Frauenarbeit

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Laut Oxfam leisten weltweit Frauen die allermeiste unbezahlte Arbeit. Das ist ja nicht wirklich was Neues, daß Frauen nach wie vor diejenigen sind, die für die Pflege- und Fürsorgearbeit zuständig sind. Ich habe an anderer Stelle schon mal festgestellt, daß diese Arbeit unsichtbar ist, obwohl ohne sie jede Gesellschaft zusammenbrechen würde. Das ist einer der beiden Gründe, warum ich mich überhaupt nicht mehr danach sehne, mit einem Mann zusammen zu leben. Ich habe zweieinhalb Mal die Erfahrung gemacht, daß die allermeiste Hausarbeit an mir hängen blieb (in meinen beiden Ehen und mit Exfreund K., der mal für wenige Wochen bei mir und meiner Tochter wohnte bis ich ihn rauswarf, weil ich es nicht mehr ertrug, nach der Arbeit nach Hause zu kommen und zu sehen, daß er keinen Handschlag getan hatte, obwohl er damals arbeitslos war. Mit meinem zweiten Ehemann ging es mir haushaltsmäßig besser, aber trotzdem schliff sich nach einiger Zeit ein, daß er weniger und ich mehr machte. Und es hat mich gewaltig angekotzt, daß es immer wieder Ärger um den Abwasch gab, obwohl wir einen Plan hatten. Er wollte diesen Plan nicht und meinte, das regelte sich doch von allein. Ja, es hätte sich von „allein“ geregelt: ich hätte täglich abgewaschen, weil ich es nicht ertragen hätte, in einer Küche mit Bergen von ungewaschenem Geschirr zu kochen. Ich habe es gern ordentlich und verwende trotzdem nicht viel Zeit auf die Hausarbeit, einfach weil ich alles gleich erledige und sich gar nichts anhäufen kann. Nicht, daß Hausarbeit zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört, aber sie muss halt getan werden. Ich mache sie einfach und denke gar nicht drüber nach. Außerdem nehme ich sie als Gelegenheit Radio zu hören und erfahre so, was ich vom Weltgeschehen wissen muss.

Übrigens bekomme ich immer wieder zu hören, auch und gerade von Männern, daß sie sich bei mir wohl fühlen, gerade weil alles ordentlich und überschaubar aussieht. Ja, ich fühle mich auch bei mir sehr wohl. Ich mag Männer, aber zusammenleben, nee! Der Keks ist gegessen!

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Ein weiterer Grund, warum ein Zusammenleben als Paar für mich nicht mehr denkbar ist, ist die Erfahrung, daß ich viel allein sein muss, um mich gut zu fühlen. Ich glaube, daß ich da zu einer eher seltenen Spezies gehöre. Die meisten Menschen, die ich kenne, brauchen die mehr oder minder ständige Anwesenheit von Anderen. Das kann ich nur mit wenigen Menschen länger aushalten: mit meinen Kindern und meinem Schwiegersohn, wenn sie zu Besuch oder wir im Urlaub sind, mit Freundin I., die sich auch gut allein beschäftigen kann. Bei Lebensgefährten allerdings habe ich regelmäßig erlebt, daß es da viele unausgesprochene Ansprüche und Erwartungen gibt. Wenn die nicht erfüllt werden, ist Ärger vorprogrammiert. Ich glaube, daß es in vielen Beziehungen die Erwartung gibt, der Andere sei dazu da, einen Mangel, eine innere Leere zu füllen. Das kann nur schief gehen. Ich war sehr jung, als ich das erste Mal geheiratet habe und ich kannte damals sowohl das Mangelgefühl als auch die Erwartung, daß mein Mann gefälligst meine Leere zu füllen habe. Hat er nicht getan (hätte er auch nicht gekonnt, selbst wenn er es gewollt hätte), und das hat zu viel Streit geführt. Immerhin habe ich im Laufe meines Lebens gelernt, mir selbst genug zu sein und das ist großartig! Alle Freundschaften und Beziehungen, die ich mittlerweile habe, bestehen in einem Feld großer persönlicher Freiheit: ich erwarte nichts und ich freue mich über gelungene Begegnungen. Und wenn es mal Unstimmigkeiten gibt, dann können wir mit großer Aufrichtigkeit damit umgehen.IMG_2000

