Auf der Schwelle sitzen

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Neulich blätterte ich mal wieder in den Aufzeichnungen, die ich während der schamanischen Unterweisung bei Ute Schiran gemacht habe. Die Worte „…auf der Schwelle sitzen und den Raum weiten“ gingen mit etwas in mir in Resonanz.

Es gab in meinem Leben viele wichtige Lehrer und Lehrerinnen. Von allen habe ich etwas bekommen, wofür ich dankbar bin. Aber nie habe ich mich ganz und gar auf einen Weg einlassen können. So wichtig z. B. Ute für mich war, konnte ich nicht alles für mich übernehmen, was sie uns gelehrt hat. Ich kann nur an Wesenheiten glauben, die ich selbst erfahre.

Auf der Schwelle zu sitzen scheint mir eine attraktive Möglichkeit. Die Schwelle befindet sich zwischen der kultivierten, der menschengemachten und der wilden Welt. Manchmal mag es erscheinen, als schrumpfe der Raum der Wildnis immer mehr zusammen. Aber das scheint nur so: sobald menschliche Einflussnahme aus welchen Gründen auch immer aufhört, nimmt sich die Wildnis ganz schnell wieder ihren Raum. So ist es geschehen, nachdem es im Reaktor von Tschernobyl zur Kernschmelze kam und die Menschen den umliegenden Bereich verlassen mussten.

Zur Zeit sehe ich in eine mikroskopische Wildnis: ich lese Stephen Buhners unglaublich gründlich recherchiertes Buch Herbal Antibiotics. Sehr spannend. Das, wovor schon mindestens seit den 70er Jahren gewarnt wird, ist eingetreten: die zunehmende Wirkungslosigkeit von Antibiotika. Bakterien entwickeln immer schneller Resistenzen, immer häufiger sterben Menschen an eigentlich banalen Infekten. Wer heute in ein Krankenhaus geht, hat ein hohes Risiko, sich dort einen multiresistenten Erreger einzufangen, der völlig unbehandelbar ist.

Der Grundgedanke bei der Anwendung von Antibiotika und Desinfektionsmitteln ist, daß wir Krieg gegen die sogenannten Krankheitserreger führen müssen. Dieses Denken durchzieht unsere Geschichte seit einigen tausend Jahren: der Feind muss bekämpft, ja vernichtet werden. Diese Mentalität hat zur Entwicklung immer neuer, immer vernichtender Waffen geführt, ob das nun Atomwaffen oder Antibiotika sind. Aber sie hat noch nie zu dauerhaftem Frieden und einem schöneren Leben geführt und irgendwie scheinen immer neue Feinde aufzutauchen, so daß Kriegführen für die menschliche Spezies zu etwas ganz Normalem geworden ist. Wir haben vergessen, daß wir den allergrößten Teil unseres Daseins auf dieser schönen Planetin in Frieden gelebt haben.

Bakterien sind unsere Ahnen. Sie sind älter als wir, sie haben Intelligenz und sie wissen offensichtlich mehr als wir. Wie wäre es, von ihnen zu lernen statt sie zu bekämpfen? Ohnehin können wir ohne Bakterien gar nicht überleben, denkt man nur mal an die Darmflora. Auch die Mitochondrien in unseren Zellen waren ursprünglich mal Bakterien, die irgendwann eine Symbiose mit Einzellern eingegangen sind.

Noch was Interessantes habe ich aus Stephen Buhners Buch erfahren: die berüchtigten Pyrrolizidin-Alkaloide, die dazu geführt haben, daß so viele uralte bewährte Heilpflanzen mittlerweile verteufelt und nicht mehr gehandelt werden dürfen (z. B. Beinwell, Huflattich, Wasserhanf, Borretsch – übrigens alles Pflanzen, die mir seit vielen Jahren wichtige Verbündete sind), sind wie der Name schon sagt alkaliartig. Deshalb brauchen sie, um in einem Tee gelöst zu werden, ein saures Milieu. Das Leitungswasser, das wir hier im Norden benutzen, ist aber sehr hart, also alkalisch. Damit hat sich mein starkes Gefühl, daß von diesen Pflanzen keine Gefahr ausgeht, bestätigt.

