Klima

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Die Ostertage verbrachte ich bei schönstem Wetter in Flensburg und Umgebung. Der Genuss wurde jedoch durch meine Befürchtung überschattet, daß es in diesem Jahr wieder zu einer Dürre wie im letzten Jahr kommen könnte. J., einer meiner Mit-Flüchtlingshelfer, erzählte mir neulich auf dem Weg zu einem Treffen, daß der Selenter See immer noch nicht den alten Spiegel wieder erreicht hat. Aber was kann ich tun? Ich kann nur so gut wie möglich meinen Garten bestellen. Während ich die Beete bearbeite, erkenne ich, daß meine Bemühungen der letzten Jahre Früchte tragen: der Boden ist bedeckt mit Wildkräutern, darunter ist die Erde locker und feucht. Ich hacke nur noch oberflächlich und lasse die ausgehackten Wildkräuter antrocknen und liegen. So gebe ich der Erde zurück, was ich genommen habe und sorge dafür, daß neuer Humus entstehen kann. Die Bienen tummeln sich in den üppig blühenden Apfelbäumen, die Rauchschwalben haben den Schuppen wieder bezogen. Auch die Gartenrotschwänzchen sind seit einigen Wochen wieder zurück. Man sagt ja immer, Vögel singen, um ihr Revier zu markieren. Wenn ich mit geschlossenen Augen im Garten sitze und dem vielstimmigen Gesang der Vögel zuhöre, spüre ich, daß es Freude ist, die sie zum Singen bringt: Unbändige Freude über die Schönheit des Frühlings! Die Denkweise unserer Kultur funktioniert immer nach dem Muster: man macht etwas, um zu… Lust und Freude kommen darin quasi nicht vor. Ich glaube, alles würde sich ändern, wenn wir Dinge aus Freude und in Schönheit täten. Und das sein ließen, was wir nicht mögen.

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Daß Greta Thunberg Atomkraft als Alternative erwähnt hat, finde ich eine ziemlich schlechte Idee. Und warum sie den Papst besucht hat, kann ich auch nicht nachvollziehen. Die Häme und Strenge, mit der sie von einigen überzogen wird, finde ich allerdings ziemlich selbstgerecht. Den Menschen, die sich im Netz kritisch dazu äußern, daß sie sich über Facebook verständigt und auf diese Weise den CO2-Ausstoß vorantreibt, möchte ich gern sagen: Packt euch an eure eigenen Nasen, solange ihr Computer und Smartphones benutzt.

Daß sie den Erwachsenen Vorhaltungen macht und ihnen die Schuld an dem Dilemma gibt, in dem wir uns befinden, ist nicht angenehm, aber inhaltlich durchaus richtig. Ich nehme das nicht als persönliche Beleidigung. Ich habe, als ich in Gretas Alter war, meinem Vater vorgeworfen, daß er als Soldat im 2. Weltkrieg gekämpft hat. Sein Einwand, daß eine Weigerung unmittelbar zu seiner Erschießung geführt hätte, habe ich mit den Worten weggewischt: „Einen kann man erschießen, vielleicht auch 100. Aber mehrere Tausend nicht.“ So war ich damals: sehr streng, sehr selbstgerecht. Ja, auch meine Generation hat demonstriert und sich gegen die herrschenden Zustände gestellt. Und auch wir haben damals Dinge für richtig gehalten, die ich mittlerweile ziemlich peinlich finde: z. B. haben wir den chinesischen Sozialismus für erstrebenswert gehalten. Ich gestehe mir zu, daß ich Fehler mache und immer noch dazu lerne. Und das Gleiche gestehe ich den jungen Menschen zu. Daß es überhaupt zu einer neuen Bewegung gekommen ist – außer Fridays for Future noch Extinction Rebellion – finde ich erst mal  begrüßenswert. So werden neue Bewusstseinsprozesse in Gang gesetzt.

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Meine Tochter und ich haben festgestellt, daß es viele Fotos gibt, auf denen ich gerade kaue.

