Leben

IMG_1187

Durch die neue Oya bin ich auf die sehr interessante Website eines Arztes gestoßen: https://ganz-gesund-krank.de/

Es gibt da viel zu lesen. Einiges fand ich eher mühsam, wahrscheinlich fehlte mir einfach die Geduld. Anderes finde ich richtig großartig. Vieles deckt sich mit meinem eigenen Denken. Sehr lesenswert finde ich z. B. die Themen ganz gesund krank, Sterben und Tod, Impfen, Früherkennung und Vorsorge.

„Wir akzeptieren dein Kranksein nicht“ ist einer der Sätze, die einen starken Nachhall in mir erzeugt haben. Das ist z. B. die Haltung von Eltern, die alles Mögliche unternehmen, um ihr Kind bei Infekten mit Medikamenten, übrigens auch homöopathischen,  und anderen Maßnahmen zu behandeln.

Das Nichtakzeptieren von Krankheit und Tod hängt eng mit der weitverbreiteten Ideologie zusammen, daß wir Heilung bewirken können. Ich habe in meinem Leben immer wieder die Erfahrung gemacht, daß Heilung von selbst geschieht. Wir haben lediglich die Macht, Heilung durch Aktionismus – mit dem wir uns selbst Stress machen – zu verzögern. Z. B. die schwere Pankreatitis, die ich mit 28 Jahren bekam: weder die fettfreie Diät noch die Substituierung von Pankreasenzymen hat meine jahrelang erhöhten Amylase- und Lipasewerte in irgendeiner Weise beeinflusst. Dafür hat die Diät, die ich ohnehin nur einige Monate durchhielt, meine Lebensqualität stark gemindert. Acht Jahre nach der Erkrankung fanden sich bei einer erneuten Laboruntersuchung erstmalig meine Pankreasenzyme im grünen Bereich, obwohl – ich vermute eher weil – ich fröhlich aß, was mir schmeckte und worauf ich Appetit hatte.

Oder: ich hatte viele Jahre mit heftigen Migräneanfällen zu tun. Ich nahm auch einige Zeit Schmerzmittel, Ergotaminpräparate, die man mittlerweile gar nicht mehr bei Migräne verwendet, später Novalgin und Aspirin. Da ich eine generelle Aversion gegen jede Art von Medikamenten habe, hörte ich in der Mitte meiner 20er Jahre damit auf. Irgendwann fand ich heraus, daß  ich den Schmerz aushalten konnte, wenn ich mich hinlegte und gar nichts machte. Er war nicht weg, aber er fing dann an, sozusagen in meinem Kopf zu schmelzen. Ich kann es nur so ausdrücken. Das dauerte einige Zeit, aber irgendwann konnte ich einschlafen und wenn ich wieder wach wurde, war der Schmerz vorbei.  Im Rückblick glaube ich, daß die Migräne ein Geschenk des Lebens war, um mich für ein paar Stunden oder einen Tag aus meinem Dauerstress als voll berufstätige, im Schichtdienst tätige, alleinerziehende Mutter herauszunehmen. Ich habe schon jahrzehntelang keine Migräne mehr gehabt.

Wenn meine Kinder krank waren, habe ich ihnen ein Lager auf der Küchenbank gebaut, so daß sie die ganze Zeit in meiner Nähe waren. Ab und zu gab es was zu trinken, selten mal kalte Wadenwickel – ich halte Fieber ja für eine segensreiche Maßnahme des Körpers, die man nicht mit Medikamenten sabotieren sollte. Später, wenn es den Kindern anfing besser zu gehen und sie aus ihrem Dämmerzustand herauskamen, las ich ihnen Geschichten vor. Meine Tochter sagte mir neulich noch, sie hätte nur gute Erinnerungen ans Kranksein. Sie hat übrigens fast alle Kinderkrankheiten, gegen die heute hysterisch geimpft wird, einschließlich Masern durchgemacht und auf diese Weise ein starkes Immunssystem aufbauen können. Diese Chance haben Kinder heute, die nicht nur gegen alles geimpft werden, sondern auch noch das Pech hatten, per Kaiserschnitt ins Leben befördert zu werden, nicht mehr.