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Knetozän

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Heute auf dem Weg zur Arbeit fing es an zu regnen. In Kiel kam ein ordentlicher Schauer runter, auf dem Heimweg am späten Abend gleich noch einmal. Ich freute mich: endlich Regen für den durstigen Boden. Aber zu Hause musste ich feststellen, daß hier kein Tropfen gefallen ist. Ich habe jetzt angefangen zu gießen, weil die Dicken Bohnen schon anfangen schlapp zu machen.

Von Harald Welzer stammt der Begriff Knetozän für unser Zeitalter der rasanten Zerstörung des Lebendigen. Der gefällt mir viel besser als der mittlerweile immer häufiger gebrauchte Begriff Anthropozän. Denn Menschen gibt es schon recht lange, aber die große Vernichtung fing erst mit der Herrschaft des Kapitalismus, also der Knete, an.

Vor einigen Tagen hörte ich auf der Heimfahrt im Radio die Übertragung einer Veranstaltung in Braunschweig, in der es um die Wölfe in Deutschland ging. Ein paar Experten beantworteten Fragen. Eine war: Passt der Wolf in die heutige Landschaft Deutschlands?

Die Antwort: Ja, der Wolf passt ganz einfach deshalb, weil er freiwillig hergekommen ist und sich hier offensichtlich wohl fühlt. Er wird sich auch nicht hemmungslos vermehren, wie einige Bedenkenträger meinen, weil er klug ist und weiß, wann die Grenzen des Wachstums erreicht sind (letzteres wissen Politiker und Kapitalisten in der Regeln nicht, sonst würden sie nicht nach immer mehr Wachstum schreien). Dann wurde noch gesagt, daß es nicht immer nach dem Menschen geht, sondern daß auch Tiere Rechte haben müssten. Denn sie wollen auch leben und ihre Kinder groß ziehen.

Da fiel mir ein, daß Neuseeland vor nicht allzu langer Zeit einen heiligen Fluss der Maori, den Whanganui, zur juristischen Person erklärt hat. Ecuador hat Pachamama, Mutter Erde, als juristische Person in seine Verfassung aufgenommen. Und Indien hat die Flüsse Ganges und Yamuna zu lebenden Wesen mit dem Status einer moralischen Person erklärt. Solche Ereignisse lassen mich hoffen, daß sich die Erkenntnis immer mehr durchsetzt, daß nicht der Mensch das Maß aller Dinge ist. Und ich sehe keinen Grund, warum nicht z. B. ein Wolf, eine Beifußpflanze und ein Bakterium als Wesen mit gleichen Rechten anerkannt werden sollten. Das würde natürlich alles ändern. Aber es ist gar kein neues Denken, denn ähnlich haben unsere Urahnen gedacht und einige indigene Völker tun es heute noch. Letztlich wäre es ein Sich-Erinnern an etwas, das einmal völlig normal gewesen ist.

Wenn wir die Nase über Donald Trumps „America first“ rümpfen, verlieren wir aus dem Blick, daß wir ständig nach der gleichen Maxime handeln: Humans first! Die Menschen sind als erste dran, der Rest der lebenden Welt hat sich unserem Willen zu unterwerfen und wird auch gar nicht erst gefragt. So gesehen kann man Trump schon dankbar sein, weil er ein großartiger Spiegel ist.

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Wasser

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Es ist so trocken hier. Seit Wochen hat es nicht mehr geregnet. Wohl kam in Kiel während meines Nachtdienstes mal ein ordentlicher Guss runter, aber in meinem Dorf nicht.

