Lappland

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Gestern sind I. und ich von unserer 15tägigen Reise in den schwedischen Teil von Lappland zurückgekommen. Einige hatten uns geraten zu fliegen und uns in Schweden einen Mietwagen zu nehmen. Aber Fliegen macht mir schon lange keine Freude mehr. Auf dem Hinweg fuhren wir mit der Fähre von Frederikshavn in Dänemark nach Oslo und von da Richtung schwedische Grenze und dann bis hoch in die Nähe von Sorsele. Der Rückweg führte uns über Östersund und Amal am Vänersee bis Göteborg und dann mit der Fähre bis Kiel. Wir brauchten jeweils etwa drei Tage mit zwei Übernachtungen. Das ging gut und fühlte sich wie richtiges Reisen an: sich allmählich mit einer Landschaft bekannt machen und dabei noch etwas vom Leben in Schweden mitzubekommen. Die Straßen in Schweden sind, je weiter nördlich desto leerer, und man kann nicht schnell fahren – sehr angenehm.

Unsere Hütte etwa 60 km westlich von Sorsele stellte sich als Bruchbude heraus. Anfangs mussten erst mal die deutlichen Spuren unserer Vormieter beseitigt werden, ehe ich Lust hatte, meine Sachen einzuräumen. Die Klinke der Badezimmertür schraubte I. mit ihrem Schweizer Messer an, die herausstehenden Nägel auf der Veranda klopfte ich mit einem Stein fest, damit ich nicht ständig mit meinen Füßen daran hängen blieb. Das Wasser in der Duschkabine lief nicht Richtung Abfluss sondern in die Ecke. Aber der Herd und der Kühlschrank funktionierten ebenso wie die Elektroheizkörper, in den Betten schlief es sich gut trotz sehr dünner und weicher Matratzen. Ein Elchgeweih im Wohnzimmer diente uns als Aufhängevorrichtung. Das wackelige Geländer an der Verandatreppe konnten wir nicht reparieren, ebensowenig die lose Stufe, die mich fast zu Fall gebracht hätte. Wir meckerten nicht, sondern nahmen es mit Humor. Im Übrigen hatten wir einen Spottpreis für die Unterkunft bezahlt und als wir den Schlüssel in Empfang nahmen schon bei einem kurzen Blick in das Haus unserer Vermieter erkannt, daß Sauberkeit und Ordnung nicht zu ihren Prioritäten gehörten.

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Wir hatten eine schöne Zeit: das innere Summen legte sich nach und nach, die enorme Stille der nordischen Landschaft half ruhig zu werden und ganz in der Gegenwart zu leben. Mehr und mehr konnte ich mich öffnen für das, was mir dort im Norden, wohin es mich seit einem Jahr magisch gezogen hatte, begegnen wollte. Das war so einiges: gleich am ersten Tag machten wir Bekanntschaft mit ein paar Vögeln, die unglücklicherweise Unglückshäher genannt werden und in Mitteleuropa nicht vorkommen. Sie sind sehr neugierig und wann immer wir uns irgendwo hinsetzten, kamen sie nah heran und beobachteten uns.

Wenn ich morgens mit meiner Tasse Kaffee auf der Veranda saß und auf den See, die Birken und die Fichten schaute, bekam ich Besuch von Bachstelzen und zweimal von einem Wanderfalkenpaar, das gar nicht scheu von einem Baum zu mir herüber spähte. Auf der Wiese blühte Feuerkraut, Augentrost, Frauenmantel, Storchschnabel und Schafgarbe. Bei unseren Streifzügen durch die wilde Landschaft entdeckten wir unzählige Ameisenhaufen, Rentier- und Elchspuren, eine riesige Rengarde, in der im Juni/Juli die Rentierscheidungen der Samen stattfinden, massenweise Blaubeeren und Preiselbeeren, wilde Bäche, spiegelblanke Seen und viele Pilze, mit denen ich mich leider nicht auskannte. Ich entdeckte auch Bärlapp, den ich bisher nur von Fotos kannte und einen Eisenhut, den ich in keinem meiner Pflanzenbestimmungsbücher finden konnte.