Auch die Grippeerkrankungen, die ich selbst alle zehn bis zwanzig Jahre einmal habe, sind mir in guter Erinnerung geblieben: 40° C Fieber, drei Tage Dämmerzustand, dann allmähliches Wiederauftauchen. Gerade diese fieberhaften Infektionen habe ich immer im Nachhinein als Transformationsprozesse auf allen Ebenen – körperlich und seelisch – erlebt.

Ich bin schon jahrelang nicht mehr zur Vorsorgeuntersuchung gegangen. Es reicht ja, sich Sorgen zu machen. Warum dann also noch vor-sorgen.

Ja, ich weiß: es gibt Krankheiten, für die es keine Heilung gibt, jedenfalls nicht in dem Sinne, daß die Krankheit verschwindet und das Leben wie gewohnt weitergeht. Da fällt mir Ute Schirans Satz ein: „Heilung kann auch Tod bedeuten.“ Da Tod ein Teil des Lebens ist und ich absolut sicher bin, daß es nicht das Ende sondern ein neuer Abschnitt im ewigen Tanz des Lebens ist, erscheint mir ihre Sichtweise sehr schlüssig.

Manchmal scheint es eine Art Stör- und Sabotageprogramm in uns zu geben, das der Heilung entgegen wirkt. Dann kann vielleicht ein Mensch, eine Pflanze, eine andere Maßnahme helfen. Aber können wir wirklich wissen, ob es diese Dinge sind, die geholfen haben?

Von Susun Weeds Six steps of healing finde ich den ersten den wichtigsten: Do nothing. Einfach dasein, ruhig werden, beobachten, was geschieht, ohne es in eine Diagnoseschublade zu stecken. So entsteht Raum für Selbstregulation.

IMG_1183

Die Obstbäume blühen dieses Jahr so üppig wie noch nie, aber es gibt keine einzige Biene!

 

Rat

 

IMG_1180

Alles ist so schön jetzt: der Mai zeigt sich mit seiner ganzen Fülle und im Garten wuchern die Beete zu, die ich noch nicht bearbeiten konnte. Wie jedes Jahr fehlt mir einfach die Zeit, all das zu machen, was ich gern möchte. Die Zeit, die Blütenpracht zu bewundern, den Schwalben bei ihren schnellen Flügen zuzusehen und mich an ihrem Zwitschern zu freuen, die nehme ich mir allemal.

Mir gefällt Luisa Francias Blogbeitrag vom 7.5. zum Thema Werte, die Minister Dobrindt den Flüchtlingskindern vermitteln möchte, sehr gut: http://www.salamandra.de/tagebuch/start.php

Überhaupt: was sind denn Werte? Ich bezweifle, daß z. B. geflüchtete Menschen aus islamischen Ländern grundsätzlich andere Werte haben als Europäer. Ich lese gerade das Buch Das wiedergefundene Licht von Jacques Lusseyran, der als Achtjähriger erblindete, als Gymnasiast während der Besatzung Frankreichs durch die Nazis Angehöriger der Résistance wurde und mit neunzehn Jahren ins KZ Buchenwald deportiert wurde. Er hat es überlebt und beschreibt sein Leben bis zu diesem Zeitpunkt. Er schreibt sehr reflektiert und es wird deutlich, daß er kein Nationalist ist, sondern daß sein Antrieb, der Naziherrschaft Widerstand entgegenzusetzen, aus der erschreckenden Erkenntnis stammt, daß der Nationalsozialismus eine Seuche ist, deren Verbreitung gestoppt werden muss. Seine persönlichen Werte sind nichts von außen Kommendes sondern entstehen aus seinen Erfahrungen heraus. Und da sie aus der Tiefe seines Seins stammen, diesem Ort, den – so bin ich überzeugt – jeder und jede in sich hat und an dem wir unsere persönliche Wahrheit erfahren, hat er auch die Kraft, diese Wahrheit zu leben.

