Was ist wichtig?

IMG_1631

Am Mittwoch bekam ich eine Anruf von A. Er bot mir einen Schwarm von den Bienen an, die er vor zwei Jahren von mir bekommen hat. Ich sagte das Treffen mit meiner afghanischen Familie ab, holte den Schwarm ab und ließ ihn in den leeren Top Bar Hive einziehen. Jetzt leben wieder zwei Völker in meinem Garten. Ich freue mich sehr und finde es schön, daß sich Kreise immer wieder schließen. Es gibt mittlerweile ein Netz von befreundeten Imker*innen in meiner Umgebung.

Für den Samstag hatte ich ein Mai-Vollmond-Ritual geplant. Eigentlich ist Ritual nicht das richtige Wort: ich wollte ganz formlos an meinen heiligen Platz in der Nähe gehen, einfach nur da sein und der Erde, den Tieren, dem Wind, dem Wasser lauschen. Immer mehr merke ich, daß die Zeit der Rituale in der Form, wie ich sie viele Jahre praktiziert habe, nicht mehr stimmig ist. Nicht für mich jedenfalls. Ich bin ja immer so aktiv und mache sehr viel, weil ich es für wichtig und notwendig halte. Wie wäre es denn, wenn ich einfach gelegentlich nur mit meinen Sinnen da bin und wahrnehme? Vielleicht ergibt sich dann eine Handlung, vielleicht auch nicht. Weiß ich denn, was die Erde von mir wünscht, wenn ich immer nur im Handlungmodus bin? Wohl kaum.

Es kam dann anders: mein Lieblingskollege H. und ich brauchten einen Termin für die Vorbereitung unserer Abschiedsparty aus der Klinik (es ist schon der dritte und keineswegs der letzte – ich hätte nie gedacht, daß so eine große Party soviele Vorbereitungstreffen erfordert). Und da ging für uns und die Frau, die das Catering hauptverantwortlich macht, nur der Samstag. Mein formloses Ritual schrumpfte also auf zwei Stunden. Auf dem Weg sah ich den frisch mit Glyphosat gespritzten Randstreifen unter dem Elektrozaun um die große Schafweide. An meinem Platz zeterte mich ein Star mit insektengefülltem Schnabel an, ein zweiter fiel in das Gezeter mit ein. „Ich komme in friedlicher Absicht“, sagte ich zu beiden, „bitte entschuldigt die Störung.“ Ich setzte mich auf einen umgestürzten Baumstamm und die Stare beruhigten sich. Aber ich konnte keine Ruhe finden. Ich fror und hatte das Bild mit den sterbenden Grasbüscheln vor Augen. Nach einer Weile ging ich. Auf dem Rückweg kam ich an den Schafen vorbei. Da fiel mir auf, daß die Lämmchen lange Schwänze hatten, die Mutterschafe aber nur noch Stummel. Sie wurden also amputiert. Man braucht sich gar nicht über die Australier und Neuseeländer mit ihrem Mulesing (Skalpieren der kompletten Gesäßhaut ohne Betäubung) aufregen, hier in Deutschland wird genau so eine Scheiße gemacht. Zu Hause angekommen fand ich dann, daß jetzt doch eine rituelle Handlung notwendig sei: bei soviel menschengemachtem Elend mussten die nicht-sichtbaren, mehr-als-menschlichen uralten Kräfte des Wandels zu Hilfe gerufen werden. Ich rief also singend, trommelnd und räuchernd Oya, die mich seit etwa 25 Jahren begleitet.

IMG_1638

Heute wollte ich eigentlich nach Hamburg zum De Immen-Treffen fahren. Die Fahrkarte war gekauft, gestern Abend hatte ich für das Mittagsbuffet gekocht. Ich war seit einem Jahr bei keinem Imkertreffen mehr, weil es nie mit meinen Dienstzeiten passte. Ich mag diese Treffen sehr; es gibt da einige Menschen, die ich sehr schätze, und ich liebe den Austausch und die neuen Impulse. Aber als ich gestern mit allem fertig war, war ich so missgestimmt bei dem Gedanken, um 4:00 aufstehen zu müssen und erst gegen 20:00 abends wieder zu Hause zu sein. Ab Montag geht es wieder in die Klinik und frühestens in einer Woche habe ich die Gelegenheit, ohne Wecker aufzustehen und im Aufwachen meinen Träumen nachspüren zu können. Ich hatte bis jetzt zu wenig Zeit, mich um den Garten zu kümmern, alles muss mal wieder schnell schnell gehen.