In der Vollmondnacht am Sonntag sah ich vorm Insbettgehen auch Polarlichter: nicht die grünleuchtenden Vorhänge, die ich mit J. 1994 in Finnland gesehen hatte, sondern weiße flatternde Bänder, die von einem Moment auf den anderen verschwanden und sofort an neuer Stelle wieder auftraten. Solche Phänomene machen mich glücklich.

Abends kochten wir uns etwas Leckeres und saßen in der warmen Stube. I. las mir aus Immer Ärger mit Harry vor und wir lachten uns schief und scheckig über den köstlichen englischen Humor, wir lasen, erzählten uns etwas und ich strickte Socken aus der schönen Wolle, die ich in Jokkmokk entdeckt hatte.

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Wir unternahmen nämlich auch einen zweitägigen Ausflug nach Jokkmokk. Das liegt zweihundert Kilometer weiter nördlich im Polarkreis. Man braucht aber wegen der Straßenbedingungen vier Stunden dahin. Wir sahen auf unserer Fahrt Rentiere, die gemütlich auf der Straße zockelten und keine Eile hatten, uns Platz zu machen. Das war schön, weil wir sie uns so genau ansehen konnten. In Jokkmokk übernachteten wir in der sehr schönen Jugendherberge. Ich hatte dort ein langes Gespräch mit einer Belgierin, die seit vielen Jahren nach Lappland fährt, weil sie die Stille braucht. Das kann ich gut verstehen: in meinem winzigen Heimatdorf ist es sehr ruhig, aber in Lappland ist es ganz still. Wenn da etwas Geräusche macht, sind es der Wind und die Krähen und Raben oder einige andere Vögel. Der Himmel ist frei von Kondensstreifen, die Luft so klar und sauber. Eine deutsche Frau in der Herberge kommt seit Jahren nach Jokkmokk und studiert in der Sami-Bibliothek Bücher über dieses alte Volk mit seiner besonderen Kultur, das das gleiche Schicksal hatte wie alle anderen indigenen Völker: Gewalt, Entwurzelung, Zwangschristianisierung. Letztlich das Schicksal, das auch unsere Urahnen erlitten haben.

Jokkmokk, mit seinen etwa 2700 Einwohnern eher ein großes Dorf, hat ein fantastisches Museum, Aijtte genannt. Hier wird die Geschichte und das Leben der Sami auf eine ansprechende und sympathische Weise vermittelt. Ich hätte Tage darin verbringen können. Die Samen erklären sich mit anderen indigenen Völkern solidarisch, aktuell mit den First Nation-Leuten der Standing Rock-Reservation in den USA. Ihre Lage hat sich zwar verbessert, erzählte mir eine Sami-Frau, man könne heute wieder die eigene Sprache sprechen, was während der Schulzeit ihrer Eltern noch streng verboten war. Aber der Sameting habe keine Mitspracherecht, nur eine beratende Funktion. Und wenn es um Bodenschatzfunde und das Abholzen von Wäldern geht, haben die wirtschaftlichen Interessen der Industrie grundsätzlich Vorrang vor den Interessen der Samen und ihrer Rentiere. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mussten zehntausende Rentiere geschlachtet und vernichtet werden, da ihr Fleisch stark cäsiumbelastet war.

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Quelle

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Am ersten Tag unserer Rhönwanderung kamen wir an zwei Quellen vorbei: dem Goldbrunnen und der Ulsterquelle. Anders als in den letzten Jahren rann das Wasser  nur als bescheidenes Rinnsal aus dem Berg. Aber wir freuten uns über das gute Wasser und tranken mit Genuss. In den folgenden Tagen fand sich keine Quelle mehr und viele der Bachläufe, die normalerweise die Ulster speisen, waren trocken.