Und wofür brauche ich das Alleinsein? Um mich mit der Natur zu verbinden, um in das Feld der mehr-als-menschlichen Welt einzutauchen. Meine Empfindungen sind intensiver, meine Wahrnehmungsfähigkeit wird weiter, wenn ich allein bin. Das ist mein Lebenselixier. Wenn ich in der Vergangenheit diese täglichen Zeiten ohne andere Menschen nicht hatte, bekam ich schlechte Laune. Eigentlich sagt das Wort allein schon alles: all-eins. Im Alleinsein kann ich meine Zugehörigkeit zum Großen Ganzen am besten fühlen. Und wenn ich dann das Bedürfnis habe, tauche ich wieder in die Welt der Menschen ein und kann das ebenso genießen.

Priesterin

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Ich stimme dem Post von Luisa Francia zum Thema Hohepriesterin am 9.1. voll und ganz zu (salamandra.de). Ich möchte noch weiter gehen: das ganze Priesterinnenkonzept (ohne Hohe-) finde ich mehr als fragwürdig. Es ist ziemlich gleichgültig, ob wir es mit einem Priester oder einer Priesterin zu tun haben, egal welcher Glaubensrichtung: diesem Konzept liegt nämlich die Überzeugung zu Grunde, daß es einen Vermittler/eine Vermittlerin zwischen Menschen und dem Spirituellen geben muss, daß ein „normaler“ Mensch gar nicht in der Lage ist, selbst eine Verbindung mit dem Bereich einzugehen, den einige göttlich nennen. Das ist ein sehr elitäres Denken, das Missbrauch Tür und Tor öffnet. Jeder Mensch, der den starken Wunsch nach einem Zugang zu diesem Bereich in sich spürt, wird Mittel und Wege finden, sich ihm zu nähern. Manchmal geschieht das auch von selbst, wird quasi geschenkt. Und bei jedem Menschen wird dieser Zugang und das, was er und sie hinter der Tür findet, anders aussehen, und all diese Erfahrungen sind gleich-gültig (haben die gleiche Gültigkeit).

Der englische Mystiker William Blake hat das sehr schön ausgedrückt:

If the doors of perception were cleansed then everything would appear to man as it is, Infinite. For man has closed himself up, till he sees all things through narrow chinks of his cavern“. (Wären die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, erschiene dem Menschen alles so wie es ist, unendlich. Weil der Mensch sich selbst verschlossen hat, sieht er alle Dinge durch den schmalen Spalt seiner Höhle.)

Wie können die Pforten der Wahrnehmung gereinigt werden? Indem wir den Geist, der uns ständig erzählt, wie die Welt ist und wie sie zu sein hat, zum Schweigen bringen. Einige machen das durch regelmäßiges Meditieren, sich in der Natur aufhalten ist eine gute Möglichkeit; letztlich muss jede und jeder für sich selbst herausfinden, wie das gehen kann. Und natürlich können dabei andere behilflich sein, die auf diesem Weg schon mehr Erfahrungen machen konnten. Aber das sind keine Priester*innen, die das Exklusivrecht auf Verbindung mit dem haben, was hinter allem steht.

Ich befasse mich gerade mit dem Buch Advanced Yoga Practises – Easy Lessons for Ecstatic Living von Yogani. Er schreibt nach jeder Lektion „The guru is in you“ und  widmet das Buch denen, die die Wahrheit in sich suchen. Das ist genau das, was ich meine.

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In den Medien wird die Tötung des Iraners Soleimani im Irak durch die Amerikaner immer als „gezielte Tötung“ bezeichnet. Warum wagt kein Journalist, diesen Vorgang mit dem Wort Mord zu benennen? Denn genau das ist es. Auch Obama hat gern zu dem Mittel gegriffen, missliebige Personen umzubringen, etwa Osama bin Laden. Wenn aber die Russen jemanden durch radioaktive Substanzen oder auf andere Weise töten, wird von Mord gesprochen. Das spricht doch für sich.