Plötzlich wusste ich: ich fahre nicht zum De Immen-Treffen. Ich bedauere das, aber es fühlt sich richtiger an, heute mal zu Hause zu bleiben. Und der heutige Tag hat das bestätigt. Ich habe im Garten rumgepusselt und die Sonne genossen, hatte Zeit mit der Katze zu schmusen und zu entdecken, was alles in den Beeten wächst.

IMG_1639

Beunruhigt

IMG_1629

Gestern erlebte ich wieder mal so eine schöne Synchronizität: ich las in der neuen Oya über den Löwenmenschen. Diese Figur ist ungefähr 40.000 Jahre alt und wurde aus einem Mammutstoßzahn geschnitzt. Als ich dann abends zum Nachtdienst fuhr und das Radio einschaltete, musste ich laut lachen: es gab eine Sendung über die Venus vom Hohle Fels, die vor rund 10 Jahren ganz in der Nähe des Löwenmenschen in der Schwäbischen Alb gefunden wurde und auch aus Mammutelfenbein ist und in etwa sein Alter hat.

Die Oya macht mir wieder viel Freude. Es ist so schön, daß es diese Menschen gibt, denen ich mich geistesverwandt fühle und von denen immer wieder gute Impulse kommen. Daß ihr Motto dieses Mal „Unter Leuten“ heißt, hat mit Donna Haraway zu tun, deren Gedanken sich wie ein roter Faden durch das Heft ziehen. In ihrem Buch Unruhig bleiben nennt Lebewesen „Leute“, zumindest in der deutschen Übersetzung. Oft spricht sie auch stattdessen von Krittern. Witzigerweise hat meine Tochter schon vor Jahren, lange bevor wir beide etwas von Donna Haraway wussten, nichtmenschliche Wesen als Leute  bezeichnet, z. B. Vögel und Insekten oder auch die bitteren Pflanzen, aus denen sie sich gern Tee zubereitet. Dadurch werden Menschen aus ihrer angeblichen Exklusivität herausgenommen und an ihren Platz inmitten des Gewebes des Lebens gesetzt.

Andere Leute machen sich dieses Jahr rar. Von den neun Schwalbennestern in den beiden Schuppen auf meinem Grundstück ist nur eins besetzt. Im letzten Jahr gab es noch viel mehr Rauchschwalben. Ich habe seit Jahren keine Kiebitze mehr gesehen. Und gibt es überhaupt noch Lerchen? Ich habe schon lange keine mehr jubelnd aus einer Wiese aufsteigen sehen und hören. Das macht mich traurig und beunruhigt mich. Da bin ich dann auch schon wieder bei Donna Haraway. Der Titel ihres Buches heißt ja Unruhig bleiben, im Sinne von beunruhigt sein und sich durch diese Beunruhigung zu Konsequenzen bringen zu lassen. Im englischen Original heißt er Staying with the trouble, die wörtliche Übersetzung Bei den Schwierigkeiten bleiben wäre unklarer. Ich verstehe das so: wir leben mitten in der Phase des großen menschengemachten Aussterbens, the great extinction. Und es scheint wichtig zu sein, davor nicht die Augen zuzumachen, auch wenn es wehtut. Ich bin Zeugin des Sterbens, ich kann nicht wie meine Vorfahren nach dem Zusammenbruch der Naziherrschaft sagen: „Ich habe nichts gewusst.“ Es scheint wichtig zu sein, die Erinnerung wachzuhalten an Zeiten, als es noch Lerchen und bunt blühende Wiesen gab.

Auf dem Heimweg heute Morgen hörte ich die Nachricht von dem neuen Prozess in den USA, in dem Monsanto zu einem Millionen-Dollar-Schadensersatz verurteilt wurde, weil ihr Glyphosat bei einem Ehepaar Non-Hodgkin-Lymphome verursacht hat. Da habe ich mich sehr gefreut. Nur zu, weiter so! Eure Zeit ist abgelaufen.

IMG_1625

Können Männer Feministen sein?

IMG_1619

Vor einigen Tagen habe ich einen Vortrag vom Islamwissenschaftler Jens Leutloff in Schellhorn gehört, Thema „Frauen im Islam“. Ich war vorher ziemlich skeptisch, ob ein Mann die Kompetenz haben kann, über dieses Thema zu referieren. Danach war ich es nicht mehr.