Auch hier im Norden ist es unvermindert heiß. Die Bienen im TBH haben Mühe, die Waben am Schmelzen und Abbrechen zu hindern. Die Landschaft ist eine einzige Steppe. Der Klimawandel ist also da. Aber es werden weiter Autos gebaut, und der Flugverkehr nimmt zu. Mein Kollege H. hat mir mittlerweile schlüssig erklärt, warum Deutschland nichts dafür tut, die Bahn zu einem kostengünstigen und häufig fahrenden öffentlichen Verkehrsmittel zu machen: in unserem Land werden Autos produziert. Regierungsmitglieder sitzen in den Aufsichtsräten z. B. von VW. Sie haben schlicht kein Interesse daran, den Verkehr auf den Straßen überflüssig zu machen. Wieder einmal muss man also nicht die Nase über Trump rümpfen, weil der den Klimawandel ignoriert.

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Heute bin ich aus einem der beschissensten Nachtdienste meines Berufslebens gekommen. Da auf meiner Station mittlerweile auch gerontopsychiatrische Patienten untergebracht sind, war ich damit beschäftigt, sie mehrmals in der Nacht vom Bett in den Rollstuhl und vom Rollstuhl aufs Klo zu wuchten. Das verursachte  jedes Mal gigantische Schweißausbrüche. In den letzten Nächten hatte ich schon stundenlang Wespen mit Hilfe eines Glases gefangen und nach draußen gesetzt. Sie wohnen in den alten Mauern und kommen durch jede Ritze rein. Ich ließ die Fenster zu und schwitzte mehr als in der Sauna. Zwischendurch versorgte ich mehr schlecht als recht die neuaufgenommenen Suchtpatienten, putzte das Dienstzimmer, weil heute die Hygienekommission für ihren Kontrollgang angekündigt war und versuchte zwischendurch noch, die anstehenden Routinearbeiten wie Medikamente stellen zu erledigen. Als ich mich um 2:30 das erste Mal hinsetzte um eine Kleinigkeit zu futtern, klingelte ein Patient, der nicht mehr aus der Toilette kam. Das Schloss hatte sich verkantet, weder ich noch mein netter Kollege von der Nachbarstation konnten etwas ausrichten. Die zwei Kieler Schlüsseldienste, die laut Internet 24 h am Tag verfügbar waren, gingen nicht ans Telefon. Schließlich rief ich die Feuerwehr an. Die schickten drei Männer mit viel Werkzeug vorbei, das sie in der folgenden halben Stunde erfolglos einsetzten. Dann sagte einer von ihnen, daß man die Tür leider zerstören müsse. „Nur zu“, sagte ich und fand die ganze Sache mittlerweile schon witzig. Daß auf einer geschlossenen psychiatrischen Station Türen und Fenster stark gesichert sein müssen, ist klar. Aber daß sogar Klotüren nicht mehr geöffnet werden können, habe ich noch nicht erlebt. Nach etwa einer Stunde kam der Patient wieder von der Toilette. Ich habe so dermaßen die Schnauze voll von meinem Job!

Passend dazu hörte ich auf dem Heimweg im Radio ein Gespräch, in dem es darum ging, wie man den Pflege- und Erzieher*innenberuf attraktiver machen könnte. Man ist jetzt auf die Idee gekommen, daß eine bessere Bezahlung es richten könne. Ja, liebe Leute: mehr Geld ist nicht schlecht, aber das allein wird es nicht bringen. Der Arbeitsanfall und damit verbundene Zeitdruck ist so enorm, daß die motiviertesten Kolleg*innen nach wenigen Jahren keine Lust mehr haben. Wir müssen ja mittlerweile fast jeden Handgriff dokumentieren und verbringen in der Regel wesentlich mehr Zeit am Rechner als mit den Patienten. Man kann sich nur wünschen, daß man im Alter einen schnellen Tod findet, statt irgendwelchen Menschen zur Last zu fallen.

