Klima

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Novembersonne

Als Evo Morales 2006 bolivianischer Präsident wurde, war er der große Hoffnungsträger: der erste Indigene in dieser Position hatte eine klar antikapitalistische Ausrichtung und – was ich am bemerkenswertesten fand – er sorgte dafür, daß Pachamama, Mutter Erde, in die Verfassung aufgenommen wurde. Danach kam eine relativ gute Zeit für die Bolivianer, allen voran die Indigenen, die bis dahin immer die Benachteiligten waren. 2010, beim Internationalen Goddess-Kongress auf dem Hambacher Schloss hielt der bolivianische Botschafter, ein kleiner Mann von indigener Abstammung, eine Rede in sehr gutem Deutsch. Er erklärte, warum die Kokapflanze für die Andenvölker so wichtig ist und reichte dann einen Sack mit getrockneten Kokablättern herum, von dem jede etwas nehmen konnte. Ich habe auch ein paar Blätter gekaut, aber nicht wirklich etwas gemerkt. Ich fand den Mann sympathisch und seine Ausführungen nachvollziehbar.

Warum Evo Morales die Verfassung dahingehend geändert hat, daß er für mehr als zwei Amtszeiten gewählt werden konnte, weiß ich nicht. Vielleicht war es die Krankheit der Mächtigen, die sich von ihrem Amt nicht mehr trennen können und sich für so überaus wichtig halten, daß sie keinen Anderen an der Spitze mehr zulassen können. Wie auch immer: daß seine selbsternannte Nachfolgerin Jeanine Áñez demonstrativ das Folterkreuz der christlichen Religion ins Parlament bringt und die Fahne der Indigenen verboten wird, verheißt nichts Gutes. Ich habe keine Ahnung, ob Evo Morales oder die Gegenseite Wahlbetrug begangen haben. Aber ich weiß, daß Bolivien ein Land mit reichem Lithiumvorkommen ist und es mutet schon verdächtig an, daß dieser Umsturz in Bolivien zu einer Zeit stattfindet, da Lithium massenhaft zur Herstellung von Akkus, z. B. für Elektroautos, gebraucht wird. Ich werde den Verdacht nicht los, daß hinter alldem eine mächtige internationale Wirtschaftslobby steckt.

Charles Eisensteins großartiges Buch Climate – a New Story ist jetzt auf deutsch erschienen: Klima – eine neue Perspektive. Gestern Abend, als ich nach Kiel fuhr, hatte ich einige Trecker vor mir, die wohl gerade von ihrer Protestfahrt aus Berlin zurückkamen. Es sind übrigens keine Biobauern, die das organisiert haben, sondern die sogenannten traditionellen Bauern, die sich auf diese Weise mehr Wertschätzung erkämpfen wollen und dagegen protestieren, daß sie jetzt nicht mehr ganz soviel Gülle auf die Felder kippen dürfen wie bisher. Ich kann diese Bauern nicht wertschätzen: sie wissen, daß sie Gift in den Boden bringen, sie wissen, daß die Humusschicht durch ihre Form der Bodenbearbeitung schwindet, sie wissen, daß diese Art von Landwirtschaft die Erde zerstört. Mir kann kein Bauer erzählen, daß er das nicht weiß, denn es ist hinlänglich bekannt. Und sie wissen, daß es Alternativen gibt, nämlich ökologischen Landbau. Trotzdem sind sie mit von der Bundesregierung subventioniertem Diesel nach Berlin gefahren. Charles Eisenstein schildert sehr schlüssig, daß alle von Staaten ergriffenen Maßnahmen, die den Klimawandel aufhalten sollen, das Gegenteil bewirken, weil sie nie das Ganze berücksichtigen. Er beschreibt das sehr gut am Beispiel eines chinesischen Staudamms, der für die Stromgewinnung gebaut wurde. Ich kann das in seiner Komplexität hier nicht wiedergeben, aber letztendlich wird mehr CO2 in die Luft geblasen als ohne Staudamm. Die Windräder verschandeln nicht nur die Landschaft und töten Vögel, sondern sie enthalten hochgiftige Stoffe, die schwer zu entsorgen sind. Außerdem wird für sie Balsaholz gebraucht, was aus den Tropen herbeigeschafft wird. Ähnlich ist es mit den Solaranlagen. Das Problem ist der Strom, ohne den nichts läuft, auch kein Handy, kein Internet, kein Navi, gar nichts.  Wir verbrauchen einfach viel zu viel. Heute war ich in Kiel im Sophienhof um einzukaufen. Ich hasse Shopping und erst recht in diesen überdachten und überhitzten Einkaufszentren mit ihren Menschenmassen. Heute war alles mit tausenden LED-Lichterketten beleuchtet, überall Glitzer und Flimmern. Wer braucht das eigentlich?

