellt haben, daß mein Vater sich nicht geweigert hat, als Soldat in den Krieg zu gehen. Ich war sehr, sehr streng. Als mein Vater sagte, er wäre erschossen worden, wenn er sich verweigert hätte, habe ich gesagt: „Na ja, das hätten sie mit 1000 machen können, aber nicht mit 10.000.“ Indirekt habe ich meinem Vater damit vorgeworfen, daß er nicht sterben wollte. Ich war damals sehr selbstgerecht und kaltschnäuzig. Mein Vater hat übrigens dazu geschwiegen. Er ist als traumatisierter Mensch aus dem Krieg gekommen, hat nie über seine Erlebnisse gesprochen, hat immer massive Schlafstörungen gehabt und den größten Teil seines Lebens haben Schlaftabletten und später auch Alkohol eine große Rolle gespielt. Ich finde es nachvollziehbar, daß ein junger Mensch im Angesicht der drohenden Vernichtung des Lebendigen auf der Erde den Erwachsenen Vorwürfe macht, mit Dummheit hat das nichts zu tun. Wenn Greta Thunberg sagt: „I want you to panic…“, dann drückt sie ihre eigene Panik angesichts der Szenarien des Klimawandels aus. Zumal ja anscheinend viele Erwachsene dieses Thema ignorieren. Schon klar, daß Panik eine schlechte Ratgeberin ist. Ich verlange aber nicht von Greta Thunberg, daß sie das schon weiß. Diese Bewegung ist nicht homogen, etliche in ihr sympathisieren mit den Grünen, andere wiederum sehen sehr klar, daß die Grünen genauso wenig ein wirksames Konzept haben wie unsere derzeitige Regierung. Daß Jugendliche sich von Mama zu den Demos kutschieren lassen, stammt offensichtlich aus der Feder von Dieter Nuhr. Wenn der jeden Mittwochvormittag seine Redezeit auf meinem Lieblingsradiosender NDR Info hat, schalte ich aus, weil ich ihn einfach nicht ertragen kann. Und selbst wenn es so wäre, ja, dann wäre es nicht konsequent. Aber wer solche Vorwürfe macht, muss sich auch fragen lassen: wie ist das mit deinen Flugreisen? Fährst du Auto? Isst du täglich Fleisch? Wie oft treibst du dich im Internet rum usw. usw.

Ich nehme es übrigens nicht persönlich, wenn ich als Erwachsene mit den Vorwürfen der Jugendlichen konfrontiert werde. Sie haben doch Recht. Und nein, ich finde nicht, daß jemand, der den derzeitigen Zustand kritisiert, auch eine Vision für die Zukunft haben muss, wie Luisa Francia das einfordert. Bevor Visionen entstehen können, hoffnungsvolle Bilder für die Zukunft, muss erst mal der ganze Prozess durchlaufen werden: Trauer um das Große Sterben, Wut, auch Schuldzuweisungen gehören dazu. Die ganze Palette der Gefühle muss durchlaufen und anerkannt werden. Nach meiner Erfahrung kann erst dann etwas Neues auftauchen. Und das ist dann vielleicht etwas, was bisher noch niemand denken konnte.

Wenn ein Jugendlicher anfängt zu begreifen, daß wir mit Vollgas auf unsere eigene Vernichtung zurasen, und gleichzeitig sieht, daß die Erwachsenen weiter business as usual leben, dann sind Schuldzuweisungen und Vorwürfe doch eine völlig nachvollziehbare Reaktion und absolut nicht dumm. Es ist die Leistung der Fridays for Future-Bewegung, daß sie dieses Thema in die Öffentlichkeit gebracht hat und dafür hat sie meine volle Anerkennung! Ich habe übrigens auch viel Sympathie für Extinction Rebellion. Vor vielen Monaten habe ich einen Infozettel über diese Bewegung im Bioladen gefunden und mich im Internet über sie schlau gemacht. Mittlerweile zeigen sie sich immer mehr in der Öffentlichkeit. Für Momente habe ich daran gedacht, bei ihnen mitzumachen. Letztendlich ist aber diese Form des Aktivismus und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe nichts mehr für mich, war es vielleicht nie wirklich, obwohl ich zwischen 16 und 27 Jahren politischen Gruppen angehörten, die radikale Kritik an den bestehenden Verhältnissen äußerten.

Ich tu mich gern temporär mit Menschen zusammen, wenn ich z. B. die Jahreszeitenfeste feiere und Rituale für die Erde mache. Und ansonsten mache ich das, was vor einiger Zeit in der Oya so schön ausgedrückt wurde: Ich bleibe zu Hause und kümmere mich um die Bienen. Und damit hüte ich gleichzeitig den Flecken Erde, auf dem ich lebe.

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