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Kreuz

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Beim Abstieg vom Schafstein entdeckten wir auf einer Kuhweide ein großes steinernes Kruzifix. Martin sagte: „So oft gekreuzigt zu werden – das kann ja keiner aushalten.“ Der hessische Teil der Rhön ist katholisch und so trifft man überall in der Landschaft den leidenden Mann am Kreuz. Weniger denn je kann ich einsehen, warum sich Europa gegenüber anderen Kulturkreisen als fortschrittlich aufbläht. Die schlimmsten Greueltaten sind im Namen der christlichen Religion ausgeübt worden. Aber diese Tatsache, die mit Kreuzzügen und Zwangsmissionierungen begann, über Karl den Sachsenschlächter, Inquistion, Conquistadores, Missionare in aller Welt usw. weitergeführt wurde, ist bis jetzt im kollektiven Gedächtnis ganz tief ins Unbewusste gesunken.  Ich muss allerdings jedes Mal daran denken, wenn ich den Gekreuzigten sehe.

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Als ich einer Freundin von meiner neuen plastikverpackungsfreien Zahnpasta erzählte, sagte sie: „Du bist immer so konsequent.“ Über diese Aussage habe ich mich gewundert, auch ein wenig erschreckt: verhalte ich mich vielleicht missionarisch? Das möchte ich nicht, weil ich selbst weiß, wie nervig das werden kann. Aber was macht denn anderes Sinn als konsequent zu sein? Das, was ich ändern kann, ändere ich natürlich. Und mein Antrieb Dinge zu verändern wird gespeist aus meiner Erkenntnis, daß die Erde ein lebender Organismus ist und daß alles, was auf ihr und durch sie lebt, miteinander verbunden ist. Wenn ich einem Lebewesen schade, schade ich also immer auch mir selbst. Heute habe ich bei unverpackt in Kiel Öko-Waschmittel zum Abfüllen gefunden. Großartig! Schon wieder Pappe und Plastik eingespart. Wir sogenannten Verbraucher*innen haben es wirklich in der Hand: die Industrie wird ganz schnell ihre Produktion umstellen, wenn Menschen ihre Produkte nicht mehr kaufen.

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eine volle Woche

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Verpasster Anschlusszug in Hamburg – so fing vor einer Woche meine Reise an. Die Deutsche Bahn war gewohnt schlecht, das kennen wir ja schon. Das Zugpersonal versuchte, das durch große Freundlichkeit auszugleichen. Ich kam dann in der Nacht in Salzburg an, wo meine Kinder, mein Schwiegersohn und meine Mutter bereits warteten. Am nächsten Tag ging’s durchs volle Salzburg, natürlich auch auf die Burg. Mein Sohn war schon als Kind magisch von Burgen angezogen. Abends gab es den Jedermann von Hugo von Hoffmannsthal auf dem Domplatz. Ach, ich bin Kulturbanausin: weder Tobias Moretti als Jedermann noch Peter Lohmeyer als Tod rissen mich vom Hocker. Und ich fand das Stück unerträglich moralisch.

Meine Mutter war begeistert von den vielen Frauen in Dirndln. Die sind ja nun auch wirklich teilweise sehr schön und eigentlich ein ideales Kleidungsstück für einen weiblichen Körper. Mir war Salzburg zu voll, zu heiß, zu sehr Stadt. Aber es gab sehr guten Kaffee und das leckere österreichische Essen.

Am nächsten Tag fuhren Katharina, Martin und ich in die Rhön. Der Mietwagen in Fulda war nicht der  von mir gewünschte Polo oder Skoda Fabia sondern ein BMW. Ich habe noch nie am Steuer eines BMW gesessen und hatte das auch nie vor. Der Wagen fuhr sich gut, das muss ich zugeben, aber ich finde, man wird komisch angeguckt mit so einer Karre und sie passt gar nicht zu mir.

