Pestizidfreie Landschaft

.  am 19.02.2019 in Kiel, Centrum, , Photo: Michael Slogsnat, Bordesholm.
. am 19.02.2019 in Kiel, Centrum, , Photo: Michael Slogsnat, Bordesholm.

Das Abschluss-Foto von unserem Streik: rechts mit dem blauen Schild bin ich.

Nach dem Frühdienst ging ich heute zu einer Veranstaltung von den Naturfreunden Deutschlands und Bioland. Ich bin seit fast einem Jahr mit der Vorsitzenden der Naturfreunde, Dr. Ina Walenda, im Gespräch wegen einer Veranstaltung gegen Pestizideinsatz in Lammershagen. Daß ich bis jetzt nicht weit gekommen bin, liegt auf keinen Fall an Frau Walenda, die mir in einigen Telefonaten ihre Unterstützung zugesichert hat. Es ist irgendwie vertrackt: ich stoße nicht auf offene Ablehnung, aber es geht auch nicht weiter, als ob dieses Thema nicht wirklich interessiert. Leider bestätigt das mal wieder, daß Politik aus Dicke-Bretter-Bohren besteht.

Bei der heutigen Veranstaltung war auch der Landwirtschaftsminister von Schleswig-Holstein, der Grüne Jan Philipp Albrecht anwesend. Er trug die Pläne der Landesregierung in gleichförmigem Tonfall und typischem Politikersprech vor, so dass ich mich nach wenigen Sätzen mit meiner Aufmerksamkeit verabschiedete und mich stattdessen im Publikum umsah. Ich entdeckte einen Mann, der mir vor elf Jahren kurz nach der Trennung von J. sein Interesse geschenkt hatte. Wir hatten durchaus gemeinsame Themen, trotzdem konnte ich mich nicht auf ihn einlassen und beendete damals den Kontakt. Damit habe ich ihn verletzt, was mir leid tat. Ich überlegte, ob ich nach der Veranstaltung die Flucht nach vorn antreten und ihn freundlich begrüßen sollte. Ein Mann aus meinem Imkerverein sprach für das Netzwerk Blühende Landschaft. Was er sagte, gefiel mir. Der Toxikologe Dr. Peter Clausing sprach zum Thema Pestizide schädigen unsere Gesundheit. So erfuhr ich, daß Pestizide nicht nur mit Krebs in Verbindung gebracht werden, sondern auch mit der Zunahme von Morbus Parkinson und hormonellen Störungen.

Es waren viele Bauern bei der Veranstaltung und zu Wort meldeten sich vor allem solche, die Pestizide einsetzen (sie nennen sie euphemistisch Pflanzenschutzmittel) und sich als konventionelle Landwirte bezeichnen. Klaus Peter Lucht vom Bauernverband S-H sprach sogar von traditioneller Landwirtschaft. Aber diese Bezeichnungen sind sowas von falsch: die echten traditionellen bzw. konventionellen Landwirte sind diejenigen, die Jahrhunderte lang ohne Gift, kleinteilig, weitgehend selbstversorgend und regional gearbeitet haben. Ansatzweise habe ich diese Bauern noch in meiner Kindheit gekannt. Als Herr Lucht dann sagte, daß man Überschüsse beim Weizenanbau natürlich auch nach Nordafrika und Vietnam exportierte, weil man ja schließlich Profit machen müsse (es klang ein wenig an, daß man damit nebenbei auch den Hunger der Welt  bekämpfte), wurde ich sehr wütend. Monika Friebl vom Netzwerk Öko-Landbau sagte dann: „Das finde ich doof“ und bekam dafür viel Beifall. Ich hatte leider keine Gelegenheit zu sagen, daß er mit seinen Getreideexporten dazu beiträgt, die nordafrikanische und vietnamesische Landwirtschaft zu zerstören, weil die dortigen Bauern mit den europäischen Dumpingpreisen nicht mithalten können.

