Grenze

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Im letzten Herbst habe ich Winterstaudenroggen gesät. Der wächst so hoch wie der Roggen in meiner Kindheit, in dem ein erwachsener Mann sich verstecken konnte. Das Stroh lege ich in die Futtereimer für die Bienen, damit sie nicht im Zuckerwasser ertrinken. Als ich den reifen Roggen schnitt, entdeckte ich in einigen der Ähren Mutterkorn. Das sind Schlauchpilze, die extrem giftige Inhaltsstoffe enthalten. Früher wurden vor allem arme Menschen damit vergiftet, indem sie Brot aßen, das Mutterkorn enthielt. Die Müller verkauften das gute Korn an die Reichen, das kontaminierte an die Armen. Mutterkorn enthält Substanzen, die die glatte Muskulatur kontrahieren, also die Muskeln, die sich in Blutgefäßen, in der Gebärmutter und anderen inneren Organen befinden und nicht dem Willen unterliegen. Deshalb hat man standardisierte Mutterkornzubereitungen auch in der Gynäkologie eingesetzt, um Wehen auszulösen oder nach einer Geburt die Rückbildung der Gebärmutter zu unterstützen. Ich habe nach der Geburt meines ersten Kindes Ergotamin (so heißt eine der wirksamen Substanzen) bekommen. Das machte man routinemäßig. Beim zweiten Kind habe ich das verweigert, da ich mittlerweile wusste, daß Stillen den gleichen Effekt erfüllt: beim Stillen kann eine spüren, wie sich die Gebärmutter zusammenzieht. Mutterkorn enthält aber auch Lysergsäure, den Hauptbestandteil von LSD. Ich mache gerne Experimente, bevor ich anderen Menschen Pflanzen empfehle. Aber dieses Mal entschied ich mich dagegen. Das Risiko ist einfach zu groß.

Vor einigen Tagen fand ich meine gewohnte Hirse aus Brandenburg nicht im Regal meines Bioladens. Als ich nachfragte, erfuhr ich, daß sie aus dem Sortiment genommen wurde, weil sie von einem Betrieb stammt, der zur AfD gehört. Da war ich erst mal geschockt. Ich finde es gut, daß der Bioladen so reagiert hat und habe das auch gleich gesagt. Aber traurig ist es doch. Ich habe diese Hirse jahrelang gekauft und mich darüber gefreut, daß sie quasi regional ist. Es ist ja nicht so, daß ich bei jeder Sache, die ich kaufe, den Anspruch habe, daß die Hersteller meine Weltanschauung teilen. Da würde ich wahrscheinlich schnell verhungern! Aber bei Nationalismus und Rassismus ist die Grenze, das geht einfach gar nicht. IMG_1846

Ich weiß nicht, was ich von Greta Thunbergs Segeltörn über den Atlantik halten soll. Zunächst fand ich die hämischen Bemerkungen dazu ziemlich daneben: daß Pierre Casiraghi mitsegelt spricht in meinen Augen nicht gegen die Aktion. Auch wenn er aus einer stinkreichen adligen Familie stammt, müssen seine Absichten ja nicht schlecht sein. Und daß der Mann, dem das Segelboot gehört, ein Millionär sein soll – na ja, möglicherweise legt er seine Millionen für einen guten Zweck an. Aber es gibt mittlerweile Stimmen – Gerüchte? – die sagen, Greta werde von z. B. der Elekroauto-Industrie benutzt. Das halte ich für möglich. Es ist ja in der Vergangenheit oft so gewesen, daß revolutionäre Ideen in den Dienst der kapitalistischen Verwertungslogik genommen wurden. So ist es jetzt mit den Elektroautos, die angeblich klimafreundlich sein sollen. Sind sie aber nicht, ebenso wenig wie Solaranlagen und Windkraftanlagen. Noch dazu sind sie unökologisch und nicht nachhaltig. Übrigens hätte mir in Berlin ein E-Roller fast den Ellenbogen abgefahren, als er mit Affenzahn vorbeibrauste, während ich mein Frühstück in einem Straßencafé zu mir nahm. Überhaupt sind diese Roller innerhalb von wenigen Wochen zu einer regelrechten Seuche geworden: überall fahren Leute damit rum und gefährden Fußgänger*innen und auf den Berliner Bürgersteigen liegen sie haufenweise einfach rum. Wieder so ein Hype, den die Welt nicht braucht.