Das ist etwas ganz anderes als die vermeintlichen Werte des Herrn Dobrindt, die christlichen Kreuze des Herrn Söder und das „Heimatmuseum“ des Herrn Seehofer. Übrigens: wenn jetzt wieder Kruzifixe in den bayrischen öffentlichen Einrichtungen aufgehängt  werden, dann müssen konsequenterweise auch andere religiöse Symbole legitim sein, z. B. das umstrittene Kopftuch muslimischer Frauen. Gleiches Recht für alle – das wäre auch ein Wert.

Gestern fuhr ich mit drei anderen Flüchtlingshelfer*innen nach Kiel zum Flüchtlingsrat. Wir wollten uns eigentlich Unterstützung für eine öffentlichkeitswirksame Aktion wegen der negativen Asylbescheide für einige Familien in Selent holen. Wir hatten auch die kopierten Bescheide und Protokolle der Anhörungen mitgenommen – mit dem Einverständnis der Betroffenen. Ein sehr kompetenter junger Mann nahm sich zwei Stunden Zeit für unser Anliegen und erwies sich wirklich als guter Ratgeber. Er bestätigte meinen Verdacht, daß seit der letzten Bundestagswahl die CDU die Politik der AfD macht und deshalb seitdem kaum ein Mensch aus Afghanistan mehr einen positiven Bescheid bekommt. Dennoch haben unsere afghanischen Familien sehr gute Chancen mit ihren Widersprüchen durchzukommen. Jedenfall fuhren wir richtig fröhlich wieder nach Hause und werden in den nächsten Tagen den Betroffenen die gute Nachricht überbringen.

Jacques Lusseyran beschreibt in seinem Buch auch, wie die deutschen Besatzer mit den Franzosen umgegangen sind. Ich habe mich früher bei meinen vielen Frankreichurlauben oft geärgert, wenn ich mitbekam, daß man mich als „boche“ bezeichnete. Aber mittlerweile kann ich ein wenig den Zorn der Franzosen auf die Deutschen verstehen.

Stolz auf meine Nationalität ist mir sowas von fremd. Aber als im Sommer 2015 die große Flüchtlingswelle nach Deutschland schwappte und ich diese große und völlig überraschende Hilfsbereitschaft erlebte, da konnte ich zum ersten Mal in meinem Leben so etwas wie Einverstandensein mit meiner Nationalität fühlen. Und ich finde, wenn wir etwas aus unserer Nazivergangenheit lernen können, dann ist es die Einsicht in die Notwendigkeit, Menschen zu helfen, die in ihren Ländern nicht mehr leben können, weil sie von Tod und Verderben bedroht sind.

Na immerhin hat das Land Schleswig-Holstein erklärt, daß es bei den Ankerzentren von Herrn Seehofer nicht mitmachen wird. Das ist schon mal eine gute Nachricht.

IMG_1181

Frauen und Männer

IMG_1175

Folgenden Link zur MeToo-Debatte habe ich von meiner Tochter bekommen. Ich finde den Artikel gut: https://www.freitag.de/autoren/simone-schmollack/zeigt-potenz

Seit die MeToo-Debatte in Gang ist,  höre und lese ich, daß Männer sich sehr verunsichert fühlen und gar nicht mehr wissen, wie sie sich Frauen gegenüber verhalten sollen. Nun finde ich Verunsicherung erst mal gar nicht schlecht. In diesem Fall zeigt sie, daß alte Selbstverständlichkeiten im Umgang mit Frauen ausgedient haben und neue noch nicht in Sicht sind. Und da gebe ich der Autorin dieses Artikels recht: was Männer und Frauen für selbstverständlich halten, sollten sie miteinander besprechen. Überhaupt scheint dieses Miteinandersprechen oft zu fehlen. Stattdessen wird übereinander gesprochen. Das mag erst mal eine Entlastung sein, auf lange Sicht ändert sich dadurch aber gar nichts.