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Ich glaube, daß Charles Eisenstein Recht hat, wenn er sagt, daß wir den Klimawandel anders angehen müssen: als allererstes muss sich die Landwirtschaft ändern, muss regenerativ werden. Es sollten mehr Menschen aufs Land gehen und sich genau dieser Aufgabe widmen, ob nun als Bauern oder als kleine Gärtner*innen. Und allesallesalles würde sich ändern, wenn Menschen wieder anfingen, die Erde als lebendiges Wesen zu lieben und zu ehren und sich als Teil von ihr zu fühlen.

Übrigens habe ich in diesem Jahr soviel Gemüse und Früchte aus meinem Garten bekommen wie noch nie. Darüber freue ich mich jeden Tag. Danke, danke, danke, liebe Erde!

„just another fuckery in human history“

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Roger Hallam, einer der Begründer von Extinction Rebellion, hat mit seiner Äußerung, der Holocaust sei „just another fuckery in human history“ für Aufruhr, speziell in Deutschland, gesorgt. Man regt sich darüber auf, daß er angeblich den Holocaust damit klein geredet hat. Ich finde das nicht. Er hat übrigens seine Aussage mittlerweile in der Zeit relativiert und sich dafür entschuldigt, daß er Gefühle von Menschen verletzt hat, die auf irgendeine Weise vom Massenmord an den Juden durch die Nazis betroffen sind. Ich habe das gelesen und kann daran nichts Empörenswertes finden. Daß sich seit einigen tausend Jahren in der Geschichte der Menschheit diverse Massenmorde und Vernichtungen von Ethnien finden, ist doch unbestreitbar. Ich möchte da mal ein paar Beispiele nennen: der Krieg der weißen Siedler gegen die amerikanischen Ureinwohner, die Verschleppung und Versklavung von Afrikanern nach Amerika, die gigantischen Verbrechen der Kolonialisten und der Vietnamkrieg (General Curtis LeMay sprach davon, man solle „Vietnam in die Steinzeit zurückbomben“ und wenn man sich ansieht, wie die Amerikaner in Vietnam vorgegangen sind, dann sieht man, daß das keine leere Redewendung war).

Unser Außenminister Heiko Maas wird im englischen Guardian folgendermaßen zitiert:  “The Holocaust is more than millions of dead and horrific torture methods. To want to murder and exterminate Jewish women and men is uniquely inhumane. We must always be aware of that so we can be certain: never again!”

Dann möchte ich mal darauf hinweisen, daß die deutsche Regierung sich bis heute weigert, Schadensersatzzahlungen für die von der SS begangenen Verbrechen in Griechenland und für den Völkermord an den Herero und Nama durch die deutschen Kolonialisten zu leisten. Ich finde euch alle verdammt scheinheilig und völlig unglaubwürdig.

Um auf Roger Hallam zurückzukommen: er hat diesen Holocaustvergleich im Zusammenhang mit der völligen  Untätigkeit der Regierungen in Bezug auf den Klimawandel gemacht. Und tatsächlich findet zur Zeit vor unseren Augen ein Holocaust nie gekannten Ausmaßes an diversen Gattungen statt und die meisten machen die Augen zu wie damals die Deutschen zwischen 1933 und 1945.

Regt euch doch bitte mal über die richtigen Leute auf!

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Ich finde es auch wichtig, mal wieder darauf hinzuweisen, daß Kriege und Völkermorde ein ziemlich neues Phänomen in der Geschichte der Menschheit sind. Menschen haben, das weiß man heute, die längste Zeit friedlich miteinander gelebt. Wir haben in der Schule im Geschichtsunterricht noch die Jahreszahlen der Kriege auswendig lernen müssen (bei mir ist da nur „333 – bei Issos große Keilerei“ hängen geblieben). Das zeigt natürlich nur, was unsere Geschichtslehrer*innen bzw. die Lehrplanmacher bedeutsam fanden. Mir scheint es aber wesentlich bedeutsamer zu wissen, daß Menschen prinzipiell zu Frieden fähig sind.