Synchronizität

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Heute las ich in Annine van der Meers schönen Buch The Language of MA the Primal Mother das Kapitel über Wasserheiligtümer. Da war auch von Notre Dame auf der Île de la Cité in Paris die Rede. Die gotische Kathedrale ist auf einem alten Wasserheiligtum in der Seine errichtet worden. Wie überall auf der Erde haben sich die Christen auch hier die alte Stätte angeeignet. Als ich ein paar Stunden später zum Nachtdienst kam, erfuhr ich, daß Notre Dame in Flammen stand. Welch eine Synchronizität! Ich sah mir dann die Bilder der brennenden Kathredrale im Internet an und musste an die Geschichte denken, die Ute Schiran uns einmal erzählt hatte: als der Kölner Dom auf einem  Matronenheiligtum gebaut wurde, hätten die Dämonen gedroht: „Wir werden wiederkommen.“ Diese Geschichte ist im Kölner Staatsarchiv hinterlegt. Ich finde sie irgendwie tröstlich. Mit den Dämonen sind natürlich die Geister jenes Ortes gemeint. Aus den drei Matronen wurden dann die drei Könige, denen der Dom geweiht ist.

Zu Notre Dame habe ich praktisch keine Beziehung. Ich habe sie besucht, als ich 1983 zum ersten Mal allein in Paris war, aber ich kann mich nur noch an die Wasserspeier erinnern. Ansonsten war ich beim Gang durch die Kirche sehr damit beschäftigt, mir zu überlegen, wie ich dem Mann entkommen könnte, der draußen auf mich wartete. Er hatte mich angesprochen und wollte mich zum Kaffee einladen. Ich war damals noch zu schüchtern, ein klares Nein zu sagen.

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Vorgestern auf dem Weg vom Nachtdienst nach Hause hörte ich auf NDR Info einen Bericht über das Paläon in der Nähe von Helmstedt. Man hat dort in einem Braunkohletagebau acht Wurfspeere gefunden, die vor etwa 300.000 Jahren von Urmenschen benutzt worden waren, um große Tiere zu erlegen. Eine Gruppe von Schülern war da und zeigte sich völlig verblüfft, als der Archäologe ihnen erklärte, daß auch Frauen an der Jagd beteiligt gewesen seien. Eine Schülerin sagte, sie hätte gelernt, daß die damaligen Frauen nur eine sehr kleine Rolle gespielt hätten, ihre Aufgabe sei es gewesen, sich um die Kinder zu kümmern. Das erschreckte mich. Es zeigt, daß junge Menschen in Schule und Familie immer noch völlig antiquierte Mythen über die Rolle von Frauen lernen. Daß Frauen an der Jagd beteiligt waren, liegt auf der Hand. Gerade große Tiere wie Mammuts konnten nur von einer Gruppe von Menschen getötet werden. Nicht nur das Bild der Frau als Jägerin ist heutigen Menschen fremd, auch das gemeinsame Wirken von Menschen, um an Nahrung zu kommen, entspricht nicht dem heutigen Modell. Wissen wir doch auch von Wölfen, daß sie gemeinsam jagen. Katzen, Löwinnen, Tigerinnen, Füchsinnen – sie alle jagen. Warum sollte es bei Menschenfrauen anders sein? Die Verbannung der Frauen in den häuslichen Bereich kam doch erst mit dem Patriarchat. Und in diesem Zusammenhang möchte ich auch den Mythos anzweifeln, daß Frauen immer schon Männern muskulär unterlegen waren. Es könnte genauso gut sein, daß die geringere physische Kraft eine Folge der jahrtausendealten Reduzierung der Frauen auf den häuslichen Bereich ist. Wenn ich Klischees höre wie das, Männer seien ursprünglich dazu da gewesen, die Frauen der Sippe vor den Säbelzahntigern zu schützen, kann ich nur herzhaft lachen. Überhaupt scheint mir dieses Bild vom Mann als Beschützer ein ziemliches Konstrukt zu sein. Ich kann mich in meinem Leben nur an ein einziges Mal erinnern, wo ich Schutz durch Männer erfahren habe: vor über 20 Jahren hat ein wahnhafter junger Mann, den ich gerade in sein Zimmer auf meiner Station gebracht hatte, versucht mich zu küssen. Ich wehrte mich  mit aller Kraft und es entstand eine Pattsituation. Er hielt mich fest und ich konnte verhindern, daß er mir mit seinem Gesicht näher kam, aber ich kam nicht aus seiner Umklammerung raus. Nach einigen Minuten Gerangel sprangen die beiden anderen jungen Patienten, die sich im gleichen Zimmer aufhielten, aus ihren Betten und pflückten den Mann von mir, dabei begütigend auf ihn einredend: „Mensch, lass doch mal die Schwester in Ruhe.“ Ich bin ihnen immer noch dankbar. Der wahnhafte Mann hat sich übrigens einige Tage später unter Tränen bei mir entschuldigt und das habe ich angenommen. Er war wirklich krank und hatte die ganze Situation völlig verkannt.