Raunächte

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Ich war zehn Tage nicht im Netz und es hat mir nichts gefehlt. Eigentlich ist das nichts Außergewöhnliches: wenn ich auf Reisen bin, gehe ich nicht ins Internet und lese auch keine Mails. Aber zu Hause schaue ich fast täglich rein. Dieses Mal hatte ich keinerlei Bedürfnis. Ich denke, wer etwas von mir will, kann das gute alte Festnetz benutzen oder mir eine SMS schreiben. Angesichts des ungeheuerlich ansteigenden Stromverbrauchs durch die Benutzung der digitalen Medien, der mittlerweile in Begriff ist, die Hauptursache für den CO2-Ausstoß zu werden, finde ich diese Internetseite interessant, allerdings nur auf Englisch und Französisch verfügbar: theshiftproject.org/en/article/lean-ict-our-new-report/

Es geht um „digital sobriety“ (digitale Nüchternheit). Daß bei der Nutzung von Laptop, Tablet und Smartphone Strom verbraucht wird und zwar am wenigsten beim Aufladen, machen sich viele wohl gar nicht klar. Apropos Aufladen: am letzten Donnerstag konnte ich mein Handy nicht aufladen. Das erschien mir schon irgendwie folgerichtig, nachdem ich meine Internetabstinenz so genossen hatte. Wie sich herausstellte, lag es am Stecker des Ladekabels. Am selben Tag fiel mir der Adapter eines anderen elektrischen Geräts aus der Hand und war kaputt. Da musste ich lachen. Manche meinen, ich sei eventuell schlecht informiert, da ich weder Fernsehen noch Tageszeitung habe und das Internet sehr wählerisch in Anspruch nehme. Ich höre täglich beim Abwaschen NDR Info, etwa eine Viertelstunde lang. Das reicht meistens, weil ich dann schon wieder die Schnauze voll habe von dem Irrsinn, der in der Welt passiert. Einmal in der Woche lese ich die Süddeutsche Zeitung, wenn ich im Blé noir in Kiel Kaffee trinke. Eher selten hole ich mir Infos aus dem Netz. Von I. habe ich einen Stapel alte TAZ bekommen, die ich zum Feueranmachen benutze. Manchmal fängt dann ein Bild oder eine Überschrift meine Aufmerksamkeit ein, wie heute das Foto eines verdurstenden Känguruhs. Das hat mir die Stimmung versaut. Australien brennt und ich ahne, daß das nur ein Vorgeschmack ist. Haltet mich für herzlos, aber mich schmerzen die vielen Tiere, die in den gewaltigen Buschbränden untergehen, mehr als die Menschen, die vor den Flammen flüchten müssen. Sie sterben, weil die menschliche Gattung seit Jahrtausenden und in zunehmendem Maße weit über ihre Verhältnisse lebt.

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Weihnachten war aber schön. Die Kinder und der Schwiegersohn waren da, alles lief ruhig und friedlich. Ich habe einen Stapel Bücher geschenkt bekommen, fast alle auf Englisch. Jetzt habe ich erst mal wieder genug zu lesen. Am 1. Feiertag machten wir unseren traditionellen Strandspaziergang und aßen anschließend in Hohwacht in einem schlichten Imbiss Fischbrötchen. Meine Tochter blieb bis Sonntag. Wir machten noch einen langen Gang am Sehlendorfer Strand und kamen bis zur Steilküste am Eitz, meinem alten Revier aus meiner Zeit in Kükelühn.

Es war schön meine Familie bei mir zu haben und es war genauso schön, die Wohnung wieder für mich allein zu haben und die restlichen Raunächte ruhig zu verbringen. Ich hatte auch keinerlei Impulse, nach der Abreise meiner Lieben irgendwelche Putzaktionen zu unternehmen. Das lag sicher auch daran, daß meine Tochter am letzten Tag ihres Besuches richtig schön Ordnung gemacht hat. Ich habe gestern nur einen Socken meines Schwiegersohnes im Wohnzimmer gefunden. Die Staubmäuse sammeln sich in den Ecken, und ich, die ich so ordentlich bin, störe mich gar nicht daran. Das wundert mich selbst ein wenig. Sollte ich im Alter noch schlampig werden? Das wäre wirklich was Neues.