Dann ging mir alles nur noch auf den Geist. Ich verstehe die Bauern nicht. Klar, sie stehen wirtschaftlich unter Druck. Aber sie müssen doch sehen, daß es immer schlimmer wird: mit dem Humusschwund, mit dem Artenschwund, mit dem Insektensterben, mit den Giften, die sie, uns und alle Wesen krank machen und unsere Lebensgrundlagen vernichten. Wie kann man so immer weiter machen? Ich begreife es einfach nicht. Am liebsten wäre ich aufgestanden und hätte laut geschrien: „Ich esse seit vielen Jahren zu über neunzig Prozent biologisch hergestellte Lebensmittel, obwohl ich absolut kein üppiges Gehalt bekomme. Das ist möglich, weil ich meine Prioritäten anders setze als diejenigen, die bei Aldi Hähnchenfleisch kaufen, das billiger als Gemüse ist. Wenn ganz viele das täten, hätte sich die sogenannte konventionelle Landwirtschaft erledigt.“ Ich stand tatsächlich auf, aber um zu gehen. Nein, solche Veranstaltungen sind nichts für mich. Wahrscheinlich stimmt es, daß man die Bauern nicht so ruppig anfassen darf und mit ihnen reden muss, um irgendwann mal zu einem Konsens zu kommen. Aber dafür bin ich nicht die Richtige. Ich bin einfach zu wütend über die Zustände um mich herum.

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Vielleicht sollte ich in meinem nächsten Leben als Katze auf die Welt kommen.

Streik

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Gestern nahm ich am Warnstreik teil, den die Gewerkschaft Ver.di für die Beschäftigten des Uniklinikums Schleswig-Holstein organisiert hatte. Es gibt die paradoxe Situation, daß die Politik mittlerweile erkennt, daß es eine Pflegenotstand gibt, aber nicht bereit ist, ein akzeptables Angebot zu machen, um diesen Beruf nicht nur finanziell attraktiver zu machen. Der Sprecher des UKSH sagte, es gäbe keinen finanziellen Spielraum. Perverserweise ist allerdings für den Vorstand durchaus Geld vorhanden und zwar in schwindelerregender Höhe: allein für den Chef des Klinikum mehr als eine halbe Million Jahresgehalt. Außerdem hat man den Vorstand um zwei weitere Stellen erweitert.

Ich fuhr zum Frühdienst, verabschiedete mich allerdings wieder, als mein Kollege eine Stunde nach mir um 7:00 auf der Station erschien. D. h. es gab an diesem Tag nur die Notversorgung, wobei wir mittlerweile auch an ganz normalen Tagen sehr häufig nicht besser besetzt sind, also die Notversorgung mehr und mehr zum Alltag wird.

Auf dem Weg zum Gewerkschaftshaus in der Legienstraße wurde stimmungsaufhellende Musik geboten: eine Frau hatte ihren Dudelsack mitgebracht. Vom Balkon empfing uns laut Bella Ciao in der Version von El Professor. Das steigerte meine gute Laune. Im Gewerkschaftshaus haben übrigens schon im November 1918 die Kieler Arbeiter- und Soldatenräte getagt. Drinnen füllten wir Anträge für Streikgeld aus, dann gab es Brötchen und Kaffee. Die Gewerkschaftssekretäre gaben den Ablauf bekannt und nordeten uns ein. Ein Vertreter der IG Metall bekundete seine Solidarität mit solcher Begeisterung, daß er locker ohne Mikrophon ausgekommen wäre. Er zeigte sich empört über unsere Gehälter und sagte, daß die Metaller erheblich mehr bekämen als wir. Das ist ja die alte Geschichte: Sorgearbeit wird generell unter Wert bezahlt. Die Frau mit dem Dudelsack erzählte, daß sie seit ein paar Jahren Krankenschwester sei und erst Zeit zum Üben habe, seit sie ihre Wochenarbeitszeit reduziert um den Preis von weniger Rente im Alter.