Ein Mann, dem ich Sex verweigert hatte, verdrehte mir bei einem zufälligen Treffen in einer Kneipe in Münster so heftig und schmerzhaft den Arm, daß ich fürchtete, er werde ihn brechen. Dabei zischte er mich an: „Du bist Strychnin.“ Da war keiner, der mir geholfen hätte. Also hört mir auf mit den Männern als Beschützer. Ich möchte mich da lieber auf mich selbst verlassen.

Tabubrecherin

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Auf dem Weg nach Berlin las ich am Donnerstag in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel, in dem erwähnt wurde, daß vor ungefähr 5000 Jahren Junggesellentrupps aus dem Osten ins heutige Mitteleuropa einfielen und die hier ansässigen Frauen der Urbevölkerung vergewaltigten. Wir sind die Nachkommen. Das Bemerkenswerte an dieser Aussage ist, daß mit ihr mittlerweile etwas seit etlichen Jahrzehnten mehr oder minder verächtlich Abgetanes in die Mainstream-Medien kommt. Anfang der 80er Jahre hat die Archäologin Marija Gimbutas schon zur Kultur des Alten Europa geforscht und veröffentlicht (Gods and Goddesses of Old Europe) und in dem Zusammenhang auch von den Kurgan-Völkern berichtet, die aus der asiatischen Steppe kamen und der  matriarchalen Urbevölkerung ihr patriarchales System aufgezwungen haben. Man findet Überreste davon in der germanischen Mythologie wieder, wenn von den Asen und den Wanen die Rede ist: die Wanen waren die alten Götter, z. B. Freya, die Nornen, die Zwerge, die Asen waren diejenigen, die aus Asien kamen und sich kriegerisch und ziemlich ungehobelt benahmen, z. B. Thor, aber auch Odin.

Wenn ich vor einigen Jahren noch anderen Menschen erzählte, daß es die längste Zeit der menschlichen Evolution weder Krieg noch Herrschaft gegeben hat, stattdessen menschliche Gemeinschaften matriarchal organisiert waren, kam mir in der Regel eine Welle von Abwehr entgegen: Nein, Krieg hat es immer gegeben und die Männer haben immer an der Spitze der Gesellschaft gestanden. Da war kein weiteres Gespräch möglich. Warum dieses hartnäckige Festhalten an einer doch eigentlich sehr trostlosen Weltsicht, darüber kann ich nur spekulieren. Ich möchte übrigens in diesem Kontext noch mal sagen, daß Matriarchat nicht Frauenherrschaft bedeutet sondern Am Anfang die Mutter. Das griechische arché heißt Anfang, deshalb heißt die Erforschung der frühen Geschichte der Menschheit ja auch Archäologie. Die alten Gesellschaften waren um die Stammesmutter zentriert. Herrschaft hingegen ist eine relativ neue Erfindung. Das Patriarchat hat den Vater an den Anfang gesetzt und das spiegelt sich auch in den monotheistischen Religionen: Vater, Sohn und heiliger Geist – drei männliche Gestalten. Eine Mutter hat in dieser elitären Versammlung nichts mehr verloren.

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Bei Ilan Stephani ging es dann sehr körperlich zu: Körperarbeit, um die kollektiven Traumatisierungen des Patriarchats zu heilen. Ilan hält Menschen für grundsätzlich gut. Auf die Frage, wie dann das Böse, das Destruktive in die Welt kam, führte sie die Saharasia-Theorie von James DeMeo an: die Entstehung von ausgedehnten Wüsten in Afrika und Asien habe zu Hungersnöten und Massenfluchten geführt. Das Erleben von lebensbedrohlichem Mangel habe zu einer tiefen Traumatisierung geführt, die Menschen gewalttätig gemacht habe.