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Erdkörperin

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Lenchen lebt voll und ganz in ihrer kleinen Katzenkörperin.

Nach dem schönen Ahninnenfest wollte ich auch die Wintersonnenwende mit anderen Menschen begehen. Während ich noch darüber nachdachte, kam eine Einladung meiner Freundin Katja Langbehn, Tänzerin und Körperarbeiterin, für diesen Tag. Ich habe mich  sehr gefreut, endlich mal eine ganz andere Art von Ritual mit ganz anderen Menschen zu erleben.

Heute trafen wir uns in Kiel: 18 Frauen und 2 Männer standen zunächst bei schönstem Sonnenschein im Freien auf einer Wiese und spürten ihre Verbindung mit der Erde (standing-with-the-earth.com):

This is a call.
Not a call for arms.
A call to stand.
To stand with the Earth.

Lucia Renée

Anschließend ging es nach drinnen. Dort gab es ein kleines Ritual nach Joanna Macy. Katja führte uns in die Idee der Kontaktimprovisation ein, eine Art freier Tanz, die in den 1960er Jahren entwickelt wurde und sich gegen jegliche Art von Hierarchien wendete (die Hierarchie des Lehrers gegenüber dem Schüler, des Tanzenden gegenüber dem Publikum, des Kopfes gegenüber dem Körper). Während sie erzählte, führte sie es zusammen mit einer Mittänzerin vor. Und dann machten wir alle Kontaktimprovisation, krochen über Körper, schlängelten uns an Körpern entlang, wurden handfest berührt und berührten, rieben uns aneinander, erfanden tanzend neue Bewegungen. Es war ein Riesenspaß, ein großer Genuss, ein wohliges ganzkörperliches Erlebnis. Ich habe dabei sehr wenig gedacht, ich war einfach ganz in meiner Körperin (ich mache mir das Wort Körperin von Ilan Stephani zu eigen, da ich als weiblicher Mensch genau das bin). Irgendwann setzte dann doch mal das Denken ein: bekanntermaßen tanze ich sehr gern und wenn alles passt, in vollständigem Flow. Vor Jahren sagte mir ein Gruppenleiter, er habe mir beim Tanzen zugesehen und es zunächst anregend und interessant gefunden. Aber nach einer Weile fand er, es sei doch immer die gleiche Art von Bewegung gewesen. Seine Missbilligung war unüberhörbar. Nun tanze ich ja nicht, um anderen zu gefallen und eine Vorführung hinzulegen, sondern ausschließlich für mich selbst. Und wenn dann das Denken aufhört, bin ich „in the zone“, was ein absolut begnadeter Zustand ist. Die Urteile anderer spielen dann wirklich überhaupt keine Rolle.

Unsere Körper*innen sind das, wodurch wir auf dieser Planetinnenkörperin leben. Wir sind Erde. Zweitausend Jahre christliche Religion haben uns kollektiv entfremdet von Körper*in und Erdenkörperin. Wir sind es gewohnt, dem Kopf die Herrschaft über Körper und Erde zuzuschreiben. Wohin das geführt hat, sehen wir jetzt. Und alle Versuche der Herrschenden, dem Klimawandel zu begegnen führen zu nichts, das hat man bei der Klimakonferenz in Madrid mal wieder deutlich gesehen. Weil sie das Problem mit dem Kopf angehen und der sagt: „Aber die Wirtschaft…“ Wenn der Klimawandel sich so fortsetzt, wie es zur Zeit aussieht, dann gibt es in kürzester Zeit überhaupt keine Wirtschaft mehr.

Ich bin davon überzeugt, daß sich alles alles alles ändern würde, wenn wir wieder voll und ganz in unseren Körpern und Körperinnen lebten. Und nach meiner eigenen Erfahrung ist der alles entscheidende Raum in unseren Körper*innen das Becken mit dem Wurzelchakra und dem Sexualchakra, der Raum, in dem Lust und Leben entstehen.