Montag fuhr ich nach dem Frühdienst mit dem Auto meines Lieblingskollegen H. nach Flensburg, denn ich hatte M. versprochen, seine Bilder nach Kiel zu transportieren. Sie sind zu groß für meinen kleinen Skoda und M. hat die Möglichkeit, einige seiner Bilder auszustellen. Ich übernachtete in Flensburg und fuhr am Morgen mit M. und den Bildern nach Kiel. Dann hatte ich noch Zeit bis zum Spätdienst und suchte mir auf der anderen Seite des Nord-Ostsee-Kanals ein schönes Plätzchen. Das fand ich am Kanal nahe der Rathmannsdorfer Schleuse. Ein künstlicher Wasserfall ergießt sich dort in den Kanal. Ich hörte dem Rauschen des Wassers zu, dann fing ich an fürs Wasser zu singen. Ich erinnerte mich an die Flüsse meiner Kindheit: die Ahle bei Uslar mit ihren  Wasserpflanzen, die wie lange grüne Haare in der Strömung trieben, die Leine in Hannover, die Weser, über die ich viele Male mit der Fähre gefahren bin.  Wie habe ich es geliebt, Wasser aus dem Wasserhahn zu trinken. In Hannover wurde es dann irgendwann gechlort. Da mochte ich es nicht mehr. Und wie oft habe ich aus Quellen getrunken: in den Alpen, in der Rhön, im Harz, in der Auvergne.

Obwohl es knochentrocken ist, sieht der Garten doch so schön aus: alles blüht und leuchtet, obwohl ich nur die Tomaten und einige neu gepflanzte Blumen und Kräuter gieße.

Meine Tochter hat mir ein Buch mitgegeben, das ich gern empfehlen möchte: Die potente Frau von Svenja Flaßpöhler. Es ist schnell gelesen, weil es keine 50 Seiten hat und hat meine mulmigen Gefühle zur #MeToo-Debatte auf den Punkt gebracht. Sie zeigt auf, wie die besagte Debatte dem patriarchalen Denken in die Hände spielt: die Frau ist das ewige Opfer, die Männer die unbeherrschten Triebtäter.

Sie plädiert dafür, daß Frauen endlich anfangen, ihr eigenes Begehren zu leben und damit offensiv umzugehen. Ja, ja, ich weiß, wir haben gelernt, zumindest die Frauen meiner Generation und davor, daß wir kein Begehren haben und daß Männer uns nicht mehr achten können, wenn wir uns ihnen hingeben. Das sitzt in den Knochen und prägt das Verhältnis zu Männern auf eine sehr unerfreuliche Weise, bis eine sich von dieser kranken Sichtweise frei macht. Ja, ich weiß auch, daß der alte Siegmund Freud der Frau jegliche Lustfähigkeit abgesprochen hat und ihr einen Penisneid unterstellt hat (das kann nur eine Projektion sein, wahrscheinlich hatte er einen uneingestandenen Gebärmutterneid). Und daß Generationen von Psychiatern ihm das nachgebetet haben. Aber die Zeit ist schon lange reif, mit diesen Mythen aufzuräumen.

Männer können nicht wissen, wie ein weiblicher Körper sich fühlt. Und Frauen können nicht wissen, wie sich ein männlicher Körper fühlt. Das liegt einfach in der Natur der Sache und ist nichts Schlimmes. Aber Frauen können klar und deutlich sagen, was sie wollen. Und das sollten wir, finde ich, so oft wie möglich tun. Und ich glaube, daß dann Heilung des verletzten Verhältnisses von Männern und Frauen geschehen kann.