James DeMeos Saharasia-Hyptothese diente mir lange als Erklärung für den destruktiven Weg des größten Teils der Menschheit. Ich bin mir da mittlerweile gar nicht mehr so sicher. Wie kommt es dann, daß es indigene Völker gibt, die mit der Wüste leben können, z. B. die Tuareg und die Kabylen? Ich glaube, es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage, vielleicht auch gar keine.

Wie auch immer: das Seminar war toll. Ja, alles ist im Körper, und aus ihm kommt auch unsere Freiheit. Wenn wir die kollektiven Traumata in unseren Körperzellen gespeichert haben, dann finden sich dort ebenso die Erinnerungen an die älteren Zeiten der Einheit mit der Natur, der Freiheit, der Instinkte. Um diese abzurufen, ist es notwendig, Tabus zu brechen – Tabus, die eingerichtet wurden, um uns klein zu halten.

Die Vorstellung, mich als Tabubrecherin zu betätigen, macht mir richtig Spaß. Ich habe damit im Laufe meines Lebens ja schon einige Übung gesammelt.

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Labyrinth

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In unserem Garten in Münster stand ein großer Kirschbaum. Bevor er an Monilia starb habe ich jedes Jahr zur Blütezeit unter ihm gestanden. Dort gab es immer eine ganz besondere Stimmung. Vielleicht leben ja Feen in blühenden Bäumen (die Fee Viviane hatte bekanntermaßen eine besondere Beziehung zum Weißdorn). Dieselbe magische Stimmung habe ich unter diesem großen blühenden Schlehdorn in der Kieler Esmarchstraße gehabt.

Heute saß ich bei wunderschönem Sonnenschein im Garten und genoss die vielstimmigen Laute der Vögel, das Summen der Bienen, die bunten Farben, die das Sonnenlicht auf die Netzhaut meiner geschlossenen Augen zauberte. Ich dachte mal wieder mit Dankbarkeit daran, daß das Leben mich hierhin geführt hat. Heute musste ich über mich selbst lachen, als ich mich dabei ertappte, daß mich alltägliche Hindernisse in eine energieraubende Alarmstimmung gebracht hatten.

Das bestellte Olivenöl war nicht angekommen. Ich hatte dem Initiator der Lebensmittelkampagne eine Mail geschrieben und hegte schlimmste Befürchtungen. Mein Virenschutzprogramm war nicht wie sonst automatisch verlängert worden, vermutlich hatten sie meine neue Mailadresse nicht, und die Supportseite mit ihren vorgefertigten Fragen konnte mir auch nicht weiterhelfen. Nach langem Suchen fand ich schließlich auf dieser unübersichtlichen Seite eine Telefonnummer. Ich malte mir in schillernden Farben aus, daß ich wie schon einmal erlebt, in einer Warteschleife landen würde, zigmal weiterverbunden werden würde …ich sah diverse Schwierigkeiten auf mich zukommen und fand das digitale Leben nervig und zeitraubend (was es tatsächlich ist und was mich mal wieder bestätigt, warum ich keinen Facebookaccount, kein WhatsApp und keine sonstigen angeblich so praktischen Angebote haben will). Dann kam ein Anruf: mein Olivenöl sei auf dem Weg und ja, tatsächlich war ihnen meine Bestellung durch die Lappen gegangen und Entschuldigung dafür. Ein Anruf beim Virenschutzprovider ohne Warteschleife: der Mann am anderen Ende der Leitung sprach mit osteuropäischem Akzent und ich befürchtete gleich, daß die Verständigung wohl schwierig werden könnte. Aber nein, alles ließ sich in kurzer Zeit regeln. Es lag tatsächlich an meiner ungültigen Mailadresse. Ich bekam eine Mail mit den Zugangsdaten und alles paletti.

Immer schnell das Schlimmste annehmen ist eine alte Gewohnheit, die aus meiner mütterlichen Familie zu stammen scheint. Ich würde mir das gern abgewöhnen können. Es hätt noch immer jot jegange, sagen die Kölner ja so passend. Wenn ich mir das zum Lebensmotto machen könnte!