Jens Leutloff spricht nicht nur fließend Arabisch und ist in der Lage, die verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten des Koran zu erklären, er hat auch Jahre in verschiedenen arabischen Ländern gelebt. Durch ihn habe ich also erfahren, daß die Unterdrückung und Misshandlung von Frauen nichts mit dem Koran zu tun hat und daß es eine starke feministische Bewegung unter muslimischen Frauen gibt. Am schlimmsten haben es Frauen wohl in Afghanistan getroffen, vor allem, wenn sie zur Ethnie der Paschtunen gehören. Dort werden sie als gleichrangig mit Vieh gewertet und genau so behandelt. Ich erfuhr auch, daß die überwiegende Mehrheit der ägyptischen Frauen beschnitten und somit ihrer vollen sexuellen Erlebnisfähigkeit beraubt ist. Jens Leutloff scheint kein religiöser Mensch zu sein (wenn ich das richtig mitgekriegt habe), aber er sagte bemerkenswerterweise, daß in seinen Augen Frauen besonders gewürdigt werden müssten, da sie doch eng mit dem Mysterium des Lebens verknüpft sind. Solche tiefgehende Einsicht aus dem Munde eines Mannes, da kann ich nur sagen: Alle Achtung! Er sagte auch, daß er durch seine Erfahrungen in den arabischen Ländern zum glühenden Feministen geworden ist. Das habe ich ihm glatt geglaubt

Es ging auch um das Kopftuch. Nicht wenige Menschen aus unserem christlich geprägten Kulturkreis sehen im Kopftuch muslimischer Frauen ein Zeichen von Frauenunterdrückung. Hinter dieser Haltung steckt meines Erachtens eine große Überheblichkeit gegenüber einer anderen Kultur. Ich sehe es so: die Frauen können nur selbst entscheiden, ob und warum sie ein Kopftuch tragen. Es gibt sehr freie muslimische Frauen mit Kopftuch. Und wie und wann Frauen aus anderen Kulturkreisen ihre Befreiung vom Patriarchat gestalten ist ganz und gar allein ihre Sache. Ein islamischer Feminismus hat sicher ganz andere Formen als unserer. Das ist doch spannend, da können wir uns gegenseitig bereichern.

Passend zum Thema hat mich meine Tochter neulich mit Jilet Ayse bekannt gemacht: die macht richtig geile Satire und bringt die ganzen deutschen Vorurteile so auf den Punkt, daß einer die Spucke wegbleibt. Ich habe sie jedenfalls in mein Herz geschlossen. Unbedingt ansehen: #Projektion auf Youtube.

IMG_1620

In der neuen Oya ist ein Text von Donna Haraway aus ihrem Buch Unruhig bleiben abgedruckt. Sie wird dort übrigens als Trickster bezeichnet. Sehr zutreffend. Als ich im letzten Jahr ihr Buch las, brauchte ich eine Weile, bis ich mich an ihre eigenwillige Ausdrucksweise gewöhnt hatte (und muss an dieser Stelle noch mal der Übersetzerin meine Bewunderung aussprechen), aber genau diese Art zu sprechen öffnet neue Denkwege. Unbedingt empfehlenswert!

IMG_1621

Neulich kam ich mit einer ehemaligen Hebamme ins Gespräch. Es ging um den ungezügelten Aktionismus des Gesundheitsministers Spahn: er will alle zu Organspendern machen, die nicht widersprechen und die Masernimpfung zur Pflicht machen, notfalls unter Androhung von hohen Bußgeldern. Alles natürlich zum Wohle des Volkes. Er weiß, was gut für uns ist. Das ist genau die Art von Zwangsbeglückung, auf die ich gut verzichten kann.

Man konnte in den letzten Wochen gut verfolgen, wie solche Kampagnen vorbereitet werden. Alle bekannten Medien haben mitgemacht: es wurde fast täglich von neuen Masernausbrüchen berichtet. Es wurde immer wieder betont, wie gefährlich Masern sind und wie egoistisch, ideologisch verblendet und verantwortungslos gegenüber immungeschwächten Menschen sich Eltern verhalten, die ihre Kinder nicht impfen lassen. Wenn sowas jeden Tag in der Zeitung steht und im Radio alle halbe Stunde in den Nachrichten kommt, fangen irgendwann immer mehr Leute an, das zu glauben. Daß es heute keine unabhängige Forschung mehr gibt, daß Pharmafirmen Ärzt*innen in Pharmakologie fortbilden, daß ebendiese Firmen mit Medikamenten keinen Reibach mehr machen können, wohl aber mit Impfstoffen – all das wird nicht erzählt. Diejenigen, die sich gegen Zwangsimpfungen aussprechen, setzen sich mittlerweile einem gewaltigen Shitstorm aus. Kein Mensch weiß wirklich, was Impfungen im Immunsystem anrichten. Es gab mal die Vermutung, daß die rasant ansteigende Heuschnupfenrate und die Einführung der Masernimpfungen zusammenfielen. Zufall oder nicht, ich weiß es nicht. Aber diese Dinge werden nicht weiter untersucht. Wir können nicht wissen, wie sich unsere Eingriffe im Gewebe des Lebens auswirken. Sie wirken nicht linear, das steht fest, aber alles Weitere entzieht sich unserem intellektuellen Fassungsvermögen. Aber wir können mittlerweile wissen, daß jeder Eingriff ungeahnte Folgen auf das Große Ganze hat.