Dann zogen wir mit Transparenten und Trillerpfeifen, eskortiert von der Polizei, durch die Stadt. Das hat Spaß gemacht. Am Knooper Weg und an der Feldstraße kamen wir an drei Kindergärten vorbei. Die Kinder drückten sich die Nasen an den Fensterscheiben platt und einige winkten. Auch einige Bauarbeiter an der Holtenauerstraße winkten vom Gerüst und wir winkten zurück. Während des Marsches wuchs der Zug deutlich an, weil Passanten sich zu uns gesellten. Sehr erfreulich! Überhaupt begegnete uns viel Wohlwollen. Etwas durchgefroren fuhr ich mittags gut gelaunt nach Hause. Nächste Woche wird wieder gestreikt.

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Ich war in den 70er Jahren aktiv in einer Betriebsgruppe der Vorgängerorganisation von Ver.di, der ÖTV. Damals habe ich auch einmal an einer Landesdelegiertenkonferenz teilgenommen und war Vertrauensfrau. Dann habe ich mich erst aus der aktiven Gewerkschaftsarbeit verabschiedet, schließlich bin ich ausgetreten …und nach einigen Jahren wieder eingetreten. Es gibt sicher einiges an Gewerkschaften auszusetzen. Aber andererseits sind sie die einzigen Interessenvertretungen, die wir haben. Ohne sie hätten wir keine Chance auf Gehaltserhöhungen und Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen. Ohne sie hätte ich immer noch einige Hundert Euro monatlich weniger auf dem Konto, als meine Kollegen, die einen alten Arbeitsvertrag haben. Deshalb plädiere ich heute dafür, daß gerade das Pflegepersonal, für das es besonders schwierig ist zu streiken (weil immer eine Notfallversorgung gewährleistet sein muss), sich unbedingt gewerkschaftlich organisieren sollte.

 

 

„Grüner Konsum“

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Vor einigen Tagen las ich in einer Zeitung, daß Robert Habeck von den Grünen bestimmte Wirtschaftsbereiche nach vorn bringen und den Konsum steigern möchte. Da stellen sich mir nicht nur die Nackenhaare auf! Vor nicht allzu langer Zeit hat er laut darüber nachgedacht, daß man Gentechnik zulassen könne, wenn sie den Hunger auf der Erde eindämmen hilft. Die Grünen können sich mühelos in eine Reihe mit FDP, CDU und SPD stellen. Sie beten das gleiche obsolete Wachstumsparadigma wie die anderen Parteien herunter, obwohl doch mittlerweile bekannt sein könnte, daß genau dieses Paradigma dazu geführt hat, daß immer schneller immer mehr Arten von dieser Planetin auf Nimmerwiedersehen verschwinden und letztlich auch die menschliche Gattung. Was soll das?

Und auch „grüner“ Konsum ist keine Funken besser: für jedes Elektroauto, jedes Windrad und jedes Solarpanel werden Coltan und Kobalt gebraucht. Um die zu bekommen, müssen wir Länder wie den Kongo ausbeuten, wo Menschen unter entsetzlichen Bedingungen für den Westen arbeiten und sterben und wegen dieser Rohstoffe seit mindestens 30 Jahren Krieg herrscht.

Ich muss an mich selbst denken: ich habe zehn Jahre gebraucht, bis ich es ganz und gar  und nicht nur für ein Jahr oder ein paar Monate geschafft habe, mit dem Zigarettenrauchen aufzuhören. Ich wusste, daß es schädlich war (das weiß jeder Süchtige), ich hatte üblen Raucherinnenhusten und eine beginnende Parodontose und habe mich vor Lungenkrebs gefürchtet, aber aufhören konnte ich nicht.

Letztlich ist jede Sucht und dazu zähle ich auch das bewusstlose Konsumieren von Dingen, die wir gar nicht brauchen, ein Ersatz für etwas, was uns diese Kultur genommen hat: die Verbindung zum Großen Ganzen, zu Natur und damit meine ich auch unsere inneren Natur, unsere Instinkte, unsere Lebendigkeit, unser Fühlen.

Heute las ich in Climate – a new Story von Charles Eisenstein: „When a species goes instinct something dies in us too; we cannot escape the impoverishment of the world we live in.“ (Wenn eine Art ausstirbt, stirbt auch in uns etwas; wir können der Verarmung der Welt, in der wir leben, nicht entkommen.)