In den letzten Tagen habe ich mich wieder mal mit dem Labyrinth beschäftigt. Woher dieser Impuls kam, kann ich nicht sagen. Er war plötzlich da und ich musste ihm folgen. Alles, was ich über das Labyrinth weiß, habe ich bei Alma mater erfahren: Li Shalima hat uns in Theorie und Praxis dieses uralte Lebenssymbol nahegebracht. Wir haben Rituale im Labyrinth gefeiert, sind singend und im Pilgerschritt hinein- und hinausgegangen, haben Labyrinthe gelegt, gezeichnet und mit Beckenbewegungen beschrieben. Das Labyrinth steht für vieles: für den Lebensweg, für Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt, für Selbsterkenntnis, für Mutter und Kind (bei den Hopi), für die Gebärmutter, für den Jahreskreis. Es ist in den meisten Kulturen der Erde bekannt. Mittlerweile hat sich auch die Kirche das Labyrinth angeeignet. Das sie sich seit ihrem Bestehen alte heidnische Symbole, Riten und heilige Orte einverleibt, ist ja bekannt. Und wie immer wird kein Wort darüber verloren, woher man dieses Symbol genommen hat. Stattdessen tut man so, als sei es etwas Urchristliches. Das finde ich ärgerlich.

Li Shalima hat mal gesagt, daß in ihrer Vorstellung überall, wo heute ein Gekreuzigter hängt, sich ein Labyrinth befinden müsste.

Das beeindruckenste Labyrintherlebnis hatte ich zur Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche 2006 auf dem Velmerstot im Teutoburger Wald in der Nähe der Externsteine. Von Li Shalima gibt es ein Wand-Bilderbuch mit Drucken ihrer eigenen Labyrinthkunst und erklärenden Texten: Ursymbol Labyrinth TÁ PU ÀT.

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Ahnen

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Der Frühling kommt! Nach den vielen Stürmen der letzten Wochen gab es heute mal wieder schönsten Sonnenschein. Die Bienen flogen, jeden Tag finde ich neue Blüten auf der Wiese, die Bachstelzen und Gartenrotschwänzchen sind aus ihrem Winterquartier zurück. Heute Morgen brachte ich mein Autochen zur Inspektion nach Selent und mein Mechaniker bot mir an, mich nach Hause zu bringen. Das nahm ich glatt an. Dafür ging ich am Nachmittag die 2,5 km zu Fuß, traf in Selent eine Mit-Flüchtlingshelferin und ihren Mann, hielt einen Schnack mit den beiden, ging über den Friedhof, wo mich der Pfarrer, der gerade aus der Kirche kam, begrüßte. Man kennt sich hier mittlerweile; das gefällt mir. Die Sonne machte gute Laune.

Im Garten legte ich einen Totholzhaufen und einen Steinhaufen als Unterkunft für Insekten, Blindschleichen, Ringelnattern, Kröten und Eidechsen an.

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In Climate (das Buch gibt es übrigens im Spätsommer auch auf Deutsch) zitiert Charles Eisenstein den Yanomami-Schamanen Devi Kopenawa: „Wir ziehen der Erde niemals die Haut ab. Wir bearbeiten nur die Oberfläche, weil dort ihr Reichtum liegt. Indem wir das tun, folgen wir den Wegen unserer Ahnen. Die Blätter und Blüten der Bäume hören nie auf, zum Waldboden zu fallen und häufen sich dort an. Das gibt ihm seinen Geruch und seinen Wert für das Wachstum. (…) Sobald du die großen Bäume fällst (…) wird der Waldboden hart und heiß. Diese großen Bäume machen, daß Regen kommt und halten ihn im Boden… Die Bäume, die die Weißen pflanzen, die Mangobäume, die Kokospalmen, die Orangenbäume und die Cashewbäume, wissen nicht, wie man Regen ruft.“

Als ich das las, musste ich daran denken, daß wir Menschen aus dem globalen Norden solche Dinge nicht von unseren Ahnen lernen. Unsere Ahnen und Urahnen sind seit Tausenden von Jahren von der Natur abgetrennt, und dieser Prozess der Abtrennung geht weiter. Sie wissen nicht mehr, daß man die Erde nicht aufreißen darf, sie haben vergessen, daß unsere Planetin ein lebendiges Wesen ist, ebenso wie das Wasser, die Steine, der Wind, die Sterne; sie wissen nicht mehr, daß Wälder und Sümpfe, Flüsse und Meere Organe der Erde sind und wir, wie alle anderen Tiere Zellen in ihrem Körper. Und weil sie das nicht wissen, können sie es nicht an uns weitergeben und wir fahren fort, uns selbst zu schaden, indem wir mit unserer Art zu leben der Erde schaden und eine Spezies nach der anderen ausrotten, tagtäglich.