Ich habe wie fast alle Kinder meiner Generation Masern durchgemacht, meine Kinder ebenso (meinen Sohn habe ich impfen lassen, weil ich damals noch an die Schulmedizin glaubte; er hat dann aber doch Masern bekommen): Ich kenne keine Person in meinem Umkreis, die durch Kinderkrankheiten nachhaltig geschädigt wurde.

Wenn Herr Spahn sich wirklich solche Sorgen um unser aller Gesundheit macht, könnte er sich bei unserer Landwirtschaftsministerin Klöckner energisch für das Verbot aller Ackergifte einsetzen. Die sind nämlich mittlerweile überall, habe ich heute gelesen: im Boden, in der Luft, im Wasser – es gibt keine unbelasteten Bereiche mehr.

 

 

Homo sapiens

IMG_1598

Nordergraben in Flensburg

M. und ich trafen uns in Hohwacht zu Kaffee und Kuchen auf der Terasse eines Hotels mit Blick auf die Ostsee. Anschließend gingen wir in ihrem Hauswald am Binnensee spazieren und hatten ein sehr schönes, inspirierendes Gespräch.

Beim Lesen von Charles Eisensteins Climate (ich vertrage das Buch immer nur in kleinen Dosen) fühlte ich mich ertappt: er erwähnt die Menschen, die der Meinung sind, daß die Erde sich schon erholen wird, wenn die Menschheit erstmal verschwindet bzw. sich selbst vernichtet hat. Auch ich habe mich das eine oder andere Mal derart geäußert. Dem liegt ein gewisser Zynismus zu Grunde, der eine verständlicherweise beschleichen kann angesichts der ungeheuren Destruktivität der menschlichen Gattung. Der drückt sich auch in dem alten Witz aus: Treffen sich zwei Planeten. Fragt der eine den anderen: „Wie geht es dir?“ Antwortet der andere Planet: „Schlecht! Ich habe Homo sapiens.“ Sagt der erste: „Ach, das geht vorüber.“

Charles Eisenstein hält dagegen: Wenn wir davon ausgehen, daß die Erde ein lebender Organismus mit eigener Intelligenz ist und alles, was auf ihr lebt, eine Funktion erfüllt als Organe und Zellen ihres Körpers, dann hat sie auch die menschliche Gattung für eine  Aufgabe hervorgebracht. Wenn sie jetzt von dieser Planetin verschwände, verschwände damit ein Organ.

Er hat Recht. Natürlich ist es leicht, tagtäglich zu sehen, welchen grandiosen Mist Menschen fabrizieren. Heute hörte ich z. B. im Radio, das man Quallen aus der Ostsee fangen und als Düngemittel auf die Felder bringen will. Da wird mir schon schlecht beim Zuhören. Leute, Quallen sind Lebewesen, die fühlen! Aber ich kann auch meinen Blick auf das Tolle richten, was Menschen Tag für Tag schaffen. Und das ist viel, sehr viel sogar. Es gibt so viele Menschen, die das Lebendige lieben und ihm dienen. Über die vielen wunderbaren Projekte, die es auf der ganzen Erde gibt, wird in den Mainstreammedien kaum berichtet.

