Ein schöner Tag

IMG_1448

Samstag waren I. und ich in der Sauna. Die Sonne schien, so daß wir draußen im Garten liegen konnten. Ich mag die finnische Sauna mit ihren 90°C am liebsten, anschließend ging es ins eiskalte Tauchbecken oder ich spritzte mich mit dem Schlauch ab. Wenn es nicht so ein Aufwand wäre, täte ich das öfter. Anschließend gab es Apfelkuchen und Kaffee bei ihr zu Hause.

Wir sprachen über die Nachwirkungen des Urlaubs. I. meinte, es sei wie ein Reset für sie gewesen: ganz viel Ruhe, wenig neue Impulse, viel schlafen, viel träumen. Mir hat der Urlaub durchaus neue Impulse gebracht und und ich konnte ihnen in Ruhe nachspüren. Ich habe immer noch das Gefühl, voll auf meine Kosten gekommen zu sein: so soll Urlaub sein.

Wir unterhielten uns auch darüber, daß es nun schon der dritte gemeinsame Urlaub ist. Wie einfach es mit ihr ist! Es liegt wohl daran, daß jede die Freiheit hat, alles zu machen, was sie will. Auch unsere unterschiedlichen Biorhythmen waren kein Problem: während ich als Nachtmensch selten vor Mitternacht ins Bett kam, dafür aber morgens als erste auf war, ging sie früh ins Bett und stand auf, wenn der Frühstückstisch gedeckt war. I. brachte es so auf den Punkt: „Ich muss bei dir nie das Gefühl haben, daß du allein irgendwo rumsitzt und ich mich eigentlich jetzt mit dir beschäftigen müsste. Ich kann mir meine eigenen Bedürfnisse erfüllen und brauche keine Verantwortung für dich zu übernehmen.“ So sehe ich es auch. Welche Freiheit!

Unsere Ansprüche an Sauberkeit und Ordnung liegen nicht weit auseinander, so daß sich nie das Gefühl einstellte, eine mache mehr als die andere. Und auch das Kochen war einfach: mal kochte die eine, mal die andere, mal arbeiteten wir uns gegenseitig zu. Das geschah immer ohne großen Plan, einfach so wie es sich ergab. Wir haben uns wie auch zu Hause überwiegend vegetarisch ernährt und fanden beide, daß wir sehr gut gegessen haben.

IMG_1452

 

Goldener Oktober

IMG_1440

Letzte Woche hatte ich Besuch von meiner Tochter. Sie war gerade mit einer derben Erkältung aus Schottland zurück gekehrt. Am Donnerstag wachte ich mit Halsschmerzen auf. Ich dachte: wird schon nicht so schlimm werden. Aber abends fühlte mich dann doch krank. Ich hätte ab Freitagabend Nachtdienst gehabt und hatte keine Lust zum Arzt zu gehen und mich krank zu melden. Aber ich habe schon mal die Erfahrung gemacht, daß ich einen Nachtdienst abbrechen musste, weil ich einfach nicht mehr konnte. Also rief ich auf der Station an, um anzukündigen, daß sie für mich einen Ersatz suchen müssten. Am nächsten Tag ging ich in die Selenter Praxis und hatte mit dem Arzt zu tun, der mich Weihnachten wegen der Gürtelrose krank geschrieben hatte. Auch dieses Mal machte ich gute Erfahrungen mit ihm (das muss ich mal sagen, da ich so große Vorbehalte gegenüber Medizinern habe). Er ist halt noch einer vom alten Schlag: positiv fand ich schon mal, daß er mir sowohl am Anfang als auch zum Abschied die Hand gab. Das ist heute nicht mehr unbedingt üblich, weil man sich ja anstecken könnte. Er fragte einmal kurz nach, wie es denn mit einer Grippeimpfung wäre. „Nein danke“, sagte ich, „ich bekomme alle zehn bis zwanzig Jahre eine richtige Virusgrippe und habe keine Veranlassung, mich impfen zu lassen.“ Er versuchte nicht, mich zu überzeugen, was auch für ihn sprach und sagte dann nur: „Na, Sie haben eine gute Abwehrlage.“ Das Wort Abwehrlage habe ich schon lange nicht mehr gehört. Heute sprechen ja alle nur noch vom Immunsystem. Wie auch immer, es erinnerte mich irgendwie an früher, an die alten Hausärzte, die noch ihre Sinne beieinander hatten und bei denen eine sich gut aufgehoben fühlte. Zum Schluss sagte er: „Legen Sie sich ins Bett.“