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Gartengeschenk

Körper und Seele

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Gestern Abend fuhren L. und ich in den Wald bei Stodthagen, um den Gesang der Unken zu hören. Im letzten Jahr hatte ich dieses Gebiet schon zweimal aus dem gleichen Grund besucht, leider umsonst. Auch gestern hörten wir nur das Konzert der Frösche. Die Stiftung Naturschutz hat ein großangelegtes Projekt zur Wiederansiedlung der Unken gestartet. Entweder waren sie noch nicht erfolgreich oder wir haben nicht die richtige Stelle gefunden. Wir brauchten einige Zeit für den Rückweg, weil wir uns weit vom Weg gewagt hatten, und irrten einige Zeit in der Dämmerung durch Wald und Moor. Mit diversen Schrammen von Brombeerranken und zwei Zecken am Körper kam ich nachts wieder zu Hause an.

Vorher hatten wir ein Gespräch über das Thema: Was bedeutet es, meinen Körper gut zu behandeln?

Wobei: ich habe eigentlich schon Schwierigkeiten mit dieser Formulierung. Denn für mich klingt sie so, als seien ich und mein Körper zwei getrennte, sich gegenüberstehende Wesenheiten. Aber so empfinde ich nicht. Wenn ich in der Zeit zurückgehe, erinnere ich mich an diesen Moment 1987, als die Musik (The Passenger in der Version von Siouxsie and the Banshees) plötzlich bewirkte, daß ich mich bewegen musste, dass ich mich sogar mit großer Lust bewegte und spürte, wie diese Lust quasi aus meinem Kreuzbein kam. Damals habe ich gesagt: meine Lebendigkeit sitzt in meinem Hintern. Heute würde ich sagen, daß damals wohl meine Kundalini wach wurde. Nicht umsonst heißt das Kreuzbein auf anatomisch os sacrum – der heilige Knochen. Jedenfalls habe ich damals begriffen, daß es keine Trennung zwischen dem, was wir Seele nennen und dem Körper gibt. Das stellt sich nach dem Tode sicher anders dar, aber für mich ist das derzeit nicht relevant.

Bei schweren Schockerlebnissen, aber auch im Traum können sich Körper und Seele voneinander trennen, also dissoziieren. Das ist sicher manchmal sinnvoll, um mit ansonsten unerträglichen Erlebnissen umgehen zu können.

Ich habe kürzlich ein sehr schönes Buch gelesen, das auch ganz viel mit der Einheit von Körper und Seele zu tun hat: Flowbirthing – Geboren aus einer Welle der Freude von Kristina Marita Rumpel. Ja, es geht tatsächlich um Geburt und obwohl das kein Thema mehr ist, was mich direkt betrifft, hat mich dieses Buch sofort, als ich es sah, sehr angesprochen. Die Autorin beschreibt Geburt auf eine so inspirierte Weise, daß es sich liest, als spräche eine größere Macht durch sie. Auch wenn es pathetisch klingen mag, aber so hat es sich angefühlt. Und es geht um nichts weniger als die weibliche Urkraft, die uns Frauen genommen wurde und die wir uns wiederholen können/müssen. Ich persönlich glaube übrigens, daß das Erinnern unserer Kraft, unserer Fähigkeit, Leben zu geben, untrennbar mit der Gesundung der globalen Krankheit zusammenhängt. D. h. je mehr wir Frauen wieder in unsere ursprüngliche Kraft kommen, von der die alten Mythen aller Kulturen erzählen, desto eher können der Wahnsinn unserer Zeit und die immensen Zerstörungen auf der Erde heilen.

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Rechtschaffenheit

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Ich freue mich, daß die Wespen auch dieses Jahr wieder bei mir wohnen.

Mein gestriger innerer Aufruhr entlud sich nicht nur in einem wütenden Post und  manischem Gehacke im Garten sondern auch in einem Wortschwall gegenüber Nachbarin M., die unerwartet vor meiner Tür stand. Eine Freundin musste auch noch dran glauben, als sie anrief, um ein Treffen zu vereinbaren. All diese Entladungen halfen mir nicht wirklich runter zu kommen. Spät abends nahm ich mir dann, einer Eingebung folgend, mal wieder Charles Eisensteins Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich vor. Dieses Buch ist meine derzeitige Bibel, die ich ab und zu an beliebiger Stelle aufschlage, um darin Anregungen zu finden.