Die weiße Gattung lebt seit ca. 8000 Jahren in einer permanenten Kriegsmentalität. Immer gibt es etwas Äußeres, was bekämpft und besiegt werden muss. Ob das wahlweise die Russen, die Vietcong, der IS, die Taliban, die Drogen, die Masern, Ebola, Wölfe, Unkräuter usw. sind, es funktioniert nach demselben Muster: Erst wird tüchtig Angst geschürt, dann hat man die Leute soweit, daß sie bereit sind, alles zu tun, um der drohenden Gefahr zu entkommen: zu kämpfen, sich impfen zu lassen, Desinfektionsmittel benutzen, Wölfe zum Abschuss freigeben … Die Gegner wechseln, der Krieg bleibt. Es ist schon seltsam, daß ganz viele Menschen den Umstand, daß Krieg eine relativ neue Erfindung in der Geschichte von Homo sapiens ist, vehement bestreiten. Da werden dann gern die Schimpansen als Beispiel dafür angeführt, daß es schon immer Krieg gegeben hat. Irgendwas an der Vorstellung von Krieg als fest in unsere Gene programmiert scheint attraktiv zu sein, ich habe nur noch nicht rausgefunden, was. Es wäre doch viel tröstlicher zu erkennen, daß wir uns vor einigen Tausend Jahren auf einen Abweg begeben haben. Dann wäre auch eine Umkehr möglich.

Heute war ein weiterer sonniger Tag und die Bienchen flogen und badeten in den aufgeblühten Krokussen. Das tröstete mich.

 

Lichtmess

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Vier Tage Familienbesuch in NRW: erst ging es nach Bonn, wo mein Sohn K. und mich mit Pasta und Artischocken versorgte. Es ist schon eine feine Sache, daß in meiner Familie gut und gern gegessen und gekocht wird. Bei ihm entdeckte ich auch ein ziemlich tolles Kochbuch: Salz Fett Säure Hitze von Samin Nosrat, das ich mir gleich gekauft habe. Aus ihm können sogar versierte Köch*innen noch was lernen. Sehr gut finde ich z. B., daß sie eine Lanze für Röstaromen bricht und keine Angst vor stark Angebratenem hat (man stellt uns die stark angebratenen Sachen oder die dunkel gebackenen Roggenbrote gern als gesundheitsschädlich hin. Da stellt sich aber die Frage, wie die Menschheit überleben konnte, nachdem schon unsere steinzeitlichen Urahnen bestimmt oft Angebranntes gegessen haben). Samstagabend ging es nach Düsseldorf, wo der Satiriker Max Uthoff einen Auftritt hatte. Ich kannte ihn bisher nur aus der Sendung Die Anstalt (was ich in der letzten Sendung über die Deutsche Bahn über das unsägliche Projekt Stuttgart 21 erfuhr, hat mich zunächst sprachlos gemacht. Mal wieder ein Beispiel dafür, wie Politiker völlig unverfroren die Bevölkerung über die wahren Beweggründe ihres Handelns belügen). Den Mann live zwei Stunden lang zu erleben war allerdings eine Herausforderung für mich: ein Overkill an bitterbösen Pointen, zuviel für mein Gehirn. Ich erinnere mich nur noch deutlich daran, daß er das Publikum in den globalen Norden und den globalen Süden einteilte. Unsere Sitzreihe lag genau dazwischen, also waren wir Frontex.

Sonntag fuhr ich nach Münster und besuchte meine Mutter. Sie kommt gut klar, macht mit ihren 91 Jahren noch regelmäßig Nordic Walking, fährt mit dem Fahrrad und geht zweimal wöchentlich zum Kieser-Training. Und am Weltgeschehen nimmt sie immer noch mit Interesse Anteil. Trotzdem finde ich es gut, daß sie ihr Auto verkauft hat.