Das tat ich aber nicht. Ich setzte mich mit meinem Kaffee in die Sonne und dachte darüber nach, was ich mit der vielen freien Zeit alles machen könnte. Da fiel mir so einiges ein, im Haus und im Garten. Und dann musst ich lachen, denn ich ertappte mich bei meinem alten Muster, zu machen und zu tun. Ich war krank und deshalb gab es für mich nichts anderes zu tun, als meinem Körper nicht im Weg zu stehen, während er sich mit den Viren beschäftigte. Also saß ich weiter in der Sonne, trank Kaffee, las die neue Oya, in der es um Landbau ging, strickte, sah der Katze beim Erkunden des Gartens zu, döste, schaute mit geschlossenen Augen in die Sonne und lauschte den vielen Geräuschen. Gedanken kamen und gingen, es gab nichts zu tun, keine Verpflichtungen, keine Notwendigkeiten. Irgendwann war ich sehr müde und legte mich ins Bett. So ging es auch am Samstag und Sonntag. Gestern sah ich den Film Code of Survival – Die Geschichte vom Ende der Gentechnik von Bertram Verhaag. Da wurden u.a. Szenen von der ägyptischen Sekem-Farm gezeigt. Ibrahim Abouleish hat sie vor einigen Jahrzehnten in der Wüste angelegt, indem er zunächst Bäume als Windschutz, Wasserspeicher und Mulchlieferanten pflanzte. Die Farm ist nach anthroposophischen Prinzipien angelegt und es gibt mittlerweile ein weiteres Projekt in der lybischen Wüste. Gut gefallen hat mir der Mann, der  mit Dung gefüllte Kuhhörner ausgrub und daraus ein Präparat rührte (wohl das bekannteste biologisch-dynamische Präparat). Er erzählte, warum er mal rechts, mal links herum rührte und daß alles, was währendessen in seinem Kopf rumging, mit einfließen würde. Dabei lachte er ganz verschmitzt.

Neu war mir, daß Glyphosat Pflanzen daran hindert, Mineralstoffe und Spurenelemente aus dem Boden aufzunehmen, was zu einem zunehmenden Mangel an z. B. Magnesium und Selen führt. Zwischendurch traten auch Jane Goodall und Vandana Shiva auf. Jane Goodall ist der lebendige Beweis, daß eine alte Frau durchaus immer noch schön sein kann. Ihr Gesicht ist so klar, so lebendig, so ausdrucksstark – einfach faszinierend.

Heute fühlte ich mich wieder ziemlich fit. Ich pusselte im Garten herum und hatte richtig Spaß dabei. Abends ging ich bei wunderschönem goldenen Licht zu meinem Platz an der alten Buche. Wie so oft, wenn ich mir Muße erlaube, fangen irgendwann der Garten und die Landschaft an zu mir zu sprechen. Als ich über den pestizidgetränkten Acker zurückging, konnte ich erkennen, daß die Erde dort praktisch tot ist.

Es wird Zeit, daß die Landwirtschaft sich vollständig verändert.