Und all das, was derzeit dazu führt, daß es immer schlechter und schlechter ums Klima und die Erde bestellt ist, ist doch ein unzulänglicher Ersatz für das, was uns verloren gegangen ist: die Verbindung zur Natur. All die Smartphones mit ihren tausend Apps, die Autos (ja, auch die E-Autos), die ganzen neuen Technologien, die Modeindustrie, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, sind Surrogate. Wir sind seit Jahrtausenden entwurzelt, getrennt unserer inneren und äußeren Natur, schwerstens traumatisiert durch unsere Kultur, die auf fortgesetzter Gewalt beruht (ja, auch und gerade im globalen Norden: wir erleben hier eine subtile, quasi unsichtbare Gewalt, die unter anderem darin besteht, daß Hundertausende eine Arbeit verrichten, die sie nicht mögen) und tief in uns ist immer noch die Sehnsucht nach der alten Verbindung zur Erde, zum Grün der Wälder, zu den blühenden Wiesen, dem Gesang der Lerchen, der Freundschaft der Tiere. Und diese Sehnsucht ist tief in uns verborgen und drückt sich vielleicht als Depression, als Sucht, als Gefühl von Sinnlosigkeit aus. Keine virtuelle Realität kann sie heilen, kein Pseudokontakt über WhatsApp, Facebook und wie sie alle heißen, kann uns Erfüllung bringen.

IMG_1599

Morgen gehe ich zu einer Konfirmation, zu der ich eingeladen worden bin. Bis zu meiner eigenen Konfirmation war ich sehr gläubig. Ich mochte die Gottesdienste, ich lebte die christliche Religion mit großer Ernsthaftigkeit. Nach der Konfirmation bin ich vom Glauben abgefallen –  oder der Glaube von mir. Das passierte einfach ohne einen konkreten Anlass: ich konnte nicht mehr an Gott glauben. Zunächst war da eine große Leere in meinem Leben. Nach einiger Zeit füllte mein Interesse an den radikalen linken Ideen der Außerparlamentarischen Opposition die Leere und ich widmete mich diesem neuen Denken und Handeln mit genauso großer Hingabe wie davor der christlichen Religion.

Mit der spirituellen Frauenbewegung in den 80er Jahren kam eine andere Religion in mein Leben. Gerlinde Schilcher alias Judith Jannberg gab dafür die Initialzündung mit ihrem Buch Ich bin eine Hexe. Sie benutzte den Begriff Religion im Sinne von Rückbindung an die Erde, an die Göttin. Ich bin ihr dankbar für diesen sehr wichtigen Impuls, benutze aber das Wort Religion nicht mehr für mich. Ich habe erlebt, daß von dem Moment an, in dem die Lebensenergie sich wieder frei in mir zu bewegen anfing, an dem ich vielleicht das erste Mal in meinem Leben wieder diesen freien Fluss spüren konnte, der doch eigentlich unser Geburtsrecht ist, ich die Verbindung fühlen konnte. Da brauchte es keine Vermittler, keine Pfarrer, keinen Guru. Die Einsicht, daß die Erde, das Universum lebendige Wesenheiten sind und das Wasser, die Luft, das Feuer, die Steine, die Pflanzen, die Tiere, alles, alles lebendig ist und eine Funktion in diesem großen Erdenkörper, in diesem gigantischen All hat, kam vor über 25 Jahren als eine plötzliche Gewissheit, die sich bis heute nicht abgeschwächt hat. In meinem Universum gibt es keine Götter und Göttinnen; wohl aber schöpferische Kräfte, deren Aufgabe es ist, zusammenzuwirken. Eine dieser Kräfte ist die Menschheit. Ich bin übrigens auch sicher, daß es unsichtbare Kräfte gibt, die eine Rolle spielen und daß wir uns an sie wenden und sie rufen können. Und ebenso gibt es Energien, die wir verlernt haben, wahrzunehmen. Ich werde nie vergessen, wie mir mein verstorbener Freund Jans vor vielen Jahren seinen selbstgebauten Orgonakkumulator zeigte (nicht den großen, in den man sich setzen kann, sondern einen kleinen, der gezielt am Körper eingesetzt werden kann). Ich sah eine durchsichtige wabernde Substanz, die Rauch ähnelte, aus ihm herausströmen. Ein anderes Mal zeigte er mir, wie ich das weiß funkelnde Energiefeld meiner Hand auf einem dunklen Kissen sehen konnte.