Beim Teeaufgießen schwappte kochendes Wasser auf meinen linken Handrücken. Ich hielt die Hand sofort unter kaltes Wasser und gab mir dann lange Reiki auf die verbrühte Stelle. Das tat erst höllisch weh, nach einigen Minuten verging der Schmerz vollständig. Und jetzt, nach fünf Tagen, ist die anfängliche Schwellung verschwunden und es gibt nur noch ein paar Rötungen, aber kein Anzeichen für Narbenbildung. Ich bin immer wieder fasziniert, wie der Körper sich selbst heilt. Überhaupt liegt jegliche Heilung im Körper, auch die der Seele. Das habe ich so oft erlebt. Darum ging es auch bei Ilan Stephani in Berlin: Im Körper ist alles gespeichert wie in einem großen Archiv. Und aus ihm kann alles wieder abgerufen werden. Unser Denken hingegen erzählt uns Geschichten, liefert uns Pseudoerinnerungen, hat eine Tendenz uns runterzuziehen. Deshalb halte ich auch nicht viel von verbal orientierten Therapien.

Überhaupt, der Körper: wenn wir uns inkarnieren und zwar ganz und gar, also unser Erdenleben kompromisslos annehmen, ist das für mich echte Spiritualität. Ich bin Mensch, ich bin Körper, ich bin Erde, that’s it! Und wenn irgendwann mein Erdenleben endet, dann beginnt etwas Neues. Ich bin immer weniger in der Lage, irgendwas einfach nur zu glauben. Egal, ob mir ein Priester, ein Philosoph, ein Medium etwas über sogenannte höhere Welten und Wesenheiten erzählt – es berührt mich nicht, es ist nicht meins. Meins kann nur sein, was ich mit meinen Sinnen wahrnehmen kann. Und ja, ich habe schon völlig erstaunliche und unerklärliche Dinge wahrgenommen, die mein Weltbild erweitert haben.

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Heute habe ich Lichtmess gefeiert. Anders als im Kalender ist Lichtmess für mich ein Tag im Wassermann bei zunehmendem Mond. Heute passte das: ich hatte einen freien Tag, es war sehr sonnig und mild. Seit gestern fliegen die Bienen. Was für eine Freude! Ich war mir nicht sicher, ob dieses sehr kleine Volk, das im letzten Jahr nur einige wenige Waben gebaut hatte, den Winter übersteht. Oft habe ich früh morgens, wenn es noch ganz still war, mein Ohr ans Flugloch gelegt und dem feinen Summen zugehört. Dann war ich immer froh. Nun summen sie ganz laut und sind damit beschäftigt, orangefarbenen Pollen heimzutragen, tote Bienen auszuräumen und die aufgeblühten Krokusse und Schneeglöckchen zu besuchen.

Ich lese Charles Eisensteins neues Buch Climate. Er schreibt, Menschen würden Umweltaktivisten (environmentalists), weil sie Schmerz wegen der Vernichtung der Arten fühlen, weil ihnen etwas fehlt, was mal zu ihrem Leben gehörte. Als ich ein Kind war, habe ich Sommer für Sommer den jubelnden Gesang die Lerchen über den Wiesen und Feldern im Solling und auf unseren Sonntagsspaziergängen gehört. Heute gibt es kaum noch Lerchen und das kommt durch die agrarindustrielle Landwirtschaft. Heute gibt es auch keine blühenden Feldränder mehr, jedenfalls nicht hier. Die Schafe auf der Weide finden keine einzige Schafgarbe mehr.

Daß Greta Thunberg, die junge Schwedin, jeden Freitag für eine andere Klimapolitik demonstriert und damit immer mehr Schüler*innen auch in Deutschland infiziert hat, macht mich sehr froh: die jungen Menschen fühlen noch etwas. Nur wer fühlt, kann etwas verändern. Und echte Veränderung findet nicht auf der Ebene der Parlamente statt, das zeigt sich immer wieder. Die Menschen, die dort sitzen und uns regieren, können das nur deshalb, weil sie ihr Fühlen auf ein Minimum reduziert haben.