Trotz sexueller Revolution ist das Thema Sexualität immer noch problematisch. Neulich fand ich auf der Station eine alte Brigitte (diese Zeitschrift gehört normalerweise nicht zu meinen favorisierten Lesestoffen), in der es auch um MeToo ging. Eine Sexualtherapeutin äußerte sich zu dem bekannten Phänomen, daß in langjährigen Beziehungen Frauen meistens das Interesse an Sexualität verlieren, während die Männer unter ihrem Mangel leiden.

Ich kenne dieses Phänomen auch. Früher gehörte es zu den ehelichen Pflichten, seinem Mann zur Verfügung zu stehen, wenn ihm danach war. Ich weiß von einigen Frauen, die ihren Männern zu Willen waren, ob sie Lust hatten oder nicht. Das ist natürlich der sichere Tod von lustvoller Sexualität.

Ich habe Männer erlebt, die fanden, ich müsse es wenigstens probieren, auch wenn ich keine Lust hatte. Der Appetit käme beim Essen. Nun käme ich allerdings nicht auf die Idee ohne Appetit zu essen und wenn ich keine Lust habe, will ich selbstverständlich auch nichts probieren.

Vielleicht ist es auch normal, daß in längeren Beziehungen das sexuelle Feuer nicht mehr lichterloh brennt. Ich weiß es nicht. Ich weiß aber sicher, daß ich mit Lustlosigkeit auf unterschwellige Forderungen reagiere. Ganz große Lustkiller sind Stress und Streit. Und Stress haben die meisten berufstätigen Mütter, zumal wenn ihre Männer sich nicht zuständig für Haushalt und Kinderbetreuung fühlen.

Umgekehrt habe ich erfahren, daß im Urlaub, ohne Alltagsverpflichtungen, Schlafmangel und Hetze, plötzlich die Lust und das Begehren zurückkamen.

IMG_1178

 

Generisches Maskulinum

IMG_1155

Geltinger Birk

Heute erhielt ich von Gudrun Nositschka von der Gerda-Weiler-Stiftung neben einer Spendenquittung den Abdruck eines Artikels aus dem Kölner Stadtanzeiger von Claudia Lehnen zum Rechtstreit um das sogenannte Generische Maskulinum: https://www.ksta.de/wirtschaft/kommentar-zum-formularstreit-vorgeschobene-sprachtradition-ist-ein-schlag-ins-gesicht-29864670

Die Autorin bringt es auf den Punkt. Ich hatte viel Freude beim Lesen. Nach mehr als 40 Jahren Frauenbewegung gibt es in diesem Land immer noch welche, die gar nichts mitgekriegt haben. Und sie sitzen u. a. im Bundesgerichtshof. Wie auch immer: wenn ich als Kunde angeschrieben werde, kann ich nicht gemeint sein.

Heute habe ich mich bei bestem Wetter daran gemacht, die beiden TBHs sauber zu machen und auszuflämmen. Das hat lange gedauert und war eine traurige Arbeit. Die Waben waren voller Honig, nur teilweise verdeckelt. Keine Brut, wenige tote Bienen. Beide Völker haben den Winter gar nicht mehr erlebt. Während ich arbeitete, fuhren zwei Giftspritzer über das Feld. Das erinnerte mich irgendwie an den Film More than Honey. Eine Biene setzte sich auf meine Hand, als wolle sie mich trösten. Vielleicht kam sie aus Bellin oder Selent.

Einige Tage war ich in Sorge, daß auch die Schwalben dieses Jahr ausbleiben würden. Ab und zu zog eine über den Himmel, aber die Nester im Schuppen blieben verwaist. Aber heute Morgen sah ich einige Rauchschwalben durch den Giebel ein- und ausfliegen und dabei ihre hellen Schreie ausstoßen. Ich war so froh!