Wenn ich in meiner persönlichen Geschichte zurückgehe, dann stelle ich fest, daß ich seit vielen Jahrzehnten damit beschäftigt bin, das alte Wissen wieder zu erlernen, zu erinnern, zu finden. Es kann ja nicht weg sein, ich weiß, daß es noch in den Körperzellen schlummert. Irgendein Impuls hat mich vor langer Zeit auf den Weg gebracht. Der Feminismus, die Pflanzenheilkunde, die Körpertherapie, das Überlebenstraining in Schweden, Permakultur, die spirituellen Erfahrungen, mit denen das Leben mich immer wieder überrascht hat, meine Liebesbeziehungen, die Schwangerschaften und Geburten meiner Kinder, die vielen Fehler und Verirrungen, alles hat dazu beigetragen, tiefer und tiefer unter die Schichten des Vergessens zu tauchen und die zerrissenen Fäden wieder aufzunehmen. Und so wird es weitergehen, bis ich sterbe, da bin ich sicher.

Die Veränderung, die es braucht, damit wir als menschliche Gattung weiterbestehen können, muss in allen Bereichen so radikal sein, daß unser Leben danach kaum noch Ähnlichkeit mit dem heutigen haben wird. Es geht ja um etwas viel Grundlegenderes als das Aufhalten des Klimawandels.

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Im Internet gibt es Stimmen, die sagen, daß Greta Thunberg für irgendwas Unlauteres instrumentalisiert wird. Manchmal kotzt mich das Internet richtig an, weil es jedem Schwachmaten ein Forum für irgendwelchen Bullshit bietet (Entschuldigung, aber das muss mal raus, auch wenn es sicher nicht politisch korrekt ist, was ich hier von mir gebe). Erstens habe ich die Erfahrung gemacht, daß Menschen mit Asperger-Syndrom schwer wenn nicht unmöglich zu instrumentalisieren sind – und an dieser Stelle spreche ich mich auch dafür aus, das sogenannte Asperger-Syndrom nicht als Behinderung sondern als eine der vielen Varianten von der Norm (die ja ein völliges Konstrukt und gar nichts Reales ist) zu sehen. Zweitens hat der Freitagsstreik von Greta Thunberg dazu geführt, daß Jugendliche in aller Welt ihre Stimmen erheben und das tun, was die Erwachsenen geflissentlich ignorieren, nämlich sich mit ihrer Verantwortung für den katastrophalen Zustand der Erde zu befassen. Sie haben erkannt, daß von den Politikern nichts, aber auch gar nichts zu erwarten ist. Und sie machen richtig coole Sachen: am Freitag hörte ich im Radio von einer Schule in München, vor der Schüler*innen Handzettel an die Eltern verteilen, die ihre Kinder im SUV zum Unterricht bringen. Sie machen sie darauf aufmerksam, daß es auch mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln geht. Oder eine Mutter erzählt, daß sie in der Familie seit dem Beginn der Fridays for future-Aktionen über das Vermeiden von Müll und ähnliche Sachen reden und ein Bewusstwerdungsprozess begonnen hat. Hier sind es also nicht die Ahnen, von denen wir lernen, sondern unsere Kinder. Und wer weiß: möglicherweise sprechen ja unsere Urahnen, die noch von der Verwandtschaft aller Wesen auf dieser Planetin wussten, durch die jungen Menschen, die jetzt jeden Freitag in den Schulstreik gehen. Ich finde es jedenfalls großartig!

Lernen

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Schöne Inspirationen bekomme ich wieder durch die neue Oya (#52 Menschen wie du und ich): in diesem Heft gibt es Interviews aus dem Kreis der Oya-Macher*innen und Leser*innen (ich mag die Gender-Sternchen) mit Menschen, die nicht in der eigenen Blase leben und denken (meine Tochter nennt das Echokammer). Am meisten hat mich das Gespräch mit einem Mann beeindruckt, der wegen seiner Mitgliedschaft in der Deutschen Kommunistischen Partei nicht als Lehrer arbeiten durfte. Stattdessen war er Möbelpacker und mittlerweile backt er Plätzchen und verkauft sie auf dem Markt. Er erscheint in diesem Interview so warmherzig und lebensfroh, gleichzeitig gibt er sehr scharfsinnige Kommentare zum derzeitigen politischen Geschehen ab. Man merkt, daß er Karl Marx gelesen und verstanden hat (was ich von mir nicht behaupten kann: ich bin über das Kommunistische Manifest und die ersten Seiten des Kapitals nicht hinausgekommen, dann habe ich kapituliert. Vielleicht fiele es mir heute leichter).