Ich schlug das Kapitel Rechtschaffenheit auf. Wie passend! Ich las und sofort fiel ein Wahrnehmungsfilter von mir. Er schreibt:

„Viele Leute (ich hoffe, ich bin nicht der Einzige!) treffen ethisch oder moralisch erscheinende Entscheidungen mit einem geheimen Ziel im Hinterkopf: um sich selbst und anderen ihre Tugend zu beweisen; um sich die Erlaubnis zu geben, sich selbst zu mögen und gutzuheißen. Untrennbar mit diesem Ziel verbunden ist die Wertungsmentalität all jenen gegenüber, die nicht dieselben Entscheidungen treffen. „Ich bin ein guter Mensch, weil ich recycle (im Gegensatz zu manch anderen).“ „Ich bin ein guter Mensch, weil ich Veganer bin.“ „Ich bin ein guter Mensch, weil ich Frauenrechte unterstütze.“ (…) Wir selbst nehmen unsere Selbstgerechtigkeit nicht wahr, aber andere können sie zehn Meter gegen den Wind riechen. Die Feindseligkeit, die Aktivistinnen und Gutmenschen erregen, hat uns etwas zu sagen. Sie ist ein Spiegel für unsere eigene Gewalttätigkeit.“

Wenn ich den polemischen Umgang von Politiker*innen im Bundestag und anderen Gremien mitbekomme, fühlt sich das immer ziemlich ekelig an. Da beschimpfen sich Menschen gegenseitig offensichtlich nur, um selbst gut dazustehen und Lachen und Beifall dafür zu ernten. Nichts in Deutschland und in der Welt wird besser durch diese verbalen Attacken.

Jetzt ertappe ich mich selbst bei polemischen Tönen. Das Problem dabei ist, daß derjenige, der polemisiert, sich im Recht und auf der Seite der Guten findet. Folgerichtig sind die Angegriffenen die Bösen. Das findet die andere Seite logischerweise umgekehrt genauso. Und das ist Kriegsmentalität. Seit mindestens 2000 Jahren findet dieser Krieg zwischen dem vermeintlich Guten und dem vermeintlich Bösen statt. Weder hat er zu einer schöneren Welt noch zum Ende des Krieges geführt. Und wenn wir glauben – ich bin davon überzeugt – daß wir alle Teil des gleichen Organismus (Erde, Kosmos, All) sind, dann ist es Symptom einer schwerwiegenden Erkrankung (Krebs auf globaler Ebene) diesen Kampf zu führen.

Wir alle habe die Kriegsmentalität verinnerlicht. Ich verurteile mich nicht dafür, ich bin dankbar, daran erinnert worden zu sein. Aufmerksamkeit ist der erste Schritt zur Veränderung. Vielen Dank, Charles!

Als Psychiatrieschwester arbeite ich in einer Institution, die strukturelle Gewalt ausübt. Daran hat auch die Psychiatriereform nichts geändert. Vieles ist besser geworden, aber wir sperren immer noch Menschen ein, die nicht bei uns sein wollen. Wir fixieren immer noch Patient*innen, wenn uns keine bessere Reaktion mehr auf ihre durch Wahn, Delir oder panische Angst motivierte Gewalttätigkeit einfällt. Wir arbeiten in den Psychiatrien immer noch mit Medikamenten, die man selbst nicht freiwillig nehmen würde und mit der berüchtigten weißen Wolke (so heißt die in Minutenschnelle herbeiströmende Masse an Pflegepersonen und Ärzt*innen, wenn Alarm ausgelöst wurde. Diese Übermacht veranlasst Patienten oft schon „freiwillig“ in die Fixierung zu gehen). Wenn ich also denke, daß die Polizei gestapomäßig arbeitet, muss ich auch an das denken, was ich bei meiner eigenen Arbeit mache.