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Jetzt mal was Schönes: am letzten Freitag fand die lange geplante Veranstaltung „Pestizide reduzieren – biologische Vielfalt erhalten“ im Dorfgemeinschaftshaus in Bellin endlich statt. Ich war vorher so aufgeregt, daß ich am liebsten gar nicht hingegangen wäre. Was mir half, waren meine Körperübungen, eine davon habe ich bei Ilan Stephani gelernt. Und als dann die Leute kamen, war alle Aufregung vorbei und ich moderierte im Flow. Hier ist ein kleiner Bericht: http://www.naturfreunde-sh.de/

 

 

 

Wieder zu Hause

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Nach vier Tage Berlin bin ich wieder zu Hause und freue mich darüber. Das Jahrestraining mit Ilan Stephani ist vorbei. Ich hatte eigentlich gehofft, daß es noch zu einem fünften Modul im November kommt, aber jetzt fühlt es sich ganz richtig an: ich habe soviele Tools und Übungen bekommen, die ich mir in Ruhe aneignen kann. Wie die letzten drei Male war mein Vermieter wieder ein Mann. Er hatte Erfahrungen mit Körpertherapie; wir unterhielten über Craniosakrale Therapie und er machte mich mit dem in der Tiefe des Schädels verborgenen Knochen os splenoidale bekannt (als ich zu Hause im Anatomieatlas nachschaute, entdeckte ich, daß ich diesen Knochen unter dem Namen Keilbein kenne). In einer seiner knöchernen Kuhlen liegt die Hypophyse und die von den Augen kommenden Sehnerven laufen durch zwei Löcher. A. zeigte mir ein Splenoid, ich konnte seine Faszination dafür gut verstehen. Es sieht aus wie ein Schmetterling.

Ich genoss die Großstadt, frühstückte jeden Morgen unten im Eckcafé und las zu meinem Milchkaffee Süddeutsche Zeitung. Nachmittags gingen wir zu einem der vielen Vienamesen und fanden einen an der Kastanienallee, der vegane Gerichte aus Biozutaten anbietet. Das Essen war wirklich köstlich. Aus der mehr-als-menschlichen Welt nahm ich erfreut die Mauersegler mit ihren hellen Schreien am Himmel wahr. Solange es sie gibt, ist nicht alles verloren – glaube ich. Und beim Frühstück ebenso wie beim abendlichen Waffelnessen bei Kauf dich glücklich waren immer die Spatzen dabei. Sie holten sich kleine Waffelstücke aus meiner Hand.

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Gestern war meine Tochter bei mir. Wir gingen zum Selenter See, zur Badestelle Moltörp mit den schönen alten Bäumen. Dort gibt es seit dem letzten Jahr das Badehaus, das ich an dieser Stelle ausdrücklich empfehlen muss. Es ist sowieso ein wunderschöner Platz – in meinem ersten Jahr hier haben wir dort unser Ahninnenfest unter den großen Buchen direkt am See gefeiert. Ich wünsche den beiden Frauen, die das Badehaus betreiben, daß ihr Laden gut läuft. Man sitzt dort sehr schön, es gibt feine Kuchen, guten Kaffee und einige Leckereien. Die Atmosphäre ist toll, freundlich und entspannt. Nur wer die Klassiker Pommes, Currywurst und Bockwurst wünscht, ist dort am falschen Platz.

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Erotik

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Nehmt doch endlich den armen Mann vom Kreuz!