IMG_1447

 

 

Dankbar

IMG_1435

Mein winziger Quittenbaum hatte so viele Früchte  zu tragen, daß ich um seine dünnen Äste fürchtete. Jetzt habe ich sie gepflückt und im Schlafzimmer aufs Regal gelegt. Von dort beduften sie den ganzen Raum. Ja, trotz der sommerlichen Dürre kann ich jetzt recht viel ernten. Ich esse jede Woche Mangold in verschiedensten Zubereitungsformen. Die Stangenbohnen, die sich am Bantammais hochranken, tragen gut, Endivien und Rote Bete haben sich ordentlich entwickelt. Und heute entdeckte ich eine neue Blüte am Holsteiner Cox – im Oktober! Das Erntedankfest, das in der Kirche gefeiert wird, ist wie die meisten anderen ein ursprünglich heidnisches Fest. Natürlich waren Menschen dankbar, wenn sie am Ende des Sommers viel zu essen und einzulagern hatten. Dankbarkeit kann wie alle Gefühle nicht eingefordert werden, aber man kann sie kultivieren. Ein einfaches Ritual hat mich vor elf Jahren vorm seelischen Absturz nach der Trennung von meinem Mann bewahrt: jeden Tag habe ich den Tag rekapituliert und mindestens drei Dinge oder Begebenheiten gefunden, für die ich dankbar war. Dabei habe ich rausgefunden, daß es  viel gibt, für das ich dankbar sein kann und daß das allein schon gute Stimmung macht. Mittlerweile geschieht es oft von selbst. Zum Beispiel sah ich neulich nachts in den klaren Sternenhimmel mit der Milchstraße und plötzlich fühlte ich mich so dankbar, weil ich auf einer so wundervollen Planetin in einer so spannenden Zeit lebe.

Richtig gefreut habe ich mich gestern, als ich im Radio hörte, daß das OVG Münster (ha, meine alte Heimat) einen sofortigen Rodungsstop für den Hambacher Forst verhängt hat. Großartig! RWE hat eine fette Packung gekriegt und im Hambacher Forst haben 50.000 Menschen ein großes Fest gefeiert. Braunkohle braucht keiner, aber Wälder brauchen wir alle, im Zeitalter des Klimawandels mehr denn je. Leider ist übrigens Strom aus Solaranlagen und Windrädern auch nicht wirklich eine Alternative. Die Herstellung dieser Technologien ist alles andere als ökologisch verträglich und auch dafür werden ganzen Landstriche verschandelt. Es hilft nichts: alles läuft auf eine drastische Reduktion des Stromverbrauchs hinaus.

Gestern machte ich bei bestem Wetter mit M. einen schönen Spaziergang am Sehlendorfer Strand. Sie zeigte mir einen uralten Weißdorn, der mich an die Geschichte vom verzauberten Merlin und die Fee Viviane im Wald von Brocéliande in der Bretagne denken ließ.

IMG_1439

Genießen

IMG_1406

Vor zwei Tagen hörte ich im Radio einen Ausschnitt eines Interviews mit der Schriftstellerin Juli Zeh. Sie erzählte, wie wenig sie die Zeit mit ihren Kindern genießen konnte, z. B. wenn sie mit ihnen auf dem Spielplatz war, weil sie immer daran denken musste, was es alles noch zu tun gab. Sie sagte auch, daß es praktisch unmöglich sei, Arbeit und Kind unter einen Hut zu bringen und beides noch gut zu machen. Da muss ich ihr aus vollstem Herzen zustimmen: ich weiß selbst, daß es nur ganz schlecht geht. Alle leiden darunter, am meisten Kind und Mutter. Bei mir musste es gehen, und ich war nicht nur voll berufstätig sondern auch in der Ausbildung, als mein Sohn noch sehr klein war. Ich habe das geschafft, weil es sein musste, aber der Preis war extrem hoch. Während der Vorbereitung auf die Krankenpflegeprüfung habe ich extrem an Gewicht verloren und war davor schon ein Leichtgewicht. Meinem Sohn bin ich nie gerecht geworden. Ich habe ziemlich viel Energie darauf verwendet, meinen damaligen Mann dazu zu bringen, seinen Anteil an der Hausarbeit zu übernehmen und habe diesen Kampf verloren. Ich habe über Jahre sehr wenig geschlafen, um alles zu schaffen. Im Rückblick kann ich nur sagen: die Sache ist nicht erstrebenswert. Ich finde nach wie vor, daß Frauen ihr eigenes Geld verdienen sollten. Mich hätte ein Dasein als Hausfrau und Mutter nicht erfüllt. Aber irgendwie müsste das anders geregelt werden. Ich finde, vier Stunden Arbeit am Tag reichen voll und ganz – und zwar für alle.