Das ändert nichts daran, daß ich die Abschiebung der albanischen Familie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion entsetzlich finde. Das ändert nichts daran, daß ich weiterhin dafür arbeiten werde, daß Geflüchtete hier bleiben können. Das ändert nichts daran, daß ich meine Energie dafür verwende, eine schönere Welt zu schaffen.

Abschiebung

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Eigentlich wollte ich heute, nachdem mein Nachtdienst beendet war, einen Tag der Stille einlegen: kein Telefonat annehmen, keinen Zeitplan, nur machen, wonach mir ist. Das fing auch ganz gut an mit einem Spaziergang zu einem meiner Plätze im Wald. Als ich nach Hause kam, klingelte das Telefon und als ich den Namen von R. auf dem Display sah, nahm ich dann doch ab. Ich erfuhr, daß am Abend zuvor die albanische Familie, die ich durch den Deutschunterricht kennengelernt hatte, abgeschoben worden war. Gestern Abend auf dem Weg zur Klinik sah ich zwei Polizeiwagen vor dem Haus, in dem sie wohnten. Ganz kurz kamen sie mir in den Sinn, aber ich dachte nicht an Abschiebung. Vielleicht hatte es bei einem der Mieter Ärger gegeben.

Ja, nun weiß ich, daß die deutsche Polizei im Auftrag des Staates zugeschlagen hatte.  Keiner wusste vorher Bescheid. Der Leiter des Sozialamtes erfuhr es erst heute Morgen. So macht man das also in Deutschland, in bester Gestapo-Tradition wie damals zwischen 33 und 45 bei den Deportationen: Leute in einem Überraschungscoup aus dem Haus holen und weg damit! Damit es zu keinerlei Solidarisierungen kommt, darf keiner etwas mitbekommen. Kein Abscheid möglich! Die Tochter dieser Familie hat einen Freund in Deutschland. Es handelt sich um entwurzelte Menschen, die sehr lange in Griechenland gelebt haben, bis man sie im Zuge der Krise dort nicht mehr gebrauchen konnte. Es gibt schwerwiegende Gründe, warum die Rückkehr nach Albanien für sie entsetzlich ist.

Der Mann vom Flüchtlingsrat hatte gesagt, daß ihnen keine Gefahr drohe. Diese Info hatte ich an die Familie weitergegeben. Sie hatten sich für unsere Mühe bedankt. Und nun das!! R. sagte, der Rechtsanwalt, den sich die Familie nach ihrem Negativbescheid vom BAMF genommen hatte, habe eine Frist verpasst, deshalb sei die Abschiebung möglich gewesen. Das macht alles noch viel schlimmer. Immerhin hat er Geld für seine Arbeit bekommen, das diese Menschen eigentlich nicht haben.

Es ist so widerlich! Um mich halbwegs runterzuregulieren, musste ich erst mal in den Garten und mich dort mit der Hacke austoben.

Naja, winziger Trost: spätesten wenn die ganzen Klimaflüchtlinge aus dem Süden die europäischen Grenzen einrennen, kann Innenminister Seehofer sich in seinem „Heimatmuseum“ mitsamt seiner Männerriege verbarrikadieren.  Dann kann er fühlen, wie das ist, nicht ein noch aus zu wissen und keine Hilfe zu bekommen.

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Veränderung

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Gestern machte ich Besorgungen in Kiel und hörte plötzlich die hellen Schreie der Mauersegler am Himmel.  Das rief Erinnerungen an meine letzten Jahre in Münster wach, als wir im vierten Stock eines Altbaus wohnten, um den im Sommer die Mauersegler flogen. Mauersegler holten mich aus meiner düsteren Stimmung nach einer durchwachten Nacht in einem Hotel in Thessaloniki, als ich morgens auf die Toilette ging und ihre Rufe hörte. Sie waren die Botschaft des Lebens, die mich in dieser so ungeheuer lauten Stadt erreichte. Ich stieg auf den Klodeckel, um einen Blick durchs winzige Fenster zu werfen und den rasanten Flug dieser kleinen Vögel zu sehen, die den größten Teil ihres Lebens in der Luft verbringen. Mittlerweile haben sie immer weniger Möglichkeiten zu nisten.