Fünf Tage Rhön und anschließend kurzer Besuch in Münster. Dieses Jahr hatten wir unsere Ferienwohnung am Hang unseres heiligen Berges, des Schafsteines, auf einem Bauernhof. Das war sehr in Ordnung; wir hatten unsere Ruhe, konnten der Katzenmutter mit ihren Kleinen beim Spielen zusehen und den freundlichen Hund streicheln. Nach wie vor unübertroffen ist aber der Spiegelshof von Julia Djabalameli in Melperts, wo wir einige Male wohnten. Aber Julia vermietet vorzugsweise an große Gruppen und wir haben die Erfahrung gemacht, daß es nicht so schön ist, sich die Küche mit anderen Menschen zu teilen. Ich gönne es ihr sehr, daß ihr Haus mittlerweile während der Saison gut belegt ist.

Wir wanderten auf alten Wegen und fanden neue. Beunruhigend ist der Wassermangel. Ich bin seit 1975 zehnmal in der Rhön gewesen und habe sie immer reich an Bächen, Quellen und häufig auch Regen gefunden. Aber im letzten Jahr war die Landschaft regelrecht verbrannt, und dieses Jahr waren viele Bächer ausgetrocknet. Der Nixenteich ist zu einem kleinen Tümpel geschrumpft und der Wasserfall, der ihn speist, ein kleines Rinnsal geworden. Immerhin regnete es ein wenig am zweiten Tag und wir machten am Basaltsee unter einem großen Sonnenschirm bei einem gutgelaunten Wirt Rast, bis der Himmel aufklarte. IMG_1752

Am letzten Tag wanderten wir über den Himmeldunkberg. Hier fanden wir endlich einige Quellen. Wasser, das einfach aus dem Berg kommt, hat mich schon immer fasziniert. Im Wasser der Brendquelle fand meine Tochter kleine Krebse. Wir nahmen es als Indiz für die Reinheit des Wassers.

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Richtig verzaubert hat mich die Blütenpracht auf dem Himmeldunk: ein Meer von echtem Labkraut, das uns mit seinem intensiven Duft einhüllte, karmesinrote Heidenelken, üppige Schafgarben, Klappertopf, der im Wind rasselte. Welche Fülle, welche Vielfalt! Auf diesem schönen Berg kamen uns eine Herde Ziegen entgegen. Sie schlüpften einfach unter den Elektrodrähten der Weidezäune durch, wohl in Erwartung von etwas Leckerem.IMG_1784IMG_1813

Ich habe immer noch den Duft des Labkrauts in der Nase und muss an einen Ausdruck von Deborah Bird Rose denken: ökologische Erotik. Gemeint ist eine Erotik, die weit über die gängige Definition hinausgeht, die mehr ist als das magische Geschehen zwischen Frau und Mann/Mann und Mann/Frau und Frau. Das ist eine Erotik, die sich zwischen mir und der lebendigen Welt abspielt, zwischen Mensch und Pflanze, Mensch und Tier, Mensch und Wasser, Wind, Wolken, Erde. Das ist etwas sehr Körperliches, alle Sinne sind einbezogen, eine Kommunikation, die weit über unsere gewohnte Art von Verständigung hinausreicht. Ich bin davon überzeugt, daß das Labkraut über seinen intensiven Duft kommuniziert und das nicht nur mit Bienen und Hummeln. Wenn ich in erotischer Beziehung zur mehr-als-menschlichen Welt bin, ist es mir ein Herzensanliegen, sie zu beschützen.IMG_1801

Angemessener Abschied

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When the music’s over… nachts um 2 Uhr im Topfhaus