Hier kommt noch ein passender Spruch aus dem seltsamen Laden in Flensburg:

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Freiheit

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Flensburger Hinterhof

Am Montag fuhr ich mit anderen Selenter Flüchtlingshelfer*innen nach Raisdorf zu einem Vortrag von Jens Leutloff, der schon im Mai zum Thema „Frauen im Islam“ in Schellhorn referiert hatte. Ich habe am 13. Mai darüber gepostet. Dieses Mal ging es um muslimische Männer und was Migration mit ihnen macht. Es gab da einen lustigen Moment, als Herr Leutloff erzählte, er habe im Blog einer Teilnehmerin der Veranstaltung im Mai gelesen. So wie er das schilderte, bin ich mir sicher, daß er meinen Post „Können Männer Feministen sein“ gelesen hat. Mir ist schon aufgefallen, daß der erstaunlich häufig aufgerufen wird.

Auch dieser Vortrag gefiel mir gut. Und es wurde einmal mehr deutlich, daß Jens Leutloff ein positives Menschenbild hat, daß ihm sehr an der Gleichstellung von Männern und Frauen gelegen ist, daß er absolut kein Freund des patriarchalen Familien(auslauf)modells ist. Und was mich regelrecht gerührt hat: er wirkt an einem neuen und positiven Männerbild mit. Solche Männer können wir alle gebrauchen: die nicht darüber jammern, daß ihnen die Privilegien weggenommen werden, sondern die sich daran machen, Männer von den vielen Schichten aus Pseudomännlichkeit zu befreien und ihnen zu helfen, die zu sein, als die sie vom Leben gemeint sind. Und ich weiß ganz genau, daß Gewalttätigkeit und Dominanz nichts ursprünglich Männliches sind und daß viele Männer sich danach sehnen, ihre fürsorglichen und liebevollen Möglichkeiten zu verwirklichen. Ilan Stephani sagte im Sommer, Männer wollten Frauen glücklich machen und das sei ihr größtes Geheimnis. Das glaube ich ihr sofort, weil ich es auch so erlebt habe.IMG_1951

geheimnisvoller Laden in Flensburg: No Exit

Meine Tochter meinte neulich, daß die alten Feministinnen den falschen Feind gehabt hätten, nämlich die Männer. Ich als alte Feministin finde: Ja und Nein. Ich habe lange die Männer für die Benachteiligungen, Übergriffe und Zumutungen verantwortlich gemacht, die ich in meinem Alltag erlebt habe. Jeder Bericht über Vergewaltigungen und ausbeuterisches Verhalten hat meine Wut angefacht. Das war eine schwierige Zeit, weil ich gleichzeitig Beziehungen zu Männern hatte und mir gewünscht habe, ich könne gut über sie denken. Ich bin Vatertochter, mein Vater war in unserer Familie meine Vertrauensperson, an ihn habe ich mich gewendet, wenn ich etwas auf dem Herzen hatte. Mit meiner Mutter konnte und wollte ich das nicht. Dann kam die Pubertät und mein Vater hat mir die Freiheit genommen, indem er mir alles verboten hat, was ich gern machen wollte. Er wollte mich beschützen und hat damit bewirkt, daß ich zur Rebellin wurde.

In der feministischen Szene habe ich Frauen gekannt, die sehr verächtlich über Männer redeten und im gleichen Satz erzählten, wie leicht man sie ins Bett bekäme. Was denn jetzt: ihr findet Männer scheiße und geht dann mit ihnen ins Bett? Das erinnert mich an solche Männer, die Prostituierte verachten und gleichzeitig regelmäßig ihre Kunden sind. Schizophren!

Es hat lange gedauert, bis ich meinen Frieden mit Männern geschlossen habe. An diesem Heilungsweg haben viele Männer mitgewirkt, u. a. mein letzter Ehemann, Kollegen und Freunde. Männer sind nicht meine Feinde. Und die Welt wird keinen Funken besser, wenn Männerbashing betrieben wird. IMG_1948

Schaufenster des geheimnisvollen Ladens

Ich bin jetzt 66 Jahre alt und führe ein zufriedenes Leben. Ich habe alles, was ich brauche. Seit meiner Pubertät hat mich eine große Sehnsucht nach Freiheit getrieben und in dieser Freiheit lebe ich jetzt. Um ganz ehrlich zu sein, fühle ich mich vollständig frei, seit ich keine feste Beziehung zu einem Mann mehr habe. Manchmal bin ich selbst erstaunt, daß ich so selbstgenügsam lebe. Ich war in den letzten 12 Jahren nur einmal in einen Mann verliebt. Daß nichts daraus geworden ist, war nicht wirklich schlimm: ich habe mich gefreut, daß ich zu solchen Gefühlen noch fähig bin und konnte den Mann ohne Groll und Schmerz gehen lassen. Aber in den letzten Wochen denke ich manchmal, daß es schön wäre in diesem Leben noch einmal die Erfahrung einer Beziehung in völliger Freiheit zu machen. Das heißt: den anderen vollständig zu respektieren, ihn nicht verändern zu wollen, ihn seine Wege gehen zu lassen, keinerlei Erwartungen an ihn zu haben. Das würde allerdings auch bedeuten, daß wir keinen gemeinsamen Haushalt haben. Die Besuchsehe scheint mir ohnehin das Modell der Zukunft. Ja, das würde mir gefallen.