IMG_1171

Unten rechts kann eine schön die für Drohnenbrut vorgesehenen Brutzellen erkennen, die größer sind als die für Arbeiterinnen. Das ist einer der vielen Vorteile von Naturwabenbau gegenüber maschinell vorgefertigten Mittelwänden, bei denen die Bienen nur noch nach Schema F, also dem vom Imker vorgegebenen Maß, bauen können.

Gestern las ich in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel über den Umgang mit dem Wolf. Da schilderten Vertreter diverser Interessengruppen ihre Argumente für oder gegen die Bejagung der Wölfe. Ich finde, daß diese schönen wilden Tiere unbedingt in die Landschaft gehören. Vielleicht hätte ich damit Probleme, wenn ich Schafe hielte. Andererseits gibt es europäische Länder, in denen der Wolf nie ausgerottet war, z. B. Italien. Und auch da gibt es Schafe. Wie wär’s, wenn man von diesen Ländern lernte, wie man mit diesen Tieren leben kann. Klar ist, daß die Jäger dann nicht mehr so auf ihre Kosten kommen würden. Die paar Jäger, die ich in meinem bisherigen Leben kennengelernt habe, beteuerten alle, welche große Naturschützer sie seien. Aber bei ihren Schilderungen schwang immer auch eine große Faszination, wenn nicht Freude am Töten mit. Das ist mir zutiefst suspekt.

 

Bienen

IMG_1167

Meine drei Bienenvölker sind tot. Ich hatte es schon geahnt: mein ältestes Volk, das ich 2012 von einem Imker aus Hamburg-Wilhelmsburg bekommen habe, und von dem alle weiteren abstammten, hat schon im Frühherbst Unmengen tote Bienen vors Flugloch geräumt. Und das Volk in Garten von I. in Kiel war sehr klein und hatte nichts von der Zucker-Honiglösung genommen, ein schlechtes Zeichen. Also ruhte meine ganze Hoffnung auf meinem zweiten, sehr starken und wehrhaften Volk. Aber anders als in den vergangenen Jahren war den Winter über kein Summen aus dem TBH zu hören. Besonders bedrohlich finde ich, daß auch die drei Bienenvölker von B. nicht überlebt haben. So ist jetzt Lammershagen ohne Honigbienen.

Auch mit den übrigen Insekten sieht es schlecht aus: ein paar Hummeln und einige Mücken fliegen bei dem schönen Wetter. Das war’s.

Da sitze ich dann also im Garten und sehe auf all die blühenden Pflanzen: kein Summen und Fliegen. Und die Felder um das Dorf herum werden weiterhin ohne Ende gespritzt. Auch die Blühstreifen, die es bis vor einigen Jahren noch gab, existieren nicht mehr. Neuerdings wird bis direkt zum Waldrand gepflügt und gespritzt.

Es ist sehr schwer, diese geballte menschliche Destruktivität auszuhalten. Ich höre ab und zu, wie Leute sich über die Chinesen aufregen, die ihre Obstbäume von Hand bestäuben, nachdem Mao erst die Spatzen und dann die massiv auftretenden Insekten vergiften ließ. Das finde ich ziemlich überflüssig: man muss nicht nach China gucken. Die Vernichtungsfeldzüge gegen das Lebendige finden genau hier, im Land mit der christlichen „Leitkultur“, statt (man sollte besser von einer christlichen Leidkultur reden).

Bei all dem Elend gibt es aber doch etwas Wunderbares: die Rose, die M. mir einen Tag nach Skadis Tod vor mittlerweile neun Wochen zum Trost gebracht hat und die seitdem auf ihrem Lieblingsplatz am Fenster steht, hat einen Seitentrieb bekommen, aus dem eine neue, sich allmählich öffnende Knospe wächst. Am Stengel zeigen sich kleine Wurzelansätze.