Mein Kollege H. und ich haben am Freitag gemeinsam unseren Abschied von der Klinik gefeiert: im schön restaurierten Topfhaus im alten botanischen Garten in Kiel. Wir waren etwa 50 Leute, es gab gutes Essen und ich hatte die Möglichkeit zu tanzen, weil unser DJ auf meine Musikwünsche einging. Als wir vor zwei Tagen eine Nachbesprechung machten, sagte H.: „Wenn die Leute nicht gelogen haben, hat es allen gefallen.“ Das war auch mein Eindruck. Die Planung war aufwendiger als ich gedacht hatte und es gab die unvermeidlichen kleinen Pannen: am Sonntag entdeckte ich in meinem Kühlschrank den leckeren Aufstrich aus gerösteten Sonnenblumenkernen, den ich für die Party zubereitet und dann vergessen hatte. Aber ansonsten war es wirklich schön und das idyllische Ambiente mit Blick auf die Kieler Förde und das Arboretum trugen sehr dazu bei.

Allmählich stellt sich mein System auf ein neues Leben ein. Ich genieße es Muße zu haben, im Garten umher zu streifen und ohne Zeitdruck mal hier, mal da zu verweilen und spontanen Impulsen zu folgen. Es ist, als knüpfte ich an einen alten Seinszustand an, den ich als Kind kannte. Es fühlt sich wie ein offener Raum an, in dem etwas Neues Gestalt annehmen kann. Heute putzte ich meine Wohnung – ein sinnvolles und im Resultat sehr befriedigendes Ritual, nachdem meine Familie abgereist war – und fühlte mich ganz zufrieden und entspannt.

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Die neue Oya ist wieder eine große Inspiration. Zum Thema des drohenden Kollapses des gesamten Ökosystems habe ich darin gute Worte gefunden, die ich gern zitiere:

„Greta Thunberg ruft aus nachvollziehbaren Gründen: ‚Wir haben noch zwölf Jahre und müssen jetzt sofort handeln!‘ Doch ist nicht genau dieses – jetzt, sofort, Maßnahmen, Effizienz! – Teil jener Denkweisen, die die heutigen planetaren Herausforderungen überhaupt erst verursacht haben? Jetzt nochmal in Hochgeschwindigkeit die Weichen richtig stellen, und dann das Tempo drosseln! – Das erinnert fatal an die Meinung, man könne einen Krieg nur durch den Einsatz weiterer Bomben beenden. Wie aber lautet die pazifistische Antwort auf Erdüberhitzung und Artensterben? Langsamer werden, sich in Lassenskraft üben, Netzwerke dichter weben, Konflikte beziehungswahrend bearbeiten, eine Garten anlegen , einander zuhören, noch langsamer werden, sich ins Lassenskraft üben, Netzwerke tragfähiger weben, Konflikte beziehungswahrend angehen, das Haus instandsetzen, einen zweiten Garten anlegen, einander zuhören…“

Jaaaa…tief ausatmen! Auch ich neige dazu, in den Kämpferinnenmodus zu gehen, wenn ich das drängende Gefühl von Gefahr habe. Das ist nicht unbedingt falsch, auf jeden Fall besser als Lähmung und Depression. Aber es ist eben auch eine Konditionierung, immer zu reagieren, immer sich zum Handeln aufgerufen zu fühlen. Einfach mal hinsetzen und dem Gras beim Wachsen zusehen. Das ist meine neue Herausforderung. Ich bin gespannt!

 

 

In den Tod singen

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Es ist immer noch ungewohnt, soviel Zeit zu haben. Nachts schlafe ich neun Stunden, wobei ich ab und zu aufwache und schnell wieder einschlafe. Es ist, als holte ich den fehlenden Schlaf der letzten 45 Jahre nach. Heute pflückte ich Johannisbeeren und machte einen Kuchen mit Haselnussbaiser. Ich arbeitete im Garten und fror und schwitzte abwechselnd. Der Wind war sehr heftig und trieb dunkle Wolken über den Himmel, aber statt des erwünschten Regens kamen nur ein paar vereinzelte Tropfen runter. In Mecklenburg-Vorpommern brennt seit Tagen ein großer Wald, ich habe mir die Bilder im Netz angesehen: unheimlich! Ein Experte für Feuerabwehr sagte im Radio, man müsse sich an solche Szenarien gewöhnen. Kann man das?