Hindernisbereiterin

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Von Ute Schiran kenne ich die Hindernisbereiterin. Die ist in etwa vergleichbar mit  Tricksterfiguren wie Coyote bei den amerikanischen First Nations oder Loki in der germanischen Mythologie, also einer Gestalt, die Personen Steine in den Weg legt und sie so dazu zwingt, ihre gewohnten Routinen zu verlassen. Mit der habe ich im Moment viel zu tun.

Meine Mutter liegt immer noch im Krankenhaus. Sie soll nächste Woche in die Reha. Ständig bekomme ich Anrufe von irgendeiner Sozialarbeiterin (die wechseln laufend Zuständigkeiten), die mich auffordert, die Krankenversicherung zu kontaktieren und Beihilfenummern herauszufinden. Da meine Mutter solche Sachen immer meinem Vater überlassen hat, ist ihre Mithilfe in dieser Angelegenheit äußerst begrenzt. Und so telefonieren mein Bruder und ich in fairer Arbeitsteilung: ich bin für den Kontakt mit den Sozialarbeiterinnen zuständig, er für die Telefonate mit der Krankenversicherung und dem nordrhein-westfälischen Landesamt für Besoldung und Versorgung. Dann stellt sich plötzlich heraus, daß Anträge, die eigentlich schon vor zwei Wochen raussollten, noch nicht eingetroffen sind. Ohne Anträge gibt’s aber keine Reha. Oder eine Sozialarbeiterin setzt mich unter Druck und sagt, daß es Aufgabe der Angehörigen sei, sich um solche Sachen zu kümmern. Wir tun, was wir können, aber irgendwie scheint es nicht genug zu sein. Wir sind ja auch ziemlich ahnungslos und haben beide kein Studium der sozialen Arbeit absolviert. Meine Psychiatrieschwesternqualifikation nützt mir allerdings doch ein wenig: ich bleibe bei den Telefonaten ruhig und höflich, statt wütend in den Hörer zu bellen, ich verkneife mir Vorwürfe und dokumentiere jedes Gespräch. Sicher ist sicher. Ich frage mich, wie das Menschen regeln, die gar keine Angehörigen haben. Die haben wahrscheinlich keine Chance auf eine Reha.IMG_1933

Öfter mal in den Himmel schauen, aah!

Am Wochenende war meine persönliche Hindernisbereiterin auch aktiv: ich wollte mich in Bad Segeberg mit einer Frau aus meinem Imkerverein treffen, um mit ihr zum 30jährigen Jubiläum von De Immen in die Lüneburger Heide zu fahren. Nachdem ich mehr als eine halbe Stunde auf sie an dem verabredeten Ort gewartet hatte und auf meine SMS und Anrufe keine Reaktion erfolgte, war ich so genervt, daß ich kurz mit dem Gedanken spielte, wieder nach Hause zu fahren. Das tat ich dann glücklicherweise nicht, sondern machte mich allein auf die Weiterfahrt. Ich hatte im Radio von einem schweren Busunfall gehört, weshalb die A1 voll gesperrt war. Also nahm ich die Landstraße Richtung Hamburg und fuhr in Schnelsen auf die A7. Ich kam problemlos an meinem Ziel an. Die arme F. aber, die mich ja eigentlich mitnehmen wollte, kam zwei Stunden später. Sie hatte kein Radio gehört, und ihr Navi hatte sie nicht vor dem Stau auf der A1 bewahrt. Wie gut, daß ich einen Autoatlas habe und Karten lesen kann. Als sie dann endlich ankam, deckten wir das Missverständnis wegen des Treffpunktes auf und fanden heraus, daß ich die falsche Handynummer hatte.