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Pflege

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Prinzipalmarkt – hier kaufen die Leute mit dem dicken Portemonnaie ein

Eine Woche Münster, da meine Mutter aus der Reha kam. Es gab viel zu organisieren, bereits im Vorfeld gab es viele Telefonate mit den diversen Sozialdiensten der Klinik und der Rehaklinik, mit der Krankenversicherung und der Beihilfe, mit Nachbarn und Freundinnen meiner Mutter.  Nun galt es zu schauen, wie sie nach acht Wochen Abwesenheit mit ihrem operierten Oberschenkelhalsbruch in ihrer Wohnung klar kam. Ich habe eingekauft, Hausarbeit gemacht und Berge von Rechnungen bearbeitet. Letzteres war das Schlimmste: es war soviel, daß ich mit allem Drum und Dran ungefähr einen Tag dafür gebraucht habe. Ich bin mal wieder sehr froh, daß ich nicht privatversichert bin. Die Vorteile einer privaten Krankenversicherung sind deutlich besseres Essen, Anspruch auf ein Einzelzimmer und Anspruch auf Chefarztbehandlung, obwohl letzteres nicht zwangsläufig bedeutet, daß die Behandlung besser ist (weil Chefärzte nicht unbedingt kompetenter oder gewissenhafter sind als normale Ärzte). Aber die Nachteile wiegen schwerer, finde ich: Rechnungen müssen zunächst selbst bezahlt und dann zur Erstattung eingereicht werden. Als Privatpatient wird man ausgenommen wie eine Weihnachtsgans, weil sie den Kliniken und niedergelassenen Ärzten halt Geld bringen. Das heißt: viel mehr Einsatz von teuren Maschinen bei der Diagnostik, viel mehr Behandlung, die nicht unbedingt notwendig ist, längere Krankenhausaufenthalte.

Ich musste mit der Debeka telefonieren, weil meine Mutter glaubte, daß das Geld auf ihrem Girokonto nicht ausreichte, um die Krankenhausrechnung zu bezahlen. Das war ein Erlebnis der besonders nervigen Art. Zunächst war ich in der Warteschleife und wurde dabei von Musik beschallt, die mich ärgerlich machte (wie jede Art von Musik, die ich nicht freiwillig höre). Nach dreizehn Minuten fand ich, daß es reichte und versuchte es unter einer anderen Nummer. Da ging sofort jemand dran und musste mich dann natürlich weiterverbinden. Der Mann, dem ich von dem Problem mit dem nicht gedeckten Konto erzählte, riet mir, die Rechnung zu fotografieren und eine App auf meinem Smartphone zu installieren, mit der ich dann alles weitere regeln könnte. Auf meine Frage nach Alternativen nannte er Scannen der Rechnung und per Mail schicken oder faxen. Nun existiert im Umkreis meiner Mutter weder ein Scanner noch ein Faxgerät. Ich versuchte es widerwillig mit meinem Smartphone, aber als klar war, daß ich mich dafür bei Google anmelden musste, war die App für mich gestorben. Ich bin immer wieder erstaunt, wie einige Menschen in meinem persönlichen Umfeld, auch und gerade solche, die ansonsten extrem großen Wert auf den Schutz ihrer persönlichen Sphäre legen, durch die Installation von diversen Apps sich quasi durchsichtig machen und Mark Zuckerberg, Google, Amazon und anderen erlauben, unablässig mit ihren Daten Knete zu machen.

Ich rief meinen Bruder an, der aber auch nicht über ein Fax verfügt und offensichtlich auch keine große Lust auf irgendwelche Debeka-Apps auf seinem Smartphone hatte (er kennt sich aus, er arbeitet in der Sparte).

Dann ging ich zur Sparkasse. Das war nicht nur gut, um meinen Ärger über die Debeka durch Bewegung loszuwerden. Es stellte sich nämlich heraus, daß das Girokonto meiner Mutter gedeckt war.

Auch bei der Beschaffung eines wohnungsgeeigneten Rollators wurde deutlich, daß man heute ohne Internet aufgeschmissen ist. Meine Mutter wollte ein Modell, das sie bei ihrem Nachbarn gesehen hatte. Sie bestand darauf, daß wir in ein bestimmtes Sanitätshaus in der Stadt fuhren. Dort hatte man aber nur einen normalen Straßenrollator, Wohnungsrollatoren waren gänzlich unbekannt und die Möglichkeit, einen zu bestellen lag auch außerhalb jeder Vorstellung. Ich suchte den Rollator, den sie haben wollte, aus dem Internet und bestellte ihn dann telefonisch bei einem anderen Sanitätshaus in Münster, dazu einen Duschhocker und Unterarmgehstützen.