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In dem Buch Wild Dog Dreaming – Love and Extinction beschreibt Deborah Bird Rose die Beerdigung eines Aborigine in Australien. Da es sich um eine evangelikale Zeremonie handelt, wird erwartet, daß alle Trauergäste sich freuen, weil der Verstorbene jetzt endlich vom irdischen Leben erlöst und in die ewige Seligkeit eingegangen ist. Aber während der Veranstaltung fällt die Gefährtin des Verstorbenen laut jammernd und klagend aus der Rolle. Nachdem die evangelikalen Veranstalter gegangen sind, wird der Verstorbene nach alter Tradition in den Tod gesungen und auch das Weinen und Klagen bekommt seinen Platz. Nur wenn die laut geäußerte Trauer und das Singen stattfinden kann, ist es dem Toten möglich, seine neue Heimat zu finden und sich bei Gelegenheit wieder in anderer Gestalt zu inkarnieren. Aber selbst ohne diesen kulturellen und traditionellen Unterbau scheint es doch ein menschliches Bedürfnis zu sein, einen Raum für Trauer und Klagen zu haben. Und danach kann dann die Freude, die Ausgelassenheit, das Feiern geschehen. Das habe ich am deutlichsten bei Norberts Tod erlebt. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang, daß im arabischen Kulturkreis die drei Deichselsterne des Großen Wagens Benetnasch genannt wurden, das heißt Klageweiber. Sie waren es, die den Toten oder die Tote laut jammernd begleiteten und ihm/ihr somit einen würdigen Abschied bereiteten.

Was für eine saublöde Vorstellung, daß die schöne Zeit erst im Jenseits stattfindet. Es sind ja nicht nur die Evangelikalen, die sowas verbreiten: das ganze Mittelalter war voll vom irdischen Jammertal, vom Himmelreich, das eine*r sich im Diesseits mühsam verdienen musste. So konnte man natürlich den Untergebenen verkaufen, daß all ihre Plackerei und ihr Leiden irgendwann belohnt werden würde. Auch wenn ich mich wiederhole: einer Religion, deren Hauptsymbol das Kreuz, ein Folter- und Hinrichtungsinstrument ist, kann nur mit äußerstem Misstrauen begegnet werden. Im Laufe meines Lebens ist mir immer deutlicher geworden, daß ich hier bin, um die Schönheit des irdischen Lebens zu erkennen und zu genießen. Was danach kommt, weiß ich nicht, und es ist für mich nicht wirklich relevant. Wenn es soweit ist, werde ich es wissen.

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Ruhestand

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Seit einer Woche bin ich Rentnerin. Na ja, eigentlich erst ab 1. 7., aber ich habe jetzt Resturlaub. Am letzten Mittwoch war mein letzter Arbeitstag. Da unser Oberarzt in der Frühbesprechung seinen ärztlichen Kolleg*innen von meinem Abschied erzählt hatte, kamen den ganzen Vormittag Menschen auf die Station, die mich drückten und mir sagten, wie schön sie es mit mir gefunden hätten. Ich war ganz überwältigt und hatte mit sowas nicht gerechnet. Mein Kollege holte mich aus der Visite, weil der neue Pflegemanager und die fast ebenso neue Geschäftsführerin sowie eine Frau aus der Personalverwaltung mit einem großen Blumenstrauß gekommen waren, um mich würdig zu verabschieden. Ich sagte ihnen dann auch gleich, daß ich in den wenigen Monaten ihrer Anwesenheit genau wie meine Kolleg*innen mitbekommen habe, daß ein neuer Wind in der Klinik weht: „Ich habe das erste Mal seit langer Zeit den Eindruck, Sie interessieren sich für das Pflegepersonal.“ Das ist tatsächlich so: man bekommt endlich Antworten auf Mails, es gibt Resonanz auf Überlastungsanzeigen und Verbesserungsvorschläge. Wir werden offensichtlich nicht mehr als Kostenfaktor angesehen wie unter der alten Geschäftsführung.