Das Wochenende wurde dann recht schön. Wir tagten im Haus Schnede, das von Sufis betrieben wird. Ich traf Menschen wieder, die ich sehr gern habe, hatte schöne Kontakte, erfuhr Neues und Nachdenkenswertes. Samstagabend trat die Schauspielerin Barbara Geiger alias Fräulein Brehm auf und belehrte uns auf unbeschreibliche Art über die Wildbienen. Die Frau ist toll, ich empfehle sie ausdrücklich weiter:  http://brehms-tierleben.com/ Später wurde getanzt, gesungen und ganz viel gelacht.

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Ich hatte am Abend auch noch eine Auseinandersetzung mit einer Frau wegen ihrer Behauptung, daß der Mensch quasi über der Natur steht und für deren „Verfeinerung“ zuständig ist. Da musste ich vehement widersprechen und ihr meinerseits mein Weltbild vom großen Organismus entgegenhalten, in dem alle Arten eine wichtige Rolle spielen und Hierarchien keinen Sinn machen. Wir wurden uns natürlich nicht einig. Ich fragte sie, ob sie Anthroposophin sei. Ja klar, war sie. Ich fand ja Rudolf Steiner mal gut. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob sie seine Denke wiedergab. Wir beendeten das Gespräch, nachdem sie die Kunst als Beleg für die geistige Überlegenheit des Menschen angeführt hatte und ich dagegen hielt, daß die Natur in meinen Augen die größte Künstlerin sei. Nach dem Gespräch war ich kurzfristig schlecht gelaunt. Wahrscheinlich sollte ich mir abgewöhnen, auf solche Äußerungen so allergisch zu reagieren. Aber ich glaube einfach, daß diese Art zu denken (Menschen sind etwas Besonderes) uns und andere Arten dahin gebracht hat, wo wir jetzt sind: am Abgrund.

Am Sonntagmorgen erzählte uns einer der Betreiber von Haus Schnede von dessen Geschichte und seinem Sufiorden. Er machte auch eine Art Mantrameditation mit uns, die mir sehr gut gefiel, weil sie tatsächlich eine körperliche Resonanz im Herzen hervorrief. Etwas am Sufismus fasziniert mich, wobei es da ja auch verschiedene Strömungen gibt, aber er ist nicht mein Weg. Es entspricht mir einfach nicht, einem Lehrer oder einer Lehrerin vorbehaltlos zu folgen. Ich habe es an anderer Stelle ja schon ausgeführt. Ich bin da eher die Biene, die mal an dieser und an jener Blüte nascht und daraus ihren ganz eigenen Honig macht.

Nachmittags fuhr ich bei schönstem Sonnenwetter auf einer erstaunlich leeren A7 nach Hause und hörte auf DLF eine Sendung über die mir bis dahin unbekannte US-Band DIIV, die ein wenig an Sonic Youth erinnert. Die habe ich in den 90ern gern gehört. DIIV hat etwa Düsteres, aber ich mag ja düstere Musik. Wen es interessiert: das Stück Blankenship befasst sich mit dem Klimawandel und findet sich auf YouTube.

Nachhaltig?

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Im Blog von Werner (ich freue mich, Werner, daß dir mein letzter Post gefallen hat!) habe ich die Kopie eines Leserbriefs aus der österreichischen Kronenzeitung gefunden, die sich kritisch mit Fridays for Future auseinandersetzt: http://www.traumlounge.wordpress.com vom 3.10.2019 (ist die Kronenzeitung nicht das österreichische Pendant zur Bildzeitung?). Der Schreiber fühlt sich offensichtlich persönlich angegriffen und erzählt, wie er unter einfachsten Verhältnissen in den 50er Jahren klimafreundlich gelebt hat, einfach weil seine Familie arm war. Dann konfrontiert er die heutigen Jugendlichen mit ihrem verschwenderischen Lebensstil.