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In diesen Käfigen an der Lambertikirche wurden die Wiedertäufer Jan van Leiden, Bernd Knipperdollinck und Bernd Krechtink 1536 zur Abschreckung aufgehängt, nachdem sie zu Tode gefoltert worden waren.

Am dritten Tag fing meine Mutter wieder an zu kochen: Mittwoch Grünkohl mit Mettendchen und Donnerstag Reibeplätzchen mit Apfelmus. Beides sind Lieblingsgerichte seit meiner Kindheit. Ich kaufte jeden Tag ein, weil meiner Mutter immer nur häppchenweise einfiel, was noch alles fehlte und worauf sie Lust hatte. Mal schaun, wie sich das jetzt einspielt, wenn sie einmal in der Woche von einer Mitarbeiterin der Diakonie zum Einkaufen begleitet wird. Für mich waren diese täglichen Ausflüge gut: Mittwoch war ich auf meinem alten Lieblingsmarkt auf dem Domplatz. Es war regnerisch und nicht so voll wie samstags. Ich fand einen Stand mit marmorierten Bienenwachskerzen, die ich schon lange gesucht hatte. Mit dem Mann, der diese Kerzen selbst macht, hatte ich ein richtig gutes Gespräch.

In einer Apotheke sprach mich eine Frau mit meinem alten Rufnamen Ise an. Peinlicherweise erkannte ich sie nicht. Erst als sie ihren Namen sagte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: eine ehemalige Nachbarin. Sie hatte eine völlig veränderte Frisur. Auch sie hatte mich erst an meiner Stimme erkannt.

Abends sah ich TV. Das mache ich sonst nicht. Ich finde Fernsehen eher langweilig und nutze auch zu Hause die Möglichkeit, Filme auf meinem Laptop zu sehen, kaum. Aber in Münster waren meine täglichen Routinen außer Kraft gesetzt. Am Mittwoch gab es einen ziemlich guten französischen Film auf Arte: Die Beichte. Dort ging es vordergründig um die Geschichte einer jungen Frau, die sich als Kommunistin bezeichnet und sich mit einem katholischen Priester anfreundet. Das Ganze spielt sich vor dem Hintergrund der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen ab. Später sah ich dann noch Wallander mit Kenneth Branagh in der Hauptrolle. Das war mein erster und wahrscheinlich auch der letzte Wallander-Film: soviel Brutalität, soviel eklige Bilder, soviel Abscheulichkeiten. In der Nacht hatte ich Schwierigkeiten zu schlafen. IMG_1966

Am Freitag wurde ich krank: es fing mit einem fiesen Reizhusten an. Ich kaufte für sehr viel Geld eine kleine Menge Isländisch Moos in der Apotheke. Das half meinen Bronchien. Ich hatte vor meiner Fahrt nach Münster noch gedacht, daß ich das ganze Jahr noch keine Erkältung gehabt hatte und es darauf zurückgeführt, daß ich seit Januar regelmäßig die Jin Tigerin gemacht hatte, eine Energieübung, die Ilan Stephani uns gezeigt hatte. Am Samstag saß ich niesend und mit laufender Nase und benebeltem Kopf im Zug nach Hause. Vielleicht hat die Jin Tigerin es aber doch gebracht, denn meine Erkältung war nach vier Tagen komplett erledigt.

Es ist so schön, wieder zu Hause zu sein!

Klima

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Novembersonne

Als Evo Morales 2006 bolivianischer Präsident wurde, war er der große Hoffnungsträger: der erste Indigene in dieser Position hatte eine klar antikapitalistische Ausrichtung und – was ich am bemerkenswertesten fand – er sorgte dafür, daß Pachamama, Mutter Erde, in die Verfassung aufgenommen wurde. Danach kam eine relativ gute Zeit für die Bolivianer, allen voran die Indigenen, die bis dahin immer die Benachteiligten waren. 2010, beim Internationalen Goddess-Kongress auf dem Hambacher Schloss hielt der bolivianische Botschafter, ein kleiner Mann von indigener Abstammung, eine Rede in sehr gutem Deutsch. Er erklärte, warum die Kokapflanze für die Andenvölker so wichtig ist und reichte dann einen Sack mit getrockneten Kokablättern herum, von dem jede etwas nehmen konnte. Ich habe auch ein paar Blätter gekaut, aber nicht wirklich etwas gemerkt. Ich fand den Mann sympathisch und seine Ausführungen nachvollziehbar.