Als ich mittags nach Hause fuhr, war ich ganz aufgeladen von den vielen Umarmungen. Jetzt habe ich plötzlich viel Zeit. Ich ertappe mich unzählige Male am Tag dabei, wie ich innere To-do-Listen abarbeiten will. Dann atme ich tief durch und sage mir selbst: ich muss nicht hetzen, ich kann in Ruhe alles machen, was ich will. Ich arbeite, seit ich 19 Jahre bin, also seit 46 Jahren, eigentlich 43 Jahren, wenn man zwei Sabbatjahre und ein Jahr nach der Geburt meines Sohnes abzieht. In diesen Jahren sind chronischer Mangel an Zeit und oft auch an Schlaf meine Begleiter geworden. Ich bin gespannt, wie mein Leben ohne sie wird.

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Am Wochenende war ich in Flensburg. Dort wurde ich YouTube-mäßig auf den neusten Stand gebracht: Zerstörung der CDU von Rezo. Einen großen Teil meiner Infos über dieses Video habe ich aus dem Radio, genug um damit einverstanden zu sein. Aber es ist doch noch mal was anderes, das im Film und in fast voller Länge zu sehen, z. B. die Geschichte von den amerikanischen Drohnen, die mit Billigung der Bundesregierung von Ramstein aus gesteuert werden, um dann irgendwelche unschuldigen Menschen zu töten. Was mir gut gefiel, war auch die Emotionalität, die Frische und Direktheit von Rezo. Ja, ich finde es toll, was die jungen Menschen machen. Sie sagen gerade heraus, wie es ist. Währenddessen versuchen die Politiker-Charaktermasken mit Aussagen zu punkten, daß man evtl. den Ausstieg aus der Kohle bis Mitte der 30er Jahre schaffen könnte. Hey, es gibt Wissenschaftler, die geben uns bis zu unserer endgültigen Auslöschung noch sieben Jahre – das wäre dann 2026!

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Wie auch immer: in der Zeit, die mir bleibt, will ich das Leben mit jeder Zelle meines Körpers lieben. Und im Moment fällt das besonders leicht, wenn ich im Sonnenschein sitze und die wilde Wiese bewundere, den Insekten zusehe, den Vögeln und den Grillen zuhöre, täglich Erdbeeren ernten und essen kann und den süßen Duft von Honig und Wachs, der aus den Fluglöchern der Bienenstöcke strömt oder den aromatisch-beruhigenden Duft der Fichte in der Nase habe.

Zuckerfest

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Mittwoch war ich zum Zuckerfest, dem Abschluss des Ramadan, bei einer jungen afghanischen Frau eingeladen. Wir saßen in fröhlicher Runde am mit Leckereien beladenen Tisch und aßen, redeten und lachten. Die Kinder spielten und bezogen uns gelegentlich mit ein. Es hat sich nicht Besonderes ereignet, aber ich habe mich sehr wohl unter all den Frauen gefühlt. Am nächsten Morgen hatte ich beim Aufwachen den Satz aus Starhawks Klassiker Der Hexenkult als Urreligion der Großen Mutter im Kopf: „Alle Akte der Liebe und Freude sind meine Rituale“, also die Rituale der Göttin, der Großen Mutter. Das knüpft an meinen letzten Post an, in dem ich vom ekstatischen Leben schrieb.