Für einen ganz kurzen Moment habe ich gedacht: Ja! Aber im nächsten Moment habe ich den Denkfehler der Argumentation gefunden: Ich bin drei Jahre nach dem Leserbriefschreiber geboren, also acht Jahre nach dem Kriegsende. Bis zum Beginn meiner Schulzeit hatten wir weder Waschmaschine noch Kühlschrank, kein Telefon und kein Auto, dafür aber wie alle Haushalte eine Speisekammer, es gab keine elektrischen Küchengeräte, keinen Fernseher (den gab es auch später nicht, aus prinzipiellen Erwägungen meiner Eltern). Abends wurden Gesellschaftsspiele gespielt oder wir haben gelesen, gemalt, gebastelt, Geschichten erzählt, genäht, gestrickt, gehäkelt. Die Klamotten von meinem Bruder und mir wurden von meiner Oma und meiner Mutter genäht und gestrickt. Kaputte Kleidung wurde geflickt, Socken wurden gestopft (was ich auch jetzt noch mache, jedenfalls bei selbstgestrickten Socken). Wir haben ab und zu gebadet, ansonsten war jeden Tag Waschen am Waschbecken mit kaltem Wasser angesagt (damit habe ich seit dem Survivaltraining 1993 in Schweden wieder angefangen. Ich dusche nur noch alle vier Tage, dann natürlich warm). Milch wurde in einer Milchkanne aus Blech vom Milchladen geholt, da gab es auch Quark, der hieß Schichtkäse und wurde in Papier gewickelt. Fleisch und Fisch gab es nicht täglich, Lebensmittel holte meine Mutter aus der Markthalle in Hannover, alles konnte man lose kaufen. Man nahm halt Taschen und Einkaufsnetze mit. Es gab keine in Plastik verpackten Sachen. Das meiste kam aus der Region, nur im Winter wurden Orangen und Bananen angeboten. Soweit so nachhaltig (ich finde ja das durch die Oya kreierte Wort „enkeltauglich“ besser). Aber wir haben, wie wahrscheinlich die allermeisten Haushalte mit Kohle geheizt.  Ich nehme an, daß das auch beim Leserbriefschreiber so war. Damals war das Ruhrgebiet, wo die Kohlen herkamen, eine legendär versmogte Region in Westdeutschland. Die Luft war so dreckig, daß im Winter eine schwarze Schicht auf dem Schnee lag, wie man mir erzählte.

Aber dann kam das sogenannte Wirtschaftswunder und damit die Autos, die Kühlschränke, die Fernseher, die elektrischen Geräte usw. Und alle, die es sich irgendwie leisten konnten, machten mit und kauften und kauften. Das wird auch beim Schreiber des Leserbriefes nicht anders gewesen sein. Was ich damit sagen will: unsere Generation ist eben doch mitverantwortlich für den Klimawandel. Ich rede nicht von Schuld. Nach meiner Erfahrung führen Schuldzuweisungen nicht dazu, daß irgendetwas besser wird. Mir ist das Konzept der Verantwortung sympathischer, denn da geht es darum, daß Antworten auf Fragen gefunden werden: Wie ist es dazu gekommen, daß wir heute am Rande des Abgrunds stehen? Was kann ich tun? Und in meinen Augen noch viel, viel wichtiger: was kann ich lassen? Und da fällt mir immer noch wieder was Neues ein, was ich persönlich lassen kann und das macht mich jedes Mal ziemlich zufrieden.

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Ich würde übrigens gern auf den Kühlschrank verzichten. Aber meine bisherigen Versuche, zu kühlende Lebensmittel draußen in einer isolierten Kiste zu lagern, waren wenig erfolgversprechend. Im Winter sind mir dann doch Sachen eingefroren. Eine Speisekammer wäre schön, aber diese sinnvolle Einrichtung existiert in neuen Häusern leider gar nicht mehr und im Zuge der Wärmedämmung sind die Speisekammern in den alten Häusern unbrauchbar gemacht worden. Sehr bedauerlich!

In der letzten Oya las ich in einer Rezension von Ute Scheub zu Paul Hawkens Buch Drawdown – der Plan Folgendes:

„Folgt man dem Ranking von Hawkens Team, ist die wirksamste Maßnahme 〈den Klimawandel zu stoppen〉 der Verzicht auf Fluorkohlenwasserstoffe (FKW), der zu einer Reduktion  von fast 90 Gigatonnen Treibhausgasen führen würde. Diese Kältemittel ersetzten die ozonzerstörenden FCKWs in Kühlschränken und Klimaanlagen, sie seit dem Abkommen von Montreal 1987 nicht mehr verwendet werden, sind jedoch 1000- bis 9000-mal klimaschädlicher als CO2. Hier wurde also der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.“

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Was wir verlieren

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Mein neues Gewächshaus: ein Traum, weil aus Glas und nicht aus Scheißplastik, geschenkt von der lieben I., die es nicht mehr braucht und bei ihr abgebaut und bei mir wieder aufgebaut von meinem Lieblings-Exkollegen H. und seinem handwerklich überaus begabten Kumpel T. Einige Scheiben fehlten; die hat ein Glaser in Preetz neu zugeschnitten, und ich habe sie eingesetzt.