Warum Evo Morales die Verfassung dahingehend geändert hat, daß er für mehr als zwei Amtszeiten gewählt werden konnte, weiß ich nicht. Vielleicht war es die Krankheit der Mächtigen, die sich von ihrem Amt nicht mehr trennen können und sich für so überaus wichtig halten, daß sie keinen Anderen an der Spitze mehr zulassen können. Wie auch immer: daß seine selbsternannte Nachfolgerin Jeanine Áñez demonstrativ das Folterkreuz der christlichen Religion ins Parlament bringt und die Fahne der Indigenen verboten wird, verheißt nichts Gutes. Ich habe keine Ahnung, ob Evo Morales oder die Gegenseite Wahlbetrug begangen haben. Aber ich weiß, daß Bolivien ein Land mit reichem Lithiumvorkommen ist und es mutet schon verdächtig an, daß dieser Umsturz in Bolivien zu einer Zeit stattfindet, da Lithium massenhaft zur Herstellung von Akkus, z. B. für Elektroautos, gebraucht wird. Ich werde den Verdacht nicht los, daß hinter alldem eine mächtige internationale Wirtschaftslobby steckt.

Charles Eisensteins großartiges Buch Climate – a New Story ist jetzt auf deutsch erschienen: Klima – eine neue Perspektive. Gestern Abend, als ich nach Kiel fuhr, hatte ich einige Trecker vor mir, die wohl gerade von ihrer Protestfahrt aus Berlin zurückkamen. Es sind übrigens keine Biobauern, die das organisiert haben, sondern die sogenannten traditionellen Bauern, die sich auf diese Weise mehr Wertschätzung erkämpfen wollen und dagegen protestieren, daß sie jetzt nicht mehr ganz soviel Gülle auf die Felder kippen dürfen wie bisher. Ich kann diese Bauern nicht wertschätzen: sie wissen, daß sie Gift in den Boden bringen, sie wissen, daß die Humusschicht durch ihre Form der Bodenbearbeitung schwindet, sie wissen, daß diese Art von Landwirtschaft die Erde zerstört. Mir kann kein Bauer erzählen, daß er das nicht weiß, denn es ist hinlänglich bekannt. Und sie wissen, daß es Alternativen gibt, nämlich ökologischen Landbau. Trotzdem sind sie mit von der Bundesregierung subventioniertem Diesel nach Berlin gefahren. Charles Eisenstein schildert sehr schlüssig, daß alle von Staaten ergriffenen Maßnahmen, die den Klimawandel aufhalten sollen, das Gegenteil bewirken, weil sie nie das Ganze berücksichtigen. Er beschreibt das sehr gut am Beispiel eines chinesischen Staudamms, der für die Stromgewinnung gebaut wurde. Ich kann das in seiner Komplexität hier nicht wiedergeben, aber letztendlich wird mehr CO2 in die Luft geblasen als ohne Staudamm. Die Windräder verschandeln nicht nur die Landschaft und töten Vögel, sondern sie enthalten hochgiftige Stoffe, die schwer zu entsorgen sind. Außerdem wird für sie Balsaholz gebraucht, was aus den Tropen herbeigeschafft wird. Ähnlich ist es mit den Solaranlagen. Das Problem ist der Strom, ohne den nichts läuft, auch kein Handy, kein Internet, kein Navi, gar nichts.  Wir verbrauchen einfach viel zu viel. Heute war ich in Kiel im Sophienhof um einzukaufen. Ich hasse Shopping und erst recht in diesen überdachten und überhitzten Einkaufszentren mit ihren Menschenmassen. Heute war alles mit tausenden LED-Lichterketten beleuchtet, überall Glitzer und Flimmern. Wer braucht das eigentlich?