In der Rhön konnten wir die Mondfinsternis zusammen mit dem enorm hellleuchtenden Mars über dem Stirnberg verfolgen. Auch hier war es so unglaublich heiß und die Steigungen  fielen schwerer als sonst. „Aber es zwingt uns ja keiner“, sagte der Bewohner einer anderen Ferienwohnung zutreffenderweise, den wir auf dem Absteig vom Steinkopf trafen.

Am Sonntag entdeckten wir auf dem sehr langen und anstrengenden Rückweg von der Ebersburg eine der vielen Grotten, die es hier wohl in jedem Ort gibt, nach den Wegweisern zu urteilen. Aber ich hatte bisher nie eine entdeckt. Sie befand sich in einem Kreis aus Linden, die ihre Äste tief herab senkten. Nur ein Mülleimer wies auf einen menschlichen Platz hin. In der Mitte waren Steine zu einer Kunstgrotte aufgestapelt, in deren Höhlung eine Marienfigur stand. Brennende Kerzen zu ihren Füßen, Blumen, Holzbänke – es war ein einladender geschützter und kühler Platz. Da begriff ich, daß die Mariengrotten für die ursprünglichen Wesenheiten dieser Landschaft gestaltet wurden und Überreste eines sehr viel älteren Kultes sind.IMG_1310

Jetzt bin ich wieder zu Hause und hier sind mittlerweile griechische Verhältnisse: verdorrte Wiesen und 38°C im Schatten.

Sommer

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Die Hitze und Trockenheit halten an. Jeden Abend schleppe ich kannenweise Wasser in meinen Gemüsegarten. Vor einigen Tagen wurde die Gerste gemäht. Ich sah zu, wie später die Strohrollen einer an den Trecker gehängten Apparatur herausfielen. Es sieht schön aus, wie sie alle auf dem Stoppelfeld liegen, aber sie sind von einem Plastiknetz umhüllt.

Plastik: in der Biodrogerie an der Holtenauer Straße in Kiel fragte ich nach einer Zahncreme, die nicht in einer Plastiktube steckt. Ich bin mit meiner Mineralstoffzahncreme ganz zufrieden, aber die Verpackung kann ich nicht mehr hinnehmen. Die Verkäuferin erzählte von gutem Plastik, weil es recyclebar ist. Aber erst mal zweifle ich daran, daß das Plastik aus den gelben Säcken tatsächlich recycelt wird. Und wenn, dann werden neue Plastiksachen draus, die Mikroteilchen in die Gegend abgeben. Ich verließ den Laden und ging zu unverpackt am Exerzierplatz. Dort fand ich Pastillen, die man etwas zerkaut, dann kann man sie mit der Zahnbürste verarbeiten wie normale Zahnpasta. Sie schmecken nach Pfefferminze und machen die Zähne schön sauber. Geht doch! Überhaupt muss ich den Laden mal wieder anpreisen. Sie haben ihr Sortiment erweitert und es gibt viel zu entdecken.

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Anpreisen muss ich auch einen Artikel aus der neuen Oya: Bildersturm – Gutes Leben, gutes Sprechen. Warum wir neue Metaphern brauchen von Johannes Heimrath. Vielleicht findet er sich auch in der Online-Ausgabe. Ansonsten lohnt es sich immer, die Oya zu kaufen, weil sie einfach nur gut ist.