Genossen habe ich mein Kind auch nicht. Überhaupt wusste ich damals kaum etwas von Genuss. Daß man Essen, Musik, Sex und manche Menschen genießen kann, erfuhr ich erst viel später, als ich schon die erste Ehe hinter mir hatte. Woran das lag? Meinen Eltern kann ich es nicht anlasten. Sie haben mich zwar nicht zur Faulheit erzogen, aber ich habe mich in meinem Elternhaus auch nicht kaputt arbeiten müssen. Überhaupt habe ich das Arbeiten erst später gelernt. In der linken Organisation, in der wir damals tätig waren, wurden Wochenpläne geführt wie in der Schule. Es kam schon mal vor, daß einer der Obergenossen eine Person aufforderte, diesen Plan vorzuzeigen. Wenn es dann Lücken von ein oder zwei Stunden gab, wurden die ganz schnell mit Terminen vollgestopft: hier noch mal eben einen Büchertisch vor Karstadt, da noch ein paar Mitgliederbesuche machen. Schlafen galt als Zeitverschwendung. „Eine Revolution, bei der ich nicht tanzen kann, ist nicht meine Revolution“ – diesen berühmten Satz der Anarchistin Emma Goldmann kannte ich damals noch nicht. Hätte er mir denn die Augen dafür geöffnet, daß meine Organisation nicht besser war als alle Kapitalisten, die die Werktätigen ausquetschten bis aufs Blut? Damals wahrscheinlich nicht. Ich war wie die meisten von uns von dem Glaubenssatz besessen, daß es um Leben und Tod ging.

Heute ahne ich, daß es dieses Immer-Tun ist, was uns an den Abgrund gebracht hat. Und daß Genießen möglicherweise das ist, was uns und alles, was lebt, retten könnte.

IMG_1433

Das ist Lenchen, die seit fast zwei Wochen bei mir lebt. Sie ist etwa ein Jahr alt und kommt aus dem Tierheim.

Garten

IMG_1427

Als ich aus Schweden zurückkam, war ich sehr überrascht über den üppigen Zustand des Gartens. Nach der langen Dürre waren die Pflanzen in ihm förmlich explodiert: eine Farborgie aus Grüntönen und allen Farben.

I. erzählte mir, daß sie mit dem Kartoffelausbuddeln angefangen und gleich wieder aufgehört hat: die Knollen waren winzig. Vorgestern machte ich mich in meinem Garten an die Arbeit und war angenehm überrascht. Die Kartoffelernte fiel nicht so üppig aus wie im letzten Jahr, aber die Größe ist passabel. Besonders das Beet, das ich mit einer ca. 20 cm hohen Mulchschicht aus Krautigem, ausgehackten Wildkräutern, Rasenschnitt und Laub bedeckt hatte, gab recht große Kartoffeln her. Der vor zwei Jahren eingeschlagene Permakulturweg lohnt sich also! Ich habe auch gegossen, aber erst etwa vier Wochen nach Einsetzen der Dürre damit angefangen und immer nur im vier-Tage-Turnus mit relativ bescheidenen Mengen Wasser.