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Berlin

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Mittwochabend hörte ich auf dem Weg nach Kiel im Radio ausschnittweise ein Gespräch zum Thema Tempolimit auf den deutschen Autobahnen. Unser Verkehrsminister hat sich ja schon laut über diesen Vorschlag echauffiert. Nun kamen also ein Tempolimitbefürworter und ein -gegner zu Worte. Die Position des ebenfalls geladenen ADAC-Mannes bekam ich nicht mehr mit. Der Tempolimitgegner sagte gleich, er sei natürlich gegen Drängelei und Nötigung auf der Autobahn, aber er wolle weiterhin die Freiheit haben, mit 300 km/h über den Highway zu brettern. Er fühle sich dann allerdings schwer von den Langsamfahrern genötigt, die ihm auf der Überholspur betont langsam Platz machen. Dann kam der Tempolimitbefürworter zu Wort, d. h. er versuchte es, aber der Gegner fiel ihm unablässig ins Wort und ließ sich auch von der Moderatorin nicht ausbremsen, er schimpfte und krakeelte ständig herum, verhielt sich also ziemlich widerlich und bestätigte damit alle Vorurteile, die ich gegenüber Männern mit schnellen Autos habe. Ich gehe davon aus, daß er sich auf der Autobahn genauso widerlich verhält. Ich bin absolute Befürworterin eines Tempolimits. Wenn ich weitere Strecken mit dem Auto fahre, stehe ich mindestens einmal im Stau und erlebe in der Regel stockenden Verkehr, Vollsperrungen und andere Unannehmlichkeiten. Mein Adrenalinspiegel steigt jedesmal, wenn ich einen Raser im Rückspiegel herannahen sehe. Ich habe nie ein schnelles Auto gehabt und gewollt. Vielleicht schaffe ich mal 150 oder 160 km/h, aber auch nur bergab und mit Rückenwind. 130 km/h ist für mich die ideale Reisegeschwindigkeit.

Als ich 1993 das letzte Mal mit dem Auto in Frankreich unterwegs war, gab es dort ein Tempolimit von 130 km/h. Dabei fiel mir auf, daß der Verkehr floss, im Gegensatz zu deutschen Autobahnen. Das hat mich überzeugt: kein erhöhtes Adrenalin durch nötigende Raser, keine Probleme die Spur zu wechseln, offensichtlich weniger Staus. Deutschland ist das einzige europäische Land, das kein Tempolimit auf der Autobahn hat. Das finde ich ziemlich peinlich.

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Ich war vier Tage in Berlin zum ersten Modul des Jahrestrainings von Ilan Stephani. Es geht um den Körper und die ganz normalen Traumata, die unsere westliche Zivilisation allen Menschen tagtäglich zufügt. Übersetzt geht es für mich darum, wie wir wieder die Tiere werden können, die wir eigentlich sind. Vielleicht habe ich irgendwann mal Lust, mehr zu berichten.

Unsere Seminarzeiten ließen mir die Möglichkeit, vormittags das Viertel zu erkunden, wo ich in einem Privatzimmer untergebracht war: Berlin Mitte und Prenzlauer Berg. Sehr spannend und aufregend. Berlin war in den 80er Jahren, als die Mauer noch stand, meine Sehnsuchtsstadt. Ich wollte dort leben und hatte schon erste Schritte in die Wege geleitet. Das Leben führte mich dann aber woanders hin. Heute wäre ein Leben in dieser Stadt für mich nicht mehr attraktiv. Aber faszinierend ist sie. Ich erlaubte mir den Luxus, jeden Morgen in einem anderen Café mein Frühstück einzunehmen, sah am Samstagvormittag Männer mit steifen schwarzen Hüten und einen, der einen Fellhut in der Form eines Mühlsteins und lange Schläfenlocken trug sowie Jungen mit Kippas aus der Synagoge in der Nähe meines Quartiers kommen. Die wurde Tag und Nacht von Polizisten bewacht. Solche Bilder kannte ich bisher nur aus Paris. Als ich in einem portugiesischen Laden ein paar Natas kaufte, bekam ich von der freundlichen Verkäuferin noch ein mit Vanillecreme gefülltes Croissant geschenkt. Mittags gingen wir gemeinsam essen und es ergab sich, daß wir immer bei irgendeinem Vietnamesen landete. Ziemlich lecker!