Ansonsten gewöhne ich mich daran, mit dem Chaos mitzufließen: in der Klinik fehlen die Leute, unsere Station existiert zur Zeit nicht, dafür helfen wir überall aus, wo Pflegepersonal fehlt. Anfangs ging ich mit viel Ärger zur Arbeit und fand es eine Zumutung, was da mal wieder über unsere Köpfe hinweg entschieden wurde. Dann bin ich mit mir selbst zu Rat gegangen und habe beschlossen, mich auf die Situation einzulassen, da ich vorerst keine Möglichkeit sehe, sie zu ändern. Die letzten Tage war ich auf der geschlossenen Aufnahmestation, wo ich von 2002 bis 2008 gearbeitet habe. Ein Kollege und ich stellten heute Morgen fest, daß wir an diesem Ort niemals irgendwelche Pläne abarbeiten können, sondern in jeder Sekunde mit dem mitgehen müssen, was das Leben uns beschert: schreiende Personen, die mit der Polizei kommen, Menschen, die wir in die Fixierung nehmen, Menschen, die so richtig ungehemmt die Sau rauslassen. Der Geräuschpegel ist enorm. Aber an diesem Platz fällt mir mal wieder auf, was für tolle Kolleg*innen ich habe. Ich kann mit den Patient*innen reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist – ach, das tu ich sowieso, alles andere ist mir zu anstrengend – und wir lachen viel. Das ist das, was zählt.

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Müde

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Ich bin so müde: es gibt soviel zu tun. Die Arbeit belastet mich mehr und mehr. Es fehlt zunehmend an Personal und die Klinik reagiert mit Stationsschließungen und verteilt uns auf andere Stationen. Immer über unseren Kopf hinweg – Personal als Verfügungsmasse. Natürlich habe ich viel zu tun, weil es wie schon immer in meinem Leben so viele Dinge gibt, die ich wichtig und interessant finde. Das ist anstrengend und gut; andernfalls lebte ich nur für die Arbeit. Das kann’s nicht sein.

Die extreme Dürre hält an und ich gieße jeden Abend einen Teil meiner Beete. Neulich hörte ich abends ein Rauschen. Als ich die Tür öffnete, sah, roch und hörte ich den Regen. Ich glaube, ich habe mich noch nie so über Regen gefreut. Meine 150l-Tonne war im Nu voll. Aber jetzt ist sie nach einmal Gießen schon wieder fast leer.

Am Mittwoch holte ich ein neues Bienenvolk aus dem Garten der freien Schule in Preetz ab. G., der vor zwei Jahren zwei Schwärme von mir bekommen hatte, hat einen Kunstschwarm in einen meiner Top Bar Hives gesetzt. Das ist nicht ganz die Art, wie ich gern mit Bienen anfange. Aber ich bin froh, daß sie wieder bei mir leben.

Gestern saß ich bei ihnen und sah ihnen beim Fliegen zu. Zufrieden registrierte ich die einfliegenden Arbeiterinnen mit den orangefarbenen Pollenhöschen. Also haben sie Brut, das ist gut. Während ich so da saß, verebbten die Gedanken und ich wurde ganz ruhig und zufrieden. Da musste ich an meinen Imkerlehrer A. denken, der erzählte, daß er nach der Arbeit immer erst zu seinen Bienen geht. Bei ihnen wird er ruhig und dann kann er nach Hause zu seiner Familie gehen.

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Postapokalypse

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Das vergangene Wochenende habe ich zusammen mit einigen anderen Imker*innen von De Immen im Wendland verbracht. Das für mich spannendste und hoffnungsvolle Erlebnis war der Besuch des Höhbeck, eines kleinen aus der Eiszeit stammenden Höhenzuges an der Elbe. Von  seiner höchsten Stelle aus wurde Westberlin und damit  gleichzeitig die DDR bis zur Wende von einem gigantischen Funkmasten aus mit Westfernsehen bestrahlt. Dieser alte Mast ist verschwunden, es steht aber noch ein zweiter dort, der der Telekom gehört. Das Gelände um den alten Mast wurde von Stefan Reinsch gekauft. Er hat auf der gesamten Fläche mit Unterstützung der Loki-Schmidt-Stiftung dafür gesorgt, daß sich auf dem mageren Sandboden Pflanzen ausbreiten können, die diese Bedingungen schätzen. Mit ihnen sind die Insekten zurückgekommen, darunter auch solche, die auf der roten Liste stehen oder als ausgestorben gelten. Tatsächlich summte und brummte es nur so in den Heidenelken, im echten Labkraut und Steinklee. Das war so schön! Auf den benachbarten Getreidefeldern verdorrte das Korn. Stefan Reinsch realisiert sein Projekt zusammen mit seiner Lebensgefährtin. Er mäht das Gelände peu á peu mit der Sense, teilweise auch mit dem Balkenmäher. So macht er nie alle Insekten auf einmal heimat- und nahrungslos. Ich mache das mit meiner Wiese ja auch so, weil ich die ganze Fläche auf einmal gar nicht schaffen würde. Jetzt habe ich also erfahren, daß ich unwissentlich das Richtige mache. Er sagte mir auch, daß die Arbeit mit der Sense gar nicht anstrengend sei, wenn ich statt mit einem Metallsensenbaum einen aus Holz nehmen würde. Das werde ich natürlich umsetzen.