IMG_1382

In Ammarnäs fanden wir einen Hügel, auf dessen steiler Südseite seit sehr langer Zeit Kartoffeln angebaut werden, der Potatisbacken (Kartoffelhügel). Das ist eine clevere Methode, die kurzen Sommer zu nutzen und die Kartoffeln vor dem früh einsetzenden Frost zu schützen. Wir kauften dann beim Landhändler im Dorf jede einen 2 kg-Sack dieser Mandelkartoffeln (so heißen die tatsächlich), die sehr klein und hörnchenförmig sind, nur zehn Minuten Kochzeit brauchen und wirklich lecker sind.

Der Holsteiner Cox hat dürrebedingt viele Blätter abgeworfen und die meisten Äpfel haben die hungrigen Wespen und Hornissen verputzt. Aber jetzt ist ein Wunder geschehen: Der Baum blüht zum zweiten Mal in diesem Jahr!

IMG_1422

Sehnsucht und Angst

IMG-4970

Diese Fotos hat mir mein Schwiegersohn geschickt. Sie sind jeweils vom Juli 2017 und 2018 und zeigen Katharina und mich beim Abstieg vom Steinkopf in der Rhön. Man kann deutlich die Auswirkungen der Dürre sehen. Die gab es übrigens sogar in Lappland, wenn auch für uns nicht zu erkennen. Eine Verkäuferin in Jokkmokk erzählte, man habe den Rauch der brennenden Wälder bis in den Ort gerochen. Auch sie war froh über den mittlerweile einsetzenden Regen.

Warum interessieren sich soviel Menschen – ich zähle mich dazu – für Indianer oder andere indigene Kulturen? Ich glaube, es ist in unsere DNA eingeschrieben, daß wir auch einmal in engster Verbindung mit der Natur gelebt haben und uns als Teil des Großen Ganzen gefühlt haben. Dahin scheint die Sehnsucht vieler Menschen zu gehen, möglicherweise nicht bewusst. Die Zeit der Jäger*innen- und Sammler*innen war die Zeit vor dem Beginn der Kultivierung der Erde, der sogenannten neolithischen Revolution, die in meinen Augen der wahre Sündenfall war. Auch wir waren mal Indigene: in unseren Genen finden sich Spuren der europäischen Urbevölkerung ebenso wie die der eingewanderten Kriegerstämme aus der asiatischen Steppe, die Kelten und Germanen genannt werden. Die ältesten Urvölker in Europa sind die Basken und die Samen, erstere sollen von den Cro Magnon-Menschen abstammen, die z. B. das Dordogne- und Vézère-Tal in Frankreich bewohnt haben. Manche Skeptiker sagen gern, daß die Jäger*innen und Sammler*innen nicht sehr alt geworden seien, ein hartes Leben gehabt haben und alle Sehnsucht nach der alten Zeit nichts weiter als romantische Spinnereien seien. Was das Alter angeht: was ist gegen ein Lebensalter von 30 oder 40 Jahren einzuwenden, wenn es ein erfülltes Leben ist? Umgekehrt: was ist gut an einem Leben von 90 Jahren, wenn es durch die zweifelhaften Segnungen der modernen Medizin künstlich verlängert wurde und in einem Pflegeheim endet? Und was die Härte angeht: an den noch existierenden Urvölkern kann man sehen, daß sie etwas haben, was uns völlig abgeht: massenweise Zeit. Und daß sie diese Zeit nutzen, um das Leben zu genießen.

Überhaupt ist es ja ein Irrglaube, daß die modernen Menschen mehr Zeit als unsere Vorfahren haben: wir arbeiten nach wie vor acht Stunden am Tag, versuchen in der verbliebenen Zeit unseren Kindern, unserem Haushalt und unseren sonstigen Verpflichtungen gerecht zu werden. Ich finde z. B., daß die elektronischen Medien sehr viel Zeit verschlingen: ständig muss irgendwas aktualisiert, gesichert, gespeichert, abgerufen etc. werden. Die Wege zur Arbeit sind für viele länger geworden und alles in allem ist das Leben in den letzten 40 Jahren nicht unkomplizierter geworden.