Zu Hause sind nach den Rauchschwalben auch die Mehlschwalben endlich angekommen und haben ein Nest repariert. Heute hing ein weiteres Paar mit ihren kleinen Füßen an der Vorderseite des Hauses. Ich liebe ihr zärtliches Plaudern und hoffe sehr, daß sie ein weiteres Nest bauen. In meinem ersten Jahr in Lammershagen gab es sechs Schwalbennester am Haus. Jedes Jahr wurden es weniger. Keine Insekten – keine Vögel.

Charles Eisenstein schreibt in seinem Blog über den Klimawandel : https://charleseisenstein.net/essays/grief-and-carbon-reductionism/

Die Nachrichten über die Auswirkungen des Klimawandels werden die Menschen in Europa, USA, Australien nicht dazu veranlassen, etwas Entscheidendes zu verändern. Wir sind, schreibt er, zu gut „isoliert“. Bei uns funktioniert ja noch alles: es gibt genug zu essen, man kann noch Geld am Automaten bekommen usw. Was gibt den Antrieb, die Motivation, etwas wirklich grundlegend anders zu machen? Er sagt, es sei Schmerz (grief). So ähnlich sagt es auch Joanna Macy, die Grande Dame der Tiefenökologie. Erst muss der Kummer über das, was wir verlieren, was wir angerichtet haben, so deutlich werden, daß wir ihm nicht mehr ausweichen können. Vielleicht ist es dann aber auch zu spät.

Dann gibt es noch so etwas wie Erweckungserlebnisse: Byron Katie beschreibt, wie sie in einer Zwölf-Schritte-Klinik eines Morgens erwachte und eine Kakerlake sah, die über ihren Fuß spazierte. Sie wusste plötzlich, daß sie und die Kakerlake gleich waren. Von diesem Moment an war ihr Leben völlig verändert. Auch ich hatte so ein Erlebnis Weihnachten 1985, als ich mitten in einer tiefen Depression plötzlich wusste, daß ich so nicht mehr weiterleben wollte. Gleichzeitig wusste ich, daß ich das nicht allein schaffen würde und wo ich Hilfe bekommen würde. Das habe ich an anderer Stelle schon mal ausführlich beschrieben. Von da an änderte sich mein Leben auf eine so grundlegende Weise, daß es keine Ähnlichkeit mehr mit den 32 Jahren davor hatte. Das war nicht mein Verdienst, es war eher ein Geschenk. Von wem? Ich kann es nicht sagen, aber es scheint mir, daß in dem Moment, in dem eine*r ernsthaft bereit für Veränderung ist, Hilfe aus anderen Ebenen kommt. Und so könnte es auch bei dem globalen Problem geschehen, in das die Menschheit das gesamte Leben auf dieser Planetin manövriert hat. Hoffe ich!

Und ich finde, es gibt durchaus Anlass für Hoffnung: immer häufiger entdecke ich Menschen, die anders denken, anders handeln, dabei fröhlich und energiegeladen sind, die das Leben genießen, die die natürliche Verbindung von menschlicher und mehr-als-menschlicher Welt fühlen, Menschen, die fühlen, daß wir alle gleich sind.

Eines bin ich jedenfalls leid: mir das Dauergejammer von Menschen anzuhören, die in einer endlosen Opfer-Täter-Schleife steckenbleiben. Da fehlt mir einfach die Geduld. „Schmerz ist unvermeidlich, Leiden ist feiwillig“, sagte Susun Weed mal so passend.

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