IMG_1169

Ich habe innerhalb von drei Tagen ein sehr herzberührendes Buch verschlungen: The Wolf, the Woman, the Wilderness von Teresa tsimmu Martino. Es ist die wahre Geschichte einer Amerikanerin, die ein Wolfjunges großzieht und peu á peu in die Wildnis zurückführt. Das ist in einer schönen einfachen Sprache und mit vielen überraschenden Erkenntnissen beschrieben. Da schreibt eine, die Tiere als Ebenbürtige sieht und ein tiefes Verständnis für sie entwickelt hat. Besonders schön und erhellend fand ich auch die Ausführungen über das Prinzip des Give-away der First Nations von Nordamerika: das Sich-Schenken, damit andere Wesen leben können.

Das Buch ist nicht ins Deutsche übersetzt und nur noch antiquarisch erhältlich.

Digitale Welt

IMG_1151

 

Das Foto zeigt die Bushaltestelle von Lammershagen mit Straßenkunst: erst war nur die Kloschüssel da, einige Tage später dann das Plüschtier. Leider wurde das Ganze mittlerweile wieder entfernt.

In den letzten Wochen war ich gezwungen, über die digitale Welt nachzudenken: erst hat mein Anbieter ohne Vorwarnung meine alte Mail-Adresse deaktiviert. Ich sage jetzt nicht, wer mein Anbieter ist, nur soviel: vor Jahren habe ich von der Telekom zum lokalen Provider Kielnet gewechselt. Die hatten einen richtig guten Service, waren angemessen in ihren Preisen und ich war zufrieden. Ein paar Jahre später wurde Kielnet von einem größeren Anbieter geschluckt. Das hat für mich zunächst nichts geändert. Bis Ostern: da konnte ich keine Mails mehr empfangen und abschicken.

Telefonische Rückfragen und schriftliche Aufforderungen brachten auch keine Lösung: ich solle mich an meinen Altanbieter wenden. Sehr witzig: mein Altanbieter ist seit Jahren der, der mir jetzt gerade den Zugang verweigert.

Dann fiel mir mein neues Handy runter und war nicht mehr zu bedienen. Nach einigem Gesuche fand ich schließlich einen Betrieb in Kiel, der es reparieren konnte. Das war insofern schwierig, weil es sich nicht um ein Smartphone sondern ein Sony Ericsson-Handy, Baujahr 2009, handelt, das meine Tochter mir bei Ebay besorgt hat: originalverpackt, aber eben nicht mehr aktuell. Ich will kein Smartphone. Mein altes Nokia-Handy habe ich 15 Jahre in Gebrauch gehabt und es funktioniert immer noch. Ich finde es pervers, alle drei Jahre ein neues Gerät zu kaufen, wie ich das bei vielen meiner jungen Kollegen sehe. Und ich brauche auch kein WhatsApp. Das können viele nicht verstehen, aber ich habe absolut keine Lust, die Geschäftsinteressen von Mark Zuckerberg oder anderen Internetgiganten zu bedienen.

Zunächst bin ich ziemlich hochgefahren, als weder Mails noch Handy funktionierten. Ich habe mich geärgert und malte mir aus, wieviel Zeit es jetzt wieder brauchen würde, alles neu zu konfigurieren, mir neue Mailadressen einzurichten, alle zu benachrichtigen, die das wissen müssen usw. Soviel Zeit, die ich gern für andere Sachen aufgewendet hätte. Dann kam ich wieder runter und dachte: Interessant! Es ist ja noch gar nicht lange her, daß ich weder Internet noch Handy hatte. Und jetzt fühle ich mich schon total abhängig.

Harald Welzer nennt das die „smarte Diktatur“.

Dann kamen auch schon die ersten Anrufe: wir können dich gar nicht mehr erreichen, was ist los?

Meine Tochter und ich sind jedenfalls davon überzeugt, daß das Digitale keine große Zukunft hat: zu aufwendig, zu teuer, zu zerstörerisch. Versteht mich nicht falsch: ich finde das Internet großartig. Aber es hat auch ganz extreme Schattenseiten.

IMG_1154

So sah es hier an Ostern aus.