Heute war es schön sonnig und kühl und ich habe das letzte Stück Garten mit der Sense gemäht. Ich habe noch nie Nordic Walking praktiziert aber gehört, daß es ganz wunderbar die Lunge weitet, wenn es richtig gemacht wird. Nachdem ich jetzt einige Jahre mit der Sense arbeite und mir das von Jahr zu Jahr leichter von der Hand geht und ich allmählich im wahrsten Sinne des Wortes den Bogen raushabe, kenne ich dieses gut durchlüftete Gefühl im Brustkorb nach einer Stunde Sensen. Es ist nicht nur toll zu sehen, was ich geschafft habe, ich fühle mich danach auch jedes Mal so energiegeladen und angenehm durchtrainiert, daß es eine Freude  ist.

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Aus dem Radio erfuhr ich heute, daß das Internet 50 Jahre alt ist. Das Internet finde ich vom Prinzip her eine feine Sache. Es kommt halt drauf an, wie eine es nutzt. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich im Internet verlieren. Wenn ich zu Hause bin, rufe ich fast täglich meine Mails ab. Wenn ich auf Reisen bin, lese ich keine Mails und nichts fehlt mir. Ich finde es gut, ab und zu unerreichbar zu sein. Ich gehe ja auch nicht immer ans Telefon. Wer was von mir will, kann meine Anrufannehmerin benutzen. Eine Krankheit finde ich die WhatsApp-Kommunizierei, so wie ich sie in meinem Umkreis oft mitkriege. Ich möchte wirklich nicht den ganzen Tag über jeden Furz informiert werden, den meine Freund*innen von sich geben.

Gänzlich überflüssig finde ich die Navis, die immer mehr Leute in ihren Autos haben. Ich kenne Menschen, die nicht in der Lage sind, Karten zu lesen. Was ich an Navis nicht mag: erstens trägt ihre Produktion dazu bei, daß die Erde noch mehr durch den Abbau von Seltenen Erden zerstört wird; zweitens führt ihr Gebrauch dazu, daß der menschliche Orientierungssinn verkümmert. Und das Traurige ist, daß wir nicht merken, was uns fehlt. Ja, es kann passieren, daß ich mich verfahre, wenn ich mit dem Auto in unbekanntem Terrain unterwegs bin oder mich so mit eventuellen Beifahrer*innen verquatsche, daß meine Aufmerksamkeit darunter leidet. Ob ein Navi das verhindern würde, bezweifle ich; ich würde es wahrscheinlich überhören, wenn ich in einem interessanten Gespräch bin. Manchmal halte ich rechts an und schaue in meinen Autoatlas oder die Karte. Und es gibt zumindest in Ortschaften auch immer die Gelegenheit anzuhalten und Menschen nach dem Weg zu fragen. Als I. und ich letztes Jahr in Lappland waren, haben wir den ganzen langen Weg ohne Probleme nach Karte zurückgelegt. Vor der Fahrt haben wir gemeinsam die Route geplant.

Vor einigen Wochen ist die Bundesstraße zwischen Selent und Bellin wegen Straßenarbeiten gesperrt. Als das anfing, fuhr ein stetiger Strom von Autos durch das Dorf, an meinem Haus vorbei und unter Missachtung des Durchfahrt-verboten-Schildes durch den Wald. Das war nicht die ausgeschilderte Umleitung (die war den Leuten zu lang), sondern die Empfehlung von Google, wie sich herausstellte. Es war klar, daß der schmale unbefestigte Weg diesen Ansturm an Fahrzeugen nicht aushalten würde. Nach nur einem Tag war er schon ruiniert. Die Schlaglöcher, die ich bisher umfahren konnte, haben sich vervielfacht. Mittlerweile stehen an mehreren Stellen Sackgassenschilder, aber auch die werden noch gelegentlich ignoriert. Dann wenden Autos direkt vorm Haus und kratzen mit ihren Reifen tiefe Löcher in den Weg. Das sind Gelegenheiten, wo ich Autofahrer*innen richtig hasse, obwohl ich doch selbst eine bin.

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Ich bin nicht per se Technikfeindin. Es ist mir aber ein großes Anliegen, daß ich und möglichst viele Menschen wieder Zugang zu unseren durch Nichtbenutzung verkümmerten Sinnen und damit zu unserer inneren und äußeren Natur finden. Wenn wir uns abhängig von Smartphones und ihren diversen Apps, von Navis, elektrischen Küchengeräten, selbstfahrenden Autos (die Vorstellung ist für mich schon ein Alptraum), Siris, Alexas usw. fühlen, sind wir schon den Apologeten des Wirtschaftswachstums auf den Leim gegangen. Vieles geht gut mit der Hand: Sahne schlagen geht mit einem handbetriebenen Rührquirl in exakt der gleichen Zeit wie mit einem elektrischen Küchengerät (habe ich ausprobiert). Eischnee kann man prima mit einer Gabel in einem Suppenteller steif schlagen. Das sind nur zwei Beispiele. Der Nebeneffekt ist, daß wir unsere Arbeitsmuskeln trainieren und damit im Alter weniger osteoporosegefährdet sind. Und ich weiß aus eigener Erfahrung, daß körperliche Arbeit zufrieden macht und zu einem guten Schlaf führt.