Mein Sohn erzählte mir heute von seinem Georgienbesuch. Am meisten fiel ihm die Abwesenheit von Maschinengeräuschen und die vielfältigen Vogelstimmen, die Mengen von Insekten, die Fülle an blühenden Pflanzen auf. Die Kühe seien überall frei rumgelaufen, hätten auf den Straßen gelegen und die Autos seien drum herum gefahren. Er meinte, es sei dort wie es hier vor sechzig Jahren war. Nicht daß er weiß, wie es in Deutschland vor sechzig Jahren war. Aber ich weiß es, weil ich zu der Zeit Kind war. Wir haben mitten in Hannover auf der Straße gespielt. Es fuhr kaum ein Auto. In den Sommerferien waren wir bei Oma und Opa im Solling und haben im Wald und auf den Feldern gespielt. Die Lerchen sangen und der Roggen wuchs so hoch, daß er meinen Opa überragte. In meinem Garten wächst dieses Jahr Waldstaudenroggen, der genau so hoch ist. Ich habe ihn gesät, damit ich Roggenstroh für die Bienen habe.

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Ich gewöhne mich allmählich an mein neues Smartphone und denke darüber nach, welche Funktionen ich nutzen will. Ich sehe bei Freundinnen und meinen Kolleg*innen, was sie damit machen. Da gibt es Apps, mit denen eine die Sternbilder bestimmen kann, Wetterapps, GPS usw. Ich rede jetzt mal gar nicht davon, daß wir mit unseren Daten schön ausspioniert werden können. Das werden wir sowieso, auch wenn wir uns bemühen, das zu vermeiden. Eine andere Frage bewegt mich: was geschieht mit den Sinnen, die unter dem Begriff Intuition zusammengefasst werden, wenn wir gewohnheitsmäßig auf die Möglichkeiten der Smartphones und ähnlicher Geräte zurückgreifen? Viele Menschen können z. B. keine Landkarten und Stadtpläne mehr lesen. Wenn ich mich daran erinnere, wie ich nach und nach in sternklaren Nächten die Sterne ansah und bestimmen lernte und was ich dabei alles erlebte – das kann mir keine App geben. Ich glaube, daß unsere eh schon zurückentwickelten Sinne mit diesen technischen Spielzeugen noch weiter verkümmern werden. Das ständige Informiertwerden über diese Kommunikationskanäle ist mir auch viel zu viel. Ich muss nicht jeden Pup, den eine von sich gegeben hat, mitgeteilt bekommen. Oft ist es mir schon zu viel, meine Mails zu lesen bzw. zu entscheiden, was ich lese und was ich lösche. Ich brauche Ruhe, um ins Innere und ins Äußere zu lauschen. Und die wahre Welt ist viel geheimnisvoller und schöner als die Flut der Fotos und Filmchen. Das habe ich heute Nacht mal wieder erlebt: ich wachte um 3 Uhr auf und Lenchen war nicht im Haus. Ich machte mir Sorgen, weil ich sie den halben Tag nicht gesehen hatte und konnte nicht wieder einschlafen. Also zog ich mich an und ging in den Garten. Da saß ich und sah in den pastellfarbenen Nordhimmel, aus dem mich ein einsamer Stern anleuchtete. Wie schön und still alles war.

Ich glaube, daß wir vor sehr langer Zeit, als Menschen sich noch als Teil der Natur empfunden haben, uns mit Sinnen verständigen konnten, von denen wir heute nichts mehr wissen. Daß wir ohne Kommunikationsmittel wussten, wenn Besuch kam. Daß wir das Wetter vorhersagen konnten konnte ohne Wetterbericht. Daß wir wussten, welches Heilmittel, welche Pflanze wir brauchten, wenn eine*r krank war und wo wir sie finden. Daß eine lange Umarmung  uns tausendmal mehr Information übereinander geben konnte als gesprochene und geschriebene Worte. Tiere können das noch. Wenn meine Katze sich nachts an meinen Körper kuschelt, habe ich das Gefühl, sie liest in mir.

Ich bin keine Technikfeindin. Ich finde das Internet toll und nutze es gern. Gleichzeitig bin ich mir der Problematik bewusst: die Rohstoffe, die Herstellungsbedingungen, der Stromverbrauch und damit der CO2-Ausstoß, die Nervereien mit Updates, Datensicherungen, Abstürzen usw.

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Die reale Welt ist doch die schönste!