IMG_1603

Klima

IMG_1594

Die Ostertage verbrachte ich bei schönstem Wetter in Flensburg und Umgebung. Der Genuss wurde jedoch durch meine Befürchtung überschattet, daß es in diesem Jahr wieder zu einer Dürre wie im letzten Jahr kommen könnte. J., einer meiner Mit-Flüchtlingshelfer, erzählte mir neulich auf dem Weg zu einem Treffen, daß der Selenter See immer noch nicht den alten Spiegel wieder erreicht hat. Aber was kann ich tun? Ich kann nur so gut wie möglich meinen Garten bestellen. Während ich die Beete bearbeite, erkenne ich, daß meine Bemühungen der letzten Jahre Früchte tragen: der Boden ist bedeckt mit Wildkräutern, darunter ist die Erde locker und feucht. Ich hacke nur noch oberflächlich und lasse die ausgehackten Wildkräuter antrocknen und liegen. So gebe ich der Erde zurück, was ich genommen habe und sorge dafür, daß neuer Humus entstehen kann. Die Bienen tummeln sich in den üppig blühenden Apfelbäumen, die Rauchschwalben haben den Schuppen wieder bezogen. Auch die Gartenrotschwänzchen sind seit einigen Wochen wieder zurück. Man sagt ja immer, Vögel singen, um ihr Revier zu markieren. Wenn ich mit geschlossenen Augen im Garten sitze und dem vielstimmigen Gesang der Vögel zuhöre, spüre ich, daß es Freude ist, die sie zum Singen bringt: Unbändige Freude über die Schönheit des Frühlings! Die Denkweise unserer Kultur funktioniert immer nach dem Muster: man macht etwas, um zu… Lust und Freude kommen darin quasi nicht vor. Ich glaube, alles würde sich ändern, wenn wir Dinge aus Freude und in Schönheit täten. Und das sein ließen, was wir nicht mögen.

IMG_1601

Daß Greta Thunberg Atomkraft als Alternative erwähnt hat, finde ich eine ziemlich schlechte Idee. Und warum sie den Papst besucht hat, kann ich auch nicht nachvollziehen. Die Häme und Strenge, mit der sie von einigen überzogen wird, finde ich allerdings ziemlich selbstgerecht. Den Menschen, die sich im Netz kritisch dazu äußern, daß sie sich über Facebook verständigt und auf diese Weise den CO2-Ausstoß vorantreibt, möchte ich gern sagen: Packt euch an eure eigenen Nasen, solange ihr Computer und Smartphones benutzt.

Daß sie den Erwachsenen Vorhaltungen macht und ihnen die Schuld an dem Dilemma gibt, in dem wir uns befinden, ist nicht angenehm, aber inhaltlich durchaus richtig. Ich nehme das nicht als persönliche Beleidigung. Ich habe, als ich in Gretas Alter war, meinem Vater vorgeworfen, daß er als Soldat im 2. Weltkrieg gekämpft hat. Sein Einwand, daß eine Weigerung unmittelbar zu seiner Erschießung geführt hätte, habe ich mit den Worten weggewischt: „Einen kann man erschießen, vielleicht auch 100. Aber mehrere Tausend nicht.“ So war ich damals: sehr streng, sehr selbstgerecht. Ja, auch meine Generation hat demonstriert und sich gegen die herrschenden Zustände gestellt. Und auch wir haben damals Dinge für richtig gehalten, die ich mittlerweile ziemlich peinlich finde: z. B. haben wir den chinesischen Sozialismus für erstrebenswert gehalten. Ich gestehe mir zu, daß ich Fehler mache und immer noch dazu lerne. Und das Gleiche gestehe ich den jungen Menschen zu. Daß es überhaupt zu einer neuen Bewegung gekommen ist – außer Fridays for Future noch Extinction Rebellion – finde ich erst mal  begrüßenswert. So werden neue Bewusstseinsprozesse in Gang gesetzt.

IMG_1607

Meine Tochter und ich haben festgestellt, daß es viele Fotos gibt, auf denen ich gerade kaue.

Synchronizität

IMG_1590

Heute las ich in Annine van der Meers schönen Buch The Language of MA the Primal Mother das Kapitel über Wasserheiligtümer. Da war auch von Notre Dame auf der Île de la Cité in Paris die Rede. Die gotische Kathedrale ist auf einem alten Wasserheiligtum in der Seine errichtet worden. Wie überall auf der Erde haben sich die Christen auch hier die alte Stätte angeeignet. Als ich ein paar Stunden später zum Nachtdienst kam, erfuhr ich, daß Notre Dame in Flammen stand. Welch eine Synchronizität! Ich sah mir dann die Bilder der brennenden Kathredrale im Internet an und musste an die Geschichte denken, die Ute Schiran uns einmal erzählt hatte: als der Kölner Dom auf einem  Matronenheiligtum gebaut wurde, hätten die Dämonen gedroht: „Wir werden wiederkommen.“ Diese Geschichte ist im Kölner Staatsarchiv hinterlegt. Ich finde sie irgendwie tröstlich. Mit den Dämonen sind natürlich die Geister jenes Ortes gemeint. Aus den drei Matronen wurden dann die drei Könige, denen der Dom geweiht ist.