Am schönsten fand ich übrigens sein Wort Postapokalypse. Er sagte nämlich, daß er diese Arbeit für die Erde, die Pflanzen und die Insekten (und damit auch für die Menschen) für die Zeit nach der Apokalypse mache, die gerade jetzt stattfinde. „Irgendwann muss es ja mal wieder besser werden“, sagte er.

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Am Sonntagvormittag fuhren wir nach Gorleben, wo die Castoren mit dem radioaktiven Müll immer noch auf eine Endlagerung warten. Birgit Huneke vom Gorleben-Archiv und Wolf-Rüdiger Marunde, einigen sicher als Karikaturist bekannt, erzählten uns von der Widerstandsbewegung im Wendland, von den Lügen der Bundes- und niedersächsischen Landesregierung, von Polizisten, die sich mit den Widerständigen solidarisierten. Wir erfuhren auch, wie die Bewegung die Biografien der Bewohner des Wendlandes beeinflusst hat, wie sogar CDU-nahe Bauern und Adlige zum Widerstand gekommen seien, als ihnen die Folgen dessen klar wurde, was da unter ihren Häusern und Feldern in instabilen Salzstöcken gelagert werden sollte. Nach wie vor weiß kein Mensch, wie Atommüll sicher gelagert werden kann. Es ist schlicht nicht möglich und so stehen die Castoren weiterhin auf einem gesicherten Gelände und müssen ständig gekühlt werden, da sie so große Hitze abstrahlen.

Ich habe damals, als es noch Castortransporte und -blockaden gab, vieles aus Fernsehen und Zeitungen erfahren, aber es ist etwas ganz anderes, die Geschichten von Menschen zu hören, die dort wohnen und hautnah dabei waren. Das Gute an diesen Ereignissen ist, daß durch sie ein besonderer Menschenschlag im Wendland lebt, der erlebt hat, daß es sich lohnt, Widerstand zu leisten.

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Widerstand wünsche ich mir auch gegen die unsägliche Flüchtlingspolitik, die unser Innenminister einführen möchte. Ich habe es mehr als bedauert, daß er seine Rücktrittsankündigung nicht wahr gemacht hat. Die CSU-Leute behaupten ja, daß sie so handeln wie sie es tun, weil die Bürger das so wollten. Da kann ich als Bürgerin nur sagen: Ich bin weder gefragt worden noch einverstanden. All das, was jetzt gerade ausgeheckt wird, um Europa mehr denn je zu einer Festung zu machen, geschieht nicht in meinem Namen. Ich finde es einfach nur ekelerregend und unglaublich beschämend.

Hier ist der Link zum offenen Brief der Lifeline-Leute, die in der vergangenen Woche Geflüchtete aus Seenot gerettet haben und tagelang keine Aufnahme in irgendeinem Hafen fanden: https://mission-lifeline.de/de/presse/offener-brief-an-den-innenminister-wir-retten-leben-wen-retten-sie