Gestern Morgen kam ich dann an die legendäre Bernauer Straße, die zu Mauerzeiten in das Programm jeder Schulstudienfahrt gehörte. Die ehemalige Grenztrasse ist jetzt museal aufbearbeitet und hat keine Ähnlichkeit mehr mit der Trostlosigkeit, die ich 1972 dort gesehen habe. Eine Frau sprach mich an: „Español?“ Ich bot ihr Englisch an, was sie jedoch nicht sprach. Aber dann klappte die Verständigung doch. Sie und ihr Mann stellten mir Fragen auf Spanisch (War hier die Berliner Mauer? Gibt es noch irgendwo die richtige Mauer zu sehen?) Ich konnte sie verstehen und antwortete auf Englisch. Einer der Söhne, vielleicht dreizehn oder vierzehn Jahre alt, übersetzte meine Worte dann ins Spanische. Mir gefiel das.

In meinem Quartier fand ich ein Jugendbuch der Söhne meines Vermieters, Im Labyrinth der Lügen. Die Geschichte spielt im Ostberlin zu DDR-Zeiten und ist richtig spannend. Ich las es abends vorm Einschlafen.

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Gestern Nacht kam ich nach einer problemlosen Heimfahrt mit der Bahn in Kiel an. Ich hatte ab Berlin ein kurzweiliges Gespräch mit meinem Sitznachbarn, der aus Hamburg kam und den G20-Gipfel bzw. die brennenden Autos und die anschließenden gemeinsamen Aufräumarbeiten hautnach miterlebt hatte. „Das war Krieg“, sagte er. I. hatte mein Auto in der Nähe des Bahnhofs abgestellt. Meine liebe kleine Katze begrüßte mich vor der Haustür. Jetzt bin ich dabei, meine eiskalte Wohnung wieder warm zu kriegen.

Sehr genervt

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Der Winter ist da!

Am Montag hat sich die ohnehin angespannte Situation auf der Station noch weiter zugespitzt. Obwohl mich ein Kollege von einer anderen Station unterstützte, war die Arbeit nicht zu schaffen. Ich wimmelte ständig Patienten ab und schaffte doch längst nicht alles, was ich hätte machen müssen. Ich faxte eine Gefährdungsanzeige an die Pflegedienstleitung, wohl wissend, daß die auch nichts machen kann. Es fehlt einfach das Personal.

Völlig genervt fuhr ich spätabends nach Hause. Gestern hatte ich frei, aber meine Stimmung war weiterhin nicht die beste. Wie wohl die meisten Menschen möchte ich ein Gefühl von Sinn in meiner Arbeit finden, zur Zeit fühle ich aber nur eine große Machtlosigkeit. Ich kann an der Situation in der Klinik nichts ändern, aber ich möchte lernen durchs Chaos zu surfen, ohne mir die Stimmung zu versauen.

Gestern trafen I. und ich uns zum Käsefondueessen. Sie arbeitet auch im medizinischen Bereich und kennt ähnliche Probleme. Wir beiden sehen es so: das ganze Gesundheitswesen fährt gerade mit Wucht gegen die Wand. Manche Sachen müssen erst zusammenbrechen, damit etwas Neues entstehen kann. Die ganze Elend hat übrigens vor ca. 20 Jahren angefangen, als aus Krankenhäusern profitorientierte Betriebe gemacht wurden. Vielen Dank also an die Politik!

Ich sehe aber auch eine große Chance – und das gilt gleichermaßen für alle anderen Bereiche, wo die uns Regierenden nicht in der Lage ist, notwendige Veränderungen herbeizuführen: daß Menschen die Dinge wieder selbst in die Hand nehmen, d. h. sich selbstverantwortlich um ihre Gesundheit kümmern und aufhören, sich auf sogenannte Spezialisten zu verlassen. Das setzt voraus, daß sie lernen, wieder auf ihren eigenen Körper und ihre Intuition zu hören. Dann könnte sich das Gesundheitswesen auf die Bereiche konzentrieren, für die es gut ist, z. B. Knochenbrüche zu behandeln und notwendige Operationen vorzunehmen.