Als ich heute bei den Bienen saß, kam mir in den Sinn, daß das Zeithaben eine wesentliche Voraussetzung für mystische Erfahrungen ist. Das Erleben von Einheit mit den anderen Wirklichkeitsebenen setzt Muße und einen erwartungsfreien Geist voraus. Neulich las ich, daß die Menschen unseres Kulturkreises noch bis zur Reformation relativ wenig gearbeitet und viel freie Zeit gehabt haben. Das wurde dann durch Martin Luther und die anderen Reformatoren beendet: da galt nur ein arbeitsames Leben als gottgefällig: Muße ist aller Laster Anfang, wird gesagt. Auch eine Methode, Menschen daran zu hindern, ihre eigenen spirituellen Erfahrungen zu machen und sie stattdessen abhängig vom spirituellen Spezialisten, dem Pfarrer zu machen. Ich brauche jedenfalls meine täglichen Traumzeiten, in denen ich nichts tue und nur rumsitze und in die Landschaft schaue.

IMG_1333

Die Ereignisse in Chemnitz und die unerträglichen Äußerungen unseres Innenministers zum Thema Geflüchtete lässt mich annehmen, daß nicht nur die Sehnsucht sondern auch die Angst in unserer DNA gespeichert ist. Fremdenfeindlichkeit geht möglicherweise darauf zurück, daß es tief in uns Erinnerungsspuren aus der Zeit gibt, in der unsere Urahnen aus Asien geflohen sind – vielleicht hat der Hunger sie vertrieben – und sich mit mehr oder weniger Gewalt das Land angeeignet und die Urbevölkerung verdrängt haben. Ebenso mögen sich Erinnerungsspuren an die Gewalt finden, die der Urbevölkerung angetan wurde. Von beiden stammen wir ab. Und nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter tragen Erinnerungen mit sich herum, die als latentes Gift wirken, solange sie nicht bearbeitet und erlöst werden. Ein ehemaliger Kollege, der lange vor der Flüchtlingswelle seinen immensen Hass auf türkische Mitbürger äußerte, antwortete auf meine Frage, was er denn für ein Problem habe: „Die nehmen uns die Frauen weg.“ Das ist keine reale Erfahrung von heute und schon gar nicht seine (seine eigene Frau war nicht wegen eines Türken gegangen sondern wegen des Alkoholismus ihres Mannes).

IMG_1395

Der Norden

IMG_1372

Samengrab auf dem Friedhof von Ammarnäs

Ganz allmählich komme ich wieder in meinem Dorf und meinem Leben in Deutschland an. Ich hatte nur einen Tag frei zwischen meiner Ankunft und dem ersten Arbeitstag, eigentlich zu wenig. Ich denke viel an Lappland und möchte da gern wieder hin, noch weiter in den Norden. Wir haben nur die Taiga, also den Fichten- und Birkenwald kennengelernt. Mich reizt die Tundra, wo Permafrost herrscht und wo die Rentiere im Sommer leben, wenn sie vor den Mücken fliehen.

In Ammarnäs hatten wir eine schöne Begegnung mit einem Schweden, der ein Hüttendorf verwaltet. Er kam auf uns zu, als wir das Auto auf einem Parkplatz an den Hütten abgestellt hatten. Ich fragte ihn, ob er Geld fürs Parken von uns haben wollte, weil ich das auf den angebrachten Schildern gelesen hatte. Er sagte, Leute, die fragen, müssen nichts bezahlen. Das gefiel mir schon mal. Dann fragte ich ihn, ob wir die Skulpturen in einer der Hütten ansehen dürften. Da stand nämlich ganz groß Skulpturum dran.  Ja, das dürften wir, sagte er, und wir könnten uns auch deutsch unterhalten. Wie viele Schweden sprach er recht gut deutsch. Er schloss uns die Hütte auf: alles war voller Skulpturen, über die er uns sehr viel erzählte. Die Künstlerin lebt dort nicht mehr, sie ist sehr krank, aber sie war wohl mal sehr bekannt. Offensichtlich kannte er sie sehr gut; so wie er über sie redete, waren sie vielleicht sogar mal ein Paar. Sie heißt Marita Norin. Nicht alle ihrer Kunstwerke gefielen mir, aber es waren einige dabei, die mich extrem ansprachen. Es gab ein paar Skulpturen von Paaren, die Sex miteinander hatten. Das war in großer Deutlichkeit abgebildet, gleichzeitig von einer solchen Heiterkeit und Gelöstheit, daß es mir richtig ans Herz ging. Ich habe mich in der Vergangenheit nie wohl gefühlt mit den Pornos, die ich bei Männern gesehen habe und habe oft darüber nachgedacht, welche Art von Pornografie mich anmachen und erfreuen könnte. Ich glaube, Marita Norin hätte den richtigen Ansatz dafür.