Ahninnenfest

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Vor einigen Wochen hatte ich das Bedürfnis, das Ahninnenfest mal wieder mit Anderen zusammen zu feiern. Ich lud einige Freundinnen ein, die ich gern dabei haben wollte, und sie kamen. Es war richtig schön! Wir feierten dieses Mal nicht draußen und die rituellen Formen hielten sich in Grenzen. Wir bauten einen schönen Altar mit Fotos und Symbolen. Dann trugen wir zusammen, wie wir das Fest gestalten wollten. Nachdem wir mit dem Begrüßen der sechs Richtungen und Räuchern mit Salbei den heiligen Raum geschaffen hatten, erzählte jede etwas zu den Gestorbenen aus ihrem Kreis: was wir ihnen verdanken, aber auch Schwierigkeiten, die wir im Kontakt mit ihnen hatten. Das war sehr interessant. Mir wurde klar, daß es die sogenannte heile Familie kaum gibt. In wohl fast jeder Familie gibt es Tabuzonen, Dinge über die nicht gesprochen wurde, Lügen und Vertuschungen, die auf die Dauer zu vermeintlich unverständlichen Störungen im familiären Gefüge führen. In diesem Zusammenhang machen meines Erachtens Familienaufstellungen durchaus Sinn, um Licht ins Dunkel zu bringen (aber bitte nicht nach Hellinger: ich habe mal Vorträge von dem auf CD gehört, da ist mir schlecht geworden. So ein eingefleischt patriarchaler Typ!) Sehr gefreut habe ich mich, daß auch gestorbene Tiere anwesend waren: meine kleine Skadi und der Hund einer Freundin.

Wir haben gesungen und anschließend die Leckereien gegessen, die jede mitgebracht hat. Ein Teller war für die Ahninnen, den habe ich später in den Knick gestellt.

Außer von meinem Vater, Norbert und Skadi habe ich auch von Ute Schiran erzählt. Ich bin ihr so dankbar für das, was ich durch sie bekommen habe und sie ist seitdem immer in meinem Herzen. Heute habe ich viel an sie gedacht und mal wieder in ihren Küstensaum der Zeit kreuz und quer gelesen. Sie war schon eine Wissende!

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Auf meinem Spaziergang durch Wald und Feld traf ich keine Menschenseele. Dafür wurde ich aber Zeugin der Damhirschbrunft. Die Hirsche mit ihren mächtigen Geweihen geben den ganzen Tag und auch nachts sehr laute grunzende Brunftlaute von sich. Leider widersetzten sie sich meinen fotografischen Bemühungen. Auch die Kolkraben waren schneller als ich mit meiner Kamera.

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Ich wurde zweimal von einem heftigen Schauer überrascht, bekam aber zum Trost auch zweimal einen Regenbogen zu sehen.

Zur Zeit lese ich ein sehr interessantes Buch, das mir mein Nachbar T. geliehen hat: Siegfried und Kriemhild von Jürgen Lodemann, die Nibelungensage in Romanform. Lodemann hat sehr viel recherchiert und historische Quellen verglichen. Angenehmerweise hat er die Anmerkungen in roter Schrift in den Text eingefügt, so daß eine nicht ständig im Anmerkungenteil blättern muss. Er stellt sehr deutlich den geschichtlichen Hintergrund dar: die im Untergang befindliche Römerherrschaft ebenso wie die grausamen Missionierungen der Kirche. Deutlich wird, wie wenig die kirchlichen Lehrmeinungen und Dogmen mit den Lehren und der offensichtlich lebensfrohen Persönlichkeit des Nazareners zu tun haben. Es ist immer dasselbe: sobald die Lehren einer Person zur Schaffung einer Institution benutzt werden, führt das in eine lebensfeindliche geistige Monokultur. Mit der Darstellung der germanischen Mythologie bin ich allerdings nicht einverstanden: da wird Freya als Tochter von Thor dargestellt. Das ist schlicht falsch und macht keinen Sinn.