Zu Notre Dame habe ich praktisch keine Beziehung. Ich habe sie besucht, als ich 1983 zum ersten Mal allein in Paris war, aber ich kann mich nur noch an die Wasserspeier erinnern. Ansonsten war ich beim Gang durch die Kirche sehr damit beschäftigt, mir zu überlegen, wie ich dem Mann entkommen könnte, der draußen auf mich wartete. Er hatte mich angesprochen und wollte mich zum Kaffee einladen. Ich war damals noch zu schüchtern, ein klares Nein zu sagen.

IMG_1589

Vorgestern auf dem Weg vom Nachtdienst nach Hause hörte ich auf NDR Info einen Bericht über das Paläon in der Nähe von Helmstedt. Man hat dort in einem Braunkohletagebau acht Wurfspeere gefunden, die vor etwa 300.000 Jahren von Urmenschen benutzt worden waren, um große Tiere zu erlegen. Eine Gruppe von Schülern war da und zeigte sich völlig verblüfft, als der Archäologe ihnen erklärte, daß auch Frauen an der Jagd beteiligt gewesen seien. Eine Schülerin sagte, sie hätte gelernt, daß die damaligen Frauen nur eine sehr kleine Rolle gespielt hätten, ihre Aufgabe sei es gewesen, sich um die Kinder zu kümmern. Das erschreckte mich. Es zeigt, daß junge Menschen in Schule und Familie immer noch völlig antiquierte Mythen über die Rolle von Frauen lernen. Daß Frauen an der Jagd beteiligt waren, liegt auf der Hand. Gerade große Tiere wie Mammuts konnten nur von einer Gruppe von Menschen getötet werden. Nicht nur das Bild der Frau als Jägerin ist heutigen Menschen fremd, auch das gemeinsame Wirken von Menschen, um an Nahrung zu kommen, entspricht nicht dem heutigen Modell. Wissen wir doch auch von Wölfen, daß sie gemeinsam jagen. Katzen, Löwinnen, Tigerinnen, Füchsinnen – sie alle jagen. Warum sollte es bei Menschenfrauen anders sein? Die Verbannung der Frauen in den häuslichen Bereich kam doch erst mit dem Patriarchat. Und in diesem Zusammenhang möchte ich auch den Mythos anzweifeln, daß Frauen immer schon Männern muskulär unterlegen waren. Es könnte genauso gut sein, daß die geringere physische Kraft eine Folge der jahrtausendealten Reduzierung der Frauen auf den häuslichen Bereich ist. Wenn ich Klischees höre wie das, Männer seien ursprünglich dazu da gewesen, die Frauen der Sippe vor den Säbelzahntigern zu schützen, kann ich nur herzhaft lachen. Überhaupt scheint mir dieses Bild vom Mann als Beschützer ein ziemliches Konstrukt zu sein. Ich kann mich in meinem Leben nur an ein einziges Mal erinnern, wo ich Schutz durch Männer erfahren habe: vor über 20 Jahren hat ein wahnhafter junger Mann, den ich gerade in sein Zimmer auf meiner Station gebracht hatte, versucht mich zu küssen. Ich wehrte mich  mit aller Kraft und es entstand eine Pattsituation. Er hielt mich fest und ich konnte verhindern, daß er mir mit seinem Gesicht näher kam, aber ich kam nicht aus seiner Umklammerung raus. Nach einigen Minuten Gerangel sprangen die beiden anderen jungen Patienten, die sich im gleichen Zimmer aufhielten, aus ihren Betten und pflückten den Mann von mir, dabei begütigend auf ihn einredend: „Mensch, lass doch mal die Schwester in Ruhe.“ Ich bin ihnen immer noch dankbar. Der wahnhafte Mann hat sich übrigens einige Tage später unter Tränen bei mir entschuldigt und das habe ich angenommen. Er war wirklich krank und hatte die ganze Situation völlig verkannt.

Ein Mann, dem ich Sex verweigert hatte, verdrehte mir bei einem zufälligen Treffen in einer Kneipe in Münster so heftig und schmerzhaft den Arm, daß ich fürchtete, er werde ihn brechen. Dabei zischte er mich an: „Du bist Strychnin.“ Da war keiner, der mir geholfen hätte. Also hört mir auf mit den Männern als Beschützer. Ich möchte mich da lieber auf mich selbst verlassen.