Wir fragten dann, wo in Ammarnäs wir einen Kaffee und ein Stück Kuchen bekommen könnten. „Ich habe Kuchen“, sagte unser Begleiter, „und ich mache euch Kaffee.“ Er führte uns in ein schönes rundes Holzhaus mit zwei Ebenen, das eine Art Gemeinschaftshaus ist. Auch dort standen lauter Skulpturen von Marita Norin, auch Entwürfe für Medaillen. Eine bildete Pippi Langstrumpf ab. Er fragte, ob wir sie kennen. „Jedes Kind in Deutschland kennt Pippi Langstrumpf“, antwortete ich. Wir bekamen Kaffee und Kekse und unterhielten uns. Das war eine schöne und einfache Begegnung.

IMG_1375

Samenflagge auf dem Friedhof von Ammarnäs

Die Belgierin, mit der ich mich im Wandererheim in Jokkmokk unterhielt, sagte, immer wenn sie in Lappland sei, fühlte sich das Leben so einfach an. Sie wolle dieses Gefühl festhalten, aber wenn sie zu Hause sei, ginge das nicht mehr. Das kenne ich gut. Ich hatte es zum ersten Mal auf einem Campingplatz in La Ciotat an der Cote azur in Frankreich: Essen kochen auf dem Gaskocher, Wäsche im Spülstein mit Kernseife und einer Wurzelbürste waschen, ansonsten Sonne, Meer, Entspannung. Solche Urlaube machen mich offen für neue Erfahrungen. Zu Hause lege ich dann wieder ganz automatisch meine Schutzschilde an. Wahrscheinlich muss das auch so sein, besonders wenn eine in der Stadt wohnt. Ich glaube, ich käme nicht klar, wenn ich alle Gefühle und Vibrationen, die durch Straßen und öffentliche Gebäude wabern, aufnehmen würde, ganz zu schweigen vom Autoverkehr und Benzingestank.

Heute sah ich den Bienen zu, die mit Pollenhöschen nach Hause kamen, sich auf dem Flugbrett mit ihren Köpfchen anstupsten und leise und friedlich summten. Die erste Herbstzeitlosenblüte schaute aus der Wiese und auch der Himmel wirkte schon leicht herbstlich. Ich fühlte mich ganz wohl und einverstanden mit dem Leben.

Übrigens haben I. und ich die lange Reise ganz ohne Navi gemacht und haben uns nur einmal in Oslo ganz kurz verfahren, nachdem wir von der Fähre kamen. Ich sage das, weil Navis in meinem Freundes- und Bekanntenkreis mittlerweile als absolut unentbehrlich gelten. Ich will aus zwei Gründen kein Navi: erstens möchte ich mich nicht von einem Gerät abhängig machen, sondern weiterhin meine Sinne benutzen, um mich in der Welt zurecht zu finden. Zweitens wird für die Herstellung von Navis ebenso wie von Handys Coltan gebraucht und dafür wird der Kongo aufs Übelste ausgebeutet und ökologisch vernichtet.

IMG_1368