Raunächte

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Ich war zehn Tage nicht im Netz und es hat mir nichts gefehlt. Eigentlich ist das nichts Außergewöhnliches: wenn ich auf Reisen bin, gehe ich nicht ins Internet und lese auch keine Mails. Aber zu Hause schaue ich fast täglich rein. Dieses Mal hatte ich keinerlei Bedürfnis. Ich denke, wer etwas von mir will, kann das gute alte Festnetz benutzen oder mir eine SMS schreiben. Angesichts des ungeheuerlich ansteigenden Stromverbrauchs durch die Benutzung der digitalen Medien, der mittlerweile in Begriff ist, die Hauptursache für den CO2-Ausstoß zu werden, finde ich diese Internetseite interessant, allerdings nur auf Englisch und Französisch verfügbar: theshiftproject.org/en/article/lean-ict-our-new-report/

Es geht um „digital sobriety“ (digitale Nüchternheit). Daß bei der Nutzung von Laptop, Tablet und Smartphone Strom verbraucht wird und zwar am wenigsten beim Aufladen, machen sich viele wohl gar nicht klar. Apropos Aufladen: am letzten Donnerstag konnte ich mein Handy nicht aufladen. Das erschien mir schon irgendwie folgerichtig, nachdem ich meine Internetabstinenz so genossen hatte. Wie sich herausstellte, lag es am Stecker des Ladekabels. Am selben Tag fiel mir der Adapter eines anderen elektrischen Geräts aus der Hand und war kaputt. Da musste ich lachen. Manche meinen, ich sei eventuell schlecht informiert, da ich weder Fernsehen noch Tageszeitung habe und das Internet sehr wählerisch in Anspruch nehme. Ich höre täglich beim Abwaschen NDR Info, etwa eine Viertelstunde lang. Das reicht meistens, weil ich dann schon wieder die Schnauze voll habe von dem Irrsinn, der in der Welt passiert. Einmal in der Woche lese ich die Süddeutsche Zeitung, wenn ich im Blé noir in Kiel Kaffee trinke. Eher selten hole ich mir Infos aus dem Netz. Von I. habe ich einen Stapel alte TAZ bekommen, die ich zum Feueranmachen benutze. Manchmal fängt dann ein Bild oder eine Überschrift meine Aufmerksamkeit ein, wie heute das Foto eines verdurstenden Känguruhs. Das hat mir die Stimmung versaut. Australien brennt und ich ahne, daß das nur ein Vorgeschmack ist. Haltet mich für herzlos, aber mich schmerzen die vielen Tiere, die in den gewaltigen Buschbränden untergehen, mehr als die Menschen, die vor den Flammen flüchten müssen. Sie sterben, weil die menschliche Gattung seit Jahrtausenden und in zunehmendem Maße weit über ihre Verhältnisse lebt.

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Weihnachten war aber schön. Die Kinder und der Schwiegersohn waren da, alles lief ruhig und friedlich. Ich habe einen Stapel Bücher geschenkt bekommen, fast alle auf Englisch. Jetzt habe ich erst mal wieder genug zu lesen. Am 1. Feiertag machten wir unseren traditionellen Strandspaziergang und aßen anschließend in Hohwacht in einem schlichten Imbiss Fischbrötchen. Meine Tochter blieb bis Sonntag. Wir machten noch einen langen Gang am Sehlendorfer Strand und kamen bis zur Steilküste am Eitz, meinem alten Revier aus meiner Zeit in Kükelühn.

Es war schön meine Familie bei mir zu haben und es war genauso schön, die Wohnung wieder für mich allein zu haben und die restlichen Raunächte ruhig zu verbringen. Ich hatte auch keinerlei Impulse, nach der Abreise meiner Lieben irgendwelche Putzaktionen zu unternehmen. Das lag sicher auch daran, daß meine Tochter am letzten Tag ihres Besuches richtig schön Ordnung gemacht hat. Ich habe gestern nur einen Socken meines Schwiegersohnes im Wohnzimmer gefunden. Die Staubmäuse sammeln sich in den Ecken, und ich, die ich so ordentlich bin, störe mich gar nicht daran. Das wundert mich selbst ein wenig. Sollte ich im Alter noch schlampig werden? Das wäre wirklich was Neues.

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