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Ich glaube, daß Charles Eisenstein Recht hat, wenn er sagt, daß wir den Klimawandel anders angehen müssen: als allererstes muss sich die Landwirtschaft ändern, muss regenerativ werden. Es sollten mehr Menschen aufs Land gehen und sich genau dieser Aufgabe widmen, ob nun als Bauern oder als kleine Gärtner*innen. Und allesallesalles würde sich ändern, wenn Menschen wieder anfingen, die Erde als lebendiges Wesen zu lieben und zu ehren und sich als Teil von ihr zu fühlen.

Übrigens habe ich in diesem Jahr soviel Gemüse und Früchte aus meinem Garten bekommen wie noch nie. Darüber freue ich mich jeden Tag. Danke, danke, danke, liebe Erde!

„just another fuckery in human history“

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Roger Hallam, einer der Begründer von Extinction Rebellion, hat mit seiner Äußerung, der Holocaust sei „just another fuckery in human history“ für Aufruhr, speziell in Deutschland, gesorgt. Man regt sich darüber auf, daß er angeblich den Holocaust damit klein geredet hat. Ich finde das nicht. Er hat übrigens seine Aussage mittlerweile in der Zeit relativiert und sich dafür entschuldigt, daß er Gefühle von Menschen verletzt hat, die auf irgendeine Weise vom Massenmord an den Juden durch die Nazis betroffen sind. Ich habe das gelesen und kann daran nichts Empörenswertes finden. Daß sich seit einigen tausend Jahren in der Geschichte der Menschheit diverse Massenmorde und Vernichtungen von Ethnien finden, ist doch unbestreitbar. Ich möchte da mal ein paar Beispiele nennen: der Krieg der weißen Siedler gegen die amerikanischen Ureinwohner, die Verschleppung und Versklavung von Afrikanern nach Amerika, die gigantischen Verbrechen der Kolonialisten und der Vietnamkrieg (General Curtis LeMay sprach davon, man solle „Vietnam in die Steinzeit zurückbomben“ und wenn man sich ansieht, wie die Amerikaner in Vietnam vorgegangen sind, dann sieht man, daß das keine leere Redewendung war).

Unser Außenminister Heiko Maas wird im englischen Guardian folgendermaßen zitiert:  “The Holocaust is more than millions of dead and horrific torture methods. To want to murder and exterminate Jewish women and men is uniquely inhumane. We must always be aware of that so we can be certain: never again!”

Dann möchte ich mal darauf hinweisen, daß die deutsche Regierung sich bis heute weigert, Schadensersatzzahlungen für die von der SS begangenen Verbrechen in Griechenland und für den Völkermord an den Herero und Nama durch die deutschen Kolonialisten zu leisten. Ich finde euch alle verdammt scheinheilig und völlig unglaubwürdig.

Um auf Roger Hallam zurückzukommen: er hat diesen Holocaustvergleich im Zusammenhang mit der völligen  Untätigkeit der Regierungen in Bezug auf den Klimawandel gemacht. Und tatsächlich findet zur Zeit vor unseren Augen ein Holocaust nie gekannten Ausmaßes an diversen Gattungen statt und die meisten machen die Augen zu wie damals die Deutschen zwischen 1933 und 1945.

Regt euch doch bitte mal über die richtigen Leute auf!

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Ich finde es auch wichtig, mal wieder darauf hinzuweisen, daß Kriege und Völkermorde ein ziemlich neues Phänomen in der Geschichte der Menschheit sind. Menschen haben, das weiß man heute, die längste Zeit friedlich miteinander gelebt. Wir haben in der Schule im Geschichtsunterricht noch die Jahreszahlen der Kriege auswendig lernen müssen (bei mir ist da nur „333 – bei Issos große Keilerei“ hängen geblieben). Das zeigt natürlich nur, was unsere Geschichtslehrer*innen bzw. die Lehrplanmacher bedeutsam fanden. Mir scheint es aber wesentlich bedeutsamer zu wissen, daß Menschen prinzipiell zu Frieden fähig sind.

Hier kommt noch ein passender Spruch aus dem seltsamen Laden in Flensburg:

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