Man kann übrigens heute schon froh sein, wenn man kein Privatpatient ist. Da muss man nicht lange auf einen Arzttermin warten und bekommt in der Klinik besseres Essen und andere Vergünstigungen. Im Gegenzug wird man aber ausgenommen wie eine Weihnachtsgans: an Privatpatienten werden grundsätzlich mehr und teurere Untersuchungen vorgenommen, für die in der Regel keinerlei Notwendigkeit besteht, als an gesetzlich Krankenversicherten.

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Es gibt aber auch Gutes: heute Morgen war ich bei meinem tollen Zahnarzt, den ich wegen seiner ruhigen Art und seiner guten Handwerkskunst sehr schätze.

Und ich freue mich über den frostigen und sonnigen Winter!

Raunächte II

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Die Raunächte habe ich dieses Jahr eigenmächtig verlängert. Nachdem ich zunächst einige Zeit gebraucht habe, um von meinem Immer-aktiv-Modus herunterzukommen, tat es mir merklich gut, nur das Nötigste zu tun (die Grundordnung in meiner Wohnung aufrecht zu erhalten, einkaufen, Essen kochen, zur Arbeit fahren) und ansonsten einfach nur rumsitzen, lesen (ich habe Massen von tollen Büchern zu Weihnachten bekommen),  stricken und tagträumen. Kein Yoga, kein Französischüben, einfach nur meinen Impulsen nachgeben. Neulich habe ich irgendwo gelesen, daß irgendwelche Hirnforscher vermuten, daß regelmäßiges Meditieren möglicherweise die Fähigkeit zum Tagträumen behindert. Das kann ich mir gut vorstellen: Tagträumen ist etwas, was ungeplant geschieht. Jedes Kind kennt das: plötzlich driftet die Aufmerksamkeit in innere Welten, der Blick wird leer, die Außenwelt spielt keine Rolle mehr. Manche sagen, Tagträumen dient dazu, das Gehirn zu entrümpeln. Alle meine Versuche, mich einer regelmäßigen Meditationspraxis zu unterwerfen, sind bisher nach kurzer Zeit an Lustlosigkeit gescheitert. Vielleicht sind aber auch die Zustände, die ich gelegentlich bei bestimmten Tätigkeiten erreiche, etwa beim Stricken, beim Kochen, bei der Gartenarbeit, meine ganz persönlichen Meditationserfahrungen.

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Gestern sind I. und ich mit der Bahn nach Hamburg gefahren. Wir haben im Café Paris in der Nähe des Rathauses Kaffee getrunken: rappelvoll, freundliche Bedienung und interessantes Jugendstilambiente. Bei GEA habe ich eine Matratze bestellt, vorher natürlich zur Probe gelegen. Da ich seit einigen Jahren auf der Seite liegend schlafe, nicht wie früher auf dem Bauch, brauche ich eine weichere Unterlage. GEA ist übrigens ein toller Laden: sie verkaufen dort Waldviertler-Schuhe und Möbel und das Personal ist freundlich und entspannt. Dann fuhren wir mit der S-Bahn in die Schanze und ergatterten ein paar hübsche Schnäppchen bei Paul und Piske, die ich auch empfehlen kann. Sie nähen einen Teil ihrer Sachen selber. Drumherum herrscht immer noch das schanzentypische Anarchoambiente, wenn auch hier leider die Gentrifizierung begonnen hat. Das merkten wir, als wir zum Schanzenstern in der Bartelstraße gingen und dort statt des ehemaligen Biorestaurants eine Pizzeria fanden. Aus dem Internet erfuhr ich, daß die Pächter des Schanzensterns die drastisch erhöhten Mieten nicht mehr zahlen konnten.

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Seltsame Treppe im Schanzenhof