Tabubrecherin

IMG_1587

Auf dem Weg nach Berlin las ich am Donnerstag in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel, in dem erwähnt wurde, daß vor ungefähr 5000 Jahren Junggesellentrupps aus dem Osten ins heutige Mitteleuropa einfielen und die hier ansässigen Frauen der Urbevölkerung vergewaltigten. Wir sind die Nachkommen. Das Bemerkenswerte an dieser Aussage ist, daß mit ihr mittlerweile etwas seit etlichen Jahrzehnten mehr oder minder verächtlich Abgetanes in die Mainstream-Medien kommt. Anfang der 80er Jahre hat die Archäologin Marija Gimbutas schon zur Kultur des Alten Europa geforscht und veröffentlicht (Gods and Goddesses of Old Europe) und in dem Zusammenhang auch von den Kurgan-Völkern berichtet, die aus der asiatischen Steppe kamen und der  matriarchalen Urbevölkerung ihr patriarchales System aufgezwungen haben. Man findet Überreste davon in der germanischen Mythologie wieder, wenn von den Asen und den Wanen die Rede ist: die Wanen waren die alten Götter, z. B. Freya, die Nornen, die Zwerge, die Asen waren diejenigen, die aus Asien kamen und sich kriegerisch und ziemlich ungehobelt benahmen, z. B. Thor, aber auch Odin.

Wenn ich vor einigen Jahren noch anderen Menschen erzählte, daß es die längste Zeit der menschlichen Evolution weder Krieg noch Herrschaft gegeben hat, stattdessen menschliche Gemeinschaften matriarchal organisiert waren, kam mir in der Regel eine Welle von Abwehr entgegen: Nein, Krieg hat es immer gegeben und die Männer haben immer an der Spitze der Gesellschaft gestanden. Da war kein weiteres Gespräch möglich. Warum dieses hartnäckige Festhalten an einer doch eigentlich sehr trostlosen Weltsicht, darüber kann ich nur spekulieren. Ich möchte übrigens in diesem Kontext noch mal sagen, daß Matriarchat nicht Frauenherrschaft bedeutet sondern Am Anfang die Mutter. Das griechische arché heißt Anfang, deshalb heißt die Erforschung der frühen Geschichte der Menschheit ja auch Archäologie. Die alten Gesellschaften waren um die Stammesmutter zentriert. Herrschaft hingegen ist eine relativ neue Erfindung. Das Patriarchat hat den Vater an den Anfang gesetzt und das spiegelt sich auch in den monotheistischen Religionen: Vater, Sohn und heiliger Geist – drei männliche Gestalten. Eine Mutter hat in dieser elitären Versammlung nichts mehr verloren.

IMG_1591

Bei Ilan Stephani ging es dann sehr körperlich zu: Körperarbeit, um die kollektiven Traumatisierungen des Patriarchats zu heilen. Ilan hält Menschen für grundsätzlich gut. Auf die Frage, wie dann das Böse, das Destruktive in die Welt kam, führte sie die Saharasia-Theorie von James DeMeo an: die Entstehung von ausgedehnten Wüsten in Afrika und Asien habe zu Hungersnöten und Massenfluchten geführt. Das Erleben von lebensbedrohlichem Mangel habe zu einer tiefen Traumatisierung geführt, die Menschen gewalttätig gemacht habe.

James DeMeos Saharasia-Hyptothese diente mir lange als Erklärung für den destruktiven Weg des größten Teils der Menschheit. Ich bin mir da mittlerweile gar nicht mehr so sicher. Wie kommt es dann, daß es indigene Völker gibt, die mit der Wüste leben können, z. B. die Tuareg und die Kabylen? Ich glaube, es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage, vielleicht auch gar keine.

Wie auch immer: das Seminar war toll. Ja, alles ist im Körper, und aus ihm kommt auch unsere Freiheit. Wenn wir die kollektiven Traumata in unseren Körperzellen gespeichert haben, dann finden sich dort ebenso die Erinnerungen an die älteren Zeiten der Einheit mit der Natur, der Freiheit, der Instinkte. Um diese abzurufen, ist es notwendig, Tabus zu brechen – Tabus, die eingerichtet wurden, um uns klein zu halten.

Die Vorstellung, mich als Tabubrecherin zu betätigen, macht mir richtig Spaß. Ich habe damit im Laufe meines Lebens ja schon einige Übung gesammelt.

IMG_1592