Seine Erzählung erinnert mich an die 70er Jahre, als auch mein damaliger Mann aufgrund des Radikalenerlasses von Willy Brandt für zwei Jahre seine Referendarzeit als Jurist nicht antreten durfte. Er hatte unsere Demos angemeldet und sich in der Bundeswehr offen als Linker betätigt, deshalb wurde er als Staatsfeind eingestuft. Nun, wir waren tatsächlich Staatsfeinde – strenggenommen bin ich es immer noch in dem Sinne, daß ich den Staat als Herrschaftsorgan nicht für eine gesunde und wohltuende Einrichtung, sondern für den Erfüllungsgehilfen des Kapitals halte. Das zeigt sich heute noch deutlicher als damals. Norberts zeitweiliges Berufsverbot zwang ihn in diverse Jobs, u. a. als Lagerarbeiter bei einer Pharmafirma in Münster. Und es war ein wesentlicher Anlass für mich, meine Studienpläne auf Eis zu legen und eine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen. Dümmer hat mich das jedenfalls nicht gemacht.

Eine Frau in den Oya-Interviews sagt, sie habe als Kind gelernt wie ein Schwamm. O ja, das kenne ich so gut: An meinem ersten Schultag fühlte ich mich durch und durch glücklich – daran erinnere ich mich noch genau. Endlich würde ich lesen und schreiben lernen. Malen, Zeichnen und mit Ton arbeiten hatte ich bereits lernen dürfen, weil mein Vater Kunst- und Werklehrer war und mich sehr gefördert hat. Später machte mir auch Englischlernen viel Spaß, Mathe allerdings gar nicht und Physik erst, als wir einen ehemaligen Waldorfschullehrer bekamen, der es schaffte, mich für dieses Fach sehr zu interessieren. Ich glaube, unser Schulsystem verdirbt vielen den Spaß am Lernen, weil es da nur um Noten geht, weil es diesen Druck zum Gutsein gibt.

Ich bin immer noch begierig darauf zu lernen. Heute habe ich endlich die zehn Knopflöcher auf die Vorderleiste meines neuen Sommerrocks genäht. Darauf hatte ich gar keine Lust, weil ich wenig Erfahrungen im Knopflochnähen habe und es fatal gewesen wäre, wenn ich Fehler gemacht hätte. Aber ich hatte mir vorgenommen, damit heute fertigzuwerden. Dank der guten Anleitung aus einem Nähratgeberbuch, das mir eine näherfahrene Freundin vor einigen Jahren empfohlen hatte, ging es dann recht gut (Vielen Dank, Christine!). Anschließend war ich richtig gut gelaunt und freute mich, wieder etwas dazu gelernt zu haben. Überhaupt ist es doch großartig, was eine alles mit ihren Händen machen kann!

Die Idee mit den Interviews finde ich auch deshalb spannend, weil man auf sie das 11. Permakulturprinzip anwenden kann:

Nutze Randzonen und schätze das Marginale

In der Landschaft finden wir Randzonen z. B. zwischen Wald und Wiese, zwischen Feld und Knick, zwischen kultiviertem und nichtkultiviertem Land. Das sind die Bereiche der größten Artenvielfalt. Hier saßen auch – und sitzen immer noch – die legendären Hagezussen, die Zaunreiterinnen, die das Wilde und das Zivilisierte gleichermaßen kennen und für ihre Magie zu nutzen wissen. Wenn zwei Körperuniversen sich begegnen, treffen ihre Randzonen aufeinander, und in diesem Bereich kann etwas Neues geschehen, wenn es Offenheit dafür gibt.

Um auf die 70er Jahre zurückzukommen: diese Offenheit hatten wir damals nicht. Wir fanden die Leute von der DKP doof, weil wir ihre Partei doof fanden. Ich fühle mich immer noch nicht von ihrem Programm angezogen, aber wenn ich lese, was dieser mit Berufsverbot belegte Mann in der Oya zu sagen hat, fühle ich mich in der Tiefe angesprochen: also hat er meine Randzone irgendwie berührt. Das gefällt mir. Und ich kann mich durch diese Erfahrung anspornen lassen, meinerseits Nicht-Gleichgesinnten genauer zuzuhören und das schnelle Urteilen zu lassen. Mal schaun, was dann geschieht.

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Das Wilde

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Der grüne Landwirtschaftsminister von Schleswig-Holstein, Jan Philipp Albrecht, hat einen Wolf zum Abschuss freigegeben, der wiederholt Zäune überwunden haben soll. Auch anderswo in Deutschland wird wieder laut über den Abschuss von Wölfen nachgedacht. Das beunruhigt mich und macht mich traurig. Es ist die immer gleiche Kriegsmentalität, die sich da äußert und die wir alle in unseren Genen tragen, seit es Besitz gibt.

Ich möchte gern, daß Wölfe in Deutschland leben können. Sie waren mal ausgerottet und sind wieder gekommen, das sehe ich als Zeichen, daß das Wilde letztlich stärker ist als die menschliche Regulierungssucht. Das Wilde ist in meinen Augen das, was in der Tiefe von allem lebt, unreguliert, unzivilisiert, nicht-linear, vernetzt, mit allem verbunden.

Unsere Kriegsmentalität bringt uns dazu, ständig in das geheimnisvolle Netzwerk des Lebens einzugreifen, ohne letztlich zu überblicken, was wir damit anrichten. Dabei handeln wir nach einer linearen Logik: wenn ich die Bakterien/die Schnecken im Garten/die Wölfe töte, kann ich nicht mehr krank werden/wird das Gemüse nicht mehr abgefressen/werden keine Schafe mehr gerissen…

Charles Eisenstein hat in Climate – a New Story ganz schön beschrieben, was solch lineares Denken zur Folge hat. Er beschreibt das am Beispiel der zunehmenden Borrelioseerkrankungen, die mit den Mitteln der Schulmedizin kaum behandelbar sind. Er gibt selbst zu, daß er die „wirklichen Ursachen“ für Borreliose nicht kennt, aber daß dabei möglicherweise folgende Faktoren eine Rolle spielen:

– ein geschwächtes Immunsystem

– der Verlust großer zusammenhängender Wälder und zunehmende Besiedlung ehemals wilder Gebiete durch Menschen

– starke Zunahme von Rehen und Hirschen (die Hauptträger von Zecken) durch die  Ausrottung von Raubtieren wie Wölfen und Pumas (in Mitteleuropa sind das Wölfe und Luchse).

– abnehmende Gesundheit der Wälder, Verlust von Unterholz (Rehe und Hirsche fressen die jungen Baumschösslinge, wenn sie in sehr großen Populationen wie bei uns in Deutschland vorkommen – auch das eine Folge der Ausrottung der großen Raubtiere). Das führt zu einem Verlust an Biodiversität und vermehrter Ausbreitung von Zecken.

– das Verschwinden von Fasanen und anderen Vögeln, die Zecken fressen, wegen Überjagung und der Zerstörung des Unterholzes

– der großflächige Einsatz von Insektiziden führt zum Verschwinden der insektenfressenden Vögel

– die für unsere Kultur typische und nach außen verlagerte Angst vor der Natur, auf die diese quasi antwortet: „Okay, jetzt gebe ich euch etwas, wovor ihr euch wirklich fürchten müsst.“

Und am Grunde von all dem Abschießen, Vergiften, Ausrotten finden wir die große Trennung von der Natur, das verlorene Bewusstsein von unserer Verbindung mit allem.

Ich habe es an anderer Stelle schon mal gesagt: ich weiß nicht, wie ich damit umgehen würde, wenn ich Schäferin wäre und totgebissene Schafe auf der Weide fände. Ich wüsste gern, wie die Italiener mit den Wölfen umgehen. Sie halten auch Schafe und die Wölfe waren bei ihnen nie ausgerottet.

Was kann ich tun? Nicht viel, aber ich will darauf achten, wo und in welchen Situationen ich bei mir selbst Kriegsmentalität wahrnehme.

Heute bin ich nach Selent zur Poststelle gegangen und habe mich dabei dem Sturm ausgesetzt – auch eine wilde Kraft, die ich schon als Kind sehr gern hatte.

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Buche und Eiche